04.11.1996

AutorenEin etwas anderer Tod

Im Verlaufe eines Besuches, den im Jahre 1973 der Uno-Generalsekretär Kurt Waldheim dem noch jungen und ziemlich chaotischen Staat Bangladesch abstattet, ereignet sich im Hafen von Tschittagong ein Zwischenfall. Ein Beamter, der den Chef der Vereinten Nationen begleitet, verliert dabei sein Leben; er hat Frachtschiffe mit Hilfsgütern inspiziert.
So zumindest berichtet in wenigen Zeilen seinerzeit die Weltpresse über den Tod des aus Holland stammenden Tommie Vaulant - eine, laut anderer Quelle, "nicht ganz" zutreffende Darstellung. Der Verunglückte, heißt es in dieser Version, sei in Wahrheit beim Baden ertrunken.
"Er war mit einem UN-Jeep nach Cox''s Bazar gefahren, dem längsten, leersten, unberührtesten Strand der Welt", behauptet ein Mann, der es eigentlich wissen müßte. Sein Name ist Carel Jan Schneider - in der Hauptstadt Dhaka vertritt er zur Zeit der Waldheim-Visite die Niederlande als deren Geschäftsträger "ad interim".
Und der inzwischen 64 Jahre alte Karrierediplomat verfügt in einer Phase, in der das "in einem Blutbad geborene" neue Gebilde mühsam Kontur gewinnt, in der Tat über beste Kanäle. Zu seinen Gesprächspartnern zählt Scheich Mudschib-ur Rahman, im notleidenden Bangladesch gefeierter Staatsgründer.
Wer sich auf solche Kontakte berufen kann, darf wohl als glaubwürdig gelten - zumal er sie anhand bebilderter Zeitungsausschnitte belegen kann. Doch das jetzt in deutscher Sprache erschienene Buch, das Schneider über diesen Vorfall schrieb und unter dem Pseudonym F. Springer veröffentlicht, ist ein Roman*.
Der Autor dementiert, was er zum Ableben eines fiktiven Kollegen Tommie Vaulant vorher selber erfunden hat; seine auffällig dezent eingestreute Korrektur verrät die fintenreiche Arbeitsmethode. Auf den knapp 170 Seiten seiner tempogeladenen Story verschlingen sich Ausgedachtes und unbestreitbar Authentisches - etwa der Abschnitt über den eitlen Scheich - zu einem schwer zu entschlüsselnden Potpourri.
* F. Springer: "Bougainville". Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand Literaturverlag, München; 176 Seiten; 32 Mark.
So wie Schneider alias Springer munter gesteht, eine seit nahezu vier Jahrzehnten "fast perfekte Doppelidentität" zu besitzen, liest sich auch seine Prosa. Literarisches manchmal in ein und demselben Absatz mit "dokumentarischen Materialien" zu mischen, stört ihn nicht. Er sieht darin bloß den "Ausdruck einander ergänzender, unterschiedlicher Wirklichkeitsebenen".
Denn was ist tatsächlich schon so, wie es sich dem Auge darbietet - und birgt nicht, andererseits, der vermeintliche Schein seine höhere Wahrheit? Gerade der Job im Auswärtigen Dienst, in dem er als Botschafter zum Beispiel den Zerfall der DDR erlebte, hat ihn skeptisch gemacht. Seither hält er für wichtig, allen sich einschmeichelnden Gewißheiten mit dem gebührenden Mißtrauen zu begegnen.
Woran es also in Wahrheit lag, daß in "Bougainville" der Uno-Diplomat Tommie Vaulant nur noch als Leiche an den Strand zurückgespült wurde, läßt der Ich-Erzähler namens Bo absichtsvoll in der Schwebe. Der Leser selbst soll sich peu à peu ein Urteil darüber bilden, welcher der denkbaren Gründe die Katastrophe herbeigeführt haben könnte.
F. Springer eröffnet ein "Spiel, das Möglichkeiten anbietet" - Unglücksfall, Leichtsinn, Freitod - , deren wahrscheinlichster er natürlich in der Biographie des mysteriös Verschiedenen nahe zu kommen versucht. Was geschieht am Ende mit einem Menschen, dem im Leben offenbar alles geglückt ist und der sich doch nur kleinlaut als "erstklassiger Eskapist" empfindet?
Die Geschichte des Sonnyboys Vaulant und seines besten Freundes Bo wurzelt im einstigen Niederländisch-Indien, wo beide im schönen javanischen Malang aufwachsen - eine Kindheit wie aus dem Bilderbuch. Zwar zerstört der Zweite Weltkrieg diese Idylle, aber auch danach in Holland ist es vor allem Tommie, der sich prächtig in Szene zu setzen versteht.
Tommie ist der Überflieger. Er macht schon als Pennäler nicht nur der auch von den Mitschülern begehrten blonden "Diva" Madeleen erfolgreich den Hof, sondern scheint ein generell ziemlich unwiderstehlicher Kerl zu sein. Zumindest beneidet ihn Bo, der immerhin später selbst auf dem Parkett der Diplomatie einige Meriten erwirbt, um die Aura des Weltmännischen.
