23.09.1996

TennisKöpfe unter den Tisch

Die Steueraffäre Graf versetzt die internationale Tennisszene in Aufregung: Erstmals wurde bewiesen, daß bei den Damenturnieren verbotene Antrittsgagen gezahlt werden. Der Weltverband müßte Turnierdirektoren, Spielerinnen und selbst den Deutschen Tennis Bund bestrafen. Doch wie andere Sportverbände auch, bricht die WTA ihre Regeln.
Die Falle für die feine Welt des weißen Sports ist auf Seite 129 einer Akte mit dem Kennzeichen 616 Js 223/95 versteckt. "V. Turniereinnahmen" steht da, und dann folgen verschiedene Zahlen und Begriffe aus dem täglichen Tennis-Business.
"Antrittsgeld Leipzig: 250 000 DM" heißt es beispielsweise an einer Stelle, "Antrittsgeld Zürich: 149 429 DM" an einer anderen, und dann folgen: "Antrittsgeld Montreal: 88 422 DM", "Teilnahme an den Turnieren in Hamburg und Berlin: 398 750 DM" oder auch "Antrittsg. Hilton Head 79 053 DM".
Die Anklage gegen Peter Graf und seinen Steuerfachgehilfen Joachim Eckardt liegt Anne Person Worcester, 35, nicht vor. Die Dame aus Stamford im US-Bundesstaat Connecticut drängt sich auch nicht gerade danach, einen Einblick in die Akte zu bekommen. Denn das dicke Dokument beschert der Amerikanerin ein Problem, auf das sie durchaus verzichten könnte.
Anne Person Worcester ist Chief Executive Officer, eine Art Generalmanagerin des Weltverbands der Tennisspielerinnen, der WTA. Und die WTA verbietet in ihrem Regelwerk genau das, was in der Graf-Affäre, beinahe nebenbei, erstmals nachgewiesen wurde: Veranstalter zahlen Gagen für das bloße Erscheinen von Spielerinnen bei Turnieren.
Wie die Women''s Tennis Association mit dieser Erkenntnis umgeht, ist typisch für so viele Sportverbände, die sich gern Gesetze geben und diese dann ignorieren. Ermittlungen habe sie nicht in Auftrag gegeben, so Worcester "weil niemand offiziell Beschwerde eingelegt hat". Wo kein Kläger, da eben auch kein Richter.
Die Regel 4.6 im "Code of Con- duct" der WTA ist klar formuliert, Schlupflöcher bietet sie nicht. "Keine Spielerin (oder ihr Manager, Trainer, Familienmitglied)", heißt es, "darf Geld oder Wertgegenstände annehmen, die, direkt oder indirekt, von einer Quelle stammen, die das Erscheinen bei einem Turnier der WTA-Tour beeinflussen oder garantieren will." Mindestens 50 000 Dollar Geldstrafe und bis zu 90 Tage Sperre würden für jeden Verstoß fällig, die Gagen seien zurückzuzahlen; den Veranstaltern droht der Entzug des Turniers.
Die Familie Graf, das haben Staatsanwälte und Steuerfahnder mit Vernehmungsprotokollen, Verträgen und Quittungen penibel belegt, hat dennoch abkassiert, wo immer Steffi den Schläger schwang. 400 000 Dollar sollen es etwa 1990 in Tokio gewesen sein, 300 000 Dollar zahlte Ion Tiriacs Firma World Sport Marketing 1994 in Essen. Peter Graf, sagt der Generalsekretär des Deutschen Tennis Bundes (DTB), Günter Sanders, sei eben "ein äußerst schwieriger Verhandlungspartner" gewesen, der "den Marktwert seiner Tochter kannte".
