09.12.1996

Polen„Die wollen mir eins auswischen“

Ex-Präsident Lech Walesa, 53, über den Vorwurf, er habe bei seinem Ausscheiden aus dem Amt widerrechtlich Dokumente zurückbehalten, die ihn als Zuträger des polnischen Geheimdiensts entlarven
SPIEGEL: Aus den Unterlagen soll hervorgehen, daß der Antikommunist Walesa Geld vom kommunistischen Geheimdienst bekommen hat.
Walesa: Ich war stets überzeugt, daß kein Mensch diesen Blödsinn glaubt. Nun stellt sich heraus, daß doch ein paar Zweifel aufkommen. Also werde ich dazu Stellung beziehen.
SPIEGEL: Sie fürchten keine Untersuchung?
Walesa: Natürlich nicht. Ich habe über diese Anschuldigungen immer nur gelacht.
SPIEGEL: Nachdem anfangs der Verdacht auf Sie gelenkt wurde, behauptet die Warschauer Staatsanwaltschaft nun, die Untersuchung richte sich gegen Beamte des Staatsschutzes. Wie erklären Sie diese Volte?
Walesa: Das ist das alte Spiel. Zuerst saugen sie sich Anschuldigungen aus den Fingern, und wenn es nichts bringt, machen sie einen Rückzieher.
SPIEGEL: Sie sehen in der Aktion eine reine Provokation?
Walesa: Die wissen, daß ich ein Todfeind des Kommunismus bin. Darum wollen die mir eins auswischen.
SPIEGEL: Wen verdächtigen Sie denn als Drahtzieher?
Walesa: Präsident Aleksander Kwa sniewski, Premierminister Wlodzimierz Cimoszewicz und andere Politiker - allesamt Kinder des Kommunismus.
SPIEGEL: Im Oktober 1997 soll ein neues Parlament gewählt werden. Ist diese Affäre schon der Auftakt zu einem schmutzigen Machtkampf?
Walesa: Der Wahlkampf ist bereits in vollem Gange. Die Postkommunisten kämpfen ums Überleben. Natürlich haben sie keine Chance. Dafür, daß sie jetzt ihre Macht auskosten, werden sie teuer bezahlen müssen.

DER SPIEGEL 50/1996
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