14.10.1996

Murks mit Majonäse

Lächerlich, überflüssig, zu teuer, verwirrend, unsinnig: So schelten immer mehr Schriftsteller, Verleger und andere Intellektuelle den staatlich verordneten „Neuschrieb“, der jetzt als sogenannte Rechtschreibreform auf ABC-Schützen, Verlage, Autoren, Leser niederquasselt. Eine denkwürdige Rebellion der Poeten gegen sture Orthographie-„Terroristen“.
George Orwell ist an allem schuld. Als der 20jährige Sohn des Weilheimer Deutschlehrers Friedrich Denk Ende September aus dem Urlaub kam, hatte er den Roman "1984" gelesen: Doppeldenk und Neusprech. Der Maschinenbau-Student öffnete dem Vater die Augen: "Du mußt etwas unternehmen."
So begann eine Attacke auf die Rechtschreibreform, die innerhalb von 14 Tagen das Land der Dichter und Denker mobilisierte. Für Lehrer Denk, 53, der auf Geheiß des bayerischen Kultusministeriums jetzt schon jedes "daß" mit grüner Tinte unterkringeln und am Rande mit "ü" für "überholt" markieren muß, begann ein Wettlauf mit der Zeit.
Um den "Terror durch Orthographie" (Denk) doch noch aufzuhalten, setzte er eine Protestresolution mit zehn Argumenten auf und verschickte 50 Briefe, die das oberbayerische Städtchen nur deshalb rechtzeitig verließen, weil der zuständige Postbeamte noch um 18.30 Uhr höchste Stempelbereitschaft zeigte. Dann kaufte sich Denk ein Handy.
Fünftausend Flugblätter nahm er mit auf die Frankfurter Buchmesse. Nach den ersten prominenten Unterschriften entwickelte sich das Schneeballsystem der Mediendemokratie. Während die Nachrichtenagentur AP noch glaubte, daß es einen Herrn Denk gar nicht gebe, verbreitete dpa schon den Aufstand der Dichter. Der Rest war ein Selbstläufer.
Ginge es nach den vielen Autoren, Publizisten, Philosophen, Verlegern und Bibliothekaren, die Anfang vergangener Woche, zum Abschluß der Buchmesse, mit Denks "Frankfurter Erklärung" die Feuilletons stürmten, dann könnte die Reform der deutschen Rechtschreibung, seit Generationen diskutiert, seit Jahrzehnten über viele Hürden bugsiert und diesen Juli international besiegelt, doch noch kippen.
"Umgehend", fordern die versammelten Schreib-Arbeiter, müsse Schluß sein mit einem Vorhaben, das "Millionen von Arbeitsstunden vergeuden, jahrzehntelange Verwirrung stiften, dem Ansehen der deutschen Sprache und Literatur im In- und Ausland schaden und mehrere Milliarden DM kosten würde". Schluß zudem mit einem Plan, der verschwörungsartig "von einer kleinen, weitgehend anonymen Expertengruppe" durchgezogen worden sei.
Die Rebellen selbst wollen nicht anonym bleiben. Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Günter Grass, Siegfried Lenz, Botho Strauß, Ernst Jünger, Patrick Süskind, Hilde Domin und Günter de Bruyn sind nur die bekanntesten von über 300 Namen einer Liste, die sich mittlerweile zu einem Who's who des intellektuellen Establishment erweitert hat.
"Chaos" und "Murks" auf Anordnung "sogenannter Fachleute" seien die Reformpläne, schimpft Zeitgeschichts-Romancier Walter Kempowski (siehe Gespräch Seite 276). Martin Walser setzt gegen die "Zentralismusblüten" der Vereinheitlichung "Herkunft" als Maßstab (siehe Seite 270). Hans Magnus Enzensberger weigert sich ebenso, kommissionäre "Sesselfurzer" über sein Schriftbild bestimmen zu lassen, nennt die Regeln einen "Amtsfetisch" und ruft die Autoren als die "wahren Gesetzgeber" zum Widerstand auf (siehe Seite 266).
