11.11.1996

ArchäologieWeltwunder in der Kloake

Nimmt das antike Alexandria - Standort des Palastes der Kleopatra und des 120 Meter hohen Leuchtturms von Pharos - Gestalt an? In einer dramatischen Suchaktion haben französische Archäologen Hunderte von Fundstücken im Wasser entdeckt: Königsstatuen, Granitsäulen, Sphinxe und mit Hieroglyphen übersäte Steinquader.
Wir haben ein Jahrhunderträtsel gelöst." Mit diesen Worten trat der Profi-Taucher Franck Goddio, 49, am vorletzten Sonntag vor die Weltpresse. Rund 200 Journalisten lauschten, als der smarte Schatzsucher und sportive Froschmann, diesmal in ungewohntem grauen Flanell, seine archäologische Großtat verkündete: "Der Palast der Pharaonin Kleopatra ist gefunden."
Tags darauf schimmerten bizarre Unterwasseraufnahmen über die TV-Schirme in aller Welt. Schemenhaft hoben sich auf den Bildern riesige Amphoren vom Meeresgrund ab. Eine mit Seepocken überzogene Sphinxfigur starrte durch die trüben Fluten. Tonkrüge, Säulen und der weiße Kopf einer Frauenbüste, vermutlich von einer ptolemäischen Königin, ragten aus dem Schlamm.
Goddios Mannschaft, 16 in schwarze Neoprenanzüge gekleidete Spezialtaucher, hatten die Bilder geschossen. Keine 250 Meter vor der Corniche, der Uferpromenade des modernen Alexandria, liege auf dem Meeresboden, so Goddio, eine grandiose Ruinenwelt.
Über 3500 Tauchgänge hat der Leiter des von ihm gegründeten "Europäischen Instituts für Meeresarchäologie" in Paris unternommen, um die Gründlinge im sieben Meter tiefen Hafenbecken zu kartographieren. "Ein Areal von 20 Fußballfeldern", so Goddio, sei von seiner Crew abgesucht worden.
Eine archäologische Sensation? Ist Alexandria, die superreiche Palaststadt am Nil, Nabel der hellenistischen Welt und sittenverderbte Heimstatt von Cäsar und Kleopatra, nach 2000 Jahren aus dem Meer auferstanden?
Im Jahr 331 vor Christus hatte Alexander der Große (356 bis 323 vor Christus) die Stadt gegründet. Zoologische Gärten, Paläste und marmorne Tempel zierten die Metropole. Und über aller Pracht und Schönheit ragte der rund 120 Meter hohe Leuchtturm empor, eines der sieben Weltwunder der Antike, dessen ewiges Holzfeuer in der Turmspitze seinen Schein über 50 Kilometer weit aufs Mittelmeer warf.
Alexandria, schwärmte der griechischsizilianische Schriftsteller Diodorus, der im ersten Jahrhundert vor Christus lebte, lasse an Schönheit, Größe, Reichtum, Komfort und Luxus alle anderen Städte hinter sich.
Rund eine Million Einwohner lebten in der kosmopolitischen Nilstadt: jüdische Händler, griechische Soldaten und Beamte sowie Sklaven aus Syrien, Persien und Gallien. Regiert wurde der Schmelztiegel von den - griechisch sprechenden - Ptolemäerkönigen, einem Geschlecht kunstliebender und dekadenter Gottkönige, an deren dynastischem Ende Kleopatra stand, die teuflisch schöne und letzte Pharaonin (siehe Kasten Seite 236).
Mit modernstem Meß- und Peilgerät ist Tauchexperte Goddio bei seiner Erkundungstour in die submarine Trümmerlandschaft auf die Relikte dieser Fabelstadt gestoßen.
Doch der Unterwasser-Entrepreneur behauptet noch mehr: Auch die Lage anderer Prunkbauten, die einst die Kleopatra-Stadt zierten, habe er bestimmen können - den Galeerenhafen der Stadt, den Tempel des Poseidon sowie das Timoneum, die prunkvolle Einsiedelei des römischen Feldherrn und Kleopatra-Gatten Antonius.
"Verschwenderisch, außerordentlich luxuriös und voller Farben" seien die Bauten auf dem Meeresgrund, schwärmt der Schnorchler, "wir haben sogar alte Straßenzüge und Basaltpflaster gesehen".
