11.11.1996

FußballKeine Zeit für Moral

Glasgow kann deprimierend sein, naßgrau im Sommer und richtig elend, wenn es Winter wird. Wer da noch zum Fußball geht, will wenigstens Männer sehen und keine Würstchen. Wer hier was Warmes braucht, greift auch nicht zur Heizung, sondern zum Malt. Wichtiger als alles andere sind sowieso echte Freunde, solche, die keine mitfühlenden Fragen stellen, sondern im Stadion für die richtige Mannschaft schreien und am Wochenende mit einem in die schönste, verregnete Landschaft des Universums fahren, um am schönsten Fluß des Universums ein paar schöne Forellen zu fangen.
Deshalb liebten die Menschen hier Paul Gascoigne, 29, den besten Mittelfeldspieler, den die Glasgow Rangers je hatten; den bekanntesten Säufer, den übelsten Schläger und den leidenschaftlichsten Angler. Zur Hölle mit all den farblosen Goldkettchen tragenden Der-Star-ist-die-Mannschaft-Spielern. Gascoigne war in allem das Gegenteil. Er lebte das Leben der Leute hier. Er sprach ihre Sprache. Ihm verziehen sie sogar, daß er Engländer ist - bis zu diesem Vorfall, der alles ins Wanken brachte.
Es passierte vor vier Wochen in dem schottischen Fünf-Sterne-Hotel Gleneagles, wo Gascoigne im Restaurant saß und Whisky kippte. Er beschimpfte das Personal, pöbelte mit seiner Frau und wankte später mit ihr aufs Zimmer. Dort verprügelte er sie, daß sie ins Krankenhaus mußte. Er hämmerte ihren Kopf ein paarmal gegen die Wand, dann schlug er ihr mit der blanken Hand auf die Wangenknochen, dort, wo es am meisten weh tut, bis sie am Ende stürzte und sich dabei noch einige Finger verstauchte.
Das war zuviel für die Menschen in dieser Stadt. "Paul Gascoigne schlägt seine Frau", skandierten die Fans jetzt von den Rängen, und bei einer Umfrage eines Radiosenders hätten ihn am liebsten zwei Drittel sofort aus dem Team gefeuert.
Nur der Verein vertritt eine andere Meinung: "Klappe halten und dem Spieler den Rücken stärken", wie es ihr Pressesprecher John Greig erklärt. Und dafür gibt es zwei gute Gründe.
Erstens sind die Rangers mittlerweile achtmal hintereinander schottischer Meister, und mit dem neunten Titel würden sie den Rekord des Erzfeindes Celtic aus den siebziger Jahren egalisieren. Und zweitens haben die Rangers vor der Saison beschlossen, daß sie ab jetzt europäische Spitze sind, wo sie doch ungefähr 25 Millionen Mark in die Spieler Gascoigne, Jörg Albertz und Brian Laudrup gesteckt haben. Leider fiel bislang ihr Auftritt in der Champions League so ärmlich aus, daß sie nicht einmal ein Unentschieden erkämpfen konnten. Und deshalb ist jetzt nicht die richtige Zeit für Moral und erschreckte Bedenkenträger.
Bei der englischen Nationalmannschaft ist die Situation auch nicht viel besser. Denn dort gibt es den verletzten Stürmerstar Alan Shearer und zwei Jungs, die Alkoholiker sind, und ein paar andere, die ungefähr in jedem zweiten Spiel wegen rüden Benehmens die rote Karte kassieren. Das bedeutet, daß die halbe Truppe nicht satisfaktionsfähig ist und daß sich ihr Trainer Glenn Hoddle einen moralischen Standpunkt nicht leisten kann. Also unterhielt er sich drei Tage lang mit Gascoigne, bis er einen schütteren Ansatz zur Besserung sah, und dann berief er ihn für das WM-Qualifikationsspiel am vorigen Samstag in Georgien.
Die Reaktionen darauf waren verheerend. Diesmal sprachen sich drei Viertel der Bevölkerung gegen diese Entscheidung aus. Die Frauenverbände empörten sich, ein paar Politiker auch, und die Zeitungen meinten, daß sich ein Typ wie Gascoigne sowieso nie ändern werde.
Damit haben sie wahrscheinlich recht. Denn Vernunft und Selbstkontrolle sind nicht gerade Eigenschaften, mit denen er bisher auf sich aufmerksam gemacht hat, eher schon mit Raufereien und zerstörten Fernsehern. Aber noch lieber ruiniert er sich und seinen Körper: zuviel fettes Essen, zuviel guter Whisky, zu viele teure Frauen und ein zu großes Maul. Als fehle ihm bei allem das richtige Maß. Vielleicht rührt das alles aus seiner Kindheit.
