28.10.1996

ComputerPretiosen in der Provinz

In Paderborn zeigt eine Ausstellung die Kulturgeschichte der Datentechnik - von der Keilschrift bis zum Supercomputer.
Bis in die späte Nacht hatten in Paderborn die Bohrmaschinen und Stichsägen geheult. Als der Morgen graute, feilte der Kurator immer noch an den Texten der Objektbeschilderung. Der Lohn der Hektik: Bundeskanzler Kohl persönlich adelte am vergangenen Donnerstag das "Heinz Nixdorf Museumsforum" durch Eröffnungsvortrag und Begutachtung der Exponate.
Rund vier Jahre lang hatten die Ausstellungsmacher auf diesen Tag hingearbeitet. Auf 6000 Quadratmetern Grundfläche beherbergt das Forum eine der größten Sammlungen der Computer- und Telekommunikationsgeschichte. Blieb die bange Frage: Paßt das sperrige Kanzlerhaupt unter den Datenhelm?
Die Sorge war überflüssig. Generalist Kohl mied Details, interessierte sich eher für eine Computerdarstellung der Dresdner Frauenkirche als für das Schaubild des Internet und zeigte sich von der "Ausstrahlung des Gebäudes" berührt.
Ausstellungsgestalter Ludwig Thürmer ist erschöpft, aber zufrieden. Er verbiß sich in das Projekt, als er von Heinz Nixdorf 1984 den Auftrag bekam, ein Konzept für die umfangreiche Gerätesammlung des Industriellen zu erarbeiten. Mit dem Tod des Firmengründers zwei Jahre später und der folgenden Auflösung des Konzerns schien das Vorhaben gescheitert.
Schließlich konnte Thürmer die Unterstützung der Stiftung Westfalen gewinnen. Sie kaufte das verwaiste Nixdorf-Hauptverwaltungsgebäude, das von einem Architektenteam komplett ausgeweidet und in eine postmoderne Hallenlandschaft verwandelt wurde. Oft müsse er erklären, "daß die unverkleideten Lüftungskanäle und Leuchten so gehören", berichtet Geschäftsführer Norbert Ryska.
Fällt der Begriff Firmenmuseum, zuckt Ausstellungsdesigner Thürmer gequält zusammen. Zwar schleichen sich mitunter posthume Marketingslogans ein wie "Nixdorf - Wegbereiter der dezentralen Datenverarbeitung", doch der Horizont der Ausstellung ist breiter gefaßt: Beginnend mit 5000 Jahre alten Tontafeln aus dem Zweistromland, sollen die Exponate die Informationsverarbeitung als Motor der Kulturgeschichte sichtbar machen. Historische Schreibmaschinen und Telefone gehören ebenso dazu wie Supercomputer, Hackerwerkzeuge und elektronische Musikinstrumente.
So fanden Pretiosen den Weg in die Provinz wie ein funktionsfähiger Nachbau der Leibniz-Rechenmaschine aus dem 17. Jahrhundert oder Originalteile des ersten Röhrencomputers Eniac. Rund 100 Millionen Mark hat das Projekt gekostet. Das Forum will aber mehr sein als ein Museum: Die Vortragsräume sollen künftig auch als Schauplatz hochrangiger Debatten um Selbstverständnis und Ethik der Informationsgesellschaft dienen.
Hier, so Veranstaltungsleiter Kurt Beiersdörfer, "muß man dann auch mal die Frage stellen dürfen, wo Gott dabei bleibt".

DER SPIEGEL 44/1996
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