Doch Vaulants Leben paßt ja so nicht zu Vaulants Tod - und wie wenig diese von Glanz umflorte Vita das wahre Sein des Helden spiegelt, verrät er, längst "müde" geworden, dem Intimfreund, als sie einander zum letzten Mal begegnen.
"Wenn ich dem täglichen Elend entfliehen will", offenbart sich da der aus dem New Yorker Uno-Hauptquartier nach Bangladesch gejettete Tommie, "dann sage ich diese Namen leise auf: Cape Farewell in Neuseeland, Alice Springs in Australien, Mandalay in Birma, Bougainville in der Südsee, ach, Bougainville, Cox''s Bazar am Golf von Bengalen."
Selbst im Zeitalter des Massentourismus gelten einige dieser Orte immer noch als erklärte Traumziele. Für den Globetrotter Vaulant sind es die Chiffren, die sein alsbaldiges Scheitern mühsam verhüllen: Er möchte die entrückten Welten, in Sonderheit das verlorene Kindheitsparadies, zurückgewinnen und erahnt elegisch die Vergeblichkeit solchen Bemühens.
Im Grunde wäre da am Vorabend seines Verschwindens (und im Text bereits auf Seite zwei) schon zuviel enträtselt, aber erst danach entfaltet sich das dramaturgische Geschick des Schriftstellers. In einem ausgeklügelten Wechselspiel von Gegenwartshandlung und Retrospektive wird der Niedergang einer sterbenden Epoche transparent.
Diese Endphase des niederländischen Kolonialreichs zu begleiten, indem er Tommie Vaulants Familienstory bis in die frühe Jugend von dessen Großvater Johan de Leeuw zurückverfolgt, ist F. Springer wohl der geeignete Autor. Als Carel Jan Schneider wurde er 1932 in Batavia - heute Jakarta - geboren. Er arbeitete viele Jahre als Entwicklungshelfer in Neuguinea, bevor er ins Außenamt wechselte.
Natürlich schleicht sich sofort der Verdacht ein, hier habe ein von der Diplomatenfron desillusionierter Romantiker seinen ganz privaten "Sehnsuchts-Roman" (Frankfurter Rundschau) geschrieben - und er widerspricht dem auch kaum. Das ergebe sich halt so, räumt der Verfasser, ein passionierter Lakoniker, ein, "wenn man bei einer Sache dabeigewesen ist".
Zumindest sieht sich Springer außerstande, "die Welt im Drehstuhl zu erfinden" - er muß sich ihr " gestellt" haben, um hernach seinen Vorteil zu nutzen: Was sich der erfahrene Diplomat an hartem Know-how erworben hat, setzt der "intelligente Schriftsteller" (FAZ) in literarisch plausible Stoffe um.
Er sei "ein ziemlich obsessiver Protokollant", gesteht der Volljurist nicht ohne Selbstironie. Geradezu zwanghaft ("Das ist mein Tick") muß der weitgereiste Holländer seit Jahr und Tag das in allen Hotelzimmern ausliegende Briefpapier abräumen. "Nur so", auf der Bettkante hockend, kann er sich seiner Leidenschaft zuwenden.
Und von der gleichen Manie sind auch seine Figuren befallen. Alte Kladden vollkritzelnd, beichten in "Bougainville" der kauzig-exzentrische Johan de Leeuw und dessen Enkel Tommie, welche Vorstellungen vom Glück sie einst beflügelten. In einem anderen Roman Springers ("Quissama") ist es der Chefverkäufer eines in Afrika operierenden Landmaschinenkonzerns, der dafür das Firmen-Auftragsbuch zweckentfremdet.
Wie weit sich Schneider diese Gestalten wirklich einverleibt hat, um daraus eine Art Ich-Ideal zu entwickeln, mag am Ende strittig bleiben. Immerhin imponieren sie dem in seinem "Brotberuf" unausgefüllten Staatsbeamten. "So ein bißchen verrückt zu sein" wie jener anfänglich vitale de Leeuw, der bei seiner Überfahrt nach Niederländisch-Indien mit Mata Hari geschlafen haben will, wäre ihm schon ganz recht.
"Vernarrt ins Abenteuer", beklagt er die durchs westliche Europa schleichen-
de Öde, eine lähmende Langeweile, mit der er sich auch im gesetzten Alter schwerlich abfinden kann. Welche Kraft verströmt dagegen, in "Quissama", sein
* Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1987.
Haudegen King Velderman, der in einem angolanischen Nationalpark gefährlichen Wildtieren auflauert.
Doch in Wahrheit halten die Springerschen Heroen ja nicht, was sie lauthals hinausposaunt haben. Im blauen Meer von Cox''s Bazar versinkt Freund Tommie - womöglich von einer "plötzlichen Unterströmung" mitgerissen. In Afrika zerquetschen Elefanten den in zahllosen Scharmützeln gestählten Supermann Velderman.
