18.02.2013

Recht auf Gift

Seit 40 Jahren führt die Menschheit Krieg gegen Drogen, erfolglos gegen Sucht und Tod. Wer den Weg des Stoffs nach Europa verfolgt, versteht die Forderung von Politikern und Experten: Gebt die Drogen frei.
Pablo Escobar hat mir gesagt: Ein Kopfschuss reicht nicht. Es müssen zwei Schüsse sein, knapp über den Augen." Jhon Velásquez, genannt "Popeye", sitzt auf einem weißen Plastikstuhl im Gefängnishof. "Einen Schuss kann man überleben. Zwei Schüsse niemals. Die Leichen habe ich zerstückelt und in den Fluss geworfen. Oder ich ließ sie einfach liegen. Ich bin oft durch Medellín gefahren und habe Frauen entführt und vergewaltigt. Dann habe ich sie erschossen und im Hausmüll entsorgt."
Drei Wächter stehen neben ihm. Er ist der einzige Häftling in dem riesigen Gebäude. Der Wachturm, die Sicherheitsschleusen, die Überwachungskameras - alles nur für ihn. Popeye darf eine Stunde lang seine Geschichte erzählen, so hat es der Direktor des Hochsicherheitsgefängnisses von Cómbita, drei Autostunden nordöstlich von Bogotá, erlaubt.
Es ist, als öffnete sich das Tor zur Hölle.
Popeye war die rechte Hand von Pablo Escobar, Chef des Medellín-Kartells in Kolumbien. Escobar war, bis zu seinem Tod im Jahr 1993, der mächtigste Drogenboss der Welt. Er industrialisierte die Kokainproduktion, kontrollierte 80 Prozent des weltweiten Kokainhandels und wurde einer der reichsten Menschen des Planeten. 30 Richter, etwa 450 Polizisten und noch viel mehr Zivilisten wurden im Auftrag des Kartells getötet. Popeye war Escobars Sicherheitschef. Experte für Entführung, Folter, Mord.
Popeye, der früher mal als Schiffsjunge bei der kolumbianischen Marine war und seit dieser Zeit den Spitznamen trägt, hat den damaligen Bürgermeisterkandidaten Bogotás und späteren Präsidenten Andrés Pastrana entführt. Er besorgte die Waffe, mit der 1989 der kolumbianische Präsidentschaftskandidat Luis Carlos Galán erschossen wurde. Er war am Bombenattentat beteiligt, durch das der kolumbianische Präsident César Gaviria getötet werden sollte. Popeye ließ sogar seine Freundin Wendy ermorden, eine Schönheitskönigin. Escobar, der Patrón, wollte es so.
"Ich habe vielleicht 250 Menschen umgebracht und viele davon in Stücke geschnitten. Aber ich weiß nicht genau, wie viele. Nur Psychopathen zählen ihre Toten." Popeye ist ein blasser Mann mit einer schrillen Stimme, 50 Jahre alt. Ein Psychopath, der die Toten nicht zählt.
Je länger Popeye redet, über seine Morde, den Drogenkrieg, den Wahnsinn, den er und Escobar anrichteten und der sich gerade in Mexiko wiederholt, desto unwichtiger erscheinen einem die Fragen, die man zu diesem Krieg vorbereitet hat. Man kann seinen Notizblock jetzt wegwerfen, denn eigentlich bleibt nur eine Frage: Wie kann man Leute wie dich verhindern, Popeye?
Er unterbricht seinen Redefluss. "Leute wie mich kann man nicht verhindern. Das ist ein Krieg. Die verlieren Männer, wir verlieren Männer. Die verlieren Skrupel, wir hatten nie welche. Am Ende jagst du sogar ein Flugzeug in die Luft, weil du glaubst, der kolumbianische Präsident sitzt in der Maschine. Ich weiß nicht, was ihr machen müsst. Kokain in Apotheken verteilen oder so. Ich bin seit 20 Jahren im Gefängnis, aber diesen Krieg, bei dem so viel Geld zu verdienen ist, den gewinnt ihr nicht. Nie."
Man sitzt einem Killer gegenüber - Popeye, Ausgeburt der Hölle. Und man fürchtet, dass der Killer recht haben könnte.
Seit über 40 Jahren wird gekämpft im Drogenkrieg - dem längsten Krieg der jüngeren Geschichte. Es ist ein ewiger Kampf gegen eine 500-Milliarden-Dollar-Industrie, gegen einen Markt, größer als der für Autos.
Am 17. Juli 1971 verkündete der damalige amerikanische Präsident Richard Nixon: "America's public enemy number one is drug abuse." Damit war ein neuer Staatsfeind Nummer eins geboren: Drogen. Es war der Startschuss zum "War on Drugs".
Im Drogenkrieg bekämpft man bis heute all jene, die mit Kokain, Marihuana, oder kurz: dem Stoff, irgendwie in Berührung kommen. Man kämpft gegen die Kokabauern in Kolumbien, die Mohnbauern in Afghanistan und die Drogenkuriere, die den Stoff kiloweise im Magen tragen. Man kämpft gegen die Chrystal-Meth-Köche in Osteuropa, gegen die Crack-Kids in Los Angeles, gegen jeden, der ein paar Gramm Marihuana in der Hosentasche hat, genauso wie gegen die Drogenkartelle in Mexiko und Killer wie Popeye. Es gibt heute kaum einen Winkel der Erde, an dem der Krieg nicht geführt wird. Der "War on Drugs" ist so global wie McDonald's.
Im Jahr 2010 haben rund 200 Millionen Menschen illegale Drogen genommen. Die Zahl ist seit vielen Jahren weitgehend unverändert. Genauso wie die geschätzte jährliche weltweite Drogenmenge: 40 000 Tonnen Marihuana, 800 Tonnen Kokain, 500 Tonnen Heroin. Gestiegen sind dagegen die Kosten des ewigen Kriegs.
