25.02.2013

GESCHICHTEFescher Franz auf Weltreise

Er rauchte Opium in China, ließ sich in Japan tätowieren und fand die Amerikaner unverschämt: Vor 120 Jahren unternahm Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand eine erstaunliche Reise rund um die Erde. Nun erscheint sein vergessenes Tagebuch.
Mehr als 5000 Hirsche schoss er tot, dann traf ihn selbst die Kugel. In einer offenen Karosse fuhr Franz Ferdinand von Österreich-Este am 28. Juni 1914 durch Sarajevo, als ein serbischer Nationalist zwei Schüsse auf den Wagen abgab.
Einer zerfetzte die Luftröhre des Erzherzogs, der andere drang in den Unterleib seiner Gattin ein. Beide starben.
Das Attentat stürzte die Belle Époque in einen Weltenbrand. Nur, wer war dieser Mann, dessen gewaltsames Ableben den Ersten Weltkrieg auslöste? "Vulkanisch" und "aufbrausend" haben Historiker den Kaiser in spe genannt. Sein Jagdfieber (er erlegte 274 889 Stück Wild) stuften sie als "feudale Massenschlächterei" ein.
Zugleich aber hegte er weitreichende Reformpläne für den Balkan. Karl Kraus mochte den Grantler. Ein Kriegstreiber war er nicht.
Nun ist ein frischer Blick auf die widersprüchliche Gestalt möglich. In dieser Woche erscheinen Reisenotizen - gekürzt und mit Originalfotos illustriert -, die Franz Ferdinand während einer Fahrt rund um den Globus niederschrieb(*1).
Im Dezember 1892 war der damals 28-Jährige von Triest aus mit dem Torpedo-Rammkreuzer SMS "Kaiserin Elisabeth" gestartet, um über Indien bis nach Amerika vorzustoßen. Mehr als 400 Personen, vom Marinekaplan bis zum Kämmerer, begleiteten ihn. Dabei verfasste "FF", so sein offizielles Kürzel, eine über 2000 Seiten dicke Kladde - ein fast vergessenes Tagebuch.
Wortgewaltig beschreibt der Globetrotter darin die Gassen Adens und den Zauber der Südsee. Er bestieg die Müllhalde von Kalkutta und beklagte das ausbeuterische Kolonialsystem der Westmächte. Beim Anblick des Himalaja fing er an zu jodeln.
Der Wilde Westen, den Seine Durchlaucht nur noch mit kleinem Geleit durchstreifte, war dann der "Tiefpunkt der
Tour", wie der Herausgeber Frank Gerbert erklärt: "Die erhofften Grizzlybären wollten dem Erzherzog nicht vor die Büchse laufen, Cowboys legten in seiner Anwesenheit ungeniert die Füße auf den Tisch, überall herrschte Rauchverbot."
Auch störte FF die Naturzerstörung. Aus Vancouver meldete er einen "schonungslosen Vernichtungskrieg" gegen "500- bis 600-jährige Cedern, Thujen und Douglas-Tannen". Der ganze Horizont, schreibt er, "raucht und glimmt, überall ist der Schlag der Axt vernehmbar".
Ein Öko war der Habsburger allerdings nicht - im Gegenteil. Er ging viel lieber jagen.
Schon bei der Anfahrt auf Indien zielte er mit der Schrotflinte ins Wasser, um Rochen zu töten. Später erlegte er Geier, Elefanten, Koalas, auch Stinktiere, Störche oder Vögel, "deren ornithologische Bestimmung mir nicht bekannt war". Seinen Kampf gegen einen Waran auf Ceylon schilderte er so: "Ich näherte mich der Eidechse wie Sankt Georg dem Drachen."
Zur Genugtuung von Tierfreunden sei gesagt, dass der Mann seine Schießwut mit einem unheilbaren Ohrschaden bezahlte.
Vor allem in Indien bot sich dem k. u. k. Touristen ein märchenhaftes Schussfeld. Bei Delhi trug man ihm 87 Zelte, teils mit Badekabinen und Golddecken, in den Dschungel. Wenig später empfing ihn der britische Verwalter von Nepal mit 203 Arbeitselefanten zur Tigerhatz am Fuß des Himalaja.
Als der goldbetresste Nizam von Hyderabad zum Essen lud, bog sich die Tafel unter der Last exotischer Speisen. Beim Anschneiden flog eine Schar bunter Vögel aus dem Kuchen. Später trank man im Dschungel Schampus.
Nur die Musik gefiel dem Besucher nicht. Die Kapelle des Inders hege eine "Vorliebe für falsches Clarinett- und Flötengewinsel", tadelte er. Auch sei die Volkshymne Österreichs "kaum zu erkennen" gewesen, weil "einige der vor uns concertierenden Musikkobolde ihren Genossen stets um mehrere Takte voraus waren".
Auch sonst schert sich der Autor nicht um politische Korrektheit: Chinesen gelten ihm als "hinterlistig", Bombays Fakire hält er für arbeitsscheu. Die Türme, auf denen die Parsen ihre Toten den Geiern zum Fraß aufbahren, nennt er "Stätten menschlicher Erniedrigung".
Grundsätzlich jedoch verstand sich der Mann aufs comme il faut. Fesch trat er auf, oft in weißer Uniform, mit Gerte und Schnauzbart.
Seine Gastgeber dankten es ihm mit zackigen Paraden. Mal brannten sie für ihn ein Feuerwerk ab, mal schoss eine japanische Gebirgsbatterie Salut. Nur auf den Molukken wurde es Franz zu viel. Eine Horde Dorfkinder umringte ihn und sang immerfort auf Holländisch "Hoch soll er leben".
Dieses Erlebnis spielte bereits im Kolonialgebiet der Niederländer, das sich bis nach Neuguinea zog.
Dort ließ es sich leben: Im April erreichte der Walzerverein Jakarta, wo FF ein Krokodil erschoss. Danach hatte er Gelegenheit, bei schwüler Hitze "auffallend hübsche Holländerinnen" mit geknoteten Röcken zu bewundern.
Doch der Adlige verschwieg auch nicht, wie hart die weißen Herren damals in Asien regierten. In den Jahren 1825 bis 1830 hatten sie bei einem Aufstand auf Java 200 000 Menschen niedermetzeln lassen.
Als das Schiff Siam ansteuern wollte, erlebte der Erzherzog - bei Durchfall und Tropenfieber - dann fast ein Seegefecht. Französische Kanonenboote blockierten die Küste vor Bangkok und zwangen den König zur Herausgabe von Laos.
Kolonialpolitik live. Der Tourist musste den Kurs ändern.
In Australien stieß er erneut auf frische Spuren von Gewalt. Aborigines hatten zuvor 31 Siedler ermordet. Erstaunlich: Der Gast zeigte Verständnis. Der Überfall, erklärt er, sei nur eine Rache der Eingeborenen für die "oft grausame Art, mit der sie von ihrem Stammlande verdrängt, ja einfach ausgerottet werden". Selbst vergiftetes Brot, klagt er, habe man ihnen als "tödliche Lockspeise" vorgesetzt.
Seine Schießlaune ließ er sich dadurch allerdings nicht verderben. Mehrmals fuhr er mit dem Sonderzug ins Outback, um auf Einladung von Großgrundbesitzern Kängurus zu erlegen.
In Sydney gab er dann an Bord seines Kreuzers ein rauschendes Fest. 500 Bürger der feinsten Gesellschaft kamen. Getanzt wurde zu den Klängen der "Blauen Donau".
Zugleich aber zogen ihn die Schattenseiten an: der Dreck der Gefängnisse, Opiumhöhlen, Schlachthöfe und Richtstätten. Im Juni steuerte er ein besonders grausiges Ziel an: Neukaledonien - damals als riesiger Knast.
Etwa 8000 Sträflinge lebten auf dem Eiland, eingepfercht in 50-Mann-Baracken. Schon im Hafen blickte der zukünftige Thronfolger in die finsteren Gesichter von Kriminellen, die Quai-Mauern errichteten und Steine klopften. Andere schufteten in Nickelminen. Entwich ein Häftling in die Wälder, wurde er meist von den Ureinwohnern getötet. Jeder Flüchtling brachte 25 Franc Kopfgeld.
Sogar auf die vorgelagerte Insel Nu, wo sich ein Gebäude für Schwerstverbrecher befand, wagte sich der Besucher. In den fensterlosen Zellen fühlte er sich "dem Auswurfe der Menschheit" gegenüber. Sein Urteil: Die Leute hätten sich "ausnahmslos durch unverschämtes Verhalten" ausgezeichnet. Zum Schluss ließ er sich vom Anstaltsleiter die Guillotine erklären.
Es kam noch unheimlicher: Am 7. Juni ging man in Owa Raha (Salomoninseln) vor Anker. Hier wurde die Mannschaft von Leuten empfangen, die Halsschmuck aus Hundezähnen trugen und Nasenringe aus Schildpatt. Sie frönten noch der sakralen Menschenfresserei.
Also bewaffnete sich die Ösi-Delegation und drang ins Innere der Insel, in ein Dickicht aus Palmen, Schraubenbäumen und Schlingpflanzen vor. Dort handelte FF einer "dunklen Anthropophagin" einen Beutel für Betelnüsse ab. Im Austausch gegen zwei Zigaretten erhielt er einen Speer.
Diese Waffe sowie 14 000 weitere Souvenirs der Reise liegen heute im Museum für Völkerkunde in Wien.
Bei der Rückkehr zum Schiff wurde es heikel. Ein Teil der Expedition verirrte sich und wurde von den "Wilden" umzingelt. Der "Schiffsfähnrich" schoss daraufhin gezielt in die Menge. Womöglich, heißt es im Tagebuch, sei er "zu energisch vorgegangen".
Mit dem Jagen war es nun vorerst vorbei. In Japan konnte Seine Durchlaucht nur noch Goldfische füttern. Statt üppiger Waidgründe bot sich ihm ein Land im Umbruch, in dem die Macht der Samurai und Shogune längst verblasst war. 1853 hatte der Westen Japan zur Öffnung seiner Wirtschaft gezwungen.
"Wir blicken nicht mehr zu Idealen, sondern zu Fabrikschloten empor", notierte der Fremde.
Am 2. August war er in Nagasaki eingelaufen. Von dort ging es zum Tenno nach Tokio - zum Teil mit Rikschas. Überall standen Wächter an den Straßen. Sogar auf dem Meer schaukelten Patrouillenboote. Der Grund: Zwei Jahre zuvor war der Zarensohn Nikolai von einem japanischen Polizisten mit einem Schwert angegriffen und schwer verletzt worden.
Dem feschen Franz blieb das erspart. Ihn pikste nur ein Tätowierer, der ihm mit 52 000 Stichen einen Drachen auf den Arm nadelte. Damit war der Staatsbesuch in Nippon beendet, und Seine Durchlaucht stieg mit kleiner Truppe auf einen kanadischen Dampfer um. Das Ziel: Amerika.
Kaum an Bord, merkte der Blaublüter die Veränderung. Mürrische Kellner bedienten ihn. Statt des "Radetzky-Marsches" hörte er nun "Negergestampfe". Immerhin versüßte ihm eine "reizende, kleine Amerikanerin" die Überfahrt mit Tennis auf dem Oberdeck.
Diese letzte Etappe, die Neue Welt, entlockte dem Globetrotter die eindringlichsten Beobachtungen: Der Spross österreichischen Uradels befand sich nunmehr im Land des schnellen Geldes. Kaum in Vancouver angekommen und geschockt von den großflächigen Rodungen dort, buchte der Besucher eine Bahnfahrt quer durch den Wilden Westen.
Durch endlose Prärien stampfte das Dampfross. Der Habsburger sah dahinsterbende Wälder und zerlumpte Indianer, vollgepumpt mit Feuerwasser, über deren Schmach er sich entrüstete. Während die 423 Reservationen in Kanada "ertragsfähig" seien, schreibt er, speise die Regierung der USA die Indianer mit "wertlosem" Land ab.
Und immer wehten ihn die Übel der Moderne an: Hotels mit Rauchverbot, Leute ohne Manieren, schlechtes Essen. Im Yellowstone-Park sah er Familien, die nur zum Spaß mit ihren Kutschen durchs Gelände fuhren - die Urform des Wohnmobil-Tourismus.
In New York streifte der Neugierige dann über die Fifth Avenue und den Broadway mit seinen Modegeschäften, Juwelierläden und dem "sinnbetäubenden Verkehrsleben". Schließlich bestieg er das 94 Meter hohe Pulitzer Building, damals das höchste Haus der Welt.
Von dort oben blickte er auf ein Gewimmel aus drei Millionen Stadtbewohnern herab. Dabei ergriff ihn Ehrfurcht vor dem "allmächtigen Dollar". Der "Bürger der Union", so der Fremde, habe das Zeug "zum Überlebensgroßen, zum Übermenschen".
Doch das Lob für die USA mischte der Gast stets mit Tadel. "Heroischen Unternehmergeist" attestierte er dem Land, doch sei der "oft genug mit beispielloser Rücksichtslosigkeit gepaart".
Das Genörgel hatte offenbar auch taktische Gründe. Als FF in Manhattan weilte, erreichten Ströme von Einwanderern das Auffanglager unweit der Freiheitsstatue, darunter auch viele Leute aus dem Alpengebiet. Das beunruhigte die Führung in Wien.
Der hohe Herr machte es anders. Er fuhr von West nach Ost, zurück in die Heimat mit ihren dampfenden Süßspeisen und antidemokratischen Sitten, wo ihm alles so viel herzlicher und gemütlicher vorkam. Nach zehn Monaten Reisedauer erreichte er endlich das geliebte Wien, seine Stadt, die er "ewig jung" nannte.
Wie sehr sich der Mann täuschte. In Wahrheit kehrte er in ein Land zurück, dessen Untergang sich bald schicksalhaft mit seinem eigenen verband.
(*1) Franz Ferdinand von Österreich-Este: "Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck". Verlag Kremayr & Scheriau, Wien; 288 Seiten; 24 Euro.
(*2) Beim Nizam von Hyderabad in Indien 1893.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 9/2013
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