25.02.2013

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich bin schuldig“

Erstmals nach der Verleihung des Nobelpreises äußert sich der wegen seiner Regimenähe umstrittene chinesische Schriftsteller Mo Yan in einem Interview: Er übt Selbstkritik, vor allem aber kritisiert er seine Kritiker.
Er trug einen Mao-Anzug, an der Brusttasche heftete ein rotes Abzeichen. Es sah aus wie ein Parteiabzeichen, aber es stand nur sein Name drauf. Er hielt eine Vorlesung in Stockholm, die sogenannte Nobelvorlesung, die alle Schriftsteller halten müssen, die den Nobelpreis für Literatur bekommen, die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt.
Es war der 7. Dezember 2012, und der Chinese, der da mit sanften, singenden Worten seine Rede hielt, galt als Enttäuschung. Er hatte wunderbare Bücher geschrieben, das ja. "Die Knoblauchrevolte", "Der Überdruss", Familienromane, breit, üppig und farbig erzählt, immer auch Geschichtsbücher, die von der Entwicklung Chinas in den vergangenen Jahrzehnten berichten, von der Armut der frühen Jahre, den Härten der Kulturrevolution und dem wirtschaftlichen Aufstieg. Doch bei aller Kritik an der Kommunistischen Partei und ihren Kadern, die in den Büchern deutlich wird, gilt doch der Autor als regimetreu.
Mo Yan, 58, ist seit 1979 Mitglied der Kommunistischen Partei (KP). Er machte Karriere in der Armee, heute ist er stellvertretender Vorsitzender des Schriftstellerverbands der KP.
Seine Leser wundern sich schon lange über diese Diskrepanz: die unmissverständliche Kritik am Staat im Werk und die Angepasstheit des Auftretens. Entsprechend gespalten waren auch die Reaktionen auf die Bekanntgabe des Nobelpreises. Chinesische Dissidenten, wie der Schriftsteller Liao Yiwu, waren "fassungslos", deutsche Schriftsteller wie Martin Walser betonten, Mo sei "über jeden Zweifel erhaben".
Mo Yan tat wenig dafür, sich zu erklären. Anfragen aus aller Welt für größere Interviews lehnte er ab. Auf der Pressekonferenz vor der Preisverleihung in Stockholm kam es wieder zum Eklat: Mo nannte die Zensur in China ein "notwendiges Übel", Kommentatoren auf der ganzen Welt reagierten empört.
Am Montag dieser Woche erscheint Mo Yans Buch "Frösche" auf Deutsch(*). Fünf Tage davor, am Mittwoch der vergangenen Woche, traf sich Mo plötzlich mit dem SPIEGEL. "Ganz kurz", so sagte er vorher. Als Treffpunkt gab er ein Pekinger Teehaus an. Aus "ganz kurz" wurden zwei Stunden.
Mo wurde 1955 im Osten Chinas geboren, in Gaomi. Mo Yan ist ein Künstlername, sein richtiger Name lautet Guan Moye. Seine Eltern waren Bauern. Von 1959 bis 1961 erlebte er den "Großen Hunger", eine durch die Misswirtschaft ausgelöste Hungerkatastrophe, bei der viele Millionen Menschen in China starben. Mit zwölf musste Mo von der Schule abgehen, seine Familie galt als politisch nicht zuverlässig. Er wurde Kuhhirte, arbeitete in der Baumwollproduktion.
Der Erzähler in Mo Yans neuem Roman "Frösche" hat autobiografische Züge. Auch er stammt aus einer Bauernfamilie in Gaomi, auch er geht zur Armee und schwankt zwischen Anpassung und Gewissensbissen. Der Erzähler hat eine Tante, die als Frauenärztin arbeitet - auch dies ist autobiografisch. Sie ist die Hauptfigur, sie setzt auf brutale Weise die "Ein-Kind-Politik" um. Und doch wird es nie klar, warum sie trotz aller Demütigungen so parteitreu bleibt. Wer in autoritären Strukturen lebt, riskiert viel, wenn er sich wehrt - das ist die Botschaft der Bücher Mos, und sie hat viel mit der Realität Chinas zu tun.
Ein Nobelpreisträger aber ist geschützt. Ein Nobelpreisträger darf reden, etwas riskieren. Er muss es sogar.