Von Ilse Aichinger bis Ludwig Harig, von Eckhard Henscheid bis Günter Kunert, vom kleinen Lehrer bis zur renommierten Akademie für Sprache und Dichtung: Die Größen der schreibenden Zunft begehren auf. Verleger machen mit: Schulbuch-Schöngeist Michael Klett, Dandy Joachim Unseld und Bildband-König Benedikt Taschen. Dicht daneben folgen akademische Doyens: der Göttinger Goethe-Forscher Albrecht Schöne, dazu Wolfgang Frühwald, Brentano-Fachmann und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ja selbst der ehrwürdige Münchner Übersetzer Friedhelm Kemp und der nicht minder legendäre Liedinterpret Dietrich Fischer-Dieskau.
Publizisten und Publikatoren, Politologen und Philosophen, alle eint der Protest gegen ein Vorhaben, das so unbeliebt war, aber auch so unabwendbar schien wie ein Steuerbescheid. Daß das "daß" in nicht allzu ferner Zukunft zum "dass" werden, daß "nummeriert" und "platziert" werden soll, ist bescheidenes, wenngleich einschneidendes Ergebnis langer Vorarbeit.
Seit die Kultusminister im November 1955 nach einem gescheiterten Reformversuch die Sprachhoheit teilweise dem Duden übertrugen - "In Zweifelsfällen sind die im ,Duden' gebrauchten Schreibweisen und Regeln verbindlich", heißt es in der "Stuttgarter Erklärung" -, verging kein Jahrzehnt ohne neue Vorschläge. Denn die wenigen Duden-Neuerungen, die alle paar Jahre erschienen, spiegelten nur einen biederen Status quo (siehe Seite 274). Zuwenig für die Reformer, die in ihrem Hauptquartier, dem Mannheimer Institut für deutsche Sprache (IDS), unermüdlich herbere Kuren ausarbeiteten. Wichtigstes Anliegen: die gemäßigte Kleinschreibung, die angeblich nicht bloß der europäischen Angleichung, sondern vor allem der Chancengleichheit in der Schule zugute käme.
Sosehr indes die Minuskelfans auf das Emanzipationsklima der 68er hofften, ihre orthographischen Plattenbauten gefielen nicht. Dennoch favorisierte der 1980 gegründete "Internationale Arbeitskreis für Orthographie", in dem mehr als 80 Linguisten und Pädagogen aus der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und Österreich vertreten waren, aber kein einziger Schriftsteller saß, über viele Jahre trotzig das Kleinschreib-Dogma. Noch 1992 schlug Wolfgang Mentrup, altgedienter Koordinator der überstaatlichen Linguistentruppe, mit seinen Kollegen drei "Regelungsvarianten" vor, deren härteste wieder eine nahezu völlige Kleinschreibung umfaßte.
Auch von der sanftesten Variante aber blieb nach langen Verhandlungen nur ein magerer Rest, der im November 1994 auf einer Konferenz in Wien beschlossen wurde - bereits endgültig von Österreich, der Schweiz und sieben weiteren Staaten mit deutschsprachigen Minderheiten, von der deutschen Delegation allerdings nur unter dem föderalen Vorbehalt, daß die Kultusministerkonferenz sie billigen müsse.
Dies aber verhinderte Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), der in einem SPIEGEL-Gespräch (37/1995) weitere Änderungen forderte und damit "einen gewaltigen medialen Donnerhall" (Zehetmair) auslöste. Neue Überarbeitungen folgten. Ende November 1995 verabschiedeten die deutschen Kultusminister dann die letzte Version, die Ministerpräsidenten der Länder stimmten Mitte Dezember zu. Am 1. Juli dieses Jahres haben Vertreter der deutschsprachigen Staaten und Regionen die Neuregelung schließlich unterzeichnet.
