30.09.1996

LiteraturDie Firma schreibt vor und mit

Ende März 1975 ging bei der Stasi-Zentrale in Berlin ein Treffbericht ein, der die Geheimdienstler aufs höchste alarmierte. Der Lektor Hasso Laudon, der seine Auftraggeber unter dem Decknamen "André" emsig mit Informationen aus der Literaturszene belieferte, berichtete über einen Besuch des Schriftstellers Martin Stade: Der Autor habe ihm ausführlich von dem Plan erzählt, zusammen mit den Kollegen Klaus Schlesinger und Ulrich Plenzdorf einen "sogenannten Autorenverlag zu bilden" und so der "Parteizensur auszuweichen".
Die eilig eingeleiteten Nachforschungen ergaben, daß es den drei Schriftstellern offenbar gelungen war, ihr Vorhaben weit voranzutreiben. Das Trio hatte bereits rund 20 DDR-Autoren angeschrieben, darunter Literaturgrößen wie Christa Wolf und Stefan Heym, und um Texte für eine gemeinsam zu lektorierende Anthologie gebeten - Arbeitstitel: "Berliner Geschichten".
Es sei sogar schon damit begonnen worden, "die eingereichten Beiträge für den Druck zu bearbeiten", meldeten die ermittelnden Stasi-Offiziere aufgeregt an die Ministeriumsspitze. Zwar wollten die Herausgeber das fertige Manuskript zunächst doch einem DDR-Verlag zur Veröffentlichung anbieten. Die Anthologie solle aber nach dem Willen der Literaten "ohne die geringste Änderung gedruckt und vertrieben werden".
Die Staatssicherheit reagierte auf diese Nachricht mit der größten Geheimdienst-Operation, die in der DDR jemals gegen ein literarisches Projekt reformfreudiger Schriftsteller inszeniert wurde.
Im November 1975 befahl Stasi-Chef Erich Mielke seinen Untergebenen, das Erscheinen der Anthologie "unbedingt zu verhindern", und verfügte den "Einsatz aller Kräfte". Das Kommando über den "Operativen Schwerpunkt Selbstverlag", wie die Aktion nun hausintern hieß, wurde dem Leiter der berüchtigten Hauptabteilung XX, Generalmajor Paul Kienberg, übertragen.
Da die "Liquidierung" des Autorenprojekts jetzt als "Parteiauftrag zu Ehren des IX. Parteitags" galt, ließen die zuständigen Stasi-Offiziere sofort die meisten der beteiligten Literaten rund um die Uhr beobachten. Inoffizielle Mitarbeiter und Kulturfunktionäre versuchten, in diversen "Aussprachen" die Schriftsteller zur Rücknahme ihrer Texte zu bewegen. Die Geheimdienstler streuten zudem das Gerücht, die drei Initiatoren Plenzdorf, Stade und Schlesinger wollten in Wahrheit eine regimefeindliche Untergrundgruppe gründen.
Nach zehn Monaten "Zersetzungsarbeit" konnte das fleißige Stasi-Kollektiv der Parteispitze stolz Vollzug melden: Fünf Autoren hatten ihre Manuskripte zurückverlangt, einige distanzierten sich gegenüber der SED offen von dem Projekt, die Verbliebenen resignierten.
Der Operative Schwerpunkt "Selbstverlag" liefert nicht nur ein besonders eindrucksvolles Beispiel für das tiefe Mißtrauen der Staatsführung gegenüber den Intellektuellen - ausweislich der Akten erstattete Mielke SED-Generalsekretär Erich Honecker "persönlich" Bericht über den Stand der Anthologie-Ermittlungen. Der Fall zeigt zugleich, wie geradezu panisch die DDR-Machthaber auf jeden Versuch reagierten, ihr Zensursystem auszutricksen.
Um die Leser - und sich selbst - wirksam vor lebensnahen Texten zu schützen, hatten die DDR-Oberen im Laufe der Jahre einen Kontrollapparat errichtet, der selbst bei der kleinsten ideologischen Abweichung Alarm gab. Die ersten Melder saßen in den Verlagen.
Alle Lektoren sollten möglichst frühzeitig Einsicht in die Manuskripte nehmen und gegebenenfalls auf Änderungen drängen. Jungautoren standen zudem sogenannte Entwicklungslektoren zur Seite, die von der ersten Handlungsskizze an beim Schreiben halfen.
