14.10.1996

TerrorismusTod im Namen des Erhabenen

Erstmals hat ein hoher Überläufer das Geheimnis der iranischen Todeskommandos gelüftet. Spuren weisen nach Deutschland. Das „Mykonos“-Attentat in Berlin wurde, erklärte der Zeuge, von der Staatsspitze in Teheran befohlen und penibel geplant. Bonn gerät wegen seiner Rücksichten gegenüber Teheran weiter unter Druck.
Mit dem auffällig kleinen, schmächtigen Mann, der da eines Tages in der deutschen Botschaft in Islamabad hockte, konnten die Beamten des Bundesnachrichtendienstes (BND) wenig anfangen.
Anfang April war der Iraner über die grüne Grenze nach Pakistan geflüchtet, um sich vor dem Teheraner Regime in Sicherheit zu bringen. Der Enddreißiger wollte weiter nach Bonn, Berlin oder sonstwo wechseln und erzählte, quasi als Wegzoll, ein paar Geschichten über die Nomenklatura der Mullahs. Ein Alltagsfall, so schien es. Der BND-Bericht für die Zentrale in Pullach liest sich jedenfalls nicht sehr spannend.
Interessierter waren da schon die Kollegen vom französischen Geheimdienst. In zwei Abschnitten haben sie den iranischen Überläufer insgesamt 20 Tage lang vernommen. Schließlich hatten sie ein umfangreiches Dossier beisammen. Secret d''Etat.
Als "top secret" stufte auch der britische Geheimdienst MI6, der gleich anschließend den Mann verhörte, die Erzählungen ein. Selbst der belgische Geheimdienst, den es auch gibt, hat ihn ausführlich befragt.
Vorigen Donnerstag wurde der geheimnisvolle Fremde in die deutsche Hauptstadt geflogen. Flankiert von einem halben Dutzend Leibwächtern des Bundeskriminalamts kam er via London nach Berlin, um erstmals als Zeuge gegen das Regime der Mullahs auszusagen.
Vor dem Kammergericht geht es um den Hintergrund des Überfalls auf das Berliner Lokal "Mykonos", bei dem am 17. September 1992 vier kurdisch-iranische Oppositionelle regelrecht hingerichtet worden waren. Die Karlsruher Bundesanwaltschaft vermutet, daß die Drahtzieher in Teheran sitzen.
Die Bundesanwälte hatten vergangenen Monat von dem Überläufer Wind bekommen und ihn in tagelangen Sitzungen beim Staatsschutz in Meckenheim vernommen. Die letzte Vernehmung endete am 2. Oktober. Danach ordnete Generalbundesanwalt Kay Nehm persönlich den Schutz des Mannes an.
Bevor der Zeuge das Gerichtsgebäude betrat, wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Den Verbliebenen im Saal verkündete Senatsvorsitzender Frithjof Kubsch ein Schweigegebot, das in der deutschen Justizgeschichte eine Rarität ist.
Danach wird "den Mitgliedern des Gerichts einschließlich der Protokollführerinnen", den Anklägern, Verteidigern und sogar den Angeklagten "zur Pflicht gemacht", die Aussagen des Zeugen geheimzuhalten. Sein Name taucht in keiner Akte auf, in den Unterlagen wird er lediglich als "Zeuge C" geführt.
Seine Geschichte, wie sie sich aus Unterlagen der Geheimdienste ergibt, ist kein gewöhnliches Renegatenstück. Es geht um Leben und Tod. Seine Frau und die vier Kinder sind seit einiger Zeit spurlos verschwunden. Zeuge C vermutet, daß sie als Geiseln im Iran festgehalten werden.
Die Mullahs haben ihn längst enttarnt. Obwohl die Identität des Zeugen durch die Verteilung der Protokolle, in denen seine Stationen beschrieben wurden, de facto gelüftet ist und bereits in Politikerkreisen diskutiert wird, werden Fakten, die dem SPIEGEL bekannt sind, aber das Leben des Überläufers akut gefährden würden, nicht genannt. Auch sein Name soll verschwiegen werden.
Zeuge C packt über das Innenleben des Mullah-Regimes aus wie die Kronzeugen in Mafia-Prozessen. Die Daten seiner Karriere, so glauben die Geheimdienste, halten der Überprüfung stand. Jahrelang diente er dem Teheraner Regime, mal als Spitzenbeamter, mal als erfolgreicher Geschäftsmann getarnt. Er traf mit Größen wie dem früheren US-Präsidenten Ronald Reagan oder dem einstigen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand zusammen. Im Auftrag der iranischen Regierung erfüllte er rund um den Globus heikle Missionen.