In Zukunft soll nun
‣ mehr getrennt als zusammen (Rad fahren statt radfahren), mehr groß als klein (Schuld geben statt schuld geben) geschrieben werden;
‣ die Kommasetzung lockerer gehandhabt werden;
‣ ß nach kurzem Vokal durch ss ersetzt werden (Paradefall: dass statt daß);
‣ s-t wie s-p getrennt werden (Wes-te statt We-ste);
‣ immer so getrennt werden, wie die Silben gesprochen werden: Zu-cker statt Zuk-ker (Fremdwörter können auch wie bisher getrennt werden).
Ärger haben bei Profis weniger die klaren Umstellungen als die zahllosen Kann-Bestimmungen und Variantenlösungen hervorgerufen. Wenn Panter und Tunfisch möglich werden, aber Panther und Thunfisch Hauptformen bleiben, entsteht eine mentale Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und wenn Schüler sowohl aufwendig als auch aufwändig, selbständig ebenso wie selbstständig schreiben dürfen, schwindet die Klarheit bedenklich.
Unsicher wird durch die Neuregelung sogar, wo im Zweifelsfall Hilfe zu finden wäre. Denn der Duden hat seine Maßgeblichkeit eingebüßt. In Zukunft gibt es eine zwischenstaatliche Kommission für die deutsche Rechtschreibung mit Sitz - natürlich - beim IDS in Mannheim. Der Expertenrunde werden sechs Wissenschaftler aus Deutschland, drei aus der Schweiz und drei aus Österreich angehören. Die Fachleute sollen laut amtlicher Abmachung "die künftige Sprachentwicklung" beobachten und "Vorschläge zur Anpassung des Regelwerks" erarbeiten, "soweit erforderlich".
Zwingend verbindlich werden soll die neue amtliche Rechtschreibung freilich allein in Behörden und Schulen. Nur wer dort Mayonnaise statt Majonäse schreibt, macht dann einen Fehler. Schriftsteller hingegen brauchen sich weiterhin um die neue Orthographie nicht zu kümmern.
Viele Ausgaben älterer Dichtung wenden schon die aktuellen Rechtschreibregeln nicht konsequent an. Gottfried Honnefelder, Leiter des Deutschen Klassiker Verlags, läßt "weitgehend Groß- und Kleinschreibung, Lautstand und Interpunktion der jeweiligen Zeit" beim alten. Der Deutsche Taschenbuch Verlag, dessen Chef Wolfgang Balk die Denk-Petition vehement unterstützt ("Kulturpolitisches Desaster"), will nächstes Jahr eine Reihe von Klassikern in "Erstausgaben" herausbringen, ohne jede Modernisierung.
Langfristig aber würden solche Sonderprojekte den Zug der Mehrheit nicht aufhalten. Übernehmen erst viele Tageszeitungen und Publikumszeitschriften die neuen Regeln, dann werden immer mehr Druckerzeugnisse nachziehen, vor allem neue Bücher. Irgendwann müßte, auch mit Rücksicht auf die Schulpraxis, selbst die große klassische Literatur entsprechend den Neuerungen gedruckt werden.
Gerade Klassiker-Verleger sind darum empört. Michael Krüger vom Hanser Verlag fürchtet wegen des Finanzaufwands eine "Verarmung des Verlagsprogramms" und will nur "mit knirschenden Zähnen so langsam wie möglich" folgen, genauso Honnefelder (siehe Seite 281). Andere wollen die neuen Regeln allenfalls bei neuen Werken berücksichtigen, oder wenn ein Buch überarbeitet wird.
Gotthard Erler, Geschäftsführer des Berliner Aufbau Verlags, hält die Reform für kosmetischen "Schwachsinn", der das Durcheinander vermehre. Nur Angelika Wellmann vom Rowohlt Verlag hält beruhigend dagegen: "Wir stampfen keine Bücher ein. Bei bedeutenden Autoren wie Tucholsky wird sich kurzfristig überhaupt nichts ändern."
