16.12.1996

EishockeyManöver im Halbdunkel

Mißmanagement und Filz lähmen den Verband, der Streit mit den Profiklubs eskaliert: Jetzt mußten gar zwei Länderspiele abgesagt werden.
Auf alles glaubte sich George Kingston bei seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren vorbereitet. Daß im deutschen Eishockey die Voraussetzungen anders sind als in seiner kanadischen Heimat, sollte seine Mission, als Bundestrainer das deutsche Team in die Weltspitze zu führen, kaum aufhalten.
Vorigen Montag ist Kingston jedoch klargeworden, daß er mit einem Hindernis nicht gerechnet hatte: mit den deutschen Eishockey-Funktionären.
Zwei Testspiele sollte die Nationalmannschaft am kommenden Wochenende gegen Norwegen bestreiten. Doch die in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) vereinigten Profiklubs weigerten sich, ihre Cracks abzustellen - neuer Höhepunkt der Dauerfehde zwischen dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB) und der DEL. Für Kingston ist damit das Maß an Egoismus voll: "Die Funktionäre müssen sich entscheiden, was sie wollen, Eishockey-Spiele oder Macht-Spiele."
Die Entscheidung ist längst gefallen. Seit 1994 die DEL ihren Betrieb aufnahm, zanken Verbands- und Vereinsvertreter um Herrschaft und Geld. Der Sport, noch vor wenigen Jahren hinter Fußball und Tennis hierzulande die Nummer drei in der Publikumsgunst, ist dabei auf der Strecke geblieben.
Die Zuschauerzahlen in den Stadien sind stark rückläufig, selbst der Deutsche Meister Düsseldorfer EG beklagt einen Verlust von 32 Prozent. Die großen TV-Anstalten rümpfen die Nase und lassen dem Spartensender DSF den Vortritt.
Doch Einsicht zeigt kaum einer der Streithähne. Der Kampf hinter der Bande tobt unverändert weiter. Bevorzugte Methoden: Unterstellungen, Intrigen und Kungeleien.
Protagonist im Ränkespiel ist DEB-Schatzmeister Wolfgang Sorge, der vom Präsidium den Auftrag erhielt, neben der Verbandskasse für den DEB auch alle Belange der DEL zu regeln. Obwohl sich Sorge stets im Hintergrund hält, gilt er Sport-Bild als "der heimliche Herrscher" des DEB.
Daß Sorge das Licht der Öffentlichkeit meidet, ist leicht nachzuvollziehen. Nur im Halbdunkeln fallen seine trickreichen Manöver nicht weiter auf.
Beispielsweise beruft sich Sorge im Streit zwischen Profiliga und Verband gern auf ein Vertragswerk, das die steuermindernde Kostenumverteilung zwischen dem DEB und der DEL regelt. Das dreiseitige Schriftstück wurde im Juni 1995 verfaßt. Für den Verband unterzeichnete Ulf Jäkel, obwohl der schon vier Monate zuvor als Präsident ausgeschieden war - und somit nicht mehr zeichnungsberechtigt ist. Der DEL-Beiratsvorsitzende und Kölner Rechtsanwalt Bernd Schäfer hält den Vertrag deshalb für ein "unechtes Dokument".
Man habe, verteidigt sich Sorge, seinerzeit nur eine vom alten Präsidium getroffene mündliche Vereinbarung "nachträglich dokumentiert". Doch an eine solche Absprache können sich Jäkels damalige Präsidiumskollegen Wolfgang Bonenkamp und Gottfried Neumann nicht erinnern - sehr wohl aber daran, daß Sorge sie gedrängt hat, den rückwirkenden Vertrag zu unterzeichnen; beide lehnten ab.
Wie Jäkel Monate nach seinem Sturz zu einer Unterschrift bewegt werden konnte, darüber wird in der Eishockey-Szene heftig spekuliert. Jäkel, der jede Stellungnahme verweigert, hatte in seiner Amtszeit unkorrekt abgerechnet, dem Verband stehen noch 40 000 Mark Rückzahlung zu - eine Forderung des Schatzmeisters wurde allerdings nie erhoben. Sorge: "Wir haben derzeit Wichtigeres zu tun."