Sehr sachlich, ohne die ausschweifende Erzählweise des Orients, beschreibt er den Apparat des angeblich gottgefälligen Regimes. Auftraggeber der vielen Attentate weltweit ist demnach der oberste religiöse Führer des Landes, Ali Chamenei. Sein Wort sei Urteil, oft das Todesurteil. Bei einem der vertraulichen Gespräche mit Geheimdienstlern nannte Zeuge C den geistlichen Führer einen "Richter".
Die blutige Spur führt nach Aussage des Überläufers auch zu Staatspräsident Haschemi Rafsandschani, der seit 1989 an der Spitze der iranischen Regierung steht. Bei Tötungsbefehlen Chameneis werde er regelmäßig konsultiert. Auch im Fall Mykonos müsse der eher moderate Politiker zugestimmt haben, vermutet Zeuge C.
Diese Schilderungen passen in das Gerüst der Anklage, die davon ausgeht, daß das Mykonos-Attentat von der iranischen Staatsspitze befohlen wurde. Mit dem Einsatz in Berlin ist nach Angaben des Zeugen C der iranische Geheimdienstchef Ali Fallahian beauftragt worden. Am 14. März dieses Jahres hatte bereits ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs gegen Fallahian Haftbefehl erlassen.
Bei Fallahian soll es nicht bleiben. Die Karlsruher Bundesanwaltschaft hat der Bonner Regierung mitgeteilt, daß die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen Chamenei und Rafsandschani möglich seien. Bei beiden bestehe zumindest ein Anfangsverdacht ("zureichende Anhaltspunkte"). Besonders belastet sei Chamenei. Völkerrechtler sollen zu Rate gezogen werden. Die Ermittler in Karlsruhe studieren derzeit eine englische Ausgabe der iranischen Verfassung.
Mykonos und die Folgen sind längst kein Kriminalfall mehr - es geht um große Politik und ein bißchen Moral. Was Zeuge C den Nachrichtendiensten erzählte, hat anderswo längst Auswirkungen gezeigt. Die Amerikaner verschärften in den letzten Wochen ihre Kritik am System in Teheran beträchtlich.
Bonn hingegen wiegelt immer noch ab. So hatte Bundesaußenminister Klaus Kinkel immer wieder stereotyp erklärt, für eine Verstrickung Teherans in die Anschläge fehle es an "eindeutigen Belegen". Der Staatsminister im Kanzleramt, Bernd Schmidbauer, geriet sogar in den Verdacht der Kumpanei mit Staatsterroristen, als er 1993 den inzwischen mit Haftbefehl gesuchten Fallahian in Bonn empfing.
Jetzt scheint ein Ende der von den Amerikanern und Israelis gerügten Politik des "kritischen Dialogs" mit dem Mullah-Regime möglich. Wenn Zeuge C nicht schwindelt, ist der von der Regierung Kohl hochgeschätzte iranische Außenminister Ali Akbar Welajati Teil der Tötungsmaschine. Der Überläufer behauptet, daß Irans Chefdiplomat (Kinkel: "Mit dem kann ich sehr gut") in dem Gremium sitzt, das die Todesurteile gegen Abweichler fällt.
Die Mullahs weisen die Verdächtigungen "im Namen des Erhabenen" zurück, wie unlängst Teherans Außenminister in einem Brief an Kinkel beteuerte. Iran habe als "größtes Opfer des internationalen Terrors" schon immer "jede Art und Weise des Terrorismus verurteilt".
Staatspräsident Rafsandschani erklärt im SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 174), der iranische Dienst arbeite "nur auf politischer und nachrichtendienstlicher Ebene. Physische Liquidierung gehört nicht zu seinem Aufgabenbereich". Doch Zeuge C, der lange Jahre ein Vertrauter Rafsandschanis gewesen sein will, behauptet in seinen Aussagen, daß der Heilige Krieg auch im 18. Jahr der Revolution noch lange nicht vorbei ist.
Die Geschichte des Zeugen C beginnt in der Wüstenstadt Ghom. Hier lehrte und predigte Ajatollah Chomeini. Hier war die Machtbasis des Imam, hier verurteilte er den Schriftsteller Salman Rushdie zum Tode.