SPIEGEL: Herr Mo, Ihr Künstlername Mo Yan bedeutet wörtlich: "Sprich nicht." Sie scheinen das sehr ernst zu nehmen. Warum scheuen Sie den Kontakt zur Öffentlichkeit, vor allem zu Journalisten?
Mo: Weil es mir schwerfällt, politische Stellungnahmen abzugeben. Ich bin ein schneller Schreiber, aber ein gründlicher Denker. Immer wenn ich öffentlich spreche, frage ich mich nachher, ob ich mich klar ausgedrückt habe. Dabei sind meine politischen Meinungen sehr klar. Sie sind in meinen Büchern nachzulesen.
SPIEGEL: Ihr aktuelles Buch heißt "Frösche" und beschreibt die Folgen von Chinas Ein-Kind-Politik. Was ist Ihr Standpunkt zu diesem Thema, das immerhin mehr als eine Milliarde Menschen persönlich betrifft?
Mo: Als Vater finde ich, dass jeder so viele Kinder haben soll, wie er mag. Als Offizier musste ich mich aber an die Vorschrift halten, die für alle Staatsdiener galt: ein Kind, nicht mehr. Es ist nicht einfach, Chinas Bevölkerungsproblem zu lösen. Ich bin mir nur einer Sache völlig sicher: Niemand darf mit Gewalt davon abgehalten werden, ein Kind zu bekommen.
SPIEGEL: Genau das aber geschieht mehrfach in Ihrem Roman. Was stand am Anfang dieses Buches: Ihre persönliche Haltung zur Ein-Kind-Politik oder eine einzelne Szene, eine Figur, ein Dialog?
Mo: Es war die epische Lebensgeschichte einer sehr lebenstüchtigen Tante von mir, die jahrzehntelang als Frauenärztin gearbeitet und unerhörte Dinge gesehen hat. Ich empfand einen inneren Drang, das aufzuschreiben.
SPIEGEL: In Ihrem Roman ist diese Frauenärztin eine komplexe, ja monströse Figur, die von ihren Taten verfolgt wird. Wie hat Ihre Tante auf das Buch reagiert?
Mo: Sie hat es nicht gelesen. Ich habe ihr ausdrücklich davon abgeraten: "Du wirst böse auf mich sein, wenn du das liest." Natürlich geht nicht alles in "Frösche" auf die Geschichte meiner Tante zurück - die selbst übrigens vier Kinder hat. Ich habe auch Erfahrungen anderer Ärzte verwendet, Dinge, die ich selbst gesehen habe.
SPIEGEL: Auch in anderen Ihrer Bücher geschehen unerhörte Dinge, im Roman "Die Knoblauchrevolte" erhängt sich eine Schwangere, deren Wehen bereits eingesetzt haben. Aber "Frösche" ist vermutlich Ihr strengstes Buch. Sie haben zehn Jahre lang daran gearbeitet. Warum?
Mo: Ich bin lange mit diesem Stoff herumgegangen, und es stimmt, ich fühlte mich schwer, als ich ihn dann aufschrieb. Ich empfinde "Frösche" als Buch der Selbstkritik.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das? Sie tragen doch keine Schuld an der Gewalt und den Zwangsabtreibungen, die Sie schildern.
Mo: China hat in den vergangenen Jahrzehnten so tiefe Umbrüche erfahren, dass sich fast alle von uns als Opfer empfinden. Kaum jemand aber fragt sich, ob er nicht selbst Täter wurde, ob er nicht verletzt hat. Dieser Frage, dieser Denkmöglichkeit, geht "Frösche" nach. Ich selbst zum Beispiel mag nur elf Jahre alt gewesen sein - in der Zeit der Kulturrevolution aber war ich Rotgardist und habe an der öffentlichen Kritik meiner Lehrer teilgenommen. Ich war eifersüchtig auf Leistungen anderer, auf ihre Talente, auf das Glück, das sie hatten. Und ich habe, um meiner eigenen Zukunft willen, meine Frau zu einer Abtreibung gedrängt. Ich bin schuldig.
SPIEGEL: Ihre Bücher zeichnen ein bitteres Bild des modernen China. Weder Ihre Figuren, noch die Gesellschaft und auch das Land selbst scheinen sich in diesen Romanen weiterzuentwickeln.
Mo: In dieser Hinsicht bin ich ziemlich unchinesisch. Chinesische Geschichten und Dramen gehen oft gut aus. Die meisten meiner Bücher enden tragisch. Und trotzdem erzählen sie von Hoffnung, Würde und Kraft.
SPIEGEL: Handwerklich lesen sich Ihre Romane wie Filme, Sie vermeiden den direkten Blick in die Psyche Ihrer Figuren. Warum zum Beispiel hält die Frauenärztin so unerbittlich an den Prinzipien der Partei fest, obwohl sie deren Fragwürdigkeit klar erkennt?
Mo: Das gehört zur spirituellen Erfahrung meiner Generation. Manche haben die Kulturrevolution als Fehler der Partei erkannt, aber sie haben auch anerkannt, dass die Partei diesen Fehler korrigiert hat.
SPIEGEL: Wie denken Sie selbst darüber? Auch Sie mussten während der Kulturrevolution Ihre Schulausbildung abbrechen - und sind trotzdem ein Parteimitglied.
Mo: Die Partei hat 80 Millionen Mitglieder, eines davon bin ich. Ich trat 1979 bei, als ich bei der Volksbefreiungsarmee diente, und begriff danach erst, dass die Kulturrevolution auf die Fehler einzelner Führer zurückzuführen war. Sie hatte nicht unmittelbar mit der Partei zu tun.
SPIEGEL: In Ihren Büchern kritisieren Sie Funktionäre der Kommunistischen Partei und ihre Taten radikal - doch in Ihren politischen Statements, auch mit dieser Äußerung hier, sind Sie sehr milde. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Mo: Es ist kein Widerspruch zu meiner politischen Haltung, wenn ich Parteifunktionäre hart kritisiere. Ich habe immer wieder betont, dass ich mich als Schriftsteller der Menschen empfinde, nicht als Schriftsteller der Partei. Ich verabscheue korrupte Beamte.
SPIEGEL: Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, der im Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, warf Ihnen im SPIEGEL vor, Sie seien ein Staatsdichter, Sie hielten keine Distanz zur Partei.
Mo: Ich habe diese Äußerungen gelesen, und auch seine Rede zum Friedenspreis. Er ruft darin zu einer Zerschlagung des chinesischen Staats auf. Diese Position kann ich absolut nicht teilen. Ich glaube nicht, dass die Menschen von Sichuan (aus der Liao stammt -Red.) ihre Provinz von China abspalten wollen, ich bin mir sicher, auch Liao Yiwus Eltern wollen das nicht. Ja, ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass er selbst in der Tiefe seines Herzens mit dem übereinstimmt, was er da gesagt hat. Ich weiß, dass Liao mir diesen Preis missgönnt, ich verstehe das. Doch seine Kritik an mir ist ungerechtfertigt.
SPIEGEL: Welche Kritik meinen Sie im Einzelnen?
Mo: Er hält mir zum Beispiel vor, ich hätte Bo Xilai ...
SPIEGEL: ... den wegen angeblicher Korruption inhaftierten ehemaligen Parteichef von Chongqing ...
Mo: ... in einem Gedicht verherrlicht. Das Gegenteil ist wahr, ich war sarkastisch, ich habe ein satirisches Gedicht geschrieben. Lassen Sie es mich noch einmal aufschreiben.
( Er nimmt einen Block und schreibt)
Die roten Lieder tönen, die Schläge gegen die Schwarzen dröhnen.
Das ganze Land schaut nach Chongqing.
Während die weiße Spinne ein wirkliches Netz webt,
ist das schwarze Pferd mit Durchfall kein zorniger Jugendlicher.
Als Dichter ist man weder links noch rechts.
Mo: Im Herbst 2011 fragte mich ein Freund aus Chongqing um eine Kalligrafie, wie wir das unter Dichtern oft machen. Ich schickte dieses Gedicht, und er antwortete: "Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll." Viele im Land lobten den Parteichef Bo damals für seinen Kampf gegen die Schwarzen, also die Mafia, und dafür, dass er "rote Lieder" singen ließ. Viele Autoren wurden gebeten, das auch zu tun. Mit der "weißen Spinne" meine ich die jungen Leute in China, die den ganzen Tag im Netz, dem Internet, verbringen und wirklich Verbrecher bloßstellen - korrupte Beamte. Das schwarze Pferd mit dem Durchfall steht für jene, die nur Intellektuelle darstellen. Danach folgt eine Aufforderung an meine Schriftsteller-Freunde, sich weder der Rechten noch der Linken anzuschließen, sondern im Namen der Menschen zu schreiben.