Bezifferbare Sorgen haben vor allem die Schulbuchverleger. Für sie sind die Übergangsfristen allzu knapp kalkuliert. An die 300 Millionen Mark, hat ihr Fachverband errechnet, koste allein die Korrektur der 30 000 Schulbuchtitel, 10 000 Mark pro Band. "Verantwortungslos" nennt Michael Klett die Aktion, die ein "Dienstleister" wie sein Verlag "leider" nicht umgehen könne. Auch der Lexikon-Konzern Langenscheidt muß fünf bis zehn Millionen Mark investieren, um rund 3500 Titel überarbeiten zu lassen.
Die Wörterbücher selbst sind freilich lange ausgeliefert und erobern gerade die Bestsellerlisten - der Dudenverlag jubelt über den "mit Abstand größten Erfolg in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Verlagswesens". Schreibprogramme werden angepaßt: Die Firma Microsoft etwa will zur Jahreswende ein Update für die Rechtschreibprüfung ihres Textverarbeitungsprogramms Word auf den Markt bringen.
Selbst etliche Lehrer haben sich seufzend mit der Neuregelung abgefunden, Lektorate und Schlußredaktionen ihre Vorbereitungen abgeschlossen. In rund der Hälfte der Bundesländer lernen Erstkläßler seit Beginn dieses Schuljahres nach den neuen Rechtschreibregeln. Und jetzt, jetzt erst kommen Denk & Co.
Kein Wunder, daß die meisten Feuilletonisten den Aufruf und seinen überraschenden Erfolg kaum ernst nehmen mochten. "Endlich wieder Protestgeschrei auf der Buchmesse", kicherte die Süddeutsche Zeitung über die Literaten ("Sind sie nicht süß?") und erklärte dann markig: "Ob einer souverän über Sprache verfügt, läßt sich an allem Möglichen ablesen, aber gewiß nicht an alten oder neuen Rechtschreibregeln."
Offizielle Vertreter der Reform zeigten sich weniger humorvoll. Milliarden kosteten die Änderungen keineswegs, entgegnete Karl-Heinz Reck (SPD) aus Sachsen-Anhalt, derzeit Präsident der Kultusministerkonferenz. Neu gedruckt werden müßten ohnehin nur einige Nachschlagewerke und Schulbücher - bei einer Übergangsfrist bis zum Jahr 2005 und normalem Austausch, so der Minister, kein Extraaufwand.
Wie das nachzüglerische Lamento der Intellektuellen-Riege mit deren sonst "wacher Wahrnehmung" zusammenpasse, kann Gerhard Stickel, Leiter des Mannheimer IDS, nicht begreifen. Sein Kollege Klaus Heller aus Leipzig, seit 1974 am Reformerzirkel beteiligt, hält den Protest für "völlig deplaziert, die Herrschaften hatten mindestens zwölf Jahre Zeit gehabt, sich zu melden". Auch Hans Zehetmair hat den Eindruck, "die Unterzeichner der ,Frankfurter Erklärung' kommen gerade von einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt zurück".
Denk und seine wachsende Truppe hingegen lassen sich nicht beirren: Wer spät kommt, hat deswegen noch nicht unrecht. Zuversichtlich erklären sie, daß durchaus Zeit genug sei für ein Rollback, eine konservative Revolution von unten. Nach ihrer Ansicht ist die Reform
‣ ein finanzieller Schildbürgerstreich, da nur ein halbes Prozent des Textbildes verändert werde;
‣ überflüssig, konfus, falsch und so hübsch wie "Pickel im Gesicht";
‣ ein Angriff auf den Wortschatz, ein Anschlag auf das Lesevergnügen, Quelle jahrelanger "Verwirrung und Verärgerung" und überhaupt Quälerei, Betrug und Zwang;
‣ Abschreckung und Verwirrspiel für lernwillige Berufsanwärter oder Fremdsprachler;
‣ keineswegs fortschrittlich, ja sozial fatal, da oftmals Varianten erlaubt würden, die "die Unbildung des Schreibenden" zeigten;
‣ vor allem aber "ein Milliardengeschäft, das wir bezahlen sollen".