Goddios Ankündigung war vorläufiger Höhepunkt einer Bergungsaktion, die schon seit über 18 Monaten läuft. Unter der Leitung des französischen Archäologen Jean-Yves Empereur ist seit 1994 im Osthafen von Alexandria ein submarines Suchunternehmen im Gange, das als größtes Unterwasserabenteuer der modernen Archäologie gilt.
Die Erkundungen konzentrieren sich auf jenes Areal der antiken Prachtstadt, das in den letzten 1000 Jahren als Folge tektonischer Senkungen von der Küste abbrach und in den Fluten unterging. Hier standen die Paläste der Ptolemäerkönige (siehe Grafik Seite 238/239).
Unglaublich reiche Marmorschlösser säumten einst das Ufer zwischen dem Timoneum und der Halbinsel Lochias. "Der innere Palastbezirk erstreckte sich auf einer Länge von mindestens 600 Metern", sagt der Trierer Archäologe Günter Grimm. Fast jeder Monarch hatte hier sein eigenes Domizil errichtet und durch breite Durchgänge mit den alten Herrscherpalästen verbunden. So war im Laufe der Jahrhunderte ein gargantueskes Prunklabyrinth entstanden.
Doch wo lebte Kleopatra? Wo war ihr Boudoir? Wo schminkte sich die letzte Pharaonin mit Henna und Salböl? Wo lag ihre Studierstube, in der die mandeläugige Herrscherin sich dem Studium der Mathematik und der Zauberei hingab?
Daß im Kloakenwasser des Osthafens - Alexandria hat bis heute keine Kläranlage - tonnenschwere Säulen und Statuen liegen, ist lange bekannt. Bereits 1961 hatte die ägyptische Marine die Kolossalstatue einer Ptolemäerkönigin aus dem Meer gewuchtet, ein kraftraubendes Unterfangen, das zunächst eine Einzelaktion blieb.
Auf Drängen ägyptischer Archäologen schaltete sich 1968 die Unesco ein und schickte die britische Unterwasserforscherin Honor Frost nach Alexandria. Nach zahlreichen Tauchgängen zeichnete die Wissenschaftlerin einen detaillierten Stadtplan der Kleopatra-Stadt - doch gehoben wurde diesmal nichts.
Als Hindernis erwies sich vor allem die ägyptische Marine. Sie wollte in das als militärisches Sperrgebiet ausgewiesene Meeresareal niemanden einlassen. "Feinde", so der stellvertretende Oberkommandierende, "könnten unter dem Vorwand, an Unterwasserarchäologie interessiert zu sein, Spionage oder gar Schlimmeres betreiben."
Im Jahr 1993 schienen die Hoffnungen auf eine Wiedererweckung des antiken Manhattan gänzlich zu schwinden. Die Stadtverwaltung von Alexandria hatte vor der Hafenmauer Wellenbrecher aus Beton versenken lassen. Die Klötze legten sich wie ein Panzer auf die unterseeischen Ruinen.
Nach internationalen Protesten wurde die Beton-Aktion gestoppt. Fachmann Empereur, der seit 1990 in Alexandria ein Forschungsinstitut unterhält, wurde damit beauftragt, das großflächige Steinpuzzle im Wasser zu enträtseln und einige der Schätze zu heben.
Seitdem herrscht an der Corniche Hochbetrieb, die Erfolgsmeldungen reißen nicht ab. Zentrum der Bergungsaktion ist das Fort Kaït Bey. Dort lagert die Empereur-Crew ihre Neoprenanzüge, Sauerstoffflaschen und Bergungsketten. Empereur ist bei den Tauchgängen stets an seinen weißen Handschuhen und Sauerstoffflaschen zu erkennen.
Den ersten glitschigen Brocken zog der Froschmann am 4. Oktober letzten Jahres aus dem Hafenbecken. Dutzende von ägyptischen Regierungsbeamten standen an der Kaimauer, als das Hebekran-Schiff einen barbusigen Steintorso aus dem Wasser hievte.
In den folgenden Wochen gelang die Bergung von insgesamt 34 Fundstücken. Glitzernde Granitrümpfe, an Stahlseilen hängend, durchbrachen die Wasserlinie. Tonnenschwere Statuenköpfe und Kolossalfiguren wurden mit Hilfe von unter Wasser aufgeblasenen Treibballons an die Oberfläche gewuchtet.