War ein Text schließlich vom Verlag abgesegnet, mußte zunächst ein Außengutachter erneut die politische Unbedenklichkeit bescheinigen. Erst danach ging das Manuskript an die zentrale Zensurbehörde, die "Hauptverwaltung für Verlage und Buchhandel" ("HV") in Berlin. Dieses eng an Partei und Stasi angebundene Amt, dem im Range eines stellvertretenden Ministers von 1973 bis zur Wende der Journalist Klaus Höpcke vorstand, hatte die Leitlinien der SED-Kulturpolitik durchzusetzen.
Der "Bücherminister", wie sich Oberzensor Höpcke gern nennen ließ, verfügte über eine im DDR-Literaturbetrieb einzigartige Macht: Ohne den Genehmigungsstempel seines Amtes lief im Arbeiter-und-Bauern-Staat keine Druckmaschine an. Er entschied nach Vorlage der Verlagspläne über die Zuteilung der Papiermengen und damit direkt über die Auflagenhöhe.
Doch selbst dieses aufwendige System sich überlagernder Kontrollen konnte nicht verhindern, daß zum Entsetzen der SED-Führung Bücher in Umlauf gelangten, die sie den Lesern am liebsten vorenthalten hätte. Mal hatten pfiffige Lektoren, die nicht auf Parteilinie waren, die Literaturwächter mit dem Einbau sogenannter Porzellanhunde in die Irre geführt: Das waren extra für den Zensor eingefügte Stellen, die er auffinden sollte, um ihm das gute Gefühl zu geben, den Text deutlich entschärft zu haben.
Mal waren die Pannen von der Zensurbürokratie auch selbst verschuldet. So konnte ein von allen Prüfinstanzen abgenicktes Buch bei Erscheinen plötzlich als untragbar gelten, weil zwischen Druckgenehmigung und Auslieferung so viel Zeit verstrichen war, daß es nun im Widerspruch zu den mittlerweile verschärften Kulturrichtlinien stand. Oder der Autor war zwischenzeitlich in Ungnade gefallen: Dann mußte, wie es 1980 dem Schriftsteller Joachim Seyppel widerfuhr, die Auslieferung gestoppt und die gesamte Auflage eingestampft werden.
Der Fall Seyppel war für die Zensurbehörden besonders peinlich, weil der Literat rechtzeitig von dem Vertriebsverbot erfahren hatte und es ihm sogar gelungen war, zehn Exemplare seines Buches "Hinten weit in der Türkei" als Beweismittel sicherzustellen. Alsbald, so geht aus den Stasi-Akten hervor, bombardierte Seyppel alle möglichen Stellen mit Briefen, in denen er die Auslieferungssperre mit der Bücherverbrennung verglich und gegen den "ungeheuren Akt der Barbarei" wortgewaltig wetterte.
Ein echter Super-GAU unterlief den Wachhunden der Zensur nur ein Jahr später. Im Mitteldeutschen Verlag war ein schmales Bändchen mit Texten von Nachwuchsautoren erschienen; darunter befand sich ein experimentell wirkender Text des jungen Lyrikers Uwe Kolbe mit dem Titel "Kern meines Romans", der zwar weitgehend unverständlich blieb, dafür aber auch politisch keinerlei Anstoß erregte.
Kaum war das Buch jedoch im Handel, entdeckte die Literaturabteilung der Staatssicherheit, daß die ersten Buchstaben des Wortgestöbers aneinandergereiht einen Binnentext ergaben, der kaum noch harmlos genannt werden konnte: "Eure Maße sind Elend. Euren Forderungen genügen Schleimer", lauteten die ersten Zeilen. "Eure ehmals blutige Fahne bläht sich träge zum Bauch. Eurem Heldentum, den Opfern widme ich einen Orgasmus. Euch mächtige Greise zerfetze die tägliche Revolution."
Eilig ließ das MfS den Restbestand der Anthologie einsammeln. Die Genossen konnten allerdings von den 5000 gedruckten Bänden nur noch 935 sicherstellen, wie sie kleinlaut ihren Vorgesetzten beichten mußten.
