09.12.1996

Kobold Undercover

Eine Burg mit Turm, Zinnen und Erkern im Disneystil. Freilaufende Pfauen am Waldrand und Mufflons auf einem Kletterfelsen. Das alles ummauert und eingezäunt - real und doch nicht ganz von dieser Welt.
Hier, gleich neben seinem Privatflugplatz, hat der deutsche Detektiv Werner Mauss sein Zuhause, im Dorf Altstrimmig bei Cochem.
Der Spitzenagent, der laut einem Testament aus dem Jahr 1989 allein für die künftige "Erhaltung der Immobilie" drei Millionen Dollar auf einem Sonderkonto in Luxemburg bunkert, hat sich verbissen nach oben gearbeitet: Gelernter Pferdewirt, Staubsaugervertreter, Detektiv in Scheidungsangelegenheiten, Undercoverspitzel, Multiagent für Industrie und Bundesbehörden.
Mauss wurde 1940 in Essen als Sohn eines Kaufmanns geboren. Der Vater, der unter anderem eine Hemdenfabrik besaß, starb kurz nach Kriegsende. Die Mutter hatte bald mehr Schulden als Besitz.
Der Schein blieb freilich gewahrt. Zu einer Zeit, als Mauss und seine Mutter kaum noch bei den Lebensmittelhändlern in der Nachbarschaft anschreiben lassen konnten, leistete sich der junge Reiter ein Pferd namens "Vulkan".
Im Reitstall am Essener Stadtwald genoß Mauss einen gewissen Respekt, weil er auch wilden Gäulen seinen Willen aufzwang. Sein bis heute sichtbares Kennzeichen, die fehlende Kuppe am linken Mittelfinger, stammt von einem Turnierunfall: Nach einem Sturz hing er mit dem Finger noch in der Zügelschlaufe, als das Pferd davonpreschte.
Als Verkäufer von "Kobold"-Staubsaugern bewies der 20jährige Mauss zwar Talent, doch er wollte mehr. Gemeinsam mit seiner Verlobten, der Sekretärin Margret Jüres, eröffnete er Anfang 1961 ein Detektivbüro.
Bald ging es nicht mehr nur um Seitensprünge, sondern um Versicherungsfälle, die Honorare stiegen, die Ausgaben auch. Mauss schmückte sich mit den Insignien des Wirtschaftswunders, ein Porsche mußte her, dann ein Jaguar Typ E. Der Aufsteiger lernte fliegen und erwarb gemeinsam mit einem befreundeten Architekten eine Cessna 172. "Eigener Flugeinsatz in ganz Europa", stand nun auf seiner Visitenkarte.
Mit Charme und Frechheit knüpfte Mauss vielfältigste Kontakte, eine Marktlücke erkannte er in der Wiederbeschaffung gestohlener Fahrzeuge. Die Polizei, die sich mehr für die Täter als für die Beute interessierte, ließ den Versicherungshelfer gern in ihre Akten gucken. Der revanchierte sich mit gelegentlichen Tips aus der schlechteren Gesellschaft.
Denn auch in kriminelle Kreise drang Mauss instinktsicher vor. In der Maske des weltläufigen Gangsters bewirtete er Ganoven in Spitzenrestaurants, wo er das geübte Hantieren mit Austernmesser und Hummerzange als Trumpf ausspielen konnte.
Mit solchen Tricks wurde der Privatdetektiv in den sechziger Jahren zu einem Pionier der Undercoverarbeit. Als die deutsche Polizei später selbst verdeckte Ermittler laufenließ, orientierte sie sich am Vorbild Mauss, der sich erfindungsreich und skrupellos das Vertrauen von Verdächtigen erschlich. "Das psychologische Gespür", sagt er selbst, sei in seinem Metier "das Wichtigste".
Als das Bundeskriminalamt (BKA) 1970 seine Hilfe anforderte, um die Ausbrecherkönige Alfred Lecki und Helmut Derks einzufangen, war er für die Beamten schon nicht mehr irgendwer, sondern die "Institution M." Fortan war er bei zahlreichen spektakulären Fällen unerkannt dabei. Er spürte die Räuber des Kölner Domschatzes auf, den Terroristen Rolf Pohle und die verschwundenen Seveso-Dioxinfässer. Auch wenn er für das BKA, den Verfassungsschutz oder den Bundesnachrichtendienst (BND) tätig wurde, floß das Geld weiter von der privaten Wirtschaft.
1984 kam der Mann ohne Gesicht erstmals öffentlich unter Druck. Ihm wurden dubiose Praktiken bei seiner Recherche im Fall des hannoverschen Juweliers René Düe vorgeworfen, dem nach eigenen Angaben Geschmeide im Wert von 13,5 Millionen Mark geraubt worden war. Unter einer Legende erwarb der Detektiv das Vertrauen des Juweliers, bis der Überfallene als Täter dastand. Düe wurde zunächst zu sieben Jahren Haft verurteilt, später aber freigesprochen und vom Land Niedersachsen entschädigt.
Dem öffentlichen Interesse an seiner Person entzog sich Mauss von 1984 an durch lange Aufenthalte in Kolumbien. Es begann Teil zwei seiner Karriere, der Detektiv wandelte sich zum Experten für Entführungsfälle. Maßgeblich beteiligt daran ist seine zweite Frau Ida, eine gebürtige Italienerin. Von Margret hatte er sich 1983 scheiden lassen.
In einem Brief, den Mauss kurz vor seiner Festnahme in Kolumbien an BND-Chef Hansjörg Geiger geschickt hat, zieht er stolz Bilanz: "Insgesamt konnten durch meine Einsätze nachweisbar mehr als 1600 Personen einer Festnahme zugeführt werden."

DER SPIEGEL 50/1996
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