Zu Beginn der siebziger Jahre steckte die Regierung von Richard Nixon jährlich hundert Millionen Dollar in die Drogenbekämpfung. Heute, unter Präsident Barack Obama, sind es 15 Milliarden - inflationsbereinigt gut 30-mal so viel. Es gibt sogar eine grobe Schätzung, was über 40 Jahre Krieg einschließlich mittelbarer Ausgaben gekostet haben könnten, allein die USA: eine Billion Dollar.
In Mexiko starben in den vergangenen sechs Jahren 60 000 Menschen im Drogenkrieg. In den USA sind die Gefängnisse gefüllt mit Marihuanarauchern, in Afghanistan finanzieren die Taliban noch immer ihre Waffen mit Drogengeldern, und China, sagen Experten, ist das Drogenland der Zukunft.
Wenn man also verstehen will, warum dieser Krieg seit über 40 Jahren nicht zu gewinnen ist, dann folgt man am besten einem der unbezwingbaren Feinde.
Zum Beispiel dem Kokain.
Die Geschichte, die zu erzählen ist, beginnt bei einem Kokabauern im Dschungel von Kolumbien, führt zu den Schmugglern auf der Karibikinsel Aruba, vorbei an Soldaten und Drogen-Cops, weiter über den Atlantik im Bauch eines Schiffs nach Europa bis nach Berlin, wo der Stoff ins Gehirn derjenigen schießt, deren Nachfrage das Geschäft stets neu befeuert: wir, die Konsumenten.
Gleichzeitig folgt man einer Idee, die die Welt verändern könnte. Sie wird gedacht unter Präsidenten, in den Köpfen einflussreicher Politiker und in einem New Yorker Büro. Die Idee lautet: regulierte Legalisierung von Drogen.
Nach Jahrzehnten des "War on Drugs", ist die Sehnsucht nach einer Alternative heute so groß wie nie zuvor. Die ewige Kriegsfront, sie bröckelt.
Als im April 2012 in Cartagena, Kolumbien, beim Amerika-Gipfel rund 30 Staats- und Regierungschefs zusammenfanden, gab es hinter den Kulissen nur ein großes Thema: eine neue Drogenpolitik. Plötzlich sagt Juan Manuel Santos, der kolumbianische Präsident: "Wenn die Welt sich zur Legalisierung von Drogen entscheidet und denkt, damit könnten wir Gewalt und Kriminalität vermindern, dann wäre ich damit einverstanden."
General Otto Pérez Molina, Präsident von Guatemala, sagt: "Konsum und Produktion von Drogen sollten innerhalb bestimmter Grenzen legalisiert werden."
José Mujica, Präsident von Uruguay, sagt: "Ich habe Angst vor dem Drogenhandel. Nicht vor den Drogen."
Vicente Fox, von 2000 bis 2006 Präsident von Mexiko, wollte gegen das organisierte Verbrechen "die Mutter aller Schlachten" führen. Er schickte die mexikanische Armee in den Drogenkrieg. Heute sagt Vicente Fox, der Krieg sei "total gescheitert".
In Portugal ist der Besitz von geringen Mengen Marihuana nicht mehr strafbar. In Großbritannien hat eine unabhängige Kommission die britische Drogenpolitik untersucht und kommt zu dem Ergebnis: Die Politik der harten Strafen sei ebenso teuer wie erfolglos. Der Report fordert nicht die Freigabe von Drogen, verlangt aber ein Umdenken in der Drogenpolitik. Er gibt zu bedenken: Zu selten werde "von politischer Seite zugegeben", dass "nicht jeder Drogenkonsum Probleme schafft". Die Autoren werben dafür, den Besitz kleinerer Mengen nicht mehr zu bestrafen, den Cannabisanbau bei Kleinverbrauchern zu entkriminalisieren oder gar zu legalisieren.
Wenn ein Krieg nicht zu gewinnen, wenn der Feind seit 40 Jahren unbezwingbar ist, das ist der neue Gedanke - wie wäre es dann mit Frieden?
In Deutschland betrachtet man die Entwicklungen sehr reserviert. Man wird hier keinen aktiven Spitzenpolitiker einer großen Partei finden, der eine neue Drogenpolitik fordert oder gar die Freigabe von Marihuana. Drogen sind kein Gewinnerthema. Man verbrennt sich nur die Finger.
Martin Lindner, der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, löste vor kurzem gleich einen Skandal aus, weil er in einer Talkshow an einem Joint gezogen hatte. "Ist Martin Lindner jetzt völlig durchgeknallt?", titelte der "Berliner Kurier".
"Das Thema ist noch immer völlig tabuisiert. Will man die Regeln lockern, dann heißt es gleich: Er schützt unsere Kinder nicht." Das sagt Gerhart Baum. Er war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. Er hat damals die Heroinjahre erlebt, als in Deutschland die Zahl der Süchtigen explodierte, Bilder von jungen Junkies auf den Titelseiten standen und in den Kinos der Film "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" lief.
Diese Zeit hat die deutsche Drogenpolitik geprägt. Und das deutsche Drogengefühl, das vor allem ein Angstgefühl ist.
Legalisierung - das klingt für viele Menschen nach einer Aufforderung zu mehr Drogenkonsum, zur Sucht, nach einem Staat, der kapituliert und seine Schutzfunktion nicht mehr wahrnimmt.
Nur selten wird die regulierte Legalisierung als das betrachtet, was sich Experten und nun auch Präsidenten von ihr erhoffen: als ein effektiveres Mittel im Kampf gegen die Droge. Ein Mittel, das nicht nur beim Konsumenten ansetzt, sondern jene Wertschöpfungskette zerstört, die dafür sorgt, dass Anbau, Verarbeitung, Schmuggel und Verkauf von Drogen zu einem Milliardenbusiness werden. Es geht darum, in ein System einzugreifen: in die Ökonomie der Drogen.