Besonders mit der Verschwendungsthese hat Denk Geister hinter sich gebracht, die von Volksbegehren oder vom Aktionismus der Unterschriftenlisten, einem beliebten Ritual der 68er, nie viel wissen wollten.
Eine Mehrheit, die plötzlich nicht mehr schweigt, scheint sich zu sammeln: 87 Prozent ihrer Leser, fand etwa die Hamburger Morgenpost vorige Woche in einer Blitzumfrage heraus, würden die Änderungen mit Freuden stoppen.
Unverhofft ist so das Dichter-Manifest zu einer Bürgerbewegung angewachsen, aber auch die Reihen der Befürworter haben sich zu einer obrigkeitlichen Widerstandsfront verhärtet - beides bezeichnend für ein Land, in dem der Streit um Formalien schon immer Volkssport war. Kaum irgendwo wird bohrender am Geschriebenen gedeutelt als in der Nation des Sprachpatriarchen und Textgläubigen Luther ("Das Wort sie sollen lassen stan").
Traditionsverliebte Schulfüchse gab es schon immer überall. Nirgendwo aber glaubten Rechtschreibrevoluzzer auch so inbrünstig daran, daß sie durch Änderung von Schreibweisen ihre Mitmenschen zum Wahren, Guten und Schönen erziehen könnten. Deutschland, das Land der Buchstäblichkeit: Die Orthographie des Grönländischen etwa wurde 1851 von einem deutschen Missionar ersonnen - kein Zufall, sowenig wie Friedrich Hölderlins Glaube, er werde den wahren Hauch des Göttlichen besser als jeder andere bannen, indem er "Othem" statt "Atem" schrieb. Überall im seit je national angekränkelten deutschen Denken finden sich die Symptome für den unauslöschlichen Herzensdrang zur Weihestätte des Menschseins, der Sprachform.
Verbindend im Polit-Patchwork nach dem Dreißigjährigen Krieg konnte nur die "Teutsche Haubt Sprache" sein, die der Pfarrerssohn Justus Georg Schottel, erster prominenter Benutzer des Worts "Rechtschreibung", um 1650 festzuhalten begann - umgeben von Sprachgesellschaften, die in barocker Vereinsmeierei das noch lang als barbarisch geschmähte teutonische Mundartgewirr zum neuen Musenidiom veredeln wollten.
Eifernde Neuerer bekamen auch damals schon Gegenwind zu spüren. So wollte der Dichter Philipp von Zesen, Gründer einer "Deutschgesinnten Genossenschaft", nicht nur "Botaniker" durch "Krautbeschreiber" oder "Fenster" durch "Tageleuchter" ersetzen, er versuchte auch, die "undeutschen" Laute ph, c, x und y ganz abzuschaffen - und machte sich mit seiner Radikalität im öffentlichen Sprachdienst alsbald zum Gespött.
Nicht brutaler "Zesianismus", sondern konservativer Ordnungssinn regelte die Schreibszene. Hieronymus Freyer etwa, ein Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs, entwickelte in seiner "Halleschen Rechtschreibung", die in Schulen rasch Standard wurde, erste Regeln zur Groß- und Kleinschreibung. Freyer hielt am alten fest, wo es ging - wie sein Nachfolger Johann Christoph Adelung, dessen wirkungsvoller "Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart" im "Werther"-Jahr 1774 zu erscheinen begann.