Der Anblick der Kaventsmänner sorgte vor allem in Paris für Aufregung. Empereur konnte Steuergelder einsacken, dazu kamen 1,7 Millionen Francs von verschiedenen Sponsoren, darunter der Tankstellen-Konzern Elf, die Electricité de France sowie der Fotohersteller Leica.
Entsprechend effektvoll gingen die Taucher zu Werke. Anfang April diesen Jahres eilte Staatspräsident Jacques Chirac nach Alexandria - just an dem Tag zogen die Taucher einen Statuenkopf empor. Empereurs Leute hatten ihn zuvor hochgeholt, gereinigt, wieder versenkt, um ihn nun dem hohen Gast aus dem Elysée als frisch geborgenes Artefakt zu präsentieren.
Solcher Firlefanz der gallischen Kleopatra-Fahnder tut dem wissenschaftlichen Wert der Aktion keinen Abbruch. "Die Entdeckungen sind wirklich revolutionär", sagt Asisa Saïd, Professorin für griechisch-römische Geschichte an der Universität in Alexandria. "Sie erlauben uns, die letzten Tage der Pharaonen im Detail zu beschreiben."
Empereur konzentrierte sich vor allem auf die Gegend vor der Hafenmole von Fort Keït Bey, einem Mamelucken-Fort aus dem 15. Jahrhundert, an dem früher der Leuchtturm von Alexandria stand.
Unmittelbar vor der Festung krochen die Taucher über die rutschigen Steine und hopsten in die Fluten. Eine detaillierte Karte, mit Hilfe des Satellitenortungssystems GPS angefertigt, zeigt, daß am Fuße der Festung auf einer erkundeten Fläche von 2,25 Hektar rund 2000 Steinquader im Wasser liegen.
Obwohl die Funde noch nicht exakt ausgewertet sind, bestehen nach Empereur keine Zweifel, daß die Trümmer zum Teil Reste des 120 Meter hohen Gemäuers sind, das bereits in der Antike wie ein Bauwerk von einem anderen Stern bewundert wurde.
Im Jahr 285 vor Christus hatte der Architekt Sostratos den mit weißem Marmor verkleideten Riesen aufrichten lassen. Der Mathematiker Archimedes konstruierte einen Brennspiegel, der das Turmlicht auch bei Tag aufs Meer warf. Ein Aufzug förderte Holz zur Spitze - Nachschub für das Signalfeuer.
Für die Ewigkeit konstruiert wie die Pyramiden, hielt der Turm auf der Insel Pharos den Zeiten nicht stand. Bereits im 4. Jahrhundert hatte ein Erdbeben an dem Mauerwerk gerüttelt. Die letzten großen Einstürze wurden durch Erdschocks in den Jahren 1303 und 1326 ausgelöst.
Doch sind die von Empereur erkundeten Steinblöcke wirklich Reste des Pharos-Turms? Bei den Tauchgängen wurden auch Statuen geborgen, die nicht recht ins architektonische Bild passen. Einige Experten glauben, daß die Empereur-Funde Reste des Serapeums sind, eines Tempelbaus, dessen Ruinentrümmer die Mamelucken vor 600 Jahren als Seesperre dort abgeladen haben könnten.
Der Grabungsleiter, schwer beleidigt durch die Kritik an seiner Theorie, ist derzeit für niemanden zu sprechen. Unter den Fundstücken, sagt er, befänden sich auch mehrere zerbrochene, bis zu 75 Tonnen schwere Brocken - für ihn ein klares Indiz dafür, daß die Granitquader aus großer Höhe ins Wasser gefallen sein müssen. Einen anderen, 11,5 Meter langen Block identifizierte er als "Treppenstufe oder Teil der unteren Brüstung des Leuchtturms".
Die von Empereur gehobenen Fundstücke - Granitsäulen, Sphinxe, zerbrochene Großstatuen - lagern noch überwiegend in großen Entsalzungsbädern. Die Mineralien müssen herausgelaugt werden, damit sie den Stein nicht zerfressen.
Sauer ist der Alexandria-Fahnder vor allem auf seinen Gegenspieler Goddio. Der Tauchmann, der ursprünglich als Antiquitätensammler anfing, gilt in der Branche als Hasardeur und Quereinsteiger. Im französischen Archäologischen Institut in Ägypten hat der alerte Abenteurer mittlerweile Hausverbot.
