25.11.1996

Firma Rau & Söhne

Wo immer sie in diesem von Krisen verdüsterten Herbst '96 das Wort ergreifen, marschieren in Nordrhein-Westfalen zwei Sozialdemokraten in erstaunlichem Gleichschritt. In ihren Kernsätzen fast identisch, halten der Düsseldorfer Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und sein Fraktionschef Klaus Matthiesen Reden, die derselbe Referent entworfen haben könnte.
Ob der eine etwa in Köln dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. den prekären Zustand erläutert oder der andere in Krefeld auf einer SPD-Bezirkskonferenz - die Genossen zieren sich nicht. Weil das bevölkerungsreichste Bundesland der Republik binnen vier Jahren mehr als 460 000 industrielle Arbeitsplätze verlor, wird Alarm geschlagen.
Dringend rät der an sich eher trockene Clement seiner Partei, sich "den Realitäten" zu stellen und auf "knallharte ökonomische Kompetenz" zu setzen. Wer sich "träumend" einer grundlegenden Umorientierung verweigere, springt ihm Matthiesen zornig bei, könne die von "dramatischen Veränderungsprozessen begleitete schwierige Zukunft nicht gestalten".
Natürlich geht das zunächst einmal gegen die Grünen und deren angeblich "entsetzliches Gewürge" -- aber der ungeliebte Koalitionspartner ist ja nur der eine Adressat ihrer aufrüttelnden Analysen. Der andere, dem das rote Duo einige unbequeme Wahrheiten unter die Haut reiben möchte, heißt Johannes Rau - und der wird durch demonstrative Nichtbenennung in den Blick gerückt.
Passé die schönen Zeiten, in denen der geachtete Landesherr, auch "Menschenfischer" geheißen, zunächst "den Klaus" und danach noch enger "den Wolfgang" in ein nahezu unvergleichliches Beziehungsgeflecht einzuspinnen verstand. Die Juniorchefs der ehedem wie geschmiert laufenden Firma Rau & Söhne folgen dem Senior nicht mehr so recht: Ein offenkundiger Zielkonflikt belastet die tägliche Regierungsarbeit in Nordrhein-Westfalen.
Ja, es stimme schon, bestätigt der Wirtschaftsminister, "daß wir etwas auseinander sind", und er glaubt auch Gründe dafür zu haben: Müht er sich nicht selbst nach Kräften ab, um der schlappen Sozialdemokratie zu neuem Schwung zu verhelfen? Er sorgt sich um das Profil der SPD, die nach seiner festen Überzeugung bloß als aufgeschlossene "Problemlösungspartei" die benötigten Arbeitsplätze zu schaffen vermag - und dem harmoniesüchtigen Bruder Johannes mißfalle die "Unruhe in der Koalition".
Während Rau "aus der inhaltlichen Debatte weitgehend verschwunden" ist, wie es ihm der Fraktionsvorsitzende Matthiesen ankreidet, bauen die darüber frustrierten Ziehsöhne auf "klare Kante": Das abhanden gekommene Selbstwertgefühl soll der eigenen Couleur wiedergewonnen werden. Wer im Auftrag von immerhin noch 46 Prozent der Wähler Politik betreibe, habe dem Gewicht gemäße Ansprüche.
In Wirklichkeit freilich verbirgt sich hinter den Disputen um Power und Kontur der rheinischen SPD eine andere entscheidende Frage: Wann geht der müde gewordene Regierungschef endlich? Wie läßt es sich hinkriegen, den populärsten aller sozialdemokratischen Landesfürsten in einer Weise zum Stabwechsel anzuregen, die sein Wahlvolk nicht als erzwungene Wachablösung mißversteht?
Daß der seit 1978 amtierende und mittlerweile 65jährige Ministerpräsident darüber nur aufreizend witzelt - er selber wisse es, "meine Frau ahnt es" -, erschwert das riskante Geschäft. Wechselseitige Gereiztheit und ein nagender Argwohn bestimmen das in der düsteren Düsseldorfer Staatskanzlei herrschende Klima. Kaum ein Tag verstreicht, an dem der präsumtive Nachfolger Wolfgang Clement nicht zu sagen hätte, wie er die vertrackte Lage einschätzt.
Doch auch der an sich treue Adlatus Raus zehrt von wenig handfesten Erkenntnissen. Der darf von seinem Herrn zwar öfter mal die Versicherung einer "persönlichen und politischen Freundschaft" entgegennehmen, "wie sie fast ohne Beispiel ist", aber damit hat es sich. Er habe tatsächlich "keinerlei Informationen", nuschelt der dröge Minister, und man sieht den Ärger in seinen von Streß gezeichneten Zügen.
Wäre der Bochumer Clement, der aus dem Journalismus in die Politik wechselte, nur ein etwas härterer Anwalt seiner Interessen - er hätte "die Sache" längst energischer betrieben, doch er traut sich nicht. Statt sich mit dem immer noch mächtigen Übervater ernsthaft anzulegen, sucht der Sohn "kleiner Leute" in elegischen und manchmal sarkastischen "prinzipiellen Betrachtungen" Trost.
Ist es nicht stets so gewesen, fragt sich der ob seiner fachlichen Qualitäten hochgelobte Pragmatiker, "daß die großen Männer die ihnen nachfolgende Generation zwangsläufig mitreißen, um sie dann am Ende leider auch zu verbrennen?" Der notorisch unschlüssige Rau werde ihn wohl berufen, "wenn ich älter als er geworden bin".
Da er aber selbst schon im 57. Lebensjahr steht, setzt er sich zumindest vage ein Zeitlimit. Er wolle "den Johannes" zwar niemals bedrängen und habe ihm das auch versichert, aber irgendwann werde er dann eben "den Schlußstrich ziehen". Daß er das Knall auf Fall kann, hatte der "ewige Kronprinz" (Die Woche) schon als Sprecher des Bundesvorstandes seiner Partei bewiesen, als er einst in Bonn Willy Brandt verließ.
In den Szenarien, welche die Düsseldorfer Politkamarilla nunmehr nahezu täglich durchbuchstabiert, spielt ein Urteil die vielleicht schon entscheidende Rolle, das im kommenden Frühjahr auf dem Terminkalender steht: Wenn der Münsteraner Verfassungsgerichtshof in Sachen Garzweiler den schwer umkämpften Braunkohleabbau genehmigen und damit gegen die Grünen votieren sollte, könnte die eh schon arg strapazierte Koalition daran zerbrechen. Was geschieht dann mit Johannes Rau?
"Worunter alle leiden", sagt der Fraktionsführer Matthiesen, sei insonderheit "dieses Unklare", das der Regierungschef offenkundig in Kauf nehme. Der 55jährige vormalige Sozialpädagoge aus dem schleswig-holsteinischen Gangerschild, der seit 13 Jahren in NRW seine zweite Heimat gefunden hat, versteht die Kritiker. Er reagiert auf die ihn nervende Hängepartie mit wachsender Abwehrbereitschaft.
Darf ein Mensch, und wenn denn seine Verdienste noch so unbestritten sind, "die persönliche Lebensplanung allen politischen Notwendigkeiten" voranstellen? In Düsseldorf schleicht sich derzeit der Verdacht ein, daß sich der gottesfürchtige Obersozi Rau auch deshalb "in seltsamen Orakeln" über seine Ziele ergeht, weil er sich den eigentlichen Traum erst erfüllen möchte.
Will er doch noch Bundespräsident werden? Da das Staatsoberhaupt Roman Herzog eine zweite Amtsperiode erkennbar nicht ins Kalkül zieht, mehren sich im Umfeld des nordrhein-westfälischen Provinzpatriarchen gewisse Anzeichen: Er könnte nach seiner Niederlage von 1994 abermals die Kandidatur anstreben - und das am besten aus dem gegenwärtigen Job heraus.
Wenn es aber so wäre, hätte er dann nicht die Pflicht, darüber wenigstens mit dem engsten seiner Männerfreunde ein paar Worte auszutauschen? Da der neue "Buprä" erst 1999, also ein Jahr nach den nächsten Bundeswahlen, gekürt wird, hinge Wolfgang Clement zumindest bis dahin in der Warteschleife.
Vergleichsweise behutsam hatte der bärbeißige Vorsteher der SPD-Landtagsabgeordneten, Matthiesen, per Zeitungsinterview Ende August diesen Mißstand anzusprechen versucht - eine an der Basis fast schon als "parteischädigend" empfundene Majestätsbeleidigung. Und im SPIEGEL warf Rau auf die Frage, ob er womöglich gar noch einmal im Jahre 2000 in NRW antreten werde, eine seiner berühmten Nebelkerzen: "Ich habe nie gesagt, daß ich das nicht mache; ich habe nur gesagt, daß ich das nicht sage."
Da verwundert es kaum, wenn seine politischen Ziehsöhne inzwischen "so ziemlich jede Konstellation" für denkbar halten. Wer den Leutseligkeit verströmenden Regenten wirklich kennt, erspürt den Horror, den er davor hat, schon alsbald zum Pensionär zu schrumpfen. Der späte Vater dreier noch unmündiger Kinder braucht zum sinnerfüllten Dasein den prallvollen Terminkalender.