Orthographische Putschversuche gab es indes immer wieder. Starpoet Friedrich Gottlieb Klopstock etwa verkündete 1778 ein Allround-Prinzip: "Das Gehörte der guten Aussprache nach der Regel der Sparsamkeit zu schreiben." Was elitäre "Mönchsortografi" von einst, was Sprachentwicklung und viele Zufälle im Schriftbild hinterlassen hätten, sei Mumpitz.
Weg also mit den unlogischen Dehnlauten ("ziehen") und den Spurenelementen alter Sprachen ("Rhythmus"). Keiner solle mehr "gemalte Gerüche" lernen müssen, von denen ohnehin nichts zu hören sei. "Wider di Ortografi, di ich forschlage", so der Dichter selbstbewußt, sei "noch kein Einwurf gemacht worden, dän ich nicht in der Ferne kommen gesen".
Doch das "wichtiche Ferbeserungsgescheft" des Hamburger Poeten wurde überall verlacht. "Der alte stolze Narr ist dem delirio nahe", zischte Jung-Meisterdenker Johann Gottfried Herder. Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg, gerade einer, auf den Klopstock zählte, machte gar den "Forschlach künftig keine Bainklaider mer zu tragen" und schrieb einem Bekannten sarkastisch: "Das Buch wird file ferführen, mich ferfürz nicht."
Auch den Sprachpräger Goethe nicht, der Rechtschreibfragen ohnehin mied, so gut er konnte. "Ein Wort schreibe ich mit dreierlei Orthographie, und was die Unarten alle sein mögen, deren ich mich recht wohl bewußt bin und gegen die ich auch nur im äußersten Notfall zu kämpfen mich unterwinde", beichtete er 1812 nonchalant seiner Verbindungsdame bei der österreichischen Kaiserin, Gräfin Josephine O'Donell. Für seine Werkausgabe stellte er später ein Redakteursteam an, das den Kleinkram regeln mußte - und sich natürlich beflissen ans Übliche hielt.
Nicht einmal Märchensammler Jacob Grimm, der aus Nationalstolz am liebsten alle Wörter nach alten Quellen rückzüchten wollte, konnte das Faible fürs Gewachsene brechen. Als er in mittelalterlicher Art seine Bücher und Briefe klein zu schreiben anfing, weigerte sich schon sein Bruder Wilhelm mitzumachen. Nur einige von Grimms Kollegen übernahmen die Sitte der Kleinschreibung.
Die Minderheitsmarotte lebte unter Philologen bis um die Zeit von 1900 fort, als es längst eine einheitliche deutsche Orthographie gab. Sie war nicht ohne Mühe entstanden: Als die Kommission schließlich 1879 und 1880 ihre Vorschläge für Bayern und Preußen veröffentlichte, brach eine Protestwelle los. Statt Gleichniß sollte es Gleichnis und statt Noth und Theil Not und Teil, aber weiterhin That, Thor und Unterthan heißen. Bismarck persönlich versuchte, seine Beamten "bei gesteigerten Ordnungsstrafen" von derlei Neuerungen abzuhalten.
Aber der Eiserne Kanzler intervenierte vergebens - zu rasch hatten Buch- und Zeitungsverlage sich der neuen Regelung angepaßt. "Doch ist der Wunsch wohl allgemein, die baldige Wiederholung einer derartigen Reform der Orthographie vermieden zu sehen", formulierte Meyers Lexikon von 1888 den latenten Groll.
Daß er weiterschwelte, dafür sorgte schon die 2. Orthographische Konferenz in Berlin, deren Vorschläge 1902 amtlich wurden und bis heute gelten. Noch 1915 trauerte Wiens Welt- und Sprachgewissen Karl Kraus dem in vielen Wörtern ausgemerzten h in seiner "Elegie auf den Tod eines Lautes" nach:
Wie haucht der werthe Laut den Thau zu Perlen
in Geistes Strahl.
Sie vor die Sau zu werfen, diesen Kerlen
ist es egal.
Kein Wort darf Seele haben, der Barbare,
er lebt so auch.