Doch hinter dem Archäologie-Laien steht das große Geld. In aller Stille erwirkte die im Steuerparadies Liechtenstein eingetragene Hilti-Gruppe (Bauchemie, Bohrtechnik) die Lizenz, Goddio einsetzen zu dürfen. Eingefädelt wurde der Hilti-Deal von dem Ägyptologen Abd el-Halim Nur el-Din, bis vor wenigen Wochen Direktor der ägyptischen Altertumsbehörde. Er verlor sein Amt über
Nacht, als einige Kostbarkeiten aus dem Schatz des Tutanchamun aus dem Museum fast gestohlen wurden: Ein Dieb, der sich zur Nacht hatte einschließen lassen, wurde morgens mit 24 Beutestücken erwischt.
Goddios Gegenspieler Empereur, der seit Jahren in Alexandria, der "Perle des Mittelmeers", tätig ist, blieb der Pressekonferenz denn auch demonstrativ fern. Er weigerte sich, die "kommerzialisierte und wissenschaftsferne Reklametrommel" mitzurühren.
"Das Tollste an dem ganzen Unterfangen ist der präzise ausgeklügelte Erfolg der Hiltischen Werbestrategen", befand ein namhafter deutscher Wissenschaftler auf dem Gebiet griechisch-römischer Geschichte und Architektur in Kairo.
An den von Goddio vorgelegten Unterwasserdokumenten gibt es in der Tat einige Zweifel. Der Franzose hat im Umfeld der untergegangenen Insel Antirrhodos getaucht. Dort, am Meeresgrund, machte er seine Entdeckungen, die er nun als Reste des Kleopatra-Palastes deutet.
Der griechische Geograph Strabon, ein Zeitgenosse Kleopatras, hat diese Insel Antirrhodos als "königlichen Besitz mit einem Palast und einem Hafen" beschrieben. Daß die schöne Pharaonin Kleopatra darin gewohnt habe, davon sagt Strabon allerdings kein Wort.
Günter Grimm, Alexandria-Experte aus Trier, bleibt denn auch skeptisch. "Goddios Rekonstruktion ist nicht schlüssig", sagt er. Viel wahrscheinlicher sei, daß Kleopatra irgendwo in dem weitverzweigten, verschachtelten inneren Palastbezirk lebte - darauf deuten auch antike schriftliche Quellen, etwa bei Caesar, hin.
Dennoch ist mit der klotzigen Großfahndung, mit der Goddio jetzt an die Öffentlichkeit trat und die nun zügig weitergehen soll, ein erster Schritt gemacht, das Rätsel am Meeresboden im Detail zu lösen. "Ein vorzügliches Projekt", sagt Grimm. "Bei aller Vorsicht haben wir nun die Chance, den interessantesten Teil des antiken Alexandria zu rekonstruieren."
Überraschende Schätze werden dabei vermutlich noch zutage treten. Der versunkene Bezirk am heutigen Osthafen war der Wohnort jener Ptolemäerdynastie, die antiken Berichten zufolge in marmornen Riesenpalästen zwischen Ebenholzsäulen und mit Schildkrötenpanzern verzierten Türen schlemmte, fluchte, mordete und hurte.
In einer bizarren Mischung aus Reichtum, Ohnmacht und Gewalt, Luxus und Dekadenz herrschten die Ptolemäer von 323 bis 30 vor Christus in ihren Mittelmeerpalästen: griechisch sprechende Fremdherrscher, die sieben bis neun Millionen ägyptische Fellachen unterjocht hielten.
Am Fuße ihres Regierungsviertels, Basileia genannt, erstreckte sich eine turbulente City. "Wer sich amüsieren und sich ausleben wollte, kam nach Kanopos", sagt der Frankfurter Altgeschichtler Manfred Clauss über das riesige Vergnügungsviertel der Stadt. "Hier gab es Schlemmerlokale und Freudenhäuser. Hier kauften sich die Reichen ihre Tänzerinnen und Lustknaben. Hier gab es Tanz und Theater von der großen Bühne bis zum vulgären Schmierentheater."
Dabei hatte alles so rational angefangen. Es war der aus Makedonien stammende Alexander der Große, der nach seiner Eroberung Ägyptens eine neue Residenz wollte. Ein Fischerdorf am Rand des Nildeltas wurde als Standort auserkoren. Alexander selbst ritt mit dem Pferd die Ausmaße der Stadt ab. Dann stürzte er sich in neue Aktivitäten.