Der Regenwald von Putumayo im Südwesten Kolumbiens ist für Kokain das, was New Orleans für Jazz oder Maranello für schnelle Autos ist, ein legendärer Ort. Seit 1974 wird in Putumayo Koka angebaut, die erste Region, die in Kolumbien damit anfing. Und die letzte, die es lassen wird, sagen die Leute hier.
Carlos Sánchez, ein dünner Mann mit wildem Oberlippenbart, steht vor seinem Kokastrauch. Schulterhoch, rötliche Rinde, grüne Blätter. Ein unscheinbares Ding. "Meine Koka", sagt Sánchez mit dem Stolz des Bauern. Vor ihm, auf einer Lichtung, stehen Hunderte Sträucher. Eine Plantage, vielleicht einen Hektar groß.
Koka kann bis zu sechsmal im Jahr geerntet werden. Ein Kokablatt enthält 0,5 Prozent Kokain. Den Strauch kann jeder Idiot ziehen, sagt Sánchez, geht zu seinem Pferd und schnallt zwei Benzinkanister ab. Er braucht sie im Labor. Morgen kommt jemand aus der Stadt, der ein Kilogramm Kokapaste kaufen wird. Labor ist ein großes Wort für das, was Sánchez zusammengezimmert hat. Es ist ein nach Benzin stinkender Bretterverschlag, in dem 200 Kilo Kokablätter bereitliegen.
Um daraus Kokain zu machen, sind zwei Schritte nötig: Zuerst entsteht aus den Blättern Kokapaste. Später wird die Paste in reines Kokain verwandelt.
Sánchez nimmt eine Motorsense und fährt durch die Kokablätter. Dann streut er eine Mischung aus Zement und Dünger auf die Blätter. Die Blätter schaufelt er in große Fässer und kippt Benzin hinein, um das Kokain herauszulösen. Nach einer Weile entfernt Sánchez die Blätter und presst den verbliebenen braunen Brei aus. Anschließend wird das Ganze mit Natriumbikarbonat behandelt. Dann wird der Brei getrocknet. Kokapaste hat einen Kokaingehalt von rund 35 Prozent.
Der zweite Schritt, in einem anderen, hochgesicherten Labor, das Sánchez nie betreten wird, ist kaum komplizierter. Man braucht Salzsäure, Alkohol, Ammoniak, Azeton, einfache Gerätschaften. Nichts davon ist teuer, nichts schwer zu besorgen. Am ehesten noch die Mikrowellenöfen, in denen man den Chemikalienbrei trocknet. Am Ende steht Kokain-Hydrochlorid. Pures Kokain. Ein gutes Labor mit eingespieltem Team schafft 500 Kilogramm am Tag.
Jeder in Putumayo weiß, dass man im Drogengeschäft nicht nur mit Geld bezahlt. "Ich habe zwei Brüder verloren", sagt Sánchez, "der eine wurde von der Guerilla hier in der Gegend erschossen, der andere von einem Drogendealer." Aber das Geld bleibt der große Anreiz. Trotz allem. "Ich bekomme pro Kilo Paste 1,5 Millionen Pesos", sagt Sánchez.
Etwa 630 Euro. Ein gutes Einkommen. Aber nur der Anfang einer einmaligen Preisentwicklung. Reines Kokain kostet in Putumayo 1300 Euro pro Kilo. An der kolumbianischen Grenze sind es schon über 4000 Euro, und im nahen Ausland, auf Jamaika, nähert man sich den 6000 Euro. Richtig teuer wird der Stoff, wenn er nach Europa kommt oder in die USA. Die Dealer zahlen dort rund 30 000 Euro für jedes Kilo, je nach Marktlage.
Der Konsument in Europa, der Kokain nur gestreckt bekommt, zahlt keinen festen Preis. In Spanien ist Koks billiger als in Deutschland. In Berlin billiger als in München. Hier sind 100 Euro für ein Gramm vielfach gestrecktes Kokain üblich. Bis zu 400 000 Euro für ein Kilo reines Kokain.
"Keine Ware auf der Welt weist Gewinnspannen auf wie Kokain oder Heroin. Warum? Wegen der Prohibition."
Der Mann, der das sagt, heißt Ethan Nadelmann. Er ist 55 Jahre alt und der Sohn eines New Yorker Rabbis. Er hat in Harvard studiert, in Princeton gelehrt und gilt in den USA als einer der bekanntesten Drogenexperten. Er ist Chef der Drug Policy Alliance, eine Organisation, die für eine neue Drogenpolitik kämpft. Hauptsponsor ist George Soros, einer der reichsten Männer der Welt, 20 Milliarden Dollar schwer.
Nadelmanns Büro, im 15. Stock eines Bürohauses in Manhattan, ist vollgestopft mit Büchern, die "Alcohol in America" oder "Cocaine an unauthorized biography" heißen. Seit 25 Jahren hält Nadelmann Vorträge, schreibt Bücher, sitzt als Experte in den Fernsehstudios von NBC, Fox und CNN. "Das Geschäft mit Drogen ist Kapitalismus", sagt Nadelmann. "Solange es eine Nachfrage gibt, gibt es ein Angebot. Wir können natürlich die Nachfrage beseitigen. Wir müssen einfach die 200 Millionen Drogennutzer davon überzeugen, kein Dope mehr zu kaufen. Aber klingt das irgendwie realistisch?"
Die Uno hielt es mal für realistisch. Bis 2008 wollte man den Drogenanbau und den Drogenhandel "beseitigen oder erheblich reduzieren". Der Slogan der Kampagne lautete: "A drug free world: We can do it." Heute, 2013, ist die Welt noch immer so drogenfrei wie eine Fixerstube im Frankfurter Bahnhofsviertel.
Seit 25 Jahren hält Nadelmann den Drogenkrieg für sinnlos. Seit 25 Jahren fordert er, Drogen kontrolliert zu legalisieren. Und seit 25 Jahren ist er damit völlig erfolglos. Aber jetzt scheint es, als gerate die Welt doch noch in Bewegung. "Boom!", sagt Nadelmann.