In Ghom, das kein Ungläubiger betreten darf, wurde Zeuge C zu einem der vielen Agenten Allahs ausgebildet. Mit 19 schloß er die theologische Hochschule ab, war einer jener jungen Eiferer, die der Ajatollah gleich ins Feuer schickte.
Die Revolution war zwei Tage alt, da wurde Zeuge C, damals gerade 21, durch Erlaß Chomeinis zum Kommandanten einer Kaserne ernannt. Ein ehrenvoller Job für einen Yuppie der Revolution. Die Kaserne war ein Internierungslager für Gefangene - fast 80 Generale des Schahs Resa Pahlewi wurden dort festgehalten.
Schon bald hatte der Ajatollah einen neuen Job für den eifrigen Schüler. Er schickte den Zeugen C nach Europa, um Gegner der Revolution auszuspähen. Botschafter in Paris hätte er werden können, aber er lehnte ab. Als zweiter Mann der Residentur kümmerte er sich um das Agentengeschäft.
Damals wurden Franzosen und Amerikaner erstmals auf ihn aufmerksam - die Leute von der Spionageabwehr waren auf seine Spur gekommen. Wenn Zeuge C durch Paris flanierte, kam Bewegung auf. Auffällig viele scheinbar betont gelangweilte Herren folgten ihm auf Schritt und Tritt.
Einen Tag vor Heiligabend, am 23. Dezember 1983, wurde Zeuge C von den Franzosen wegen Agententätigkeit ausgewiesen. Zwei weitere iranische Diplomaten mußten auch gehen. Im Gegenzug warfen die Mullahs drei Franzosen raus.
Danach soll Zeuge C, so steht es jedenfalls in Geheimdienstunterlagen, erstmals nach Deutschland gekommen und zeitweise in der Residenz des Hamburger Generalkonsuls untergebracht worden sein. Was er dort machte, hat zumindest die französischen Geheimdienstler nicht besonders interessiert.
Zwischendurch wurde Zeuge C zurück nach Teheran befohlen, um mit der Gründungskommission den Nachrichtendienst Vevak zu etablieren. Vevak ist Teil des Ministeriums für Information und Sicherheit der Islamischen Republik. Das Ministerium, dem heute Fallahian vorsteht, ist eng verflochten mit den sogenannten Revolutionswächtern Pasdaran, insbesondere mit deren Spezialtruppe Ghods. Mit denen ist nicht zu spaßen.
Der Zeuge C, der sich den geheimen Unterlagen zufolge zeitweise fürs Außenministerium um Uno-Angelegenheiten kümmerte, scheint ein Mann für alle Fälle gewesen zu sein. Im Auftrag Chomeinis reiste er Mitte der achtziger Jahre nach Paris, wo seit 1981 der frühere iranische Staatspräsident Abol Hassan Banisadr im Exil lebt. Zeuge C sollte ihn zur Rückkehr bewegen. Banisadr verlangte eine öffentliche Entschuldigung des Imam - das konnte nicht klappen.
Damals soll das wohlwollende Auge Rafsandschanis auf den jungen Ghom-Absolventen gefallen sein. Der damalige Parlamentspräsident habe ihm den Vorschlag gemacht, in die Schweiz zu wechseln. In Genf war damals die Agentenzentrale der Mullahs, von dort sollte Zeuge C vertrauliche Aktivitäten in verschiedenen europäischen Staaten steuern.
Die Schweizer Metropole ist - mehr als New York, anders als Wien - ein beliebter Treffpunkt für heikle Schlichtungsgespräche und diskrete politische Missionen. Fast alle wichtigen Geheimdienste hatten 1987 große Abordnungen nach Genf geschickt, weil dort über das Schicksal von im Libanon entführten Geiseln verhandelt wurde.
Zeuge C wurde auch in den Fall des im Januar 1987 verschleppten Hoechst-Mitarbeiters Rudolf Cordes eingeschaltet. Der Manager war zusammen mit einem Siemens-Mitarbeiter in Beirut von Kämpfern der pro-iranischen "Hisb-Allah"-Organisation verschleppt worden. Gegen sie sollten die in der Bundesrepublik einsitzenden libanesischen Brüder Hamadi freigepreßt werden.
In Bonn wurde ein Krisenstab gebildet, den der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble leitete. Auch Sozialdemokraten wie Erhard Eppler oder Hans-Jochen Vogel wurden in die Vermittlung eingeschaltet. Gemeinsam mit dem Deutschalgerier Abdelkadar Sahraoui tauchte Zeuge C damals bei der SPD auf. Als freundlicher kleiner Mann mit großem Einsatz ist er den Beteiligten in Erinnerung geblieben. Im September 1988 jedenfalls kam Cordes frei.