Der Aristoteles-Schüler, der die Ilias angeblich auswendig konnte und den Kopf nach einer Verletzung schief hielt, war im Begriff, sein hellenistisches Imperium aufzubauen. Kurz nach der Eroberung Ägyptens stand er als 25jähriger schon wieder an der Front - gegen die Perser. Er nimmt Babylon und Susa in Besitz, zieht bis ans Kaspische Meer. Dann rückt sein Heer nach Afghanistan und Indien vor. Erst am Fluß Jaxartes, 3800 Kilometer von Alexandria entfernt, macht der Eroberer halt.
Wie ein Strohfeuer brannte das Leben des machtlüsternen Kriegsgenius. Gerade 32 Jahre alt, starb Alexander in Babylon an Malaria. In einem goldenen Sarg wurde er nach Memphis, der alten Regierungshauptstadt Ägyptens nahe den Pyramiden, überführt. Die Bauarbeiten in der geplanten Hauptstadt Alexandria hatten gerade erst begonnen.
Dann wurde das Erbe des makedonischen Eroberers verteilt. Der wohl lukrativste Brocken fiel Ptolemaios zu, einem alten Freund und General Alexanders. 305 / 304 vor Christus krönte er sich selbst zum Pharao von Ägypten.
Der Nachfolger hielt die Idee des großen griechischen Strategen wach: Oberstes Ziel sei es, Europa, Asien und Afrika zu vermählen. Alexandria wurde zur Metropole des Hellenismus, ein Schmelztiegel, in dem sich griechische und ägyptische Kultur durchdrangen: Mumifizierung und platonische Philosophie, dorische Säulen und ägyptische Quadermauern gingen eine bizarre Synthese ein.
Entworfen wurde der Stadtgrundriß von dem Architekten Deinokrates, als Sinnbild rationaler Gesinnung. Schnurgerade, gepflasterte Straßen, teilweise bis zu 30 Meter breit, durchschnitten die Stadt. Eine dieser Prachtalleen erstreckte sich auf etwa fünf Kilometer Länge vom Sonnentor im Osten bis zum Mondtor im Westen. Alle Häuserblöcke der Stadt waren numeriert. Der königliche Bezirk mit seinen Regierungs- und Beamtengebäuden nahm rund 20 Prozent der Siedlungsfläche ein.
Raschen Aufschwung erfuhr die Boomtown nicht zuletzt durch die militärischen Erfolge des ersten Ptolemäer-Herrschers. Bis nach Zypern und Syrien zogen seine Soldaten. Ptolemaios selbst gab sich den Beinamen "Soter" (der Retter). Erstmals saß ein Grieche, dessen Vater ein einfacher Handwerker gewesen war, auf dem Pharaonenthron, Herrscher über ein Land, dessen Kultur bereits damals 3000 Jahre zurückreichte.
Ihm folgte Ptolemaios II. (Nebenname: "Liebhaber der Schwester", 308 bis 246 vor Christus), Regent eines großen Reiches, das eine gewaltige Seeflotte unterhielt. Der Monarch selbst gab sich dem Philosophieren und der Liebe hin. Sein Nachfolger Ptolemaios III. ("Eroberer der Welt") besetzte vorübergehend Syrien und zog bis nach Indien.
Der Gewürzhandel mit Asien schleuste Geld in die Staatskasse - der Reichtum war enorm. Haupteinnahmequelle aber blieb der Weizen. Der Nil trat jährlich über die Ufer und ließ riesige Mengen fruchtbaren Schlamms zurück. Die Ptolemäer verbesserten die Getreidesorten, indem sie syrische und griechische Weizensorten akklimatisierten. Unglaubliche Ernten und niedrige Preise waren das Ergebnis. In Griechenland kostete der ägyptische Weizen - trotz hoher Transportkosten - 20 Prozent weniger als heimisches Getreide.
Den Monarchen gehörte sämtlicher Grund und Boden. Ein Viertel der Ernte mußten die Fellachen als Steuern abgeben. "Niemand hat das Recht, zu tun, was er will, aber alles ist bestens organisiert", heißt es in einem ptolemäischen Erlaß.
Auch die Papyrusproduktion sowie das Bankwesen waren monopolisiert (fester Zinssatz: 24 Prozent). Hochwertiges Glas, Leinen und Elfenbein gingen in den Export. Die staatlichen Ölmühlen verkauften ihre Produkte über Zwischenhändler zu festen Preisen. Der Gewinn der Könige bewegte sich zwischen 70 Prozent bei Sesamöl und 300 Prozent bei Kolocynthus (Bitterapfel)-Öl.