Carlos Sánchez, der Kokabauer aus Putumayo, hat die ganze Nacht gebraucht, um die Kokapaste zu machen. Der Mann, der sie abholt, wird sie nach Ecuador bringen. Dort steht ein bewachtes Labor im Urwald und veredelt die Paste in reines Kokain.
Wenn alles glattläuft, beginnt nach dem Labor die Reise des Kokains. Es gibt vermutlich keine Straße im Norden Südamerikas, die in den vergangenen 40 Jahren noch nicht für den Drogenschmuggel benutzt wurde. Vermutlich auch keinen Hafen, keinen Fluss und keine Landebahn.
Die klassische Route in die USA führt über Mexiko. Europa zu erreichen ist etwas aufwendiger. Seit einigen Jahren etabliert sich eine Route über Westafrika. Traditionell läuft noch immer viel über die Karibik oder per Flugzeug aus Brasilien, Kolumbien, Argentinien. Große Transporte werden auf dem Seeweg abgewickelt. Zielländer sind oft Spanien und die Niederlande. Aber kürzlich wurden acht Tonnen Kokain in einem Bananen-Container in Antwerpen, Belgien, entdeckt. Wert: eine halbe Milliarde Euro.
Läuft der Transport nicht glatt, dann landet der Stoff bei einem kleinen, untersetzten Mann, der in seinem grünen Overall aussieht wie ein Gärtner.
General Luis Alberto Pérez, 53 Jahre alt, ist Chef der kolumbianischen Anti-Drogen-Behörde. Und er hat großartige Laune. 1,8 Tonnen Kokain haben seine Männer in einem Küstendorf am Atlantik beschlagnahmt. Pérez ist am Morgen von Bogotá in den Norden geflogen und steht jetzt auf einer Bühne, im Innenhof des Polizeiquartiers von Riohacha.
"Das war ein weiterer harter Schlag gegen diese Plage, die unser Land befallen hat", sagt Pérez ins Mikrofon zu den versammelten Journalisten.
Pérez' Männer reißen einige der Kokainpakete auf. "Beste Qualität", sagt ein Polizist und lächelt, als er das Symbol auf dem gepressten Pulver entdeckt.
Jedes Kokainlabor hat eine Kennung, ein Symbol, mit dem die Produktion gekennzeichnet ist. Das ist wichtig, falls mit dem Stoff irgendwas nicht stimmt. "Die mögen offenbar deutsche Autos", sagt General Pérez. Auf den 1500 Kokainpaketen prangt das Logo von Audi.
Pérez hat im Jahr 2012 über 72 Tonnen Kokain aus dem Verkehr gezogen, rund neun Prozent der weltweiten Produktion. Dazu nahm Pérez 1200 Kokainlabors hoch, beschlagnahmte 400 Boote, 150 Kleinflugzeuge, er zerstörte 22 Landebahnen und verhaftete 76 000 Menschen.
Pérez und seine Männer sind natürlich nicht billig. Rund 15 Prozent des kolumbianischen Staatshaushalts werden für Sicherheit ausgegeben, Polizei und Verteidigung. General Pérez hat Panzer zur Verfügung und "Black Hawk"-Hubschrauber. Drogenfahnder in Kolumbien sind ausgerüstet wie Kriegsherren. "Wir machen Fortschritte", sagt Pérez.
Die Drogenkartelle aus Medellín und Cali, die einst Kolumbien beherrschten, wurden zerschlagen, mit amerikanischer Militärhilfe. Das globale Geschäft aber hat sich kaum verändert, nur verlagert.
Anstelle der beiden großen Kartelle sind Dutzende kleinere Gruppen getreten. Die 100 000 Hektar Kokafelder, die Pérez in Kolumbien zerstören ließ, werden zum Teil ausgeglichen, weil in Peru und Bolivien mehr Koka angebaut wird. Und die Gemetzel der Drogenbosse finden nicht mehr in Medellín statt, aber in mexikanischen Orten wie Ciudad Juárez.
Das Drogengeschäft ist ein einfaches Business. Je weiter sich die Ware von der Kokaplantage entfernt, je näher sie irgendeiner Party in Los Angeles oder Berlin kommt, desto höher ist der Preis. Der Endpreis hat nichts mit den wirklichen Kosten zu tun. Die sind verschwindend gering. Nur ein paar Prozent.
Der Kaufpreis besteht aus einer Art Gefahrenzulage. Aus dem Betrag, den sich der Dealer für die Gefahr bezahlen lässt, vielleicht im Gefängnis zu landen. Mit anderen Worten aus einer wahnsinnigen Gewinnmarge, die es nur geben kann, weil das Produkt verboten ist.
Da die Kosten also keine Rolle spielen, spielt es auch fast keine Rolle, wie viel Stoff General Pérez konfisziert. Aus Sicht der Dealer, die gerade fast zwei Tonnen Stoff verloren haben, heißt das: Die Polizei ist wachsam, erhöhen wir also den Preis für unser Produkt.
Für Drogen gibt es eine "unelastische Nachfrage". Heroin kann noch so günstig sein, die meisten Menschen werden es nicht kaufen, egal, was es kostet. Süchtige aber werden immer bezahlen. Sie können nicht anders, sonst wären sie nicht süchtig. Auch hier: Egal, was es kostet.
Das ist die Ökonomie der Drogen.
General Pérez ist seit 35 Jahren Polizist. Vermutlich wird er bald Chef der kolumbianischen Polizei. Glaubt er, dass er den Krieg gewinnt? "Natürlich schlagen wir einen Kopf ab, und der nächste wächst sofort nach. Aber ich glaube, wir können alle Kokafelder zerstören."
Keine Felder - kein Kokain. Das ist die Rechnung. Was braucht er dafür? "Mehr Zeit, mehr Soldaten", sagt Pérez.
Anders gesagt: mehr Krieg.