Die Aufträge für den Zeugen C, der im Orient als Kenner verworrenster Machtverhältnisse gerühmt wird, waren schließlich weltumspannend. 23 nichtarabische Ausländer befanden sich damals in Geiselhaft. Zeuge C verhandelte mit den Regierungen.
Auch bei einer Aktion des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter war er behilflich. Ein ehemaliger Pilot Carters, der gebürtige Iraner Erwin David Rabhahn, war von den Mullahs sistiert worden. Rafsandschani lehnte Carters Bitte um Freilassung ab; der Ex-Präsident müsse sich schon an den Ajatollah wenden.
Carter schrieb daraufhin einen Brief an Chomeini, den Zeuge C überbrachte. Auch Sahraoui wurde wieder eingeschaltet. Die Iraner nutzten die Aktion zu einem Propagandacoup und machten am 19. November 1988 die Bitte Carters öffentlich. Kurz darauf kam der Pilot frei.
Der Geheimdienstexperte C wurde immer mehr zum Trouble-shooter des Mullah-Regimes. Doch beim Machtkampf zwischen moderaten Mullahs und unerbittlichen Eiferern sei ihm dann der Glaube an das System abhanden gekommen, erklärt er seinen Ausstieg. Er selbst sei nie direkt an Mordaktionen beteiligt gewesen, doch für das Netzwerk der frommen Killer um ihn herum hätten Tod und Geiselnahme gleichsam auf dem Regierungsprogramm gestanden.
Bei allen Entführungen im Libanon sei der Iran die treibende Kraft gewesen. "Dabei war es egal, ob es sich um Amerikaner oder Europäer handelte." Die Libanesen, sagt Zeuge C, hätten nur die Dreckarbeit gemacht.
Diese Sicht der Dinge ist umstritten. Gebetsmühlenartig haben die Iraner stets beteuert, mit solchem Teufelswerk nichts zu tun zu haben. Ebenso hartnäckig haben die Amerikaner, Präsident Bill Clinton vorweg, die Iraner auf die Anklagebank gesetzt. Die Deutschen lavierten, irgendwie, dazwischen.
Scheinbar unberührt, wie ein Wissenschaftler ein seltsames Insekt unter dem Mikroskop betrachtet, schilderte Zeuge C die Mechanismen der staatlichen iranischen Tötungsmaschinerie, die auch im Ausland funktionieren sollen.
Seit der islamischen Revolution 1979 wurden demnach 95 Abtrünnige im Ausland liquidiert. Das erste Opfer war ein Neffe des Schahs, der im Dezember 1979 in Paris ermordet wurde. Beim vorläufig letzten Attentat wurde im Mai Resa Masluman, ehemaliger Staatssekretär der Schah-Regierung, erschossen (siehe Grafik).
Zeuge C behauptet, daß die blutige Strecke nicht von durchgeknallten Fundamentalisten gelegt wurde. Nach seiner Schilderung morden die Gotteskrieger aus dem Orient nach einem Regelwerk, das so penibel ist, als wäre es von deutschen Bürokraten erfunden worden.
Dem Komitee für Sonderangelegenheiten, dem mindestens acht Auserwählte angehören, würden die Namen von strafwürdigen Dissidenten vorgelegt. Das Gremium sei zuständig für Hinrichtungen jedweder Art im Ausland, die von politischer Brisanz sein könnten. Was immer beschlossen werde, sei bindend für Parlament und Regierung. Bei schwierigen Fragen würden Fachleute hinzugezogen.
Zeuge C erklärte den Geheimdienstlern das System am Beispiel von Attentaten gegen Kurden bis ins Detail.
Die vielfältigen Aktivitäten der Kurdischen Demokratischen Partei Iran in Europa hätten der Staatsführung mißfallen. Auf Befehl Chomeinis sei deshalb im Juli 1989 der Parteichef Abd el-Rahman Ghassemlou in Wien liquidiert worden. Die Österreicher ermittelten die Mörder, ließen sie aber aus Angst vor Repressalien entkommen.
Weil auch der Nachfolger Ghassemlous, Sadegh Scharafkandi, auf Kurs geblieben sei, habe 1991 das Komitee nach einer Befragung von Experten beschlossen, ihn auszuschalten.
