04.11.1996

ZaireDie verdrängte Katastrophe

Afrikas drittgrößter Staat steht vor dem Kollaps: Diktator Mobutu Sese Seko liegt krank in einem Schweizer Hotel, Tutsi-Rebellen schlagen Kinshasas Armee, Zaire-Provinzfürsten zerstückeln das Riesenreich. Hunderttausende sind auf der Flucht, getrieben von Angst vor einem Genozid wie 1994 in Ruanda. Die Weltgemeinschaft reagiert hilflos.
Gestützt von zwei Frauen seines Hofstaats und bewacht von einer Schar von Bodyguards, wird ein hinfälliger älterer Herr zu seinem weißen Mercedes geführt. Der Wagen bringt ihn mehrmals wöchentlich am frühen Morgen vom Hotel Beau-Rivage unten am See hinauf zur Chemotherapie in die Universitätsklinik von Lausanne. Dort haben Spezialisten den Mann wegen Prostatakrebs operiert; es geht ihm nicht gut.
Außer der angeschlagenen Gesundheit deprimieren den Patienten Hiobsbotschaften aus der Heimat: Sein Land im Herzen Afrikas zerfällt - es ist dem Tode geweiht, wie wohl auch der kranke Diktator am Genfer See.
Mobutu Sese Seko, 66, seit 1965 Herrscher über Zaire, "der allmächtige Krieger, der von Eroberung zu Eroberung eilt" (das bedeutet sein vollständiger afrikanischer Name), muß tatenlos zusehen, wie sich seine Vasallen seines Riesenreichs bemächtigen. Den Osten des mit Naturschätzen gesegneten Landes - das Staatsgebiet ist fast siebenmal größer als die Bundesrepublik, 40 Millionen Einwohner - hat eine Rebellenbewegung übernommen: Kämpfer vom 400 000-Menschen-Stamm der Banyamulenge, volksverwandt mit den Tutsi im benachbarten Ruanda und Burundi, schlagen Mobutus marode Armee.
Den Rebellen halfen Soldaten aus Ruanda bei der Einnahme der Stadt Bukavu - der Bürgerkrieg in Zaire eskaliert. Neben Aufständischen halten sich nun auch reguläre Truppen nicht mehr an die bei der Berliner Konferenz 1885 von Kolonialmächten willkürlich gezogenen Grenzen, die bis heute Stämme und Völker auseinanderreißen.
Kinshasa brach am letzten Freitag schon die diplomatischen Beziehungen zu seinen östlichen Nachbarländern Ruanda, Burundi und Uganda ab, weil sie "Krieg gegen Zaire" führen würden. Die liebliche Landschaft um den Kivu- und den Tanganjikasee, die als "Afrikas Schweiz" gilt, wird zum Schauplatz eskalierender Kämpfe. Sie drohen jetzt in einen großen zentralafrikanischen Krieg zu münden.
Mobutus Einheiten hatten Ende vergangener Woche neben Bukavu die Städte Uvira und Goma an die Tutsi-Rebellen verloren und zogen plündernd und brandschatzend durch die Regionen Nord- und Südkivu. Aus der Hauptstadt Kinshasa eingeflogene Sondereinheiten konnten die Niederlage ebensowenig verhindern wie ein Aufruf Mobutus vom Krankenbett an sein Volk: Es solle Geld spenden für Zaires Soldaten, die seit Monaten keinen Sold bekommen haben.
Der Appell blieb ungehört. Denn die Menschen in Zaire hungern, die Krankenhäuser haben keine Medikamente mehr, jede öffentliche Ordnung ist zusammengebrochen. Die Zairer mußten den Aufruf aus der Ferne als zynisch empfinden. Ihr Führer Mobutu ist Milliardär und gehört zu den reichsten Männern der Welt.
Ermutigt vom Erfolg der Banyamulenge-Rebellen in den Kivu-Regionen, regt sich überall Opposition gegen die Regierung in Kinshasa. Einige der 350 Stämme Zaires, die bisher aus Angst vor dem Diktator stillhielten, fordern jetzt offen mehr Rechte. In den südlichen Bergbaugebieten Shaba (früher Katanga) und Kasai agitieren Politiker öffentlich für die Unabhängigkeit - einigermaßen funktionierende Ministaaten, teils mit eigener Währung und Verwaltung, sind schon entstanden. Für Zaire hat der Countdown begonnen. Manche Experten meinen sogar, dieser Staat, nach Sudan und Algerien der größte Afrikas, existiere de facto gar nicht mehr.
"Mobutu war ein Diktator. Aber er war auch immer bereit zu verhandeln. Wäre er gesund, würde das jetzt nicht passieren", sagt ein Banyamulenge-Geschäftsmann, der vor den Kriegswirren aus Zaire nach Ruanda geflohen ist.