Vor einigen Jahren noch hätte kaum jemand General Pérez widersprochen. Heute sucht man nach Alternativen.
"Was in Lateinamerika passiert, ist eine Revolution", sagt Ethan Nadelmann, der Experte in New York. "Präsidenten, die sagen: 'Beendet den Drogenkrieg!' Das war lange völlig unvorstellbar."
Lange 25 Jahre war Nadelmann ein Revolutionär ohne Revolution. Aber jetzt, plötzlich, steckt er mittendrin. Im vergangenen Jahr hat Nadelmann drei Präsidenten getroffen: Caldéron aus Mexiko, Santos aus Kolumbien, Pérez Molina aus Guatemala. Alle suchten sie seinen Rat. Immer ging es um eine neue, effektivere Drogenpolitik. "Es ist die beste Zeit, die ich je hatte", sagt Nadelmann.
Ausgerechnet in Lateinamerika regt sich der Widerstand. Im Hinterhof der USA. Wo die CIA jahrzehntelang Regierungen stürzte und Diktatoren an die Macht verhalf. Im Grunde ist es auch eine Emanzipationsgeschichte. Lateinamerika wird selbstbewusster, die Wirtschaftskraft wächst. Die Angst vor den Yankees im Norden schwindet. Ethan Nadelmann will jetzt "das Momentum" nutzen. Er möchte die Revolution in die ganze Welt tragen. Und an manchen Tagen sieht es so aus, als könnte das funktionieren.
Im Juni 2011 findet im Hotel Waldorf Astoria in New York eine erstaunliche Pressekonferenz statt. Die "Weltkommission für Drogenpolitik" stellt sich vor.
In der Kommission sitzen unter anderen Kofi Annan, Ex-Uno-Generalsekretär; Javier Solana, Ex-Nato-Generalsekretär; George Shultz, US-Außenminister unter Ronald Reagan; Paul Volcker, Ex-Chef der US-Notenbank. Es ist die prominenteste Ansammlung von Drogenkriegsgegnern, die jemals zusammenfand.
Die Kommission legt einen 20-seitigen Bericht vor, und der erste Satz lautet: "Der weltweite Krieg gegen die Drogen ist gescheitert, mit verheerenden Folgen für die Menschen und Gesellschaften rund um den Globus." Der Satz stammt von Ethan Nadelmann. Er hat die Zusammenfassung des Berichts geschrieben. Er hat die "Weltkommission" beraten, er hat nach prominenten Mitgliedern gesucht. Er ist der Strippenzieher.
Im Waldorf Astoria, auf der Pressekonferenz, tritt auch ein freundlicher Mann mit Brille auf die Bühne und hält eine Rede. Sein Name ist César Gaviria. Von 1990 bis 1994 war Gaviria der Präsident Kolumbiens. Er hat damals kaum etwas anderes getan, als Krieg zu führen. Kolumbien war, was Mexiko heute ist: ein von Drogenbossen gekapertes Land.
"Eine irrationale und sinnlose Drogenpolitik war mitverantwortlich für diese Zeit", sagt Gaviria heute.
Er steht in seinem Büro und schaut durch Panzerglasfenster auf den Verkehr von Bogotá. Das ganze Hochhaus ist gesichert wie ein Flughafenterminal. Als derjenige Präsident, der Pablo Escobar zur Strecke brachte, ist Gaviria das Leben hinter Panzerglas gewohnt.
Der Drogenkrieg war für Gaviria lange selbstverständlicher Teil der Politik. "Wir haben nie hinterfragt, ob es eine Alternative gibt", sagt Gaviria. Der Krieg war einfach da. Also wurde er geführt.
Es war Fernando Cardoso, der frühere brasilianische Präsident, der Gaviria in langen Gesprächen zum Nachdenken brachte. Cardoso beschrieb, wie der "War on Drugs" in Lateinamerika die Politik kriminalisiert. Und Gaviria kennt die Macht des Drogengelds aus eigenem Erleben. Drogengeld kauft Polizisten, Richter, Politiker. Pablo Escobar kaufte sogar die Verfassung. Er ließ mit seinem Geld die Auslieferung kolumbianischer Staatsbürger verbieten. Und Drogengeld brachte Popeye, den Killer, dazu, einen Anschlag auf Gaviria zu planen.
Am 27. November 1989 zerriss C4-Plastiksprengstoff die Maschine von Flug 203 der Fluggesellschaft Avianca in der Luft. 110 Menschen starben. Gaviria, damals Präsidentschaftskandidat, hatte den Flug verpasst - und überlebte.
Gegen das Drogengeld sind Staaten fast machtlos. Kolumbien damals, Mexiko heute. "Es ist ein Vorteil, wenn man sich aus der aktiven Politik zurückzieht. Man hat Zeit nachzudenken", sagt Gaviria.
Der Bericht der "Weltkommission" geht um die Welt. Es fühlt sich an wie ein Tabubruch. Es sind keine Marihuanajünger, die eine neue Drogenpolitik fordern. Sondern es ist jemand wie der ehemalige Drogenkrieger Gaviria und der ehemalige Nato-Generalsekretär Solana. Leute aus dem Herzen der Weltpolitik.
Ein silberfarbener Toyota Corolla rollt die Fortheuvelstraat entlang. Ein Mann in einem braunen Hawaiihemd sitzt am Steuer. Er scheint nachzudenken. "Auf dem Kokainpäckchen waren Audi-Logos?", fragt der Mann. Dann taucht das Meer auf. Baby Beach, der berühmte Strand von Aruba.
Die 1,8 Tonnen Kokain, die General Pérez beschlagnahmte, sollten, so vermutet Pérez, nach Aruba geschmuggelt werden - eine Insel 20 Seemeilen vor der Küste Venezuelas. Und von hier weiter in die Niederlande. Eine klassische Route.
