21.10.1996

AM RANDEMedien und Mädchen

Warum schreiben Frauen mehr Briefe, als sie abschicken? Warum prüfen Prinzessinnen in Märchen ihre Freier mit Rätseln? Und warum ist es so schlimm, wenn ein Mann zu einer Frau sagt: "Was denkst du gerade?"
Warum geisterte der Soldat einst durch die Tagträume junger Mädchen? Warum liebt Claudia Schiffer ausgerechnet einen "merkwürdigen Zauberer"? Und warum ist es das Allerschlimmste, wenn ein Mann zu einer Frau sagt: "Ich kenne dich"?
In seinem neuen Büchlein "Warum Frauen mehr Briefe schreiben, als sie abschicken" (Goldmann Verlag) puzzelt der britische Psychoanalytiker Darian Leader an einer "Collage über die Sexualität von Männern und Frauen". Und weil Leader blitzgescheit ist, mündet sein Büchlein folgerichtig in befreiende Melancholie.
Denn die Lage an der Geschlechter-Front ist ernst. "Fundamental" sei die Einsamkeit von Mann und Frau, keine "Formel" helfe beim Umgang. Woran es liegt? Der Mann als solcher weiß zuwenig über die Mädchen.
Beispielsweise weiß er nicht, daß sie mehr das Begehren des Mannes lieben als den Mann selbst. Der soll eher, wie der Soldat, weit fort sein oder sich wegzaubern können; deshalb wird auch mancher Brief nicht abgeschickt. Und nimmer soll er sich erdreisten, sie zu kennen oder zu erkennen; Mädchen wollen Rätsel sein.
Die Medien dito. Auch sie lieben mehr das Begehren des Konsumenten als den Mann dahinter; keiner soll ihre letzten Geheimnisse kennen und schon gar nicht fragen, ob sie sich was denken bei ihrem Tun. Allzu kühn der Sprung von Mädchen zu Medien?
Nur konsequent, wenn man das Prinzip Leaders übernimmt: nämlich angesichts des Unbegreiflichen, der Medien, Fragen zu stellen, die frappieren.
Kleiner Versuch nach dem Leader-Prinzip: Warum schreibt Dieter ("Schattenmann") Wedel mehr ab, als ihm bekommt? Warum gibt Arabella Kiesbauer keine Rätsel auf? Und warum denkt Margarethe Schreinemakers nicht das, was sie sagt?
Warum geistert Harald Schmidt nicht durch die Tagträume junger Mädchen? Warum wird im "Literarischen Quartett" ausgerechnet über Literatur gesprochen? Und warum ist es für Roger Willemsen das Allerschlimmste, wenn einer zu ihm sagt: "Ich kenne dich"?
Wetten, daß Mädchen und Medien ewige Rätsel bleiben?

DER SPIEGEL 43/1996
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