18.02.2013

TUNESIENIm Labor der Revolution

Die Ermordung des Oppositionspolitikers Chokri Belaïd war auch ein Anschlag auf die entstehende Demokratie. Er stürzt das bisherige Vorzeigeland des Arabischen Frühlings ins Chaos.
Seit ihr Mann ermordet wurde, ist Basma Khalfaouis Wohnzimmer zum Warteraum der Revolution geworden. Schluchzende Frauen fallen einander in die Arme, Freunde bringen Blumen und warten auf weißen Plastikstühlen, um zu kondolieren. Alle paar Minuten tritt jemand ins Zimmer. Nur wenige Meter entfernt, auf dem Parkplatz vor dem Haus, wurde der Politiker Chokri Belaïd vor zwei Wochen erschossen, und es sieht so aus, als suche nun das halbe Land Trost bei seiner Witwe.
Auf dem Flur zwischen Wohnzimmer und Küche rennt Nada herum, seine fünfjährige Tochter, und lacht vergnügt. "Sie versteht das alles noch nicht", flüstert eine Besucherin. Nadas Vater war nicht nur ein Anführer der linken Opposition, Kritiker der Islamisten und Vorkämpfer für eine säkulare Demokratie in Tunesien. Er war für viele ein Idol, ein Volksheld.
Dann, am Morgen des 6. Februar, wurde er mit vier Kugeln niedergestreckt und starb im Krankenhaus. Die Täter sind noch nicht gefasst, aber das Attentat und die Gewalt auf den Straßen danach offenbaren die tiefen Risse in der tunesischen Gesellschaft. Die Furcht vor den Islamisten ist so groß wie nie zuvor. Doch wie soll das eine Fünfjährige verstehen?
In Tunesien begann vor mehr als zwei Jahren der Arabische Frühling, mit einem Gemüsehändler, der sich anzündete. Das Feuer griff zunächst auf das Land über, dann auf die gesamte Region. Das tunesische Volk jagte seinen Herrscher Zine el-Abidine Ben Ali aus dem Palast. In den Monaten danach gründeten sich Parteien, der Anführer der islamistischen Nahda-Partei, Rachid Ghannouchi, kehrte aus dem Exil zurück. Das Volk wählte zum ersten Mal frei, 37 Prozent stimmten für die Nahda. Kurz darauf begannen radikale Salafisten, Studentinnen anzugreifen und Sufi-Schreine zu zerstören.
Tunesien ist das Labor der Revolution, hier läuft ein Experiment, das Auswirkungen auf die gesamte Region haben könnte. Islamisten und Säkulare testen, ob und wie sie miteinander auskommen. Es ist der Versuch einer islamisch geprägten Form von Demokratie. Aber im Moment sieht es nicht besonders gut aus, die Euphorie des Anfangs ist verschwunden. Das Land hat sich gespalten, vor allem in solche, die einen islamischen Staat wollen, und andere, die für eine Demokratie nach westlichem Vorbild eintreten. Die Gräben sind tief, und daher war Chokri Belaïd nicht einfach nur ein weiteres Opfer der Revolution, seine Ermordung war ein Anschlag auf die entstehende Demokratie in Tunesien.
Wie viele Trauernde, die den Tod ihres Geliebten nicht begreifen können, spricht Belaïds Witwe in der Gegenwartsform über ihren Mann, obwohl er längst begraben ist. Sie hat sich in ein dunkles Hinterzimmer der Wohnung zurückgezogen. "Chokri ist immer sehr beschäftigt", sagt Basma Khalfaoui. "Morgens liest er alle Zeitungen, die er kriegen kann, meist arbeitet er bis spät in der Nacht. Manchmal schläft er nur zwei Stunden."
Sie hatten sich Ende der neunziger Jahre an einer Universität in Tunis kennengelernt, sie war 29, er 34. Beide studierten Jura. Unter den Studenten war Chokri Belaïd bekannt als Revolutionär und linker Aktivist. Als 2008 die Arbeiter in den Phosphatminen in der südtunesischen Region um Gafsa gegen Korruption und Arbeitslosigkeit protestierten, fuhr er zu ihnen, um den Streit zu schlichten.