Geoffrey ist New Yorker, Ende vierzig, spricht fünf Sprachen und sagt, dass er das Koks mit dem Audi-Logo nicht kommentieren werde. "Viele Leute in diesem Job gehen drauf, weil sie zu viel reden."
Geoffrey ist Dealer. Er kauft kolumbianisches Kokain und bringt es nach Europa. Der weiße Strand, die Drinks, die Mädchen - das ist alles nicht schlecht. Vor allem aber gefällt Geoffrey, dass Aruba einen Freihafen hat und täglich Flüge nach Amsterdam gehen. Aruba gehört zum Königreich der Niederlande. Das macht die Insel zum perfekten Transitland für Drogen.
Geoffrey zeigt auf den Baby Beach. "Hier hole ich viele Fuhren ab." Große Lieferungen kommen per Schnellboot. Sie werden an einer verabredeten Stelle in wasserdichten Behältern ins Meer geworfen. Kleinere Pakete bezieht Geoffrey von den Versorgungsschiffen aus Venezuela. Das Kokain wird in Obstkisten, Rettungswesten oder Fischen versteckt. "Jeder hat Vorlieben", sagt Geoffrey.
Ein Kilo Koks kauft er für 4500 Euro. Und verkauft es für etwa 30 000 Euro an einen Kontaktmann in Amsterdam. Geoffreys Lieferanten sind Kolumbianer. "Gute Jungs, wenn du sie nicht verarschst. Die kümmern sich sogar, wenn du im Knast bist. Die schicken dir und deinen Kindern Geld." Und wenn man sie verarscht? "Dann erschießen sie dich und deine Kinder."
Geoffrey hält das Geschäft gern einfach. Ab zehn Kilo Stoff riskiert er nichts, da ist "zu viel Geld drin". Zu gefährlich.
Unter zehn Kilo kann man was riskieren. "Alles ist ausprobiert worden", sagt Geoffrey. In Schuhsohlen, Bibeln, als Körperimplantat in der Wade, in Brüsten von Frauen, in Leichen, sogar im Bauch von Hunden.
Man muss sich den Drogenkrieg vorstellen wie ein nie endendes Wettrüsten. Die Zollfahnder werden psychologisch geschult. Die Drogenkartelle haben Schulen für ihre Schmuggler. Die Küstenwache bekommt Schnellboote, die 50 Knoten schaffen. Die Dealer kaufen welche mit 60 Knoten. Die Marine patrouilliert im Pazifik. Die Dealer bauen U-Boote, die 5000 Kilometer ohne Auftauchen zurücklegen. Mit jeder Schlacht weitet sich der Drogenkrieg aus. Gäbe es einen Drogenbedarf auf dem Mond - der Start der ersten Kokainrakete stünde vermutlich unmittelbar bevor.
Geoffrey muss zu einem Termin. Er parkt den Toyota und verabschiedet sich. Der Wagen steht vor dem Eingang des Frachthafens von Aruba. Container stapeln sich auf dem Gelände. Darunter einige in einem schönen Rot. "Hamburg Süd" steht darauf.
Legalisierung, sagt Ethan Nadelmann in New York, ist ein schwieriges Wort.
Und man merkt es ja selbst. Man sitzt hier in Nadelmanns Büro in Manhattan und versucht sich eine Welt vorzustellen ohne den Drogenkrieg. Eine Zukunft, in der Marihuana oder Kokain legal sind und man den Stoff in der Apotheke kauft oder im Drogenfachgeschäft. Ein Leben, in dem jeder selbst entscheiden muss: Nehme ich das? Wie viel nehme ich? Wie schütze ich meine Kinder?
Nicht einfach, die Vorstellung. Irgendwas kneift im Bauch und sagt: Legalisierung von Drogen? Seid ihr verrückt?
Die internationale Drogen-Prohibition gibt es seit hundert Jahren. Beginnend mit den Opiumkonferenzen in Den Haag und zu einem Weltgesetz geronnen mit dem "Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel", das die Uno 1961 beschloss. Das Verbot hat die Welt geformt, wie Generationen sie kennen. Es steckt in unserer Moral, in unserer Kultur, und so gibt es kaum ein größeres Tabu, als Drogen zu legalisieren. Ethan Nadelmann nennt dieses Gefühl "the fear of the unknown". Die Angst vor dem Unbekannten.
"Jede Droge ist gefährlich, ganz klar", sagt Nadelmann. Auch Marihuana sei kein harmloses Kraut. Aber es ist eben auch so: Die Welt wird nie drogenfrei sein, was auch immer wir tun. Sie ist es seit Tausenden von Jahren nicht. Vermutlich wäre sie drogenfrei zuweilen sogar unerträglich. Also geht es darum, den verträglichsten Weg zu finden, mit den Drogen zu leben. Nadelmann glaubt, der beste Weg sei nicht die Prohibition, sondern die "regulierte Legalisierung".
Die Vision dahinter sieht so aus: Drogen sind nicht vollkommen frei. Es gibt Höchstmengen und Altersbeschränkungen, Jugendliche sollen keinen Zugang zu Marihuana oder Kokain haben. Aber jeder Erwachsene darf ein kleine Menge jeder Droge für den persönlichen Gebrauch besitzen. Jeder Erwachsene kann diese Drogen auch legal kaufen, von einer Quelle, nennen wir sie den nationalen Drogenanbieter. Natürlich werden der Anbieter und sein Stoff staatlich kontrolliert.
Was wäre die Folge? Die Drogen sind nicht mehr in den Händen von mafiösen Kartellen. Man zerstört ihnen das Geschäft, die tausendfache Gewinnmarge, die nur die Prohibition ermöglicht. Man zerstört somit auch ihre Macht. Stattdessen sind die Drogen in den Händen des Staates und werden besteuert wie Tabak oder Alkohol. Statt der Mafia oder der Warlords in Afghanistan verdient jetzt das Finanzministerium. Statt Krimineller verkaufen lizenzierte Anbieter den Stoff. Und all die Milliarden, die für den Drogenkrieg ausgegeben werden, für Soldaten, Gefängnisse, Strafverfolgung, fließen künftig in die gesundheitliche Aufklärung. In Drogenprävention und Suchtbehandlung. In die gezielte Bekämpfung des Drogenschwarzmarkts, der sich trotz Legalisierung bilden wird. "Wie klingt das?", fragt Nadelmann.