Die fand in einem Arbeiterviertel bei Newcastle statt. Sein Vater war nach einem Herzinfarkt invalide, die Mutter schuftete in zwei Schichten, und ein Fußball als Weihnachtsgeschenk war schon eine ganz große Nummer. Es war kein Geld da für Luxus und keine Zeit, um sich wegen eines Kleinen überflüssige Sorgen zu machen. Also lernte Paul ziemlich früh, daß man den Mund aufreißen muß für die eigene Sache.
Außerdem lernte er, daß ein Mann seine Ehre verteidigt, daß eine Frau sich opfert und daß ein guter Witz mehr zählt als zehn schlaue Sätze. Es waren die klassischen Ideale der Unterschicht.
Sheryl dagegen fühlte anders als er. Als er sie 1991 zum erstenmal traf, war sie 26, blond bis ins Herz und vollgestopft mit den Träumen, die ein Aufsteiger-middleclass-Mädchen eben so hat: die große Welt, die bedeutenden Partys, auch mal die Oper, Venedig und Mailand, und in jedem Fall das Recht auf ein Stück eigenes Leben. Für saufende Kumpels aus Newcastle und derben Männerhumor hatte sie wenig Verständnis.
Sie kam nicht klar mit seiner Familie und die Familie auch nicht mit ihr, aber Gascoigne betete Sheryl an, als wäre sie mindestens Lady Diana. Für ihre Bedürfnisse dagegen fehlte ihm die Vorstellungskraft. Was will eine Frau im Theater, wenn sie mit Englands größtem Komiker zusammen ist? Wieso braucht sie ein eigenes Leben, wo er doch sowieso zuviel hat, um es selber zu schlucken? Warum kann sie nicht einfach glücklich sein, wenn er im Bach steht und nach Forellen angelt?
Gascoigne war eifersüchtig auf alles, was sie selbständig tat: Zu jeder Zeit mußte er wissen, wo sie gerade war. Und mit wem. Und ob sie sich amüsierte. Wenn ja, fand er das kein bißchen komisch. Meistens jammerte er dann herum, oder er brüllte, und je weiter sie sich verkroch, desto heftiger reagierte er. Und irgendwann hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle.
Sheryl flüchtete dann zu ihren Eltern, und Gascoigne hockte zu Hause wie ein verschrecktes Kaninchen, angstvoll und bibbernd und bettelte um ihre Rückkehr.
Er schlief nachts nicht mehr, wanderte schweißgebadet durchs Haus, bombardierte sie mit Anrufen und schickte jeden verfügbaren Menschen als Friedensvermittler los, um doch noch etwas zu retten. Er konsultierte Ärzte und Psychologen, erhob öffentlich Anklage gegen sich selbst und schwor Besserung.
Wenn sie dann endlich wieder zurückkam, begann das Martyrium von vorne. Er konnte nicht mit ihr leben und noch weniger ohne sie, aber vielleicht würde ja nach einer Heirat alles ein bißchen besser. Beim ersten Antrag fuhr er mit einer Limousine vor, die vollgepackt war mit roten Rosen. Er führte sie in das teuerste Lokal und bestellte den teuersten Champagner. Dann rezitierte er mit rotem Kopf ein Gedicht, das er selbst zusammengeschraubt hatte. Damals fand Sheryl überhaupt keine Worte.
Beim zweiten Antrag war sie schwanger mit dem gemeinsamen Kind, und er fiel auf die Knie und schenkte ihr eine sündhaft teure Uhr. "Was ist?" fragte er, und sie sagte: "Okay Paul, du hast gewonnen." Das war vor vier Monaten.
Vorige Woche versteckte sich Sheryl irgendwo im Süden Englands, während Paul zum erstenmal öffentlich über seinen Ausraster sprach: daß es ihm fürchterlich leid tue; daß es nie wieder passieren werde; daß er wegen der Alkoholsucht und seinen Aggressionen in Behandlung sei; daß er sein Land auf dem Rasen würdig vertreten werde. Und daß er dem Trainer dankbar sei für diese Chance. Denn eines immerhin weiß er seit seiner Kindheit: Ohne Fußball ist einer wie er in dieser Gesellschaft ein Nichts. Und mit dem Fußball sind alle Probleme nichtig.
Von Christoph Scheuring

DER SPIEGEL 46/1996
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