Fallahian habe erst einen Vertrauten nach Deutschland geschickt, um Informationen zu sammeln und Lösungsvorschläge für das passende Attentat zu unterbreiten. Dieser Kundschafter habe die Strukturen der Kurden erforscht und unter den Oppositionellen Zuträger gefunden.
Dann sei ein Leiter für die Operation ausgeguckt worden, ein iranischer Kämpfer mit Libanon-Erfahrung, der auch schon mal Exekutionen bis ins Detail vorbereitet habe.
Sein Hit-Team hatte im August 1987 in Genf einen geflüchteten iranischen Piloten liquidiert. Es gab Parallelen zum Mord an dem ehemaligen Chefpiloten der iranischen Regierung, Ali-Akbar Mohammadi, der schon im Januar desselben Jahres in Hamburg erschossen worden war.
Der Killerspezialist sei unter der Legende eines Geschäftsmannes nach Berlin gereist, habe vor Ort die Lage ausgekundschaftet. Er habe Fallahian wie bei solchen Anschlägen üblich eine Bestellliste geschickt. Waffen, Fahrzeuge und was man sonst noch so braucht. Über eine sogenannte tote Station sei das Gerät angeliefert worden. Zur Tarnung gehöre auch die Gründung von Firmen.
Wie bei anderen Anschlägen seien dann Libanesen für sein Exekutionskommando angeworben worden, schlichte Killer. Die Namen der Opfer seien ihnen nicht bekannt gewesen. Der Kommandoführer habe sich sofort nach dem Anschlag in Richtung Türkei abgesetzt. Zur Belohnung habe er eine Mercedes-Limousine erhalten. Vier Libanesen und ein Iraner blieben hängen. Sie wurden festgenommen und stehen derzeit vor dem Berliner Kammergericht. An die Großen kommt man selten heran.
Jedes Todesurteil, berichtete Zeuge C, werde schriftlich fixiert. Darüber hinaus, man wollte ja nicht den Falschen treffen, werde noch ein Codewort vereinbart, das unmittelbar vor dem Anschlag vom Kommandoführer noch einmal nach Teheran gemeldet und von dort bestätigt werden müsse. Im Fall Mykonos, so Zeuge C, sei das Codewort "Fardschad Bozorg Allawi" vereinbart worden.
Diese Aussage des Zeugen C gegenüber Geheimdienstlern deckt sich mit Erkenntnissen der Fahnder unmittelbar nach dem Anschlag. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte zur Zeit des Attentats die iranische Botschaft in Bonn rund um die Uhr observiert. Bei der Überwachung des Funk- und Telefonverkehrs fingen amtliche Lauscher einen seltsamen Spruch auf. "Bozorg Allawi" lautete die Parole. Dies sei offenbar, so ein Geheimbericht der Kölner Abwehrspezialisten vom Oktober 1992, das Signal für die Hinrichtung gewesen.
"Mehrfache Erkenntnisse", so hatten die Verfassungsschützer damals geschlußfolgert, sprächen für eine "Steuerung" des Anschlags aus der Bonner Residentur.
Zeuge C behauptet, an der Aktion Mykonos selbst nicht beteiligt gewesen zu sein. Gegenüber diskreten Gesprächspartnern benennt er aber für sein Wissen ein halbes Dutzend Quellen. Es sind Leute, die zum Teil in der iranischen Hierarchie ganz oben sitzen, deren Namen er aber nur unter dem Siegel absoluter Vertraulichkeit genannt habe. Denn längst habe im Iran auch die Suche nach seinen mutmaßlichen Verbindungsleuten begonnen.
Für die Abläufe bei Mykonos, sagte er bei einem Gespräch, das irgendwo in Europa geführt wurde, habe er sich eher zufällig interessiert. Ihm sei in Teheran aufgefallen, daß dieser Anschlag, anders als international üblich, juristische Konsequenzen gehabt habe. Normalerweise werde bei Terrorakten abgewiegelt.
Er sei kein intimer Kenner deutscher Verhältnisse, wisse aber, daß der iranische Geheimdienst Vevak fest in die Generalkonsulate auf dem Territorium der Bundesrepublik eingebunden sei.