Sein Stral ist Strafe, Wort ist Fertigware
zum Sprachgebrauch.
Ohne private Seelensuche in der Schrift fehlte eben vielen etwas. So hielt Denker Martin Heidegger zeitlebens am "Seyn" fest, weil er das Urziel seiner Existenz-Grübelei vom Mediengerede der Moderne freihalten wollte.
Auch Thomas Mann, Anhänger des amtlich verpönten Genitiv-Apostroph's und anderer Sonderformen, reagierte gleich dreimal in seinem Autorenleben empört auf Reformpläne. 1920 protestierte er gegen einen "blöder Weise geplanten Umsturz der Rechtschreibung, die ein bolschewistischer Unfug wäre". 1930 gab er sich moderat, beharrte aber auf dem sprachhistorischen Prinzip, das allein die "nationale Bildungseinheit" sichere. 1954 endlich hielt er klar zu den "Opponenten gegen die geplante Verarmung, Verhäßlichung und Verundeutlichung des deutschen Schriftbildes".
Andere wurden rabiater. Neben fast totaler Kleinschreibung und extrem karger Zeichensetzung lehrte der herrische Poet Stefan George seine Jünger die Vermeidung von ß und ph. Manche behielten "delfin", "strofe" und "profet" bis ins Alter bei.
Noch heute stilisiert manch formverliebter Autor seine Rechtschreibung nach der Epoche, von der er schreibt, gräbt Dialektformen aus wie der verschmitzte Sprachjongleur H. C. Artmann ("med ana schwoazzn dintn") oder versucht nach Art des Heide-Wortmetzen Arno Schmidt, orthographisch den "Einphall" Freudscher Triebregungen abzubilden. Doch die offizielle Schreibregelung abschaffen wollen auch die kreativsten Abweichler selten.
Voriges Jahr wagte sich immerhin der pfiffige Berliner Autor Zé do Rock mit einem Buch namens "fom winde ferfeelt" hervor, das er komplett in eigenem "ultradoitsh" geschrieben hat. Ein Grund für die Knappschreibe: "mit ultradoitsh wer was für di umwelt getan. wenn ma ultradoitsh sraibt, spart ma 10 prozent papir - di regenwelda bedanken sic."
Ähnlich handfest könnten auch die amtlichen Reformer argumentieren. Offiziell aber haben sie weit weniger Materielles im Sinn. Ginge es nach den Absichtserklärungen, müßte längst Freude herrschen über vereinfachte, klare Regeln, hilfreiche neue Ableitungen und ein Schreibklima ohne Fallen und Blamagen.
Daß dagegen nun Wutgeheul anschwillt über einstürzende Eselsbrücken, Neutönerei und entsorgte Vergangenheit, beweist die Fehlplanung. Schon die Methode, freie Auswahl anzubieten (etwa Nessessär gegen die "Hauptvariante" Necessaire), wirkt gängelnd, als taktischer Wartestand - Vertrauen kommt da keines auf.
Überhaupt: Neue Schreibung oder nicht, der Zwist wird bleiben. Längst denken die Reformer an ihr nächstes Projekt. Und längst haben viele deutsche Autoren, entnervt von der Korsettschneiderei, ihren eigenen Weg eingeschlagen.
Für die meisten, so hat sich gezeigt, ist es ein Weg dorthin, wo die gängige, zur Selbstverständlichkeit gewordene Norm sich befindet - auf seiten der Tradition. "Die vertraute Gestalt eines Wortes", sagt Walter Kempowski im Einklang mit vielen seiner Mitstreiter, erinnere den Leser an eine bestimmte "Wortfamilie", die ein Stück "Heimat" sei. So folgen die Rebellen einem alten romantischen Motiv: der ewigen Sehnsucht, dort zu bleiben, wo "noch niemand war" (Ernst Bloch) - zu Hause.

DER SPIEGEL 42/1996
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