25.02.2013

Pritsche ohne Kissen

Die Obdachlosenheime sind überfüllt, weil Osteuropäer dort verstärkt Unterschlupf suchen. Die Städte senken die Standards der Unterkünfte.
Die Tür wird erst in zwei Stunden aufgehen, aber Gerd will diesmal nichts riskieren. "Gestern war ich zu spät und habe kein Bett mehr bekommen", sagt der 57-Jährige. Seine dünnen blonden Haare kleben am Kopf, Stirn und Kinn sind verschorft, und wenn er spricht, riecht es nach Schnaps.
Gerd steht lieber den Nachmittag lang im Regen, als wieder leer auszugehen. Mit ihm warten drei Afrikaner und sieben Osteuropäer in der Schlange. 230 Betten bietet die Unterkunft des Hamburger Winternotprogramms in der Nähe des Hauptbahnhofs, in einem behelfsmäßig hergerichteten ehemaligen Bürohaus. An den meisten Abenden sind es nicht genug. Obdachsuchende müssen dann in Hamburg auf Tischen oder Stühlen schlafen.
München, Stuttgart, Köln und andere deutsche Städte stehen vor einem ähnlichen Problem: Es gibt mehr hilfesuchende Menschen als Plätze in Obdachlosenunterkünften und Nothilferäumen. Die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen - auch weil immer mehr mittellose Rumänen, Bulgaren und andere Osteuropäer hierherkommen. Seit ihre Heimatländer 2007 der EU beitraten, können Bulgaren und Rumänen ohne Visum und Aufenthaltsgenehmigung einreisen.
Wer arm und unqualifiziert ist, aber länger als drei Monate bleiben will, meldet - oft zum Schein - ein Gewerbe an und verdingt sich dann schwarz auf dem Bau, für drei Euro die Stunde. 2011 wuchs die Zahl der Bulgaren in Deutschland um gut 22 000 Menschen, die der Rumänen sogar um gut 36 000. Tausende von ihnen sind Akademiker, Facharbeiter oder Studenten, aber es kommen auch Tagelöhner und Bettler. Die Ärmsten von ihnen landen in Obdachlosenheimen - weil sie kein Geld haben oder weil sie die Notunterkünfte als Gratishotel missbrauchen.
Der Deutsche Städtetag beklagt, dass die Kommunen mit den Folgen der "Armutswanderung" aus Osteuropa allein- gelassen würden. Die Städte seien überfordert, für die Neuankömmlinge Wohnungen und medizinische Behandlung bereitzustellen.
Die Zustände in den Notunterkünften in Deutschland zeigen die Kehrseite der Freizügigkeit und eines offenen Europas. Die Zuwanderer aus dem Osten lösen einen Verdrängungskampf am Rand der Gesellschaft aus, unter denen, die fast nichts haben.
"Die Migration ist ein Problem, das kontinuierlich seit Jahren ansteigt", aber von der Politik lange verschwiegen wurde, sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Nach deren Angaben waren bundesweit bereits 2011 mehr als 15 Prozent der Menschen in den Programmen der Obdach- und Wohnungslosenhilfe ausländische Staatsbürger. Der tatsächliche, aktuelle Anteil von Migranten in den Hilfsprogrammen "dürfte höher sein", vermutet Specht - besonders in den Großstädten und bei den Angeboten der Winternothilfe.
Diese Einrichtungen sind aufs Nötigste reduzierte Übernachtungsheime. Experten schätzen den Anteil der Ausländer dort auf die Hälfte, in der Hamburger Spaldingstraße stammen rund zwei Drittel der Besucher aus Rumänien, Bulgarien und Polen. Einmal fuhr ein Bus direkt aus Rumänien vor und lud vor dem Haus zwölf Tagelöhner ab. Als Zollbeamte unlängst Hilfesuchende kontrollierten, fanden sie heraus, dass acht vermeintlich Obdachlose ein Gewerbe angemeldet hatten und sich vermutlich als Billigarbeiter verdingten. Arbeitsmigranten "missbrauchen das Winternotprogramm und nehmen Obdachlosen die Plätze weg", klagt Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele.
Der Sozialdemokrat meint vermutlich Menschen wie Johnny, der Rigipsplatten verarbeiten kann, aber auch als Kellner arbeiten würde. Oder wie Claudio, der jeden Job annähme, oder wie Nello, der Traktorist. Seine Frau und seine jüngste Tochter leben in der Einzimmerwohnung seines Sohns in Köln. Für ihn ist dort kein Platz mehr.
Alle drei warten vor den Türen des ehemaligen Kölner Veterinäramts am Eifelwall, die sich um 19 Uhr öffnen. Knapp 30 Leute sind da - die meistgesprochene Sprache ist Rumänisch. Nello schläft seit sechs Monaten hier, einen Job hat er nicht gefunden. "Zurückgehen ist keine Möglichkeit", sagt Nello. "Zu Hause ist nichts, nur Armut."
Die Einrichtung öffnet seit diesem Winter ihre Pforten, weil der Andrang in der regulären Obdachlosenunterkunft zu groß geworden war. Dort gab es Bettwäsche, Handtücher, warme Duschen und belegte Brote - was mehr ist, als manche Arbeitslose in Osteuropa haben. In der Notunterkunft schlafen die Menschen nun auf Pritschen ohne Kopfkissen, Essen gibt es nicht. Immerhin funktioniert die Heizung.
Das karge Angebot ist der Versuch der Stadt Köln, mit dem Ansturm umzugehen. In Dortmund stellt sich die Stadt sogar auf den Standpunkt, dass Obdachlose aus anderen EU-Staaten "in ihrer Heimat nicht obdachlos waren, sondern ihre Obdachlosigkeit durch das Reisen als Unionsbürger bewusst herbeigeführt haben" - und damit kein Recht auf eine Übernachtungsstelle hätten. Zur Not stünde ja nach 22.30 Uhr, wenn es sehr kalt sei, ein Platz in einem Aufenthaltsraum zur Verfügung, teilt ein Sprecher der Stadt mit.
Die Stadt München versuchte bis zum vorigen Jahr, Obdachlose aus Osteuropa im System der Wohnungslosen-Winterhilfe unterzubringen. Dann schuf sie auch dort eine besondere Lösung für Menschen "ohne Anspruch auf Unterbringung", sprich: Zuwanderer. Das Evangelische Hilfswerk betreibt nun zwei Notunterkünfte auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne: 176 Plätze in Stockbetten, notfalls weitere 39 im Nebenhaus. Allerdings öffnet die Bayernkaserne nur dann, wenn die Außentemperatur unter null Grad sinkt oder ein schwerer Sturm braust.
Die Verantwortlichen in vielen Städten fürchten sich davor, ein attraktives Angebot zu unterbreiten: Keine Kommune will zum Anziehungspunkt für eine neue Gruppe von Obdachlosen werden. "Es spricht sich schnell rum, wo es gut ist, und da haben die Stadtväter Sorge, dass alle zu ihnen kommen", sagt ein Sozialarbeiter, der mit dieser Aussage nicht zitiert werden will.
Dass die Mittel knapper sind, weil mehr Bedürftige aus Osteuropa kommen, hat sich herumgesprochen. "Leichter ist es nicht geworden durch die", sagt Karl-Heinz, der zusammen mit Rolf und Dirk in der Obdachlosen-Tagesstätte "Gulliver" unter einer Brücke am Kölner Hauptbahnhof sitzt. Man kann hier für 50 Cent duschen und gratis sein Handy aufladen. Es sei schwerer geworden, einen Sitzplatz zu finden, sagt Rolf. Aber das halten sie hier nicht einmal für das größte Problem. "Weil die da sind, kriegen wir beim Schnorren weniger Geld", sagt Dirk, "und wir finden weniger Pfandflaschen, weil die auch welche suchen."
Von Fidelius Schmid und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 9/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Pritsche ohne Kissen