Auf den ersten Blick sind das rein individuelle Schicksale, die der Autor aber raffiniert überhöht und in einen weiter ausgreifenden Kontext einbindet. Seine Faction-Romane, vor allem "Bougainville", handeln von den "möglichen Folgen" unbewältigter Utopieverluste, wie er sie im übrigen auch in der sogenannten wirklichen Wirklichkeit registriert hat.
Ob nämlich in Iran oder Angola oder zuletzt in der DDR die Fundamente barsten: Stets wurde da die niederländische Regierung in Den Haag von einem gewissen Herrn Schneider vertreten, der "binnen kurzem ganze Gesellschaften wegbrechen sah". Das prägt.
Nicht daß er Befreiungsbewegungen diskreditieren möchte - er fragt, was aus den Umbrüchen entsteht. In "Bougainville" sympathisiert der Autor mit allen, die wie der schwärmerisch auf die neue Welt hoffende Opa de Leeuw die Entkolonialisierung in seinem Geburtsland betreiben. Doch der Alte stirbt als Verspotteter.
Und sein Schöpfer, der nie ein Bekenntnis-Schriftsteller gewesen ist, kann nicht anders, als die herrschenden Realitäten ins Auge zu fassen. Zu den stärksten Passagen dieses Buches (und dem richtigen Leben entliehen) gehört das Treffen Bos mit einem sichtlich erschöpften ehemaligen Star der revolutionären Szene: André Malraux besucht im Unglücksjahr des Tommie Vaulant das "erlöste Bangladesch" - eine in peinlichen Mißverständnissen erstickende, triste Performance.
Doch der von tausend Anekdoten geradezu vollgestopfte Schneider hat ja nur ein allenfalls unterschwellig politisches Buch schreiben wollen. Nie läßt der Text einen Zweifel darüber aufkommen, daß er letztlich als Literatur wahrgenommen werden möchte, und so benehmen sich seine Hauptfiguren.
Es wird in Springers Werken nach Lebens- und Todesarten geforscht - und da das Leben seiner Protagonisten ein von bitterer Selbsttäuschung befrachtetes, ergo eher kleines gewesen ist, gewinnt der Tod eine Gloriole des fast schon Großartigen. Tommie Vaulant, obwohl er sich eigentlich noch nach Bougainville sehnt, geht in seine gleichwertige Traumwelt am Golf von Bengalen ein. King Velderman, wie es aus gesicherter Entfernung eine Reisegesellschaft beäugt, stirbt in nachgerade euphorischer Pose.
Daß sich seine zu heldischen Inszenierungen neigenden Freunde per Suizid davongemacht haben, hält der Autor für eine zulässige Schlußfolgerung - bloß er "weiß" es eben nicht. Er sei sich erst im Laufe des Schreibens darüber klargeworden, "wie die Sache enden muß".
Ein gewagtes, dem leicht Schwülstigen nahes Szenario, aber Springer bewältigt es, indem er sich harte Selbstdisziplin auferlegt. Verräterisch tönendes Vokabular wie Schmerz, Verzweiflung, Glück kommt in seinem betont prosaischen Text so gut wie niemals vor. In einem "quälenden Kraftakt" ist es ihm gelungen, das in der ursprünglichen Fassung dreimal so dicke Epos "Bougainville" auf ein eher handliches Bändchen herunterzuredigieren. Das sei unbedingt notwendig gewesen.
Damit das Tragische nicht ausufert, pflegt er die Kunst der feinen Ironie und einen bis ins scheinbar Unverbindliche abschweifenden Diplomaten-Small-talk. An sich schon Trauriges melodramatisch aufzudonnern, ist dem flotten "Weltbürger", der sich gerne in Griffweite gefüllter Gläser aufhält, aus Prinzip zuwider.
Statt dessen umstellt er sein in Nöte geratenes literarisches Personal mit erfrischenden Mini-Stories aus dem tatsächlichen Dasein. "Bougainville" ist eine sorgfältig entwickelte tiefenpsychologische Studie - aber zugleich ein Buch, das Gefallen daran findet, etwa den laotischen Prinzen Souvanna Phouma beim Verzehren eines Frühstückseis zu begucken. Dessen Krawatte ziert danach, "wie eine grell-orange Perle", ein "großer Dotterklecks".
Das macht Lust auf mehr, und man darf gespannt sein, wie er sein nächstes Projekt bewältigt. Während seiner Anwesenheit in den letzten fünf Jahren der DDR hat sich der manische Protokollant mit "haufenweise Notizen aus dem Reich Honeckers" versorgt, die er jetzt in einen Plot fassen möchte. Das "andere Deutschland" liegt ihm auch deshalb am Herzen, weil er zu seinen Vorbildern Theodor Fontane zählt.
Im Land der populären Belletristen Cees Nooteboom, Harry Mulisch oder Leon de Winter steht der schreibende Diplomat immer noch in der zweiten Reihe. Aber die Kollegen ordnen ihn weit höher ein: Sie wählten den in Den Haag wohnenden F. Springer, dessen einzige Botschaft von der "Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns" kündet, zu dem am meisten unterschätzten Schriftsteller der Niederlande.
* F. Springer: "Bougainville". Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Luchterhand Literaturverlag, München; 176 Seiten; 32 Mark. * Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1987.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 45/1996
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