"Es ist davon auszugehen", erklärte auch schon das Bundeskriminalamt in einem 17 Seiten starken Dossier, "daß keine Operationen ohne die Abstimmung und Mitwirkung des iranischen Außenministeriums und der Botschaften und Konsulate vor Ort durchgeführt werden ... Es handelt sich um Organisierte Kriminalität höchster Ausprägung." Hinter all diesen "Straftaten steht ein souveräner Staat mit der Gesamtheit seiner logistischen Möglichkeiten".
Die iranische Botschaft weist derartige Vorwürfe heftig zurück. "Was ist das für eine Geheimakte", fragte Botschaftsrat Ahmad Fard Hosseini kürzlich, die sich zwar im Besitz des SPIEGEL befinde, "von deren Inhalt jedoch kein offizieller deutscher Gesprächspartner Kenntnis hat?" Und: Die Diplomaten seien "nicht so naiv, an dem Ast zu sägen, auf dem sie sitzen".
Kritische Analysen haben bislang am Bonner Schmusekurs gegenüber Teheran wenig ändern können. Jetzt wird der Wind rauher, auch wenn eher unwahrscheinlich ist, daß der Fall zu juristischen Konsequenzen gegenüber der Teheraner Staatsspitze führt. Denn jeder fremden Justiz sind durch das Völkerrecht, das den Staatsoberen Immunität gewährt, die Hände gebunden.
In Paragraph 20 des Gerichtsverfassungsgesetzes heißt es: "Die deutsche Gerichtsbarkeit erstreckt sich auch nicht auf Repräsentanten anderer Staaten." Der weitgefaßte Begriff "Repräsentanten" meint, wie die Rechtslehre erläutert, "Staatsoberhäupter und Regierungsmitglieder" - vermutlich aber auch den Oberhirten einer Staatsreligion wie Ali Chamenei, der sich die Macht mit dem weltlichen Bruder teilt.
So kann sich Staatsterrorismus jedweder Art bequem einrichten. Weil er allerorten diplomatisch und diskret behandelt wird, finden sich auf der ganzen Welt auch kaum Präjudizien. Amerika bombardiert den libyschen Diktator Muammar el-Gaddafi, läßt ihn aber nicht mit internationalem Haftbefehl suchen. Im Zweifel geht Macht vor Moral, jedenfalls auf dem internationalen Parkett.
Das Urteil über den Zeugen C hingegen soll schon gesprochen worden sein. Der islamische Politiker, der kurzzeitig mal inhaftiert war, ist nach seinen Angaben vom Komitee in Teheran auf einer Sitzung im Februar zum Tode verurteilt worden. "Die Sache mit dem Lastwagen ist beschlossen worden", habe ihn ein Kenner der Verhältnisse gewarnt. Übersetzt heißt das: Zeuge C sollte noch im Iran bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen - daraufhin flüchtete er über Pakistan nach Deutschland. Ausgestattet mit einem Paß der Uno, ging er zunächst ins benachbarte Belgien. Derzeit wechselt er ständig seinen Wohnort.
In Europa ist er in den Dschungelkampf der Exilpolitiker geraten. Von Paris aus hat ihn Banisadr in seinem Versteck aufgestöbert und das angebliche Wissen des Zeugen C publik gemacht.
Dabei sei Banisadr etliches durcheinandergeraten, klagt Zeuge C. Die Behauptung, daß er bei der Rekonstruktion des Mykonos-Anschlags Quellen im iranischen Nachrichtendienst Vevak gehabt habe, sei falsch. Anders als kolportiert werde, gehöre er auch nicht dem iranischen Sicherheitsapparat an.
Der Zeuge C ist mit seinem Auftritt in Berlin wieder auf die Bühne der Weltpolitik zurückgekehrt. Ohne Banisadrs Intervention, klagte er vor Geheimdienstlern, hätte er noch eine Chance gehabt, dem Zorn der Mullahs zu entgehen. Die Herrscher in Teheran, die seine Identität seit kurzem kennen, würden das Todesurteil vom Februar nun in der ganzen Welt vollstrecken wollen. Westliche Regierungen fürchten neue Anschläge. Die Franzosen lehnten es bereits ab, dem Zeugen C Asyl zu gewähren.
Jetzt ist der Zeuge C ins Zeugenschutzprogramm des BKA aufgenommen - lebenslang. Aber das kann kurz sein.
* Oben: nach dem Anschlag am 17. September 1992; unten: am 25. September 1992 in Berlin. * Am 13. September 1988 in Damaskus, mit Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble (2. v. l.) und Syriens Außenminister Faruk el-Scharaa (4. v. l.).

DER SPIEGEL 42/1996
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