23.09.1996

BeamteRoter Strich

Trotz Internet und E-Mail halten Behörden hartnäckig an preußischen Traditionen fest - eine strenge Farbenlehre soll Ordnung garantieren.
Farben, so meinen Psychologen, sagen etwas über die Persönlichkeit aus. Wer etwa Grün liebt, will imponieren und selbstverliebt seine Ansichten durchsetzen. Veränderungen sind ihm eher unangenehm.
Zum Sieger taugt mehr, wer Rot bevorzugt. Der ist impulsiv, vital und will erobern - so sah es zumindest der Schweizer Psychologe Max Lüscher. Nach dessen Farbtest wurden ganze Bewerbergenerationen zensiert.
Bis in die deutschen Amtsstuben ist die Lehre offenbar nicht vorgedrungen - sonst würden die Minister ihren Staatssekretären wohl nicht die Farbe Rot zum Abzeichnen der Akten überlassen. Und sie selbst würden nicht in dem - nach Lüscher - defensiven Grün schreiben.
Doch so ist die bürokratische Tradition: Ob Bundespräsident, Generalstaatsanwalt oder Oberfinanzpräsident - in der ganzen Republik kritzeln die obersten Dienstherren ihr Namenskürzel oder eine Anweisung mit grünem Stift, ihre Vize zeichnen mit Rot. Die neuen Bundesländer haben die Tradition längst übernommen.
Sogar den modernen Mitteln der elektronischen Kommunikation hat die Sitte altvorderer Beamten bisher getrotzt. Mag Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers seine Politik im Internet zur Diskussion stellen, mögen Vermerke im bayerischen Innenministerium per E-Mail durchs Haus sausen - wenn sich die Chefs über ihre Akten beugen, nehmen sie wie eh und je ihre farbigen Stifte, wie es das Amt gebietet.
Nur zwei Polit-Promis scheren sich nicht um die Tradition: Helmut Kohl (CDU) und Johannes Rau (SPD). Der Bundeskanzler schreibt mit schwarzem Filzstift. Dafür genehmigt der nordrheinwestfälische Ministerpräsident sich und seinen Ministern Sozi-Rot.
Das verwirrt besonders Neuankömmlinge in den Politetagen. So brachte der aus Bremen abgeworbene Staatssekretär im Düsseldorfer Bauministerium, der Grüne Manfred Morgenstern, seine roten Dienstkugelschreiber mit. Doch in Düsseldorf ist die Farbe für seinen Minister reserviert. Morgenstern: "Ich mußte erst mal Minen wechseln."
Damit keine Zweifel aufkommen, wem welcher Stift zusteht, ist die Farbhierarchie in den Geschäftsordnungen von Bund und Ländern bis ins kleinste geregelt. Feinsinnig unterscheidet etwa Paragraph 18 der "Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien", daß für Randvermerke auf Akten dem Staatssekretär "der Rotstift", dem Parlamentarischen Staatssekretär hingegen "der Violettstift vorbehalten" ist. Unterabteilungsleiter, zwei Hierarchiestufen tiefer, müssen mit Braun zufrieden sein.
Wehe, wer sich nicht an die Spielregeln hält. So kassierte die Referentin des Oberkreisdirektors von Siegburg, Annerose Heinze, einen Anpfiff, als sie während der Ausbildung im Kulturamt der Stadt eine Akte mit farbigen Kommentaren versah. "Wer schmiert hier mit Rot herum?" notierte der Amtschef empört auf das Papier.
Umgewöhnen mußte sich auch die Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach. Als Rechtsprofessorin war Grün eine negative Farbe für sie, damit unterstrich sie Fehler ihrer Studenten. Als sie 1989 in Berlin Justizsenatorin wurde, sollte sie plötzlich mit der gleichen Farbe Vorlagen genehmigen.
Schon die preußischen Minister, Staatssekretäre und Ministerialdirektoren benutzten andersfarbige Stifte, freilich von Amt zu Amt verschieden. "Jedes Ministerium verteidigte seine Farbwahl hartnäckig", erinnerte sich der preußische Ministerialdirektor Arnold Brecht in seinen Memoiren. Mühsam drückte das Reichsinnenministerium 1926 die einheitliche Rangfolge Grün-Rot-Blau durch.
Auf diese Tradition schwören noch heute selbst fortschrittliche Ministeriale. "Das hat den Vorteil", sagt etwa der Mainzer Regierungssprecher Walter Schumacher, "daß man sofort erkennt, wer die Akte schon gesehen hat." Eine Bremer Beamtin formuliert es so: "Da weiß man rechtzeitig, ob man die Hacken zusammenschlagen muß."
Die schönste Farbe nutzt allerdings wenig, wenn die Untergebenen die Klaue ihres Chefs nicht lesen können. Bei Ex-Forschungsminister Heinz Riesenhuber etwa mußten die Vorzimmer-Damen deshalb kleine Zettel an die Akten heften, auf die sie die krakeligen Zeilen in Reinschrift übertrugen.
Das Farbsystem hat noch eine Lücke: Für offizielle Unterschriften bleibt es meist bei blau oder schwarz - so müssen Minister und Staatsekretäre beim Aktenbearbeiten dauernd den Stift wechseln.
Einen Minister schert der ganze Farbenzauber überhaupt nicht - Außenminister Klaus Kinkel. Der FDP-Mann schreibt, wie Mitarbeiter berichten, mal blau, mal grün, mal schwarz, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Doch ihn zu mehr Disziplin zu zwingen wäre kaum effektiv - Kinkel ist farbenblind.
* Ministerpräsident (grün), Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei (rot), ständiger Vertreter des Chefs der Staatskanzlei (lila), Referenten (schwarz).

DER SPIEGEL 39/1996
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