Überliefert wird, wie Jäkel zu Fall kam und wie Sorge in sein Amt: "Ich garantiere euch die Stimmen zu Jäkels Abwahl", hatte er der Opposition vor etlichen Journalisten versprochen, "vorausgesetzt, ihr macht mich zum Schatzmeister." Eine Offerte, die Sorge als "frei erfunden" in Abrede stellt. Sorges Weg ist geprägt von juristischen Ungereimtheiten, rigorosen Machtkämpfen und unverhohlenem Eigennutz.
Daß der DEB im Sport-Business in Verruf geriet, ist angesichts seiner Spezies Funktionär nur zu logisch. "Gäbe es eine Tabelle der machthungrigsten, intrigantesten und opportunistischsten Funktionäre", konstatiert ein ehemaliges DEB-Vorstandsmitglied, "Sorge stünde ganz weit oben."
Eine dubiose Rolle spielte Sorge auch bei der Gründung der DEL. Das DEB-Präsidium beauftragte ihn, die Satzung zugunsten der DEL-Klubs zu überarbeiten. Sorge tat wie geheißen und schickte dem DEB eine Rechnung über 6900 Mark. Zwei Monate nach Erhalt des Geldes legte Sorge beim Amtsgericht Kaufbeuren Einspruch gegen die eigene Arbeit ein. Er hatte sich inzwischen mit dem Strukturausschuß des DEB beraten und war zu der Auffassung gekommen, daß das Ergebnis seiner Arbeit rechtlich nicht haltbar sei.
Der Vorgang ist bedenklich - entweder juristisch oder moralisch. Hat Sorge die Satzung ausgearbeitet, so könnte man ihm einen Verstoß gegen das Rechtsberatungsgesetz anlasten, denn Sorge ist gar kein Jurist; das Studium hat er vorzeitig abgebrochen. Hat Sorge, wie er sich rechtfertigt, nur simple Schreibarbeiten ausgeführt, so erscheint die Rechnung über 6900 Mark arg überhöht.
Inzwischen ist Sorges Hang zum Eigennutz im DEB aktenkundig. In dem "Bericht über die Kassenprüfung - Zeitraum 1.1. bis 30.10.1995" wird Sorge "Amtsmißbrauch" sowie die Nutzung des DEB als "Selbstbedienungsladen" vorgeworfen. Beanstandet werden in diesem Zusammenhang auch Kosten von 49318,46 Mark für die Installation einer überflüssigen EDV-Anlage in der DEB-Zentrale. Die Rechnung stellte eine Firma Lauer, hinter der sich Sorge-Freund Andreas Lauer verbirgt.
Das technische Equipment nutzt Sorge seitdem für sein Amt als Schatzmeister. Online kann er sich an seinem Wohnort Bergisch Gladbach in die Buchführung des Verbandes, aber auch in die Geschäftsvorgänge der DEL GmbH einklicken - für DEL-Anwalt Schäfer "ein klarer Verstoß gegen den Datenschutz".
Unter dem Dach des DEB lebt Sorge seit fast zwei Jahrzehnten von der Ehrenamtlichkeit. Nur selten verdingte er sich auf dem freien Berufsmarkt. 1980 arbeitete Sorge für den Kölner EC, zuständig auch für die Paßangelegenheiten der aus Amerika zugewanderten Spieler. Zugleich war er im Verband zuständig für die Kontrolle der Pässe. Als aufflog, daß mancher nordamerikanische Crack mit gefälschten Papieren zum Deutschen gemacht worden war, quittierte Sorge den Dienst beim KEC - mit Unseriosität wolle er nichts zu tun haben.
Eine Einlassung, die ihm die Verbandsbasis nicht abnahm. Als Sorge sich wenig später um ein Vorstandsamt bewarb, wurde er vom Plenum lauthals als "Betrüger und Gangster" beschimpft.
Auch ein anderes privatwirtschaftliches Engagement, als Geschäftsführer der Sportwerbe GmbH der Düsseldorfer EG, endete jäh: Der Klub trennte sich vorzeitig von ihm, weil Sorge die Kompetenzen überschritten hatte - und bezahlte ihm 300 000 Mark Abfindung.
Geschickt verstand es Sorge, sich in den vielen Jahren als Funktionär Schutz vor Kritikern aufzubauen. Die Kenntnisse über die vielfältigen Mauscheleien im Eishockey reichen dazu allemal. So verbindet ihn mit dem heutigen DEB-Präsidenten Rainer Gossmann das Wissen über nicht geleistete Verbandsabgaben aