09.02.2013

KRIMINALITÄTMarkt für die Mafia

Wettmanipulation im Fußball ist für organisierte Banden attraktiver als Drogenhandel. Die Gewinne sind gigantisch, das Risiko, erwischt zu werden, gilt als gering.
Rob Wainwright nahm als Letzter auf dem Podium Platz, vergangenen Montag in Den Haag, und er hatte schlechte Nachrichten zu verkünden. Der Waliser, ein unauffälliger Mann, Vater dreier Kinder, Wirtschaftswissenschaftler und Freund der Literatur, ist Chef der europäischen Polizeibehörde Europol, er hat in seiner Karriere bereits dabei geholfen, Kinderporno-Ringe zu sprengen, Menschenhändler zu überführen, Drogenschmuggler zu verhaften und Geldwäschern das Handwerk zu legen. Am Montag aber ging es um Sport. Um Fußball.
Wainwright saß vor einer Reihe von Mikrofonen und sprach vom "größten Fall aller Zeiten", als er die Ergebnisse der Operation "Veto" präsentierte: 380 manipulierte Spiele zwischen 2008 und 2011 in ganz Europa, 425 Verdächtige aus 15 Ländern, darunter Spieler, Schiedsrichter und Vereinsoffizielle, zwei Millionen Euro Bestechungsgeld sollen geflossen sein, acht Millionen habe die Wettmafia eingenommen, und es gebe noch weitere 300 Spiele, vor allem in Afrika, Asien, Zentral- und Südamerika, die auffällig seien.
"Das ist ein trauriger Tag für den Fußball", sagte Rob Wainwright. Es war die Quintessenz eines Auftritts, der vor allem eines war: geschickte PR. Der größte Teil der Fälle war schon bekannt, längst erledigt oder nicht eindeutig bewiesen. Mit all den Zahlen, geballt vorgetragen, rührte Wainwright die Trommel für Europol, und er lieferte einen Arbeitsnachweis, der klang wie ein Alarmsignal: Der Fußball, lautete die Botschaft, gerät in die Fänge internationaler Banden.
Helmut Spahn hat dieser Weckruf nicht überrascht. Er war Leiter des Spezialeinsatzkommandos in Frankfurt, danach Sicherheitsbeauftragter des Deutschen Fußball-Bunds, mittlerweile sitzt Spahn in einem Büro im Emirat Katar, wo er als Geschäftsführer des International Centre for Sport Security arbeitet. "Wettmanipulation im Sport ist mittlerweile endemisch und weltweit verbreitet", sagt er. "Für die Organisierte Kriminalität ist das Geschäft inzwischen attraktiver als Drogenhandel. Man könnte sagen, für die Mafia ist das der Markt der Zukunft."
Die Spuren der Wettmafia führen vor allem nach Asien, dort ist Wetten eine Freizeitbeschäftigung. In Singapur, auf den Philippinen, in Macao kann man anonym wetten, auf Spiele in Mazedonien, auf den ersten Einwurf bei einem Zweitliga-Spiel in Griechenland. Es ist ein wilder Markt, Wetten werden angeboten, die in Europa illegal sind. Ein Limit bei den Einsätzen ist selten.
Die drei wichtigsten Buchmacher in Asien setzen mit Sportwetten im Jahr über 100 Milliarden Dollar um. Das lockt die Banden an. Und dass das Risiko, bei einer Manipulation erwischt zu werden, gering ist. "Überall, wo es Lücken in den gesetzlichen Vorschriften gibt - da stoßen die rein", erklärt Spahn.
Der Fußball-Weltverband Fifa stellte Interpol 20 Millionen Euro zur Verfügung, um Wettmanipulationen, die aus Asien gesteuert werden, aufzudecken. Bislang sind 8 Millionen geflossen. "Das Geld ist genauso schnell verpufft, wie es kam", sagt einer der zuständigen Ermittler. An die Köpfe der Banden kommt Interpol nicht ran.
Ähnlich wirkungslos sind Frühwarnsysteme zur Überwachung von Sportwetten, an die alle großen Verbände angeschlossen sind. Die Programme registrieren ungewöhnliche Quoten, melden auffällige Wettmuster. Aber sie bleiben ohne Wert, weil nichts passiert, wenn sie Alarm schlagen.
Ein auffälliges Spiel abzusagen ist nicht möglich, der Polizei reicht eine seltsame Quote nicht als Anfangsverdacht. Selbst wenn Erkenntnisse vorliegen, dass eine Partie verschoben wurde, müssen Staatsanwälte erst mal klären, ob sie überhaupt zuständig sind.
Die Bundesliga und die Premier League in England sind bislang nicht von Manipulationen betroffen; es ist schwierig für die Wettpaten, Profis zu bestechen, die Millionen verdienen.
Grundsätzlich resistent sind die höherklassigen Ligen aber nicht. In der türkischen Süper Lig sollen in der Saison 2010/11 mindestens 15 Spiele verschoben worden sein, und in derselben Saison hat die Wettmafia offenbar Begegnungen in der italienischen Serie A manipuliert.
Ein Wettsyndikat ist aufgebaut wie eine Pyramide, da sind Zuträger, Geldeintreiber, Geldboten. Ein manipuliertes Spiel ist ein langangelegtes Projekt, typisch für Organisierte Kriminalität.
Die Banden sprechen Nachwuchsspieler an, in Trainingslagern, manchmal sogar in Schulen, sie bauen Freundschaften zu ihnen auf, das geht über zwei, drei Jahre, oft länger. Und irgendwann bitten sie den Spieler dann um einen kleinen Gefallen.
Für Sylvia Schenk, Vorstandsmitglied von Transparency International Deutschland, ist Prävention das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen die Manipulationen. Schon junge Spieler müssten ausreichend geschult werden, damit sie nicht anfällig seien. Bayerns Justizministerin Beate Merk von der CSU plädiert für einen eigenen Straftatbestand gegen Manipulation im Sport.
Sicherheitsexperte Spahn geht noch weiter. "Man braucht einen globalen Fonds, aus dem eine internationale Ermittlergruppe finanziert wird, die sich ad hoc bildet", sagt er. "Man braucht eine unabhängige Institution, die nicht profitorientiert arbeitet, bei der die Fäden zusammenlaufen. Eine Agentur, die Informationen sammelt und analysiert, die Regierungen, Verbände und Polizei berät. Dann hätte man eine Chance."
Eine Welt-Anti-Wettbetrug-Agentur. Es gab schon schlechtere Ideen.
Von Rafael Buschmann und Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 7/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KRIMINALITÄT:
Markt für die Mafia