Daß Antrittsgelder gezahlt werden, ist ein offenes Geheimnis im Damentennis. Graf und ihre Gegenspielerin Monica Seles sollen, je nach Größe und Standort des Turniers, zwischen 50 000 Mark und 400 000 Dollar pro Auftritt verlangen können. Die Spanierinnen Arantxa Sánchez-Vicario und Conchita Martínez, jeweils etwa halb so teuer, folgen in der nächsten Kategorie. "Bis hin zur 13. der Weltrangliste sind Veranstalter zu zahlen bereit", sagt ein deutscher Manager. Die Nummer 13 ist das Schweizer Talent Martina Hingis.
Die Akte Graf müßte nun eigentlich das Damentennis mit lautem Knall in die Luft jagen. Die weltbeste Tennisspielerin, der DTB, Sportmarketing-Agenturen und Veranstalter sind verstrickt - gegen alle müßte die WTA ermitteln.
Allerorts stecken darum wichtige und zugleich ängstliche Leute ihre Köpfe unter den Schreibtisch und rühren sich nicht. "Ich bin wohl der einzige Veranstalter, der während des Prozesses noch fröhlich ins Bett gehen kann", sagt Dieter Fischer, Chef des WTA-Turniers von Filderstadt. Fischers beliebte Veranstaltung hatten die Grafs gemieden, weil dort keine Geldscheine, sondern bestenfalls Probefahrten im neuesten Porsche-Modell abzustauben waren. "Alle anderen Organisatoren fürchten nun den großen Skandal", meint ein DTB-Mann.
Doch nichts passiert, und auch das sagt einiges aus über den Zustand des professionellen Sports im Jahr 1996. Es gehe, meint der Oldenburger Sportsoziologe Bero Rigauer, nicht darum, Steffi Graf für jedes bezahlte Turnier drei Monate und damit insgesamt lebenslänglich sperren zu wollen: "Das wäre ja kindisch" und die Nummer eins wohl nicht mehr als ein Sündenbock. Es gehe jedoch um Moral und "letztlich um die Frage der Ethik: Kann man Sport so noch wollen"?
Denn es scheint ein grundsätzliches Phänomen des Sports zu sein, daß Verbände Regeln und Statuten aufstellen, die Sponsoren und Zuschauern den Glauben an einen sauberen Wettkampf erhalten - und daß dieselben Verbände ebendiese Regeln und Statuten ignorieren, sobald sie den Geschäftsgang behindern.
Das kann im Sinne des Sports sein - etwa wenn die WTA Monica Seles beim Comeback nach dem Attentat als Nummer eins einstuft, um ihr die Mühen der Qualifikationsturniere zu ersparen.
Öfter kommt es allerdings vor, daß die Funktionäre von niederen Motiven getrieben werden. Ohne größere Hemmungen nutzen sie alle Möglichkeiten eines Systems aus, in dem es, so der Dortmunder Anwalt Reinhard Rauball, "keine Aufsichtsorgane gibt und die Negierung selbstgesetzten Rechts keine relevanten Folgen hat". Eben darum, meint Rigauer, sei es "die übliche Praxis von Verbänden, auf einer formellen und einer informellen Ebene zu handeln". Formell, heißt das, ist wohl jeder Funktionär gegen Doping, denn ein schmutziger Sport fände keine Geldgeber. Informell aber schaut mancher nicht hin, weil auch Rekorde benötigt werden, um die Millionen aufzutreiben. Und darum wird geheuchelt.
Als die australische Schwimmerin Samantha Riley von den Doping-Fahndern erwischt wurde, sperrte der Weltverband Fina nur ihren Trainer - Riley mußte als nationales Idol unangetastet bleiben. Amerikanische Footballspieler schlucken Schmerzmittel, Basketballer putschen sich auf - in den Profiligen wird vieles geduldet, wenn das Spektakel stimmt.
Dehnbar ist jede Regel. Da durfte das Nationale Olympische Komitee Irlands die Schwimmerin Michelle Smith in Atlanta für die 400-Meter-Freistil-Strecke nominieren, obwohl die Anmeldefrist längst abgelaufen war. Smith gewann Gold, und die Zweite, die Magdeburgerin Dagmar Hase, fühlte sich "betrogen".
