21.10.1996

NACHRUFEin Stoff für Orson Welles

Wir haben uns seit dem Ende des für viele glimpflich ausgegangenen Hitler-Krieges daran gewöhnt, von einer Gründer-Generation zu sprechen. Ich selbst bin ja gelegentlich dazugerechnet worden, obwohl ich bis zum Erscheinen des SPIEGEL nur sieben Monate Volontariat beim damaligen Hannoverschen Anzeiger und kaum mehr als ein Jahr journalistische Erfahrung beim Hannoverschen Nachrichtenblatt der alliierten Militärregierung zu bieten hatte.
Unmittelbar nach dem Krieg wurde ich durch viele Zufälle und Nichtzufälle redaktioneller Angestellter der britischen Besatzungsmacht in Hannover. Dort lernte ich in der Pause einer Theateraufführung des Stückes von Thornton Wilder "Wir sind noch einmal davongekommen", damals Pflichtübung, einen gutaussehenden stattlichen Mann kennen, Kunststudent, wie er sagte.
Es stellte sich heraus, daß wir ähnliche Probleme hatten. Wir beide waren papierene Lizenzträger. Er für die liberale Seite einer gerade untergehenden Tageszeitung, der Abendpost, zuständig, ich für den von den Engländern gegründeten SPIEGEL. Für unsere Blätter brauchten wir Schreibmaschinen und Papier, was wir mühsam beschaffen mußten.
Man kam sich näher. Ich war gewissermaßen in mein Amt katapultiert worden, er aber suchte sich einen zugänglicheren Weg. Die ihm von der englischen Militärregierung in die Hand gegebene Jugendzeitschrift Zick-Zack benannte er 1948 in Stern um. Er machte daraus eine ernstzunehmende Illustrierte. Ich machte ein Nachrichtenmagazin neuen Typs, als dessen Erfinder Henry Luce - Gründer des Nachrichtenmagazins Time - in den USA unumstritten war.
In das Anzeiger-Hochhaus, den Höger-Bau in Hannover, wo ich während des Krieges als Volontär begonnen hatte und nun als Chef auf vier Quadratmetern residierte, zog Henri, da er keine Wohnung hatte, mit Sack und Pack ein.
Konkurrenten waren wir damals noch nicht, Freunde schon. Eine Zeitlang brachte ich, wenn ich zu ihm und seiner Frau Martha zum Abendessen kam, die Getränke mit. Das war, wie in dem unsterblichen Film "Casablanca", "der Beginn einer wunderbaren Freundschaft".
1955, auf dem ersten Flug der Lufthansa nach New York, saßen wir 17 Stunden nebeneinander. Mein Leben brauchte ich ihm gar nicht erst zu erzählen, denn die Zeit reichte kaum, daß er mir seines erzählen konnte.
Henri hatte in New York zu jener Zeit einen Stützpunkt, nämlich unsere gemeinsame Freundin Hildegard Knef, die damals in "Silk stockings" mit einigem Erfolg debütierte. Henri war begeistert, hinter der Bühne "Stage-door-Johnny" genannt zu werden. Auf dieser Reise erzählte Henri mir von seinen Plänen, aus dem Stern eine große politische Illustrierte zu machen. Ich riet ihm guten Glaubens davon ab. Der Stern wurde politisch - und erfolgreich.
Ich machte Ferien bei Henri in Positano, er bei mir auf Sylt. Nie hat es, bei aller Konkurrenz, irgendeinen Streit zwischen uns gegeben. Im Gegenteil, brauchte ich Fotos, so gab er sie mir. Die Ostpolitik Willy Brandts bereiteten wir beide vor, soweit das eben publizistisch ging.
Auf dem Parteitag der FDP in Hannover 1967 traten wir zusammen als Gegner Erich Mendes auf. Da ich als "Gast-Delegierter" nicht reden durfte, diktierte ich Henri meine im Kopf noch gar nicht vorhandene Rede in die Schreibmaschine. Ob ich reden durfte oder nicht, unterlag einer Abstimmung. Sie fiel so knapp aus, daß der Abgang Erich Mendes unausweichlich war.
Ich kannte Henri Nannen ja vor allen anderen. Er, der ein Geschäftsmann nicht war und nie einer sein wollte, war mit seiner journalistischen Existenz längst nicht mehr im Lot. Obwohl Vorstandsmitglied bei Gruner + Jahr, fühlte er sich dort als Frühstücksdirektor.
Es war die Zeit, Frühsommer 1981, wo er dem Playboy anvertraute, "bei all meiner Begabung" wisse er nicht, ob man mit mir befreundet sein könne. Ich sei ein Zyniker, und Zyniker seien nicht seine Welt. Dies war eine reichlich späte Erkenntnis. Er möchte, so sagte er in diesem Interview weiter, nicht in meiner Haut stecken.
Bei allem Wohlwollen, in seiner Haut hätte ich auch nie stecken mögen. Als die gefälschten Hitler-Tagebücher zwei Jahre später erschienen, sagte ich ihm, er, und nicht die anderen, sei verantwortlich. Er habe, genau wie ich, das Hitler-Reich gekannt. Seine Antwort: "Du hast recht."
Henri war ein Mann, der aus Niederlagen Kraft zog. Er begann ein neues Leben und schuf sich in seiner Geburtsstadt Emden ein Memorial für die uns noch verbleibende Zeit. Er und seine Frau Eske bauten die Kunsthalle in Emden, für die ganze Region ein dauerndes Vermächtnis. Hoffen wir, daß es dauernder sein wird als der Pyramiden-Tempel für Lenin auf dem Roten Platz in Moskau.
Wer war Henri Nannen? Ein Mann, der - ganz Gigolo - einer leichtbekleideten Schönheitskönigin fürsorglich die Smokingjacke umlegte, ein Mann, der für das hungernde Äthiopien 22 Millionen Mark sammelte und an Ort und Stelle verteilte. Ein Mann, der Wert darauf legte, beim Staatsbesuch Adenauers in Moskau in der ersten Reihe neben Bulganin zu stehen und später auf Breschnews Schreibtisch zu sitzen. Ein Hauptdarsteller, der auch alle Nebenrollen beherrschte?
Ich weiß nicht, wer er war. In jedem Fall ein Stoff für Orson Welles: "Citizen Henri".
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 43/1996
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