Zur Einschätzung des Gefahrenpotentials heimlich kopierter Texte hielt sich die Stasi einen ganzen Stamm linientreuer Autoren und Literaturwissenschaftler als sogenannte Experten-IM (IME). Die Stasi-Gutachter suchten beflissen nach ideologisch bedenklichen Stellen und fertigten bei anonym verfaßten Schriften Analysen, die stilistische Eigenheiten bestimmten Autoren zuwiesen.
Grundsätzlich galt jeder Text erst einmal als verdächtig. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Handlung in grauer Vorzeit angesiedelt war oder in der sozialistischen Gegenwart. So wurden selbst die Werke Joseph Conrads einer gründlichen "Überprüfung" durch den MfS-Hauskritiker unterzogen. Der kam zu dem Ergebnis, daß die Bücher zwar "möglicherweise feindlich interpretierbar" seien, eine "strafrechtliche Relevanz" allerdings nicht bestehe. Was Wunder: Der Autor war längst tot.
Die Gutachter nutzten ihre einzigartige Machtposition weidlich aus. Von dem Lyriker Uwe Berger alias IME "Uwe" beispielsweise, der dem MfS seit 1970 ergeben diente und es als einer der eifrigsten Informanten auf sechs wohlgefüllte Berichtsbände brachte, sind zahlreiche Verdikte über eine Reihe bekannter DDR-Schriftsteller erhalten geblieben.
Fazit einer Berger-Expertise zu dem Roman "Atemnot" von Klaus Poche: "Der Autor, sein Buch und seine Absicht verdienen unsere Verachtung." Berger über "Josefa" von Monika Maron: "Der Alltag in der DDR wird miesgemacht zum Beispiel auf den Seiten 25, 34, 54, 66, 68/69, 118."
Die geheimen Literaturkritiker beließen es häufig nicht bei Bewertungen. Gegen Bettina Wegner regte IM "Uwe" abträgliche Rezensionen im Westen an und legte nahe, einen "rasch umlaufenden Negativbegriff" in die Welt zu setzen - "z. B. Tampon-Lyrik".
Wirklich gefährlich konnte es für einen Schriftsteller werden, wenn die Germanistikprofessoren unter den IME wie im Hochschul-Seminar die Befindlichkeit des Verfassers vom vorgelegten Werk ableiteten. "Der Schluß liegt nahe, daß der Erzähler psychisch labil ist, vielleicht auch psychisch gestört", heißt es im Gutachten eines Hallenser Literaturwissenschaftlers zu einem Manuskript des Schriftstellers Detlef Opitz.
Wenn die Stasi Gefahr witterte, gaben die Mielke-Offiziere direkte Zensurempfehlungen. Dabei nutzten sie entweder diskret ihre Kontakte zu den Verlagsmitarbeitern, die auf ihrer IM-Liste standen, oder sie veranlaßten direkt bei der Hauptverwaltung für Verlage und Buchhandel das Notwendige.
Als es etwa darum ging, einen unbequemen Essay von Franz Fühmann über den Lyriker Georg Trakl politisch zu glätten, war auf den damaligen Leiter des Leipziger Reclam Verlages, Hans Marquardt (IM "Hans"), Verlaß, der auch manch kritisches Buch durch die Zensur brachte. Am Ende der "langwierigen und geduldigen Überzeugungsarbeit" waren einem Stasi-Bericht zufolge von den ursprünglich 280 Seiten nur noch 120 Seiten übriggeblieben, die "nach Einschätzung des IM allen kulturpolitischen Anforderungen gerecht" wurden. Außerdem war dem Autor das Versprechen abgerungen worden, die Langfassung nicht im Westen anzubieten.
Die Publikation bei einem Verlag in der Bundesrepublik war das einzige Schlupfloch durch das engmaschige Zensurnetz, das die Stasi nicht zu schließen vermochte. Vor allem bei weniger bekannten Dichtern setzte die Geheimpolizei deshalb von vornherein auf massive Einschüchterung.
Wie eng MfS und DDR-Kulturbürokratie auch dabei zusammenarbeiteten, zeigt die Auseinandersetzung mit der Berliner Lyrikerin Elke Erb. Um das Erscheinen einer von Erb vorbereiteten Anthologie bei Kiepenheuer & Witsch in Köln zu verhindern, ließ die Stasi die Autorin vom Aufbau Verlag, dem 1. Sekretär des Schriftstellerverbandes, Gerhard Henniger, der HV und dem Büro für Urheberrechte unter Druck setzen.
Welch unrühmliche Rolle in diesem Fall, wie so häufig, Bücherminister Höpcke spielte, der heute für die PDS im thüringischen Landtag sitzt, belegen nun erstmals gesichtete Dokumente. So verfaßte Höpcke am 7. Januar 1985 ein sechsseitiges Strategiepapier "zum Vorgehen in der Angelegenheit" und übergab es vier Tage später der für die Überwachung des Literaturbetriebes zuständigen Hauptabteilung XX/7.
Da sich die Dichterin sehr uneinsichtig gezeigt habe, heißt es in dem Schreiben, müßten nun "entsprechende Maßnahmen eingeleitet" werden. Der Katalog der von Höpcke vorgeschlagenen Zwangsmittel reichte vom Ausschluß aus dem Schriftstellerverband über die strafrechtliche Verfolgung bis hin zu einem generellen Publikationsverbot in der DDR. Beim Aufbau Verlag eingereichte Manuskripte seien der Autorin "kommentarlos zurückzusenden". Der Zensor kategorisch: "Eine Publikation auch in einem anderen DDR-Verlag kommt nicht in Frage."
Zunächst lief alles wie geplant. Am 28. Februar einigten sich die Genossen von Partei und Stasi auf "Grundlage" der Höpcke-Vorschläge, gegen Elke Erb ein Ermittlungsverfahren wegen "Verstoßes gegen das Devisengesetz" einleiten zu lassen und ihren Ausschluß aus dem Autorenverband zu betreiben.
Doch schon bald kam die konzertierte Aktion ins Stocken: Zum Leidwesen der Mielke-Offiziere scheuten die Funktionäre vor den allzu offensichtlichen Repressionen zurück. So blieb es bei einer verstärkten Überwachung durch die zahlreichen Helfershelfer der Geheimpolizei.
Der weitgehende Verzicht des Staatsapparates auf die demonstrative Verfolgung mißliebiger Schriftsteller entsprach rein taktischem Kalkül. Zwar fand sich immer ein Paragraph, der eine Verurteilung ermöglichte. Die Übergabe eines Manuskripts an einen West-Verlag konnte jederzeit als "ungesetzliche Verbindungsaufnahme" ausgelegt werden (Höchststrafe 5 Jahre Haft). Und bei Bedarf galt schon die Weitergabe von Gedichten an Freunde als "öffentliche Herabwürdigung" und wurde, wie in der Strafsache Annegret Gollin 1981, mit einem Jahr Bewährungsstrafe geahndet.
In der Regel aber nutzten die DDR-Oberen die Ermittlungsergebnisse ab Mitte der siebziger Jahre eher als Drohmaterial. Auch die Stasi war spätestens seit diesem Zeitpunkt gehalten, möglichst wenig Aufsehen zu erregen: Nach Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki im August 1975 wünschte die SED-Führung eine möglichst unsichtbare "Paralysierung" der Regimegegner - um der außenpolitischen Reputation willen.
Deshalb verfügte Generalsekretär Honecker eine noch strengere Kontrolle der Schriftsteller, die er für die "Politik menschlicher Kontakte" besonders anfällig hielt. So vervierfachte sich, als erste direkte Folge des vereinbarten Kulturaustausches, die Zahl der "Operativ-Vorgänge" gegen Autoren von 8 im Jahre 1974 auf über 30 zum Jahresende 1976.
Als die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 auch innerhalb der DDR zu einer unerwarteten Protestwelle geführt hatte, verstärkte die Stasi ihre Aktivitäten noch einmal. Insgesamt wurden, vorsichtig geschätzt, zwischen 1970 und 1989 etwa 150 OV gegen verdächtige Schriftsteller angelegt.
Entsprechend wuchs auch der Personalbestand der zuständigen Stasi-Diensteinheiten überdurchschnittlich. Vor allem die operativen Referate wurden Anfang der achtziger Jahre noch einmal kräftig aufgestockt, auf der "Linie XX/7" dürften zuletzt etwa 170 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt gewesen sein.
Auffällig ist bei den Stasi-Offizieren, die sich mit den Kulturschaffenden beschäftigten, das weitgehende Desinteresse an Kunst und Literatur. In der Freizeit galt ihr Interesse vor allem der Leibesertüchtigung.
