04.11.1996

Peinlicher Besucher

Die amerikanische Drogenbehörde DEA und Brüsseler Sicherheitsdienste ermitteln gegen ihn wegen vermuteter Verstrickung in Drogenhandel, Prostitution und Waffengeschäfte; Interpol sucht Angehörige seines Clans; zu Hause in Zaire herrscht das Chaos: Geborgen fühlt sich Mobutu Sese Seko nur noch in der Schweiz.
Hier ist der "viertreichste Mann der Welt" (Selbsteinschätzung) nicht nur seinen Bankkonten nahe, hier kann er sich auch auf allzeit erstklassigen Service und hervorragende Pflege verlassen.
Beides findet der raffgierige "Führer der zairischen Nation" seit dem 15. August mit seiner Entourage im Luxushotel Beau-Rivage und in der Universitätsklinik von Lausanne. Mobutu residiert in einer 2400 Franken teuren Suite im vierten Stock, in der auch schon König Hussein von Jordanien und Spaniens Juan Carlos logierten.
Hofschranzen und Bedienstete sind auf der streng bewachten Etage in 40 Zimmern untergebracht. Der Diktator duldet vom Hotelpersonal nur ein Zimmermädchen und einen Kellner in seinen Privatgemächern. Das Personal kann sich an einen spendableren Gast nicht erinnern: Mobutus Trinkgelder sind märchenhaft. Bis letzten Sonntag, schätzt die Lausanner Zeitschrift L'Illustré, hat das Hotelleben etwas mehr als zwei Millionen Franken gekostet - ohne alle Extravaganzen, wie Einkaufstrips in diversen Lausanner Boutiquen, und ohne die Behandlungskosten als Privatpatient in der renommierten Universitätsklinik.
Mobutu könnte Geld sparen, wenn er seinen Landsitz mit Herrenhaus und Sechs-Hektar-Garten im nahen Savigny benutzen würde. Doch das Anwesen wird gerade renoviert. Zudem, heißt es, fühle sich der sensible Herrscher dort zu sehr an seine 1977 verstorbene Frau Marie-Antoinette erinnert.
Der peinliche Besucher macht auch 80 Tage nach seiner Ankunft keinerlei Anstalten, die Schweiz zu verlassen. Bereits zum vierten Mal, bis Ende November, verlängerte Außenminister Flavio Cotti das Visum des Diktators - gegen den Einspruch der Stadtregierung von Lausanne.
"Die Anwesenheit dieses Mannes schadet unserem Ruf", schrieb sie der Regierung in Bern. Dort wird darauf hingewiesen, daß Mobutus Aufenthalt ausschließlich aus medizinischen Gründen gestattet wird. Der Staatschef ist am 22. August an der Prostata operiert worden. Zairische Oppositionelle wollen wissen, daß der Krebs bereits den ganzen Körper erfaßt hat, Bauchspeicheldrüse und Kehlkopf seien schon von Metastasen befallen.
Den afrikanischen Diktator, der sich gern in einem weißen Mercedes herumkutschieren läßt, hatten honorige Schweizer Banker jahrzehntelang umworben. Sogar der inzwischen verstorbene Ex-Finanzminister Nello Celio gehörte zu Mobutus Beratern.
Auch Politiker gaben dem Milliardendieb, der sein Volk "wie ein Raubritter des Mittelalters" (Weltwoche) ausbeutet, gern die Ehre. Und die Polizei kam immer zu spät zum Eingreifen, wenn Mobutus Bodyguards friedlich demonstrierende Oppositionelle krankenhausreif schlugen. Zairische Asylbewerber dagegen wurden als "gefährliche Unruhestifter" erbarmungslos zurückgeschickt.
Im Gegensatz zu Amerikanern und Franzosen hatten sich die Eidgenossen nach dem Ende des Kalten Krieges nicht von dem schwarzafrikanischen Diktator distanziert. Dabei ist der nicht immer pünktlich mit den Zahlungen für seine Leute: Die zairischen diplomatischen Vertretungen in Bern und Genf stehen mit mehreren Millionen Franken in der Kreide. Alle Bitten, die Schulden endlich zu begleichen, hat Mobutu bisher ignoriert - wie in Bonn, wo Zaires Botschaft zwischenzeitlich das Telefon abgeschaltet wurde.
Die Manager des Hotels Beau-Rivage in Lausanne vermieden solche Verlegenheit - und verlangten von ihrem teuren Gast Vorauszahlung.

DER SPIEGEL 45/1996
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