Tatsächlich hatte es Mobutu verstanden, den ehemaligen belgischen Kongo notdürftig zusammenzuhalten. Außenpolitisch galt er in den Zeiten des Kalten Krieges seinen amerikanischen Förderern (er kam mit Hilfe der CIA an die Macht) als Bollwerk gegen den Kommunismus - und kassierte Hunderte Millionen "Entwicklungshilfe". Innenpolitisch ließ er zu, daß sich einige Regionen weitgehend von der Zentrale abkoppelten. Perfekte Kontrolle war bei der verfallenden Infrastruktur im Land ohnehin unmöglich. Doch ernsthafte Sezessionsgelüste bekämpfte Mobutu mit Bestechungsgeschenken oder notfalls mit Fallschirmjägern. "Ich oder das Chaos", verkündete der Diktator; nicht nur viele Zairer glaubten ihm.
Die Banyamulenge, die seit 200 Jahren im Osten des heutigen Zaire leben, werden von vielen Zairern wegen ihres Wohlstandes beneidet und wegen ihrer Zugehörigkeit zu den ursprünglich aus dem Nilgebiet stammenden Tutsi als Fremde betrachtet. Daß sie im vergangenen Jahr per Verfassungsänderung zu Ausländern erklärt wurden, hatte Mobutu zugelassen. Doch erst nachdem der Chef in die ferne Schweiz abgereist war, riefen seine nun selbstbewußt gewordenen Provinzfürsten in Ost-Zaire zur Hexenjagd.
So organisierte der Bürgermeister von Uvira einen "Marsch gegen die Banyamulenge". Mit Haumessern und Holzstangen gerüstete Jugendliche zogen durch die Stadt und metzelten Menschen nieder, mit denen sie bislang als Nachbarn zusammengelebt hatten - Szenen wie in Bosnien.
Etliche der Mordgesellen trugen Stirnbänder mit magischen Zweigen, die den Träger angeblich unverwundbar machen. Die Männer wollten sich so vor Gegenangriffen schützen. Denn auch die Banyamulenge hatten sich bewaffnet: Kalaschnikow-Maschinenpistolen älterer Bauart gibt es in Zaire schon für 20 Dollar. Deutsche G-3-Sturmgewehre sind für 200 Dollar zu haben. Das ist der Preis für eine halbe Kuh. Und die Banyamulenge haben viele Kühe.
An den mörderischen Übergriffen gegen Banyamulenge-Tutsi beteiligten sich zairische Armee-Einheiten sowie Hutu-Flüchtlinge aus Ruanda und Burundi. Die Aktionen waren gut geplant; Todeslisten wurden herumgereicht - wie beim Völkermord in Ruanda 1994, bei dem Hutu-Milizen über eine halbe Million Tutsi umbrachten: einer der schlimmsten Genozide dieses Jahrhunderts.
"Die Mörder hatten vor, die Leichen in die Flüsse zu werfen, damit sie nach Ägypten schwimmen, dorthin, woher die Tutsi kommen", sagt Ruandas starker Mann, Paul Kagame. Genauso sei damals in seinem Land gehetzt worden. Der Verteidigungsminister begründet mit der Angst vor einer Wiederholung des Genozids die Hilfe seiner Soldaten für die bedrohten Blutsbrüder.
Das Eingreifen ruandischer Truppen schreckt Hunderttausende Hutu auf, die in Zaire Zuflucht fanden. Sie verlassen ihre Unterkünfte, und ähnlich wie bei ihrer Massenflucht vor zwei Jahren, drohen jetzt wieder Cholera-Epidemien unter den Entwurzelten - eine Katastrophe, die für die Weltgemeinschaft sowohl vorhersehbar als auch vermeidbar war.
Was in aller Welt eine "Erbfeindschaft" zwischen Hutu und Tutsi genannt wird, hat reale wirtschaftliche und politische Hintergründe: Verteilungskämpfe um knapper werdendes Land aufgrund von Bevölkerungswachstum und Bodenerosion bringen in Afrika Menschen gegeneinander auf, die über Epochen einigermaßen friedlich miteinander gelebt hatten. Denn in dem Maße, "wie der Bevölkerungsdruck wächst und lokale Ressourcen knapper werden, besinnen sich Menschen zu ihrem Schutz auf ethnische und religiöse Gemeinsamkeiten" (so das Washingtoner Worldwatch Institute).
Das Massaker von 1994 hatte zu einer gigantischen Massenflucht und Bevölkerungsverschiebung geführt. Inzwischen richteten die Vertriebenen "fast irreparable Umweltschäden" in Tansania und Zaire an (Worldwatch Institute).
Schlimmer noch: Unter den rund zwei Millionen Hutu, die damals aus Ruanda nach Tansania und Zaire flohen, befanden sich Tausende von Killern. Aber die wurden wie alle anderen von der internationalen Gemeinschaft versorgt; es gab keinen Versuch, Schuldige von Unschuldigen zu trennen.