Nach einem großen Experiment, von dem niemand weiß, wie es ausgeht.
Nadelmann ist Realist. "Wenn wir heute über Legalisierung reden, dann heißt das: nur Marihuana. Nichts anderes."
Natürlich gibt es Gegenstimmen und Gegenargumente. Haufenweise.
In Wien, in einem riesigen Büro mit Blick über die Stadt, sagt Juri Fedotow: "Legalisierung ist der falsche Weg." Fedotow ist Russe, hat Hände wie Bratpfannen und ist seit bald drei Jahren Chef der UNODC: der Uno-Behörde für Drogen- und Verbrechensbekämpfung.
Fedotow lässt einige Zahlen in den Raum tropfen. An der legalen Droge Alkohol sterben jährlich weltweit rund 2,3 Millionen Menschen. Bei Tabak sind es sogar 5,1 Millionen. Bei illegalen Drogen hingegen sind die Zahlen weit niedriger. 200 000 Menschen fallen jährlich Heroin, Kokain oder Crack zum Opfer. Für die Uno ist das ein Erfolg der Prohibition.
Juri Fedotow sagt, es sei illusorisch zu glauben, durch die Legalisierung von Drogen könnte man die Macht der Kartelle brechen. Denn die Drogen sind nur ein Teil ihres Geschäfts. Vielleicht die Hälfte. Die Kartelle schmuggeln heute auch Waffen, sie sind in Prostitution und Internetkriminalität verwickelt.
Vor allem aber glaubt Fedotow an eine einfache Drogenlogik, die man als gedankliche Grundlage der Prohibition bezeichnen kann: Sind Drogen legal, fehle die Abschreckungswirkung. Sind Drogen legal, werde der Zugang erleichtert. Und was legal ist, wird häufiger genommen, sagt Fedotow. Der steigende Konsum führe zu mehr Süchtigen. Und am Ende stehe die Ausweitung des Drogenproblems statt der Eindämmung.
Im Prinzip lässt sich die Drogendebatte damit auf eine Kernfrage zusammenschnüren: Was wäre, wenn? Stimmt die Drogenlogik? Gerät der Konsum außer Kontrolle ohne die Prohibition?
Niemand kann die Frage endgültig beantworten. Aber es sieht so aus, als seien heute immer mehr Menschen bereit, ein Experiment zu wagen.
Am 6. November 2012, dem Tag der Präsidentschaftswahl, sitzt Ethan Nadelmann in San Francisco auf einer Wahlparty, und sein Telefon scheint zu brennen. Nadelmann beantwortet im Akkord die Anrufe amerikanischer Medien. Alle wollen jetzt einen Satz von ihm.
Obama hat gewonnen. Viel erstaunlicher ist allerdings, dass die Bürger der Bundesstaaten Colorado und Washington an diesem Tag für Gesetzesinitiativen zur Legalisierung von Marihuana stimmen.
Jeder Erwachsene soll in Colorado und Washington zukünftig knapp 30 Gramm Marihuana legal besitzen dürfen. Und er soll es legal kaufen können - in lizenzierten Verkaufsstellen.
Für Nadelmann ist der 6. November der größte Wahltag, den er je erlebt hat. Und in der Welt reibt man sich verwundert die Augen. Legalisierung? In Amerika? Beim größten aller Drogenkrieger?
Der Harvard-Wirtschaftsprofessor Jeffrey Miron hat errechnet, dass die Freigabe von Marihuana in den USA jährliche Steuereinnahmen in Höhe von 8,7 Milliarden Dollar bringen könnte. Und Geld ist ein Argument, das selbst konservative Wähler ins Wanken bringt.
Das zweite große Argument sind die Häftlingszahlen. 2011 wurden in den USA 750 000 Menschen wegen Marihuanavergehen verhaftet. Die meisten von ihnen allein wegen des Besitzes von Marihuana. Eines Stoffes, dessen Suchtpotential geringer ist als das von Alkohol.
Vielleicht wird man einmal sagen, dass der 6. November der Beginn vom Ende der Marihuana-Prohibition war. Jedenfalls reißt er erste Löcher ins System.
In Colorado soll Marihuana legal sein, nach dem amerikanischen Bundesgesetz bleibt es aber weiter illegal. Das ist ungefähr so, als wäre es in Mecklenburg-Vorpommern erlaubt, einen Joint zu rauchen, aber sobald man Brandenburg erreicht, wieder verboten. Und wie wollen die Amerikaner den Mexikanern erklären, dass die weiterhin einen opferreichen Drogenkrieg führen sollen, damit mexikanisches Marihuana nicht über die Grenze in die USA kommt, wenn hinter der Grenze das Gras legal ist? Schwierig.
Die roten Container mit der Aufschrift "Hamburg Süd", die im Hafen von Aruba lagern, kommen irgendwann an Bord eines Frachters, der sie über den Atlantik bringen wird. Das Schiff durchpflügt den Ozean, während im Berliner Landeskriminalamt Harald Chybiak sitzt und den Kokainbedarf der Hauptstadt erklärt.
Harald Chybiak, 52 Jahre alt, leitet das Rauschgiftdezernat. Er ist Berlins oberster Drogenjäger und der letzte Mann, der das Kokain stoppen kann.
Berlin verbraucht im Jahr 3,6 Tonnen Kokain, sagt Chybiak. So viel wie keine andere deutsche Stadt. Chybiak fängt davon 100, manchmal 150 Kilo ab. "Das Allermeiste kommt durch, keine Frage."