Gafsa war nur das Vorbeben einer viel gewaltigeren Verschiebung, aber das wusste er damals nicht. Die Unruhe in der Bevölkerung nahm zu, und Belaïd reiste von Stadt zu Stadt, hielt Reden, organisierte Versammlungen und unterstützte Arbeiter und Gewerkschaften in ihrem Kampf um höhere Löhne. Dann zündete sich der Straßenhändler Mohammed Bouazizi an.
In der Hoffnung auf einen Neuanfang begann Chokri Belaïd mit anderen Aktivisten, aus seiner "Bewegung Demokratischer Patrioten" eine Partei zu formen. Die "Demokratischen Patrioten" sind zwar nur mit einem Sitz im Parlament vertreten, doch mit seiner lautstarken Kritik an der mitregierenden islamistischen Nahda-Partei machte Belaïd sich viele mächtige Feinde.
Nach dem Mord beschuldigte ein Bruder Belaïds den Nahda-Vorsitzenden Rachid Ghannouchi, dahinterzustecken. Ghannouchi ist der vermutlich einflussreichste Mann in Tunesien, seine Nahda verfügt über jede Menge Geld, über Hunderte Ortsvereine und Jugendgruppen. Es gibt viele Spekulationen über Ghannouchis wahre Agenda, doch bislang ist es ihm gelungen, islamistische Scharfmacher und liberale Muslime zusammenzuführen. Auch deshalb gilt al-Nahda als die moderateste der islamistischen Parteien in der Region, weitaus gemäßigter als etwa die Muslimbruderschaft in Ägypten. Rachid Ghannouchi ist der Dompteur, der Löwen und Zebras in einem Käfig hält.
Der Parteichef schleicht gebückt von seinem Schreibtisch in der Parteizentrale zum Sofa. Im Juni wird er 72, und er sieht nicht aus, als habe er zuletzt viel Schlaf bekommen. Chokri Belaïd war einer seiner größten politischen Gegner, aber Ghannouchi hält das Attentat dennoch für eine Katastrophe. "Wir leiden auch darunter", sagt er. "Instabilität schadet uns genauso wie den anderen."
In den vergangenen Tagen wurde immer wieder verbreitet, Ghannouchi sei nach London abgereist, wo er mehr als zwei Jahrzehnte im Exil lebte. Das Gerücht hielt sich, obwohl er im Fernsehen Interviews gab. Er sagt, es müsse Schluss sein mit den falschen Anschuldigungen gegen ihn und die Partei.
Für den Mord macht er die Anhänger des alten Regimes verantwortlich. "Sie haben ein Motiv, das System zu erschüttern." Belaïd sei nicht ihr eigentliches Ziel gewesen, mit dem Attentat wollten sie die Institutionen des Landes schwächen und langfristig die Macht zurückerobern.
Aber Ghannouchi gibt zu, dass von den radikalen Islamisten Gefahr ausgehe, das ist ein seltenes Eingeständnis für einen Islamisten. "Sie üben Druck auf die Regierung aus", sagt der Parteichef. Er spürt ihn ja selbst. Vor der Wahl hofften die Radikalen, dass Ghannouchi in Tunesien die Scharia einführen werde. Seine Partei hat es nicht getan, bisher. Ghannouchi seufzt. "Die Regierung ist eingezwängt zwischen den Salafisten auf der einen und den Linken auf der anderen Seite." Es liege an der Armut, dass die Salafisten an Einfluss gewännen. "Wir müssen den moderaten Islam verbreiten und dazu beitragen, dass sich das Land entwickelt."
Vielleicht werden ihn die Ereignisse überholen. Vielleicht überholt ihn bald sogar seine eigene Partei. Die extremen Islamisten innerhalb der Nahda rufen zu Kundgebungen auf. Ihnen missfällt die säkulare Botschaft von Männern wie Chokri Belaïd. Obwohl sich vor allem die Tunesier der Küstenregion schon lange mehr zu Europa zählen als zu Nordafrika, sind die radikalen Nahda-Anhänger und Salafisten entschlossen, gegen die gefühlte Verwestlichung vorzugehen.