Die russische Hürdenläuferin Ludmilla Naroschilenko und ihr Landsmann, der Gewichtheber Alexej Petrow, erklärten positive Doping-Befunde damit, daß ihre Lebensgefährten ihnen im Streit Drogen ins Essen gemischt hätten. Das reichte den Funktionären, die Sperren so rechtzeitig aufzuheben, daß Petrow und Naroschilenko, die inzwischen Enquist heißt, in Atlanta Olympiasieger werden durften.
Box-Funktionäre mögen''s besonders dreist. Als Graciano Rocchigiani beim Duell um die Halbschwergewichts-Welt-
meisterschaft eines Verbandes namens WBO Dariusz Michalczewski niederschlug, obwohl der Ringrichter den Kampf unterbrochen hatte, waren die Regeln eindeutig: Da Rocchigiani in Führung lag, hätte er zum Sieger erklärt werden müssen. Doch die WBO bearbeitete die Paragraphen so lange, bis Michalczewski Titelträger bleiben konnte.
Auch die Women''s Tennis Association hatte allen Grund, Antrittsgelder offiziell zu untersagen. Zwei Jahre lang suchten ihre Agenten vergebens einen Hauptsponsor, und die Langeweile war groß: In den ersten Runden spielten oft Untrainierte gegeneinander, und am Ende gewann Steffi Graf. Startgelder hätten da etwas sehr Anrüchiges gehabt: Athleten sollen schließlich für den Sieg kämpfen und nicht schon vor dem Finale satt sein.
Im wahren Leben steht dem Mangel an Superstars, die über Profit oder Pleite entscheiden, allerdings ein Überangebot an Turnieren gegenüber. Die Manager bieten um die Wette, und darum sind die fetten Gagen nicht zu verhindern: "Der Selbsterhaltungstrieb siegt fast immer", hat Fischer erfahren. So formte sich jene Gemengelage, in der das Verbotene so üblich gewesen sein muß, daß kaum noch jemand wußte, daß es verboten war.
WTA-Chefin Worcester hetzt in diesen Tagen von Meeting zu Meeting. "Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, daß wir nur hier sitzen und abwarten, daß uns jemand Informationen bringt", sagt sie. Genau diesen Eindruck vermittelt unglücklicherweise Joe Favorito, PR-Manager der WTA: "Niemand", meint der, "hat uns bisher kontaktiert."
Ein Anruf bei einem Kollegen in Hamburg könnte den WTA-Leuten Klarheit verschaffen. Dort residiert der WTA-Direktor und DTB-Generalsekretär Sanders. Und der hätte ohne Steffi Graf seine Turniere zusperren können. Also hat er gezahlt, immer wieder.
1990 bekamen die Grafs für Steffis Start in Hamburg und Berlin 425 000 Mark. Ein Jahr später waren es 268 875 Mark und zusätzlich 250 000 Mark Prämie für den Einsatz beim Federationscup. 1992 war der Dreierpack 720 000 Mark Startgeld wert, 1993 880 000 Mark. Peter Graf hat verhandelt, Joachim Eckardt ("Betrag erhalten") hat die Quittungen unterschrieben, und die wurden beim DTB sauber abgeheftet, als würde durch Ordnung aus schwarzem Geld sauberes.
Dieter Fischer hätte Steffi Graf auch gern nach Filderstadt gelockt. Einmal, lange ist es her, hockten er und Peter Graf sogar im Hotel Gloucester in London. Graf sah Fischers edle Uhr, ein Exemplar von Turniersponsor Ebel, und sagte beiläufig: "So eine hätte ich auch gerne." Da meinte Fischer: "Du kannst eine Swatch haben." Danach verhandelten sie nie wieder.
* Nach dem WM-Kampf am 10. August in Hamburg.

DER SPIEGEL 39/1996
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