16.12.1996

Skispringen„Ein Jumbo fliegt auch“

SPIEGEL: Herr Thoma, Sie fliegen derzeit so weit wie schon lange nicht mehr. Kann man daraus schließen, daß Ihre Psyche stabil ist?
Thoma: Wie kommen Sie darauf?
SPIEGEL: Weil sich aus einem flatterhaften Sportler einer entwickelt hat, der konstante Leistungen abliefern kann.
Thoma: Ja, den Eindruck habe ich auch. Es gab häufig Phasen, in denen ich mit dem Springen aufhören wollte. Wenn man trainiert und trainiert, und es läuft einfach nicht, dann sagt man sich: Für was mach' ich das eigentlich? Ich könnte doch zu Hause sitzen und eine andere, nicht so strapaziöse Arbeit machen.
SPIEGEL: Über Ihre Psyche gibt es unterschiedliche Ansichten. Bundestrainer Reinhard Heß hält sie für Ihr Grundproblem. Er traut Ihnen nicht zu, den zurückgetretenen Olympiasieger Jens Weißflog ersetzen zu können. Können Sie?
Thoma: Ich muß niemanden ersetzen, ich bin schließlich schon elf Jahre dabei.
SPIEGEL: Vor der Wende waren Sie ein deutscher Held, danach war es Weißflog.
Thoma: Ja, das geht schnell. Man muß es so sehen: Als ich 1989/90 die Vierschanzentournee gewann, waren es noch zwei Länder, und ich war - wenn Sie so wollen - der Held des Westens. Und auf einmal waren wir vereint.
SPIEGEL: War das so schwer?
Thoma: Fragen Sie mal die Hochspringerin Heike Henkel, was sie über die Rumänin Alina Astafei denkt, nachdem die Deutsche geworden ist. Oder nehmen Sie die Frage: Wer wird Trainer? Wessi oder Ossi? Im Moment sind die Ostsportler vorn, aber die sind alle noch in der DDR gezogen worden.
SPIEGEL: Das Ost-West-Gefälle ist im Sport nach wie vor vorhanden?
Thoma: Das wird noch Generationen dauern, bis sich das verwachsen hat.
SPIEGEL: Hätte es die Vereinigung nicht gegeben, wären Sie vermutlich berühmter und reicher, als Sie es jetzt sind.
Thoma: Kann sein.
SPIEGEL: Den Vergleich mit Weißflog werden Sie noch etwas aushalten müssen.
Thoma: Weißflog ist auch immer gut vermarktet worden, er hatte ein gutes Standing in der Presse.
SPIEGEL: Was eigentlich verblüffen muß. Weißflog kam als schmächtiger Kerl mit kicksiger Stimme und sächselnder Zunge daher, der nebenbei auch noch für die AOK tätig war. So richtig populär hat er Skispringen damit nicht gemacht.
Thoma: Um einen Sport wirklich populär zu machen, braucht man Persönlichkeiten, von denen man sagt: So wie der will ich auch werden. Boris Becker ist so einer. Wenn der hier auftauchen würde, bekäme ich weiche Knie.
SPIEGEL: Mit dem hat man Sie auch schon verglichen. Erst waren Sie der Neffe von Georg Thoma, der nach seinem Olympiasieg 1960 als "Gold-Jörgli" bekannt wurde. Später - erfolgreich und rothaarig - hießen Sie "Boris der Lüfte", und jetzt sind Sie der kleine Weißflog. Stört es Sie, immer nur ein Ersatzheld zu sein?
Thoma: Das geht sogar noch weiter. Weil meine Frau genauso wie die von Becker dunkle Hautfarbe hat, hieß sie irgendwann mal "Schnee-Babs". Ich selber habe immer versucht, Individualist zu sein, aber in der Öffentlichkeit wird das wohl schwer angenommen.
SPIEGEL: Wissen Sie eigentlich, warum Sie auf einmal wieder so weit springen?
Thoma: Beim Skispringen ist es fast nicht möglich, Erklärungen zu finden. Wenn's läuft, läuft's, und wenn's nicht läuft, läuft's eben nicht.
SPIEGEL: Das klingt fatalistisch.
Thoma: Das Schwierige ist, sich über Jahre oben zu halten. Die Nervenbelastung macht einen irgendwann mal fertig. Das ist der Grund, warum ich auch schon mal ein ganzes Jahr lang abgeschaltet habe und total durchgefallen bin.
SPIEGEL: Was muß passieren, bis es soweit kommt?
Thoma: Das schlimmste ist, wenn man am Saisonanfang sieht, daß man springen kann, wie man will, und trotzdem keine Chance hat. Das sind Momente, in denen weiß man nicht mehr, wie man das ändern kann. Dann wieder gibt es Jahre wie dieses: Ich habe das erste Springen gewonnen, ich habe einen Lauf, und ich bin mir ziemlich sicher, daß es so weitergeht.
SPIEGEL: In solchen Phasen ist auch die Angst vor einem Sprung weg?
Thoma: Angst ist das falsche Wort. Respekt trifft es besser. Ich riskiere in bestimmten Momenten nicht mehr alles, weil ich weiß, daß ich dann wahrscheinlich eine ganze Saison nicht mehr dabei wäre. Es passiert allerdings drei-, viermal im Jahr, daß man unter Bedingungen antreten muß, bei denen man sich seiner selbst nicht mehr sicher ist. Da kann der Wind pfeifen, wie er will, oder der Nebel so dicht sein, daß du nicht mehr siehst, wo du landest - wenn das Fernsehen da ist und die Tribüne voll, muß der Veranstalter etwas bieten. Abgebrochen wird sowieso immer erst nach dem ersten Sturz.
SPIEGEL: Warum sagen Sie dann nicht einfach: Springt eben ohne mich?
Thoma: Als Folge des tödlichen Unfalls der Alpinläuferin Ulrike Maier haben wir jetzt alle unterschreiben müssen, daß wir auf eigenes Risiko springen. Das gibt mir zwar die Möglichkeit zu sagen: Ich springe nicht. Aber dann freuen sich die anderen. Nur der Trainer und die Medien und die Sponsoren freuen sich überhaupt nicht. Und wenn dann nichts passiert, kein Sturz, kein Zwischenfall, dann fragen die: Ja, warum ist denn der nicht gesprungen, hat der etwa Angst gehabt?
SPIEGEL: Ist in so einer Situation kein Solidarpakt unter den Kollegen möglich?
Thoma: Keine Chance. Undenkbar. Die Springer sind sich nie einig und die Trainer schon gar nicht.
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Kollege Matti Nykänen ist über seinen Sport an die Flasche geraten, andere holen sich Zuspruch vom Psychologen oder von ihrem Herrgott. Geht es nicht ohne solche Krücken?
Thoma: Skispringen ist nun mal extrem, und jeder hat seine Art, mit dem Druck fertig zu werden. Die meisten Japaner zum Beispiel rauchen, die Skandinavier haben ihren Snooze, das ist Tabak, den sie sich unter die Lippe klemmen, andere hören Hardrock, um sich ein bißchen abzuhärten. Daß der Nykänen zum Alkoholiker geworden ist, dürfte aber nicht nur mit dem Skispringen zu tun haben. Die Finnen haben es eben ein bißchen schwieriger. Ich war jetzt gerade eine Woche dort, da gibt es ja gar nichts, da ist es nur dunkel. Ich frage mich, was die Leute den ganzen Tag machen.
SPIEGEL: Trinken.
Thoma: Wahrscheinlich, das kann ich nicht beurteilen.
SPIEGEL: Sie betreiben einen höchst riskanten Sport, der die Werbewelt allerdings vergleichsweise wenig kümmert. Sie hatten lange Probleme, einen Haupt-Sponsor zu finden ...
Thoma: ... seit vergangener Woche habe ich einen, die Firma Langenbahn.
SPIEGEL: Wer verbirgt sich dahinter?
Thoma: Das fragen alle. Die bauen und vermieten Gewerbehallen. Aber ich habe ja auch noch andere Sponsoren: Bad Dürrheimer Mineralwasser, das kennt jeder. Dann die Firma Weber Haus, dann Bauer-Möbel.
SPIEGEL: Haben Sie sich mal überlegt, warum Daimler-Benz oder die Deutsche Bank nicht dabei sind?
Thoma: Ja klar. Aber gerade den deutschen Firmen fließt ja das Geld auch nicht mehr so aus der Tasche wie vor Jahren noch. Dabei ist der Werbewert eines Sportlers, der so wie ich ziemlich häufig im Fernsehen auftaucht, doch echt hoch, wenn man ihn mal in Relation setzt zu den Kosten eines ganz normalen Werbespots.
SPIEGEL: Für einen Weltcup-Sieg bekommen Sie 12 000 Schweizer Franken. Fühlen Sie sich anständig bezahlt?
Thoma: Also, wenn ich lese, daß Becker für einen Sieg in München 1,9 Millionen Dollar bekommt, dann fühle ich mich natürlich nicht anständig bezahlt. Ich weiß aber, daß das schwer zu vergleichen ist. Ich sage mir: Wenn ich jedes Weltcup-Springen gewinne, rentiert es sich voll.
SPIEGEL: Was glauben Sie, was die Deutschen am Skispringen reizt?
Thoma: Das ist schwer zu sagen. Wissen Sie's?
SPIEGEL: Vermutlich ist es ziemlich banal: Den größten Zuspruch findet Ihr Sport in Deutschland am Neujahrstag, weil die Leute dann in ihrem Nachsuff zu nichts anderem in der Lage sind, als im Fernsehen Skispringen zu gucken.