Die enormen Einnahmen erlaubten der griechischen Oberschicht ein Leben in Saus und Braus - Alexandria wurde zum Dorado. Bereits der erste Ptolemäerherrscher "Soter" regte den Bau des Mouseions an - mit der angeschlossenen Bibliothek, in der das gesamte Wissen der damaligen Welt gespeichert wurde.
Als Grundstock diente die voluminöse Papyrus-Sammlung des Philosophen Aristoteles, die Ptolemaios II. gekauft hatte. Heere von Schreibsklaven fertigten Duplikate von allen bedeutenden Werken der Zeit. Zu den wichtigsten Leistungen gehört die Übertragung des Alten Testaments. 72 Philologen wurden engagiert, um das heilige Werk komplett ins Griechische zu übersetzen.
Als Julius Cäsar 48 vor Christus bei der Belagerung Alexandrias die gigantische Bücherstube versehentlich in Brand steckte, gingen rund 700 000 Papyrusrollen in Flammen auf - der größte geistige Verlust, den die Menschheit je erlitt.
Unschätzbare Pretiosen hatten die Alexandriner Bibliographen gehortet. Unter Ptolemaios III. hatte Athen - gegen eine horrende Sicherheitsleistung - die Dramen der großen Tragiker, darunter Euripides, Sophokles und Aischylos, nach Alexandria ausgeliehen. Der König ließ die Theaterstücke abschreiben, schickte dann aber nur die Kopien nach Athen zurück. Die Originale waren ihm mehr wert als die Rückzahlung jeder noch so hohen Kaution.
Solch kunstliebendes Mäzenatentum wirkte wie ein Magnet auf die Gelehrten in der griechischen Heimat. Das Mouseion mit seinen Gärten, Kolonnaden, Brunnen und einem Speisesaal entwickelte sich schnell zum "Forschungszentrum der mediterranen Welt", wie der britische Althistoriker Michael Grant schreibt. In Scharen pilgerten die Künstler, Wissenschaftler und Poeten aus der Ägäis Richtung Nil, wo sie steuerfrei auf Staatskosten leben konnten.
Archimedes entwarf hier seine Pumpe ("Archimedische Schraube"), den Flaschenzug und Wurfgeschütze. Aristarchos postulierte das heliozentrische Weltbild, Euklid verfaßte in Alexandria sein berühmtes Geometriebuch. Andere Experten schufen die Grundlagen zur Berechnung von Parabeln, Ellipsen und Hyperbeln. "In Alexandria wurde sogar Vivisektion betrieben", sagt Archäologe Grimm.
Die vielleicht erstaunlichste Erkenntnis, die Berechnung des Erdumfangs, gelang Eratosthenes, dem Chefbibliothekar des Mouseions. Seine Kalkulation basierte auf der unterschiedlichen Länge des Schattens in Alexandria und im gut 1000 Kilometer entfernten Assuan. Ursache der Differenz, so der Gelehrte, sei die Krümmung der Erde. Deren Gesamtumfang legte er - ziemlich zutreffend - auf 39 706 Kilometer fest.
Die königlichen Gönner spannten die um sie gescharten Eierköpfe gern für eigene Zwecke ein. "Siegeshymnen, Grabgesänge, Rezepturen, mechanisches Spielzeug, Landkarten oder Kriegsmaschinen - wessen der Hof auch bedurfte, er brauchte nur das Museum zu verständigen, und die vom Staat bezahlten Fachleute machten sich an die Arbeit", schreibt der britische Alexandria-Kenner Edward Forster.
Erst mit Ptolemaios IV. (221 bis 205 vor Christus) setzt der Verfall der Dynastie ein. Der Mann, als Lüstling und Trunkenbold verschrien, begann die außerägyptischen Besitzungen zu verspielen. Gleichzeitig erlahmte die sittliche Kraft des Herrscherhauses merklich. Wollust und Laster, Mord und Ränke gehörten nun zur Tagespolitik im Brucheion.
Als wohl grausamster Herrscher betrat Euergetes (170 bis 116 vor Christus), der Urgroßvater Kleopatras, die Machtbühne. Der König hüllte seinen gedunsenen Leib, der ihm beim Volk den Spitznamen "Physcon" ("Der Fette") einbrachte, in durchsichtige Schleier. Unter diesem Dickwanst, schreibt Historiker Grant, "erlebte der Hellenismus seine perfideste und mörderischste Phase".