Die roten Container, die aus Aruba stammen, sind ein gutes Beispiel. Man muss sich vorstellen, die Container werden in Aruba mit Kokain beladen. Beliebt ist die "Ripp-off-Methode", sagt Chybiak. Das heißt, die Drogen werden irgendeiner Legalware dazugegeben. Kokain liegt zwischen Bananenkisten oder wird in Maschinenbauteilen versteckt.
Im Hamburger Hafen kommen jährlich über 10 000 Schiffe an. Neun Millionen Container werden dort umgeschlagen - über eine halbe Million kommen aus Südamerika. Fahndungsamt und Zoll prüfen die Lieferpapiere auf Plausibilität und lassen verdächtige Container auch durchsuchen. Entdeckt und beschlagnahmt wird aber nur ein Bruchteil der Drogen. Ist die Ware abgeholt, wird sie über Dealer-Netzwerke verteilt. Der Stoff sickert langsam ins Land. Bis nach Berlin.
"Also, was mache ich hier?", sagt Harald Chybiak. "Ab und zu picke ich einen Streusel aus dem Kuchen, damit der Streusel, also ein Dealer, nicht zu groß wird. Das ist mein Job. Aber der Kuchen, das Geschäft, das bleibt natürlich."
Chybiak war noch nie in Kolumbien. Er hat von den Legalisierungsbestrebungen in Lateinamerika gehört, den Wahlen in den USA. Aber alles ist auch weit weg.
Martin Lindner, der FDP-Politiker, der im Fernsehen an einem Joint zog, befürwortet seit Jahren die Legalisierung von Cannabis. Im Mai, auf dem Bundesparteitag, will er beantragen, dass die Legalisierung ins Parteiprogramm der Freien Demokraten aufgenommen wird. Das wäre ein Coup.
Gerhart Baum, der ehemalige Bundesinnenminister, heute 80 Jahre alt, sagt: "Ich bin dafür, eine offene Debatte über das Für und Wider der Legalisierung von Cannabis zu führen." Aber damit steht Baum zurzeit ziemlich allein da.
Genauso wie Hubert Wimber, Polizeipräsident von Münster. Wimber ist auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Polizeipräsidenten, eine Art deutscher Oberpolizeipräsident also. Wimber sagt: Das Drogenproblem lässt sich mit Repression nicht lösen. "Sie werden keine seriöse Studie finden, die das Gegenteil behauptet." Wimber fordert die Legalisierung von Cannabis. Er kann sich sogar vorstellen, dass Cannabis "nur der erste Schritt ist", wenn man den "riesigen illegalen Drogenmarkt endlich wirksam bekämpfen will".
Aber in Deutschland fehlt, anders als in Lateinamerika oder den USA, der politische Änderungsdruck. Im Jahr 2011 gab es in Deutschland 986 Drogentote - so wenig wie seit 1988 nicht mehr. Der Drogenkonsum geht in allen Altersgruppen zurück. Warum also etwas ändern?
Die Drogentoten, die man heute im deutschen Fernsehen sieht, sind zumeist die Toten des Drogenkriegs in Mexiko oder Kolumbien. Man kann kurz erschüttert sein. Dann schaltet man um.
Leider sind Drogen ein globales Geschäft. Westeuropa verbraucht einen hohen Anteil der weltweiten Drogenproduktion. Unsere Nachfrage hält das Geschäft am Laufen. Vereinfacht ausgedrückt: Die Toten im Drogenkrieg gibt es auch deshalb, weil wir vom Stoff nicht lassen können.
Werden wir uns ändern? Wir haben uns, als Konsumenten, in 40 Jahren Drogenkrieg kaum geändert. Aber wir könnten über eine neue, effektivere Drogenpolitik nachdenken. Wenigstens das.
Man sitzt bei Harald Chybiak im Landeskriminalamt und muss an General Pérez denken, den Drogen-Cop aus Kolumbien. Chybiak und Pérez haben den gleichen Job: Drogenbekämpfer. Aber Pérez ist im Krieg. Chybiak sucht Streusel.
Trotzdem sieht Chybiak nicht unglücklich aus. Was soll er tun? "Erhöhen wir den polizeilichen Druck, erhöhen wir auch den Preis für den Stoff. Und somit den Anreiz, in das Geschäft einzusteigen." Eine polizeiliche Lose-lose-Situation.
Ganz am Ende - nach einer langen Reise von den Kokafeldern Putumayos auf die Karibikinsel Aruba über den Ozean nach Hamburg und nach Berlin - muss das Kokain nur noch ein paar Zentimeter zurücklegen. Durch die Nasenschleimhaut schießt der Stoff in den Blutkreislauf. Wird ins Gehirn gepumpt, dringt ins limbische System vor, wo Emotionen und Triebverhalten gesteuert werden, die Atmung beschleunigt sich, der Blutdruck steigt, die Körpertemperatur, Euphorie setzt ein - nach zwei, drei Minuten ist man high. Ein kleiner Gott. "Du bist das schönste Kind von allen, ich halt dich wie mein eigen Blut", heißt es in einem Song der Band Rammstein über Kokain.
Der Rausch hält vielleicht 45 Minuten lang an. Dem stehen 60 000 Tote in Mexiko gegenüber, zerrüttete Staaten, Milliarden Dollar Kriegskosten und Killer wie Popeye. Fast alle wissen das. Aber verzichtet deshalb jemand? Freiwillig?
Rausch, egal ob durch Kokain, Marihuana, Alkohol, ist das Gegenteil von Vernunft. Im Rausch sucht man Glück, Größe, Enthemmung, Trost, Flucht, Sinn.
Dagegen gewinnt niemand einen Krieg. Nicht mit den alten Waffen.
Lesen Sie im nächsten Heft: An der mexikanischen Grenze kämpft die US-Drogenpolizei gegen das Verbrechen - und ein verdeckter Ermittler gerät außer Kontrolle.
Von Jochen-Martin Gutsch und Juan Moreno

DER SPIEGEL 8/2013
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