Auf gute Allgemeinbildung legte die MfS-Spitze freilich auch keinen gesteigerten Wert, im Gegenteil: Bei ihrer Einstellungspolitik achtete die Stasi-Führung peinlich genau auf eine proletarische Herkunft, der Besuch der Volksschule mußte genügen. "Sauberes Auftreten" und ein "ausgeprägtes Klassenbewußtsein" schienen den MfS-Generälen allemal wichtiger als musische Neigungen.
Intellektuelle und Künstler galten ohnehin als unzuverlässig und versponnen und wurden deshalb bewußt aus den eigenen Reihen ferngehalten. Zu gut war den Kader-Offizieren noch der Ärger mit dem Genossen Peter Reinhardt in Erinnerung, einem verkrachten Schauspielschüler, der von der Leidenschaft zum Theater partout nicht lassen mochte und auch sonst ideologisch wenig gefestigt schien.
Mehrfach war Reinhardt bei seinen Vorgesetzten vorstellig geworden, um eine Erlaubnis für kulturelle Nebenarbeit zu erwirken: "Die operative Arbeit" befriedige ihn nicht, heißt es in den Kaderunterlagen, "ihm bedeute es nichts", wenn er im Jahr acht Informanten werbe: "Befriedigt könnte er aber sein, wenn er ein Schauspiel inszeniert hat."
Nur mit massivem Druck gelang es der Abteilungsleitung schließlich, den schwankenden Mitarbeiter zum Besuch der Juristischen Hochschule zu bewegen, die er mit Prädikat verließ. Seine kulturellen Neigungen lebte Reinhardt fortan, Stasi-verträglich, als Rezitator des MfS- Volkskunstensembles aus.
Streckenweise lesen sich die Einstellungsvorschläge für die Kulturabteilung der Staatssicherheit wie ein Auszug aus einem kleinbürgerlich-puritanischen Tugendheftchen: "Der Kandidat lebt nach den 10 Geboten der sozialistischen Moral und Ethik", heißt es über einen Auserwählten. "Er ist verlobt und hatte vordem keine Frauenbekanntschaften. Alkohol genießt er nur bei besonderen Anlässen."
Entsprechend humorlos ging es zu in der Firma, die sich die Kontrolle der DDR-Geisteselite zum Ziel gesetzt hatte. Versuchten die Tschekisten, ausnahmsweise einmal witzig zu sein, glitten sie schnell ins Makabre ab. So vermerkte ein Offizier unter der aus dem Berliner Tagesspiegel kopierten Meldung über den Tod des Literaten Uwe Johnson: "Ja, wenn er sich verbessern kann!"
Diese Mischung aus Zynismus und Verachtung grundiert auch die Vergabe von Decknamen für die Operativen Vorgänge gegen "feindlich-negative" Schriftsteller: Klaus Schlesinger firmierte Stasi-intern als "Schreiberling", Monika Maron als "Wildsau", der Lyriker Peter Gosse als "Gully". Unangepaßte Romane hießen "Machwerke", kritische Gedichte "Hetzschriften in Versform".
Wie fremd den meisten Mitarbeitern der Abteilung XX/7 die literarische Welt war, zeigen auch die orthographischen Mißgeschicke, die den Offizieren beim Abfassen ihrer Treffberichte unterliefen. Aus einem "Bestseller" wurde unversehens ein "Bestzeller", das "Potpourri" taucht, leicht abgewandelt, als "Potpüree" auf. Und die abgelauschte Biermann-Sentenz von der Stasi als "mein Eckermann" steht im Abhörprotokoll als "die Stasi ist mein Henkersmann" - oder als "ist mein Echomann".
Dem engen Austausch mit ihren - intelligenteren - IM, und das war allein ausschlaggebend, tat das geringe Bildungsniveau der Hauptamtlichen freilich keinen Abbruch. Bei der täglichen Zersetzungarbeit war ein gewisser Mangel an Feingefühl sogar von Vorteil.
Das schlichte Weltbild der Offiziere kannte vor allem kritische Autoren, die den Pfad der sozialistischen Tugend unwiderruflich verlassen hatten, und sogenannte Irregeleitete, von denen die Mielke-Leute annahmen, daß sie noch zu "gesellschaftsgemäßem Verhalten veranlaßt" werden könnten - "Rückgewinnung" hieß das im Stasi-Deutsch.