In den vergangenen zwei Jahren hat die Uno täglich eine Million Dollar für den Unterhalt der Ruanda-Flüchtlinge ausgegeben. Aber sie bestand nicht auf einer gezielten Rückführung der Flüchtlingsmassen, geschweige denn auf grundsätzlichen politischen Lösungen.
Als im Fernsehen keine dramatischen Bilder mehr zu sehen waren - wie das Verscharren von Toten per Bulldozer in Goma in den ersten Wochen der Massenflucht -, verdrängte und vergaß die Welt die afrikanische Tragödie.
Solange der Fuchs Mobutu mitmischen konnte, bestand wenigstens noch eine kleine Aussicht auf eine diplomatische Lösung des Flüchtlingsproblems. Doch seit seinem Ausfall und dem damit zusammenhängenden Kriegsausbruch in Ost-Zaire überstürzen sich die Ereignisse. Hunderttausende verzweifelte Hutu in Zaire sind jetzt wieder auf einer apokalyptischen Flucht, dazu Banyamulenge und weitere Volksgruppen. Die Tutsi-Regierungen in Ruanda und Burundi können das Chaos nutzen und in Zaire einfallen, um die Hutu-Widerstandsgruppen zu zerschlagen oder weiter nach Westen zu treiben - ein Szenario, das sich bereits abzeichnet.
Solche Aktionen aber würden weitere Länder in den Konflikt hineinziehen und das Gebiet um Afrikas große Seen in ein riesiges Schlachtfeld verwandeln. "Die gegenwärtige Krise ist der schlimmste Konflikt in der Region seit dem Genozid in Ruanda", stellt die Hilfsorganisation Oxfam fest und warnt vor einem "humanitären Desaster".
Hilfsorganisationen haben ihre Mitarbeiter aus Zaire abgezogen. Soldaten plündern die Vorratslager. Nachschub aber trifft nicht ein, denn Wegelagerer verunsichern die Fernstraßen der Region. Seehäfen und Flugplätze in Ost-Zaire wurden geschlossen, weil immer wieder Kämpfe ausbrechen.
Wenn Gefechtslärm zu hören ist, greifen die Menschen ihre paar Habseligkeiten und fliehen. Meist irren sie in panischer Angst ziellos durch das Land. Niemand weiß, wie viele unterwegs sind, wie viele Alte und Kinder schon an Hunger starben.
Der Bürgerkrieg in Zaire treibt - bittere Ironie - ruandische Hutu wieder dorthin, wohin sie aus Angst vor der Rache der Tutsi nie mehr zurückkehren wollten: nach Hause. Freilich wagen den Schritt eher Frauen und Kinder als Männer.
Claudine Mukakarisa, 28, überquerte vergangene Woche die Brücke über den Rusizi-Fluß von Zaire nach Ruanda und meldete sich in einem kleinen Auffanglager im Grenzort Bugarama. Sie war vor zweieinhalb Jahren vor der Tutsi-dominierten Ruandischen Patriotischen Front zunächst nach Burundi geflohen. Anschließend lebte sie in Zaire.
Es sei lebensgefährlich, nach Ruanda zurückzukehren, schärften den Flüchtlingen einflußreiche Landsleute ein. Doch die hatten sich als Mitglieder von Milizen am Schlachten beteiligt. Claudine Mukakarisa erkannte das; sie wartete dennoch mit der Rückkehr, "bis meine Nachbarinnen auch soweit waren".
An der Grenze wiesen ihr ruandische Soldaten in alten DDR-Uniformen und mit Koppeln, auf deren Schloß Hammer und Zirkel geprägt sind, den Weg zum Lager. Dort grüßt ein Plakat "Willkommen zu Hause, Ruander, laßt uns in Frieden ein neues Ruanda bauen".
Überall herrscht Zynismus - in Zaire glauben die meisten Menschen, ihr Präsident werde nicht mehr lebend heimkehren. Sie sind erleichtert, aber auch besorgt. Viele nehmen Mobutus eigene Einschätzung ernst: "Vor mir war die Anarchie, und nach mir kommt die Sintflut."
Über die Schweizer Aufenthaltsgenehmigung für Mobutu "aus humanitären Gründen" ärgern sich Exil-Zairer. "Einfach widerlich" findet es Kanyana Mutombo, der in Genf die Zeitschrift Regards Africains leitet, "daß sich dieser Mann in den besten Kliniken der Welt behandeln lassen kann, während in Zaire die Leute an harmlosen Krankheiten sterben - etwa an einer simplen Lungenentzündung, wie kürzlich mein Vater."
[Grafiktext]
Kartenausriß Zaire/Nachbarländer: Gebiete mit Abspaltungstendenzen
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 45/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zaire:
Die verdrängte Katastrophe