Etliche von denen, die vor zwei Jahren gegen den Diktator auf die Straßen zogen, haben sich dem Salafismus zugewandt. "Ghannouchis Partei hat uns betrogen", sagt Naoufel Derouich. Er hat sich vor dem Regen unter ein Vordach der Fath-Moschee geflüchtet, eines Treffpunkts der Salafisten. Die tunesische Regierung schätzt, dass bis zu einem Zehntel der etwa 5000 Moscheen im ganzen Land von radikalen Imamen kontrolliert werden - und die ziehen vor allem junge Leute an.
"Keine Regierung wird auf unserer Seite sein", sagt Derouich, "ganz gleich, welche Partei gerade an der Macht ist." Selbst al-Nahda werde seine Forderungen nicht unterstützen, auch sie habe ja bisher nicht die Scharia eingeführt.
Naoufel Derouich ist 30 Jahre alt, trägt einen langen Bart und ein dunkles Gewand. Er betreibt vor der Moschee einen Stand, wo er religiöse Schriften, aber auch Seife, Parfum und Kapuzenmäntel gegen die Winterkälte anbietet. Sein Vater arbeitet auf dem Bau, der Sohn hat einen Master in Informationssicherheit. Derouich sagt, er wolle Lehrer werden, aber er finde keine Stelle. "Und was mache ich stattdessen? Ich verkaufe Seife!"
Wie viele Salafisten in Tunesien glaubt er, der "Westen" habe das Attentat auf Chokri Belaïd verübt, um Zwietracht zu säen. Jede Gruppe feilt an ihrer eigenen Theorie. Die Linken beschuldigen die Islamisch-Konservativen, die Konservativen beschuldigen die Anhänger des Regimes von Ben Ali, und die Salafisten beschuldigen die Franzosen. Diejenigen, denen das alles zu absurd erscheint, beschuldigen die Revolutionskomitees.
Offiziell nennen sich die Komitees "Liga zum Schutz der Revolution", manche bezeichnen sie als Schlägertrupps. Sie rufen zu Demonstrationen auf, organisieren Sitzblockaden und wollen verhindern, dass die einstigen Regimetreuen wieder an die Macht gelangen. Es soll etwa 500 Ligen im Land geben. Viele ihrer Mitglieder litten unter der Diktatur und saßen im Gefängnis. Andere Komitees wiederum sind durchsetzt von Salafisten, die ebenfalls unter Ben Ali verfolgt wurden. Inzwischen werden die Ligen für einen Teil der Gewalt im Land verantwortlich gemacht. Kurz vor seiner Ermordung griff Chokri Belaïd die Komitees im Fernsehen an und bezichtigte die Nahda-Partei, mit ihnen zu kooperieren.
Der Vorsitzende des Revolutionskomitees von Tunis bestreitet, dass die Ligen gewalttätig sind. Er bestreitet auch die Zusammenarbeit mit Islamistenführer Ghannouchi: "Vielleicht zehn Prozent von uns sind Parteimitglieder." Er heißt Mustafa Tahari und erklärt ausführlich, wie unabhängig die Komitees von der Regierung seien, während er in einem Gebäude des Finanzministeriums sitzt und sich Limonade bringen lässt. Hinter ihm stehen drei junge Männer und verschränken die Arme vor der Brust.
Die Angst der Opposition vor Tahari und den anderen selbsternannten Revolutionswächtern ist seit dem Attentat gewachsen. "Vor der Wahl 2011 ging die Gewalt vor allem von Banden und Kriminellen aus, sie war lokal begrenzt", sagt Hamma Hammami, ein Freund von Chokri Belaïd und selbst einer der bekanntesten Linken. "Jetzt schafft die Nahda ein Klima der Aggressivität. Die Partei will keine Demokratie, sondern eine religiöse Diktatur für dieses Land." Hammami erhält fast täglich Drohungen, gerade hat ihm der tunesische Präsident Leibwächter zur Verfügung gestellt.
Basma Khalfaoui, die Witwe, erlebte die zwei Jahre nach dem Sturz Ben Alis als überwiegend ruhig, trotz all der Drohungen. Sie hielt sich politisch zurück und überließ das Reden ihrem Mann. Doch nach dem Attentat hat sich das geändert. Sie ist zur Aktivistin geworden, gibt Interviews, nimmt an Demonstrationen teil, protestiert gegen die Regierung. Ihre Freunde sagen, Basma Khalfaoui müsse jetzt auf sich aufpassen.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 8/2013
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