Video 00:53

Safari-Video Leopard schnappt Vogel aus der Luft

  • Video "Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen" Video 00:50
    Extreme Trockenheit: Autofahrer filmt Sandstürme in Polen
  • Video "Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer" Video 01:02
    Propaganda-Parade: China präsentiert neuen Lenkwaffenzerstörer
  • Video "Videoanalyse: Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu" Video 02:35
    Videoanalyse: "Irre Ziele gehören zum Prinzip Tesla dazu"
  • Video "Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn" Video 01:38
    Amateurvideo: Weichenstellung auf der Einschienenbahn
  • Video "Amal Clooney vor der Uno: Dies ist Ihr Nürnberg-Moment" Video 01:29
    Amal Clooney vor der Uno: "Dies ist Ihr Nürnberg-Moment"
  • Video "Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter" Video 02:21
    Anschläge in Sri Lanka: Videos zeigen mutmaßlichen Attentäter
  • Video "Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool" Video 00:51
    Erdbeben auf den Philippinen: Wasser stürzt aus Hochhaus-Swimmingpool
  • Video "Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter" Video 00:48
    Istanbul: Wohnhaus stürzt Abhang hinunter
  • Video "Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe" Video 01:51
    Illegales Haus auf dem Meer: US-Investor droht in Thailand Todesstrafe
  • Video "Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen" Video 50:00
    Fotograf trifft Felsenpython: Die tut nix, die will nur beißen
  • Video "Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante" Video 06:24
    Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Video "Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt" Video 01:09
    Weltuntergangsstimmung: Die Böenwalze über der Stadt
  • Video "Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport" Video 03:45
    Mobilitäts-Konzept: Der Innercity-Intercity-Airport
  • Video "Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin" Video 10:11
    Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Video "Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft" Video 00:53
    Safari-Video: Leopard schnappt Vogel aus der Luft