Thoma: Das können Sie ja so sehen. Richtig ist vielleicht, daß wir zu dieser Zeit nur deshalb so gefragt sind, weil nichts anderes kommt, kein Fußball und kein Tennis. Wer aber einmal zuschaut, bleibt dabei.
SPIEGEL: Sind Sie sicher? Über Stunden Skispringern vom ganzen Globus zuzusehen, kann ermüdend sein. Richtig wach wird die deutsche Fernsehgemeinde immer erst, wenn Ihr Onkel als Ko-Kommentator einen Satz spricht, der inzwischen Kult-Niveau erreicht hat: "Jetzt kommt dr Diedr."
Thoma: Das ist bei der Formel 1 nicht anders. Wenn die ihre 70 Runden fahren, guckt man auf den Start, dann sieht man zwischendurch noch mal rein und am Ende. Oder ein Fußball-Länderspiel: Ich freue mich jedesmal darauf, aber meistens schlafe ich mittendrin doch ein.
SPIEGEL: Vor ein paar Jahren mußten Sie für das Vogelfutter "Trill" Reklame fliegen, und wenn es mal zu kurz war, durften Sie lesen, Sie seien "geflattert wie eine vollgefressene Weihnachtsgans". Fühlen Sie sich ernst genommen?
Thoma: Ich bin so was gewöhnt. Ich denke inzwischen gar nicht mehr darüber nach. 50 Prozent der Leute mögen mich und meinen Sport, 50 Prozent eben nicht.
SPIEGEL: Daß Ihrer Sportart nachgeholfen werden muß, haben selbst die Funktionäre erkannt. Demnächst soll Skispringen im K.-o.-System stattfinden, immer eins gegen eins, der Verlierer scheidet aus. Machen Sie alle Mätzchen mit?
Thoma: Man soll das ruhig probieren. Solange ich mich nicht als Versuchsobjekt mißbraucht fühle, ist es in Ordnung.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich denn gelegentlich mißbraucht?
Thoma: Gelegentlich? Das kommt öfter vor. Es gibt Veranstaltungen, da haben wir nicht mal einen Umkleideraum. Da wechsle ich meine Klamotten in einem eiskalten Bus. Zuweilen sind wir auch von morgens zehn bis abends um sechs an der Schanze, ohne irgend etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen. Da mußt du zu einem Kiosk, wo du noch Geld hinlegen darfst. Dann fühlt man sich wie bei einer Schülermeisterschaft.
SPIEGEL: Wenn nicht Vierschanzentournee ist, spielt Ihr Sport meist im verborgenen. Sie alle haben nur vier Tage, um sich zu präsentieren.
Thoma: Ja, und das führt gelegentlich zu extremem Verhalten. Mitunter gibt es sogar so was wie Mobbing auf der Schanze. Wenn du oben auf dem Balken sitzt und dir ruft einer zu: "Oh, Scheiß-Rückenwind", dann gehst du mit diesem Gedanken in die Spur. Ich habe es erlebt, daß sich andere gegenseitig fertiggemacht haben.
SPIEGEL: Nach Beobachtung des Bundestrainers Heß kennen viele Springer nicht mal Rücksicht mit sich selbst. An mancher Schanze will er verdächtige gelbe Flecken entdeckt haben. Er vermutet, daß sich viele vor dem Wettkampf mit Medikamenten Wasser entziehen, um Gewicht zu verlieren.
Thoma: Ach was, das glaube ich nicht. Das mit den gelben Flecken ist ganz normal. Das ist die Aufregung. Jeder läßt vor dem Sprung Wasser. Da gibt's nur gelbe Flecken da oben.
SPIEGEL: Es gibt aber auch genug Kollegen, die sich von Gewichtsabnahme Leistungssteigerung versprechen. Der Österreicher Christian Moser etwa, 1,81 Meter groß, 58 Kilogramm schwer, hatte nach Beobachtung eines Schweizer Konkurrenten zuletzt "Augen wie ein Frosch".
Thoma: Der hat Magersucht. Oft stehen da auch die Trainer hinter, die Druck machen. Wenn die Leistung ausbleibt, heißt es schnell: Du bist sowieso zu dick, du mußt abspecken. Der Moser hatte mal 69 Kilo. Jetzt ist er nirgends mehr.
SPIEGEL: Der Norweger Öyvind Berg hat freiwillig aufgehört, weil er "genug vom Kotzen hatte".
Thoma: Ich jedenfalls höre das Essen nicht auf, nur damit ich ein Kilo leichter bin. Ich möchte meine Gesundheit nicht ruinieren. Ich weiß sowieso nicht, warum man weiter springen soll, wenn man weniger wiegt.
SPIEGEL: Angeblich kann ein Kilo weniger einen Meter Weite bringen.
Thoma: Glaub' ich nicht. Ein Jumbo fliegt auch.

DER SPIEGEL 51/1996
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