Blutrünstig, mittels Intrigen und Verwandtenmorden, drängten sich die Mitglieder des inzestuösen Herrschergeschlechts immer wieder gegenseitig vom Thron - und riefen bei den Rangeleien Rom zu Hilfe. Bereits im 2. vorchristlichen Jahrhundert hatten die Römer faktisch das Sagen in Ägypten. Der einst glorreiche Pharaonenstaat, Land der mythischen Isis und Osiris, der vorzeitlichen Pyramiden, Sonnentempel und Obelisken, war am Ende.
Kleopatras Vater Ptolemaios XII. machte da keine Ausnahme. Auletes, den "Bläser", nannte ihn das Volk, weil er auf dem "Aulos", einer Kreuzung aus Flöte und Oboe, gern den Palastchor begleitete. Auletes, der sich in großer Zahl junge Knaben zuführen ließ, war berühmt für seine Vorliebe, sich von Männern in Frauenkleidung vortanzen zu lassen. Auch der Neuplatoniker Demetrios mußte die Tante Charlie spielen. Angeekelt hüpfte der Gelehrte in einem eleganten Rock aus Tarent vor dem Monarchen auf und ab.
Damals war das politische Machtgefüge in Ägypten längst zerrüttet. Der Niedergang endete im Machtspiel der Kleopatra, die, ihren Bruder mordend, mit Charme und Raffinesse um die Gunst der römischen Feldherren Cäsar und Antonius buhlte - nur so hoffte sie die drohende Kolonialisierung und militärische Eroberung ihres Reiches durch die Römer abwenden zu können.
Dieses Fegefeuer der Eitelkeiten, dieses Babylon der Sünden und der Gelehrsamkeit, des Machtrausches und der sittlichen Verderbnis gleichsam in versteinerter Form wieder aufzuspüren ist die Hoffnung der Archäologen - mit den jüngsten Entdeckungen am Meeresgrund sind sie dem Ziel um einiges nähergerückt.
Vor allem Goddios Entdeckungstouren im verdreckten Hafenbecken von Alexandria haben eine Vielzahl an Neuigkeiten erbracht. Vier Monate lang ging der Neopren-Trupp fast täglich auf Tauchstation und kartographierte jenes besonders spannende Meeresgebiet, das einst Schauplatz von Königsmorden und bacchantischen Partys war: das Herrscherviertel der ptolemäischen Tyrannen.
Mit Schabern wühlten die Froschmänner im schlammigen Grund, mit Zollstöcken und Taschenlampen irrten sie, von Fischschwärmen begleitet, durch eine märchenhafte Ruinenwelt. Jedes Artefakt, ob Kaimauerstein oder Amphore, wurde vermessen; die Daten wurden sodann auf dem Expeditionsschiff "Oceanex", das im Hafenbecken dümpelte, direkt in Computer eingespeist.
Die so hergestellte Fundkarte - eine vereinfachte Version wurde dem SPIEGEL letzten Donnerstag von offiziellen Stellen in Ägypten zur Verfügung gestellt - dürfte in der Gelehrtenzunft für einigen Wirbel sorgen. In entscheidenden Punkten weicht die neue Rekonstruktion von bisher geltenden Ansichten ab.
Goddio zufolge erhob sich im heutigen Hafenbecken vor 2000 Jahren eine mäandernde Welt von Inseln und Halbinseln, die von Palästen, Tempeln und Säulengängen übersät war. Als Baumaterial diente edelstes Material: Marmor, Rosengranit und schwarzer Basalt.
Nach Strabon, dem antiken Geographen, der um 20 vor Christus Alexandria als Tourist besuchte, lag das Timoneum westlich der Insel Antirrhodos. Die von Hilti gesponserten Unterwasserdetektive dagegen haben die prunkvolle Einsiedelei nun östlich des Eilands geortet.
Auch die gewaltigen Dimensionen des Regierungsviertels zeichnen sich jetzt deutlicher ab. Dutzende von Säulen und mehrere Sphinxe liegen vor der Corniche im Wasser. Auf einer Strecke von über 1000 Metern erstrecken sich antike Hausfundamente und gepflasterte Wege - Indiz dafür, daß sich der verschachtelte Megapalast der Ptolemäer einst wie ein Lindwurm an der Meeresküste hinzog.
Allein vor der Insel Lochias konnten zwei königliche Kaianlagen identifiziert werden - mutmaßlicher Heimathafen jener luxuriösen, zweistöckigen Prunkbarke, mit der die Herrscher einmal im Jahr bis nach Assuan schipperten, um dem zerlumpten ackerbauenden Fellachenvolk zu zeigen, wie gut es ihnen ging.
Die Forscherzunft wartet nun gespannt auf die Veröffentlichung der Computerpläne. "Erst wenn die Karten und Fundbeschreibungen detailliert vorliegen, kann die wissenschaftliche Auswertung beginnen", sagt der Trierer Experte Grimm.
Davon sind die beteiligten Altertumsforscher noch weit entfernt. Die Goddio-Crew und die dahinter- stehenden Geldgeber beschränken sich vorerst aufs Kartographieren. Keines der Artefakte wurde bisher gehoben, auch auf der Pressekonferenz am vorletzten Wochenende warteten Fachleute vergebens auf steinerne Beweise, welche die These vom gefundenen Kleopatra-Palast hätten untermauern können.
Offenbar ist der Goddio-Coup an den hochrangigen ägyptischen Archäologie-Verwaltern vorbeigelaufen. Der neuernannte Direktor der ägyptischen Altertumsbehörde, der in Deutschland promovierte Ali Hassan, erklärte, er sei über die Ergebnisse der Tauchaktion "kaum unterrichtet". Der Abenteurer Goddio profilierte sich in den Medien, der renommierte Alexandria-Experte Empereur wurde ausgebootet - keine guten Voraussetzungen für solide wissenschaftliche Aufarbeitung.
Dabei wartet auf die Experten noch viel kombinatorische Arbeit und Logelei. Wie schwierig es ist, das Steinpuzzle von Alexandria zu lösen, zeigen schon die Leuchtturm-Trümmer, die Goddio-Gegner Empereur letztes Jahr aus dem Wasser fischte.
Zwischen dem Geröll fanden sich auch mit Hieroglyphen übersäte Architekturfragmente. Die Inschriften stammen aus der Zeit von Ramses II., Sesostris und Seti I. Ein merkwürdiger Befund: Diese Pharaonen waren schon seit Jahrhunderten tot, als Alexandria im 4. vorchristlichen Jahrhundert am Reißbrett entworfen wurde.
Wie aber gelangten die archaischen Steinbrocken in die frisch hochgezogene Nil-City? Die Experten haben derzeit nur eine plausible Erklärung parat, um das Rätsel zu lösen.
Diesem Szenario zufolge könnten die Ptolemäerkönige - genervt durch das neureiche Image ihrer Hochglanz-Metropole - versucht haben, "das Alter ihrer Stadt fiktiv zu erhöhen" (Grimm). Zu diesem Zweck grasten sie womöglich alte traditionsreichere Reichsstädte wie Heliopolis oder Memphis ab und mopsten dort Obelisken und Statuen.
"Vielleicht wurden ganze Gebäude demontiert und in Alexandria wieder aufgebaut", sagt der Experte Grimm. Solch ein Kraftakt wäre den prestigebewußten Ptolemäerkönigen durchaus zuzutrauen. Beweise für die Theorie gibt es nicht.
Mit den von Goddio vorgetragenen Behauptungen sieht es ähnlich aus. Ein Füllhorn an Artefakten hat der Froschmann vor den Gelehrten ausgebreitet. Sie zu ordnen, Wahrheit von medienwirksamer Übertreibung zu scheiden, dürfte noch Jahre dauern.
Dennoch ist die Zunft zum Platzen gespannt: Zum erstenmal haben die Archäologen Tausende von steinernen Zeugnisse aus jenem Umkreis in der Hand, in dem Kleopatras Lotterbett stand und in dem ihr Gatte Mark Anton seine exzessiven Sausen feierte.
"Bloß keine vorschnellen Schlüsse ziehen", warnt der Experte Grimm. Aber er fügt auch hinzu: "Die Taucher haben uns um Meilensteine vorangebracht."
[Grafiktext]
Neueste Funde im Hafen von Alexandria nach Zuordnung durch Goddio
[GrafiktextEnde]
* An Bord des Expeditionsschiffs "Oceanex".

DER SPIEGEL 46/1996
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