Zunächst einmal hat der harthörige Landesherr dafür gesorgt, daß die lange Zeit rivalisierenden Clement und Matthiesen nun entschlossen den Schulterschluß vorführen. Deren stilles Ringen um die potentielle Nachfolge scheint sich endgültig erledigt zu haben. "Der Wolfgang" wisse das "verbindlich" von ihm, beteuert der graubärtige Fraktionschef, und der glaubt ihm offenbar.
Jedenfalls beschreiben die beiden Genossen ihre Partnerschaft mit Sätzen, die ihr Image polieren. Matthiesen bewundert in Clement einen "hochkompetenten künftigen Ministerpräsidenten", dem den Rücken zu stärken er "faszinierend" fände. Der Ressortleiter Wirtschaft wiederum preist den Parlamentarier - auch wenn er gelegentlich dessen polteriges "Herumwehnern" ein bißchen bespöttelt - als "sozialdemokratisches Vollblut".
Aber natürlich würde diese Seilschaft kaum ausreichen, um einem Amtsinhaber vom Range Raus offen die Stirn zu bieten, und daran denkt das ehrgeizige Gespann auch gar nicht. "Im Grunde sind wir alle handlungsunfähig", klagt der immer wieder von Skrupeln beladene Clement, während der robuste Matthiesen den Regierungschef zum Befreiungsschlag ermuntert: "Er allein hat den Schlüssel dafür."
Eine Revolte gegen den immer noch beliebtesten deutschen Politiker wäre schließlich ein Schlag gegen die gesamte nordrhein-westfälische SPD. Deren Spitzencrew führt ja jetzt vor, wie man sich selbst am empfindlichsten schwächt: Im Angesicht einer überfällig wirkenden Personalentscheidung, die sich als klassischer Generationenkonflikt niederschlägt, verlieren seit Monaten alle Beteiligten an Reputation.
Es kann Rau, den Erfinder des geflügelten Wortes vom "Versöhnen statt spalten" kaum egal sein, wenn er sich nun zunehmend als eigensüchtig entlarvt fühlen muß, aber auch Clement läuft Gefahr, sich peu à peu abzunutzen: Wer so häufig wie er im Munde führt, keinen Druck ausüben zu wollen, übt ihn auf subtile Weise aus.
Und Matthiesen gilt ja bereits seit längerem als der große Unsicherheitsfaktor. In ihm glauben Teile der Partei einen trickreichen und über die Bande spielenden Egozentriker zu erkennen, der sich seinem vormaligen Schirmherrn vollends entfremdet hat. War das strategisch begabte Nordlicht nicht in dessen Planspielen über Jahre hinweg der eigentliche Favorit? Am Ende - allerdings vergeblich - legte Rau sich sogar quer, als der zielstrebige Hardliner den Fraktionsvorsitz anpeilte.
Es gebe halt Freundschaften, sagt der einstige Oppositionsführer im Kieler Landtag dazu nur einsilbig, die im Laufe der Zeit "leider funktionalisiert" würden - so äußert sich ein Enttäuschter. Vorhalte "aus der Kulisse", er habe darüber hinaus den Grünen nie verziehen, daß sie ihn als Splittergruppe Anno 1979 in Schleswig-Holstein um die entscheidenden Stimmen zum Wahlsieg brachten, wehrt er ebenso ab.
Sollen die Kritiker sich das Maul zerreißen! Ihm, dem Political animal, geht es jetzt zuvörderst darum, in NRW die Sozialdemokratie auf ein neues Niveau zu heben, und in diesem Streben trifft er sich mit Clement. Aus der SPD eine Partei zu formen, die zum einen den angestammten Milieus - etwa den von Zechenstillegungen bedrohten Bergleuten - verpflichtet bleibt und sich gleichzeitig dem modernen Firmenmanagement öffnet, ist kein leichtes Stück Arbeit.
Nur wenn die Genossen das zu leisten imstande seien, sagt der Wirtschaftsminister mit dramatisch klingendem Unterton, werde die SPD "ihren Absturz noch aufhalten". Seine und Matthiesens Kampfansage nimmt vor allem die Grünen ins Visier, doch der sie schützende Johannes Rau darf sich gleichfalls angesprochen fühlen.
Im Ringen um solche als Inhalte verkauften, in Wahrheit aber auch taktischen Winkelzüge funktionalisiert wohl jeder jeden ein bißchen. Immerhin hatte der Regierungschef seine Ökos noch zu Zeiten der roten Alleinherrschaft als so etwas wie Wesen vom anderen Stern verspottet - und nun sichern sie seine Macht. Die von Rau deshalb für die Koalition angemahnte Ruhe, versteift sich Clement, könne "aus sachlichen Erwägungen nicht garantiert werden".
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 48/1996
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