Als ausgesprochen phantasievoll erwiesen sich die Geheimdienstler nur, wenn es darum ging, die "feindlichen Kräfte" unter den Kulturschaffenden dauerhaft zu "neutralisieren". Zunächst bemühten sie sich, ihr Opfer am Schreibtisch festzuhalten, indem sie ihm über Kontaktleute in den Verlagen oder Medien mehr oder weniger unsinnige Aufträge zukommen ließen - "arbeitsmäßig binden" nannte die Stasi diese Methode.
Im nächsten Schritt ging es darum, den Autor zu "isolieren" und ihm jeden Spaß an Vorträgen und Lesungen zu verleiden. Gezielt durchsetzte das MfS Veranstaltungen mit Störern und parteitreuen Diskutanten. Dabei war kein Aufwand zu groß: Als die Schriftstellerin Brigitte Martin 1978 in Berlin aus ihrem Roman "Der rote Ballon" las, saßen im Publikum neben 35 echten Literaturfreunden 15 herbeizitierte Genossen und 70 Stasi-Mitarbeiter. Hoch im Kurs standen bei den Literaturpolizisten der XX/7 auch die "systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes" sowie das planvolle Herbeiführen "beruflicher und gesellschaftlicher Mißerfolge".
Alle Maßnahmen liefen darauf hinaus, unter den regimekritischen Literaten Mißtrauen und Zwietracht zu säen. Wo das MfS Gefahr sah, spielte die Partei mit ihrem feingestaffelten System von Privilegien und Sanktionen. Während sie den einen aus der SED ausschloß oder mit Publikationsverbot belegte, wurde dem anderen überraschend ein Dauervisum für Reisen ins westliche Ausland oder sogar die heißbegehrte Nachauflage seiner Werke bewilligt.
Die Staatsorgane erzeugten so binnen weniger Jahre ein Klima der Verunsicherung, das die kritischen Geister entweder außer Landes oder in die innere Emigration trieb. Mit Beginn der Achtziger konstatierte die Stasi mit einer gewissen Genugtuung eine allgemeine Lähmung der DDR-Literaturszene. Immer wieder findet sich in ihren Analysen die Formulierung, daß die "überwiegende Mehrheit der Schriftsteller" positiv oder zumindest loyal zur DDR stehe.
Die zutreffend beschriebene Agonie war die direkte Folge der lautlosen, aber deshalb nicht weniger perfiden Zersetzungsmethoden der Honecker-Ära. Die Opfer standen, oft über Jahre, unter einer Bedrohung, die sie nie genau orten konnten. Das Gefühl, von anonymen Mächten verfolgt zu werden, schlug nicht selten in Selbstzweifel und Resignation um.
Über den fortschreitenden Prozeß der psychischen Zerstörung ließ sich die Stasi wiederum durch ihre Spitzel genau Bericht erstatten. "Wirkt gegenüber früher stark nervös. Ist unkonzentriert im Gespräch", heißt es 1976 in einem Tonbandprotokoll des Lektors Laudon zur Gemütslage des Schriftstellers Schlesinger: Der fühle sich "fortlaufend beobachtet und verfolgt", sei "auffallend unzufrieden mit sich" und "unsicher über seine nächste Zukunft".
Wie weit die Verstörung gehen konnte, zeigt der Fall Günter Ullmann. Der Greizer Lyriker war während mehrerer Verhöre in der Stasi-Zentrale in Gera von den Vernehmern mit seinen innersten Gedanken konfrontiert worden - Resultat der IM-Vorarbeit eines Freundes.
Nach seiner Rückkehr verdächtigte Ullmann jeden der Spitzelei, selbst seine Frau. Im Keller seines Hauses zerschnitt er alle Kabel, die er für Abhördrähte hielt. Er ließ sich die Zähne ziehen, im Glauben, man habe ihm heimlich Miniwanzen implantiert, und begann schließlich mit den Bäumen zu sprechen. Ullmann mußte in psychiatrische Behandlung.
* Spitzel-Foto aus den MfS-Akten.
Von Joachim Walther

DER SPIEGEL 40/1996
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