SPIEGEL: Ihre Kritiker, sagen Sie, haben dieses Gedicht bewusst falsch ausgelegt, um Sie als Freund Bo Xilais hinzustellen?
Mo: Meine Gegner sind überwiegend Schriftsteller, Menschen, die selbst dichten. Sie wissen ganz genau, dass dieses Stück Satire ist. Aber seit ich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, schauen sie mit Lupen auf meine Fehler und verdrehen den Sinn meiner Gedichte.
SPIEGEL: Einer der Hauptvorwürfe chinesischer Dissidenten ist, dass Sie zu einem Buch beigetragen haben, das Mao Zedongs berüchtigte Ansprache von Yan'an feiert - eine Rede, in der er 1942 die Grenzen festlegte, innerhalb derer künftig zu schreiben sei.
Mo: Diese Rede ist heute ein historisches Dokument, das vernünftige Elemente, aber auch Fehler enthielt. Als ich und meine Generation anfingen zu schreiben, haben wir die engen Grenzen, die man uns setzte, Stück für Stück ausgedehnt und überschritten. Wer ein Gewissen hat und meine Texte aus jener Zeit liest, kann mich nicht unkritisch nennen.
SPIEGEL: Aber warum haben Sie dann überhaupt zu diesem Buch beigetragen?
Mo: Offen gesagt, war das die Geschäftsidee eines Verlegers, eines alten Freundes von mir. Er hatte bereits über hundert Autoren gewonnen und ging nun während einer Konferenz mit einem Buch und einem Stift herum und bat auch mich, einen Absatz aus der Rede abzuschreiben. Ich fragte: "Was soll ich schreiben?" Er sagte: "Hier, ich habe das hier ausgewählt." Ich war eitel genug, das zu tun. Ich wollte mit meiner Kalligrafie angeben.
SPIEGEL: In Ihrem Roman "Der Überdruss" fällt einem der Protagonisten ein Mao-Zedong-Abzeichen in die Latrine, in Ihrem autobiografischen Band "Change" berichten Sie davon, wie Sie kleine Mao-Statuen verwenden, um in Ihrem Schlafzimmer die Ratten zu verscheuchen. Warum wagen Sie solche Tabubrüche in Ihren Büchern - scheuen Sie aber im öffentlichen Raum?
Mo: Finden Sie, dass ich im öffentlichen Raum so vorsichtig bin? Dann hätte ich diesem Gespräch nicht zugestimmt. Ich bin ein Schriftsteller, kein Schauspieler. Und als ich diese Szenen aufschrieb, habe ich nicht daran gedacht, ein Tabu zu brechen. Wenn es mir gelungen ist, damit zu zeigen, dass Mao nur ein Mensch war, dann soll mir das recht sein. Als ich ein Kind war, dachte ich, er sei Gott.
SPIEGEL: Heute sind Sie stellvertretender Vorsitzender des chinesischen Schriftstellerverbands. Kann man das in China sein, ohne der Regierung nahezustehen?
Mo: Das ist ein Ehrentitel, der niemanden störte, bevor ich den Nobelpreis erhielt. Aber es gibt Leute, die finden, ein Nobelpreisträger müsse grundsätzlich ein Oppositioneller sein. Ist das so? Diese Menschen interessieren sich nicht dafür, was ich überhaupt schreibe. Sollte der Nobelpreis für Literatur nicht für Literatur sein, für das, was einer schreibt?
SPIEGEL: In China werden Menschen aber verfolgt und eingesperrt für das, was sie schreiben. Empfinden Sie nicht die Verpflichtung, Ihre Auszeichnung, Ihren Ruhm zu nutzen und sich für diese Autoren einzusetzen?
Mo: Ich habe öffentlich gesagt, dass ich hoffe, Liu Xiaobo möge so schnell wie möglich seine Freiheit zurückerhalten. Trotzdem wurde ich sofort wieder attackiert und gedrängt, mich wieder und wieder zur genau gleichen Sache zu äußern.
SPIEGEL: Liu erhielt 2010 den Friedensnobelpreis. Sich immer wieder für ihn einzusetzen würde in der Tat mehr Eindruck machen als eine einzelne Bemerkung.
Mo: Mich erinnern diese Rituale der Wiederholung an die Kulturrevolution. Ich rede, wenn ich es will. Und wenn ich es nicht will, dann wird mich auch kein Messer an meiner Kehle dazu bringen.
SPIEGEL: Unter Ihren Kritikern ist der in Deutschland sehr bekannte Künstler Ai Weiwei.
Mo: Was hat er über mich gesagt?
SPIEGEL: Auch er beschuldigt Sie, ein Staatsdichter zu sein. Er sagt, Sie seien abgehoben von der Wirklichkeit dieses Landes und als Intellektueller nicht geeignet, China zu repräsentieren.
Mo: Sind nicht die meisten Künstler in China Staatskünstler? Viele bekleiden Professorenstellen, andere schreiben für staatliche Zeitungen. Und welcher Intellektuelle kann von sich sagen, er repräsentiere China? Ich kann das nicht. Kann es Ai Weiwei? Ich glaube, China können nur die wirklich vertreten, die da draußen mit den Händen im Dreck wühlen und Straßen pflastern.
SPIEGEL: Sie sind nicht nur Parteimitglied, Sie wiederholen auch immer wieder, dass Sie an der Utopie des Kommunismus festhalten. Weisen Ihre Bücher aber nicht Stück für Stück nach, dass der Kommunismus nicht funktioniert? Und wäre es deshalb nicht naheliegend, sich von dieser Utopie zu verabschieden?
Mo: Was Marx im "Kommunistischen Manifest" geschrieben hat, ist von großer Schönheit. Es scheint mir allerdings sehr schwer, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen. Andererseits sehe ich mir Europas, vor allem Nordeuropas, soziale Wohlfahrtstaaten an und frage mich: Sind diese Staaten, diese Gesellschaften ohne Marx denkbar? Auf eine Weise hat der Marxismus den Kapitalismus gerettet. Denn wer wirklich von den Segnungen dieser Ideologie profitiert hat, sind diese Gesellschaften im Westen. Wir Chinesen, Russen und Osteuropäer haben Marx missverstanden.
SPIEGEL: Einer Ihrer größten Verehrer ist der deutsche Schriftsteller Martin Walser. Er nennt Ihre Bücher "Orgien an Genauigkeit und Grausamkeit und Schönheit".
Mo: Auch ich respektiere Martin Walser sehr. Ich habe alle seine Bücher gelesen, die ins Chinesische übersetzt wurden. Er ist ein sehr reflektierter Autor, der uns die Mentalität der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sehr genau erklärt hat. Es ehrt mich, dass er meine Arbeit schätzt. Ich finde, er ist einer der deutschen Autoren, die besonders geeignet sind, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet zu werden. Günter Grass, dessen Bücher ich auch schätze, hat ihn ja schon. Auch die ins Chinesische übersetzten Texte Herta Müllers habe ich gelesen und finde einige davon ausgezeichnet.
SPIEGEL: Anders als Sie hat Günter Grass überhaupt kein Problem damit, sich öffentlich mit seiner Regierung anzulegen.
Mo: Das ist so, und ich bewundere ihn und andere Schriftsteller dafür, dass sie die Wortgewalt haben, sich in solche öffentlichen Diskurse zu stürzen. Ich habe sie nicht. Offen gestanden: Ich habe Angst, vor Leute zu treten.
SPIEGEL: Die Prozeduren in Stockholm müssen eine ziemliche Qual für Sie gewesen sein.
Mo: So ist es. Ich habe die ganze Zeit ein Stück Holz in meiner Hand gehalten.
SPIEGEL: Herr Mo, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mo Yan: "Frösche". Aus dem Chinesischen von Martina Hasse. Hanser Verlag, München; 512 Seiten; 24,90 Euro. Das Gespräch führte der Redakteur Bernhard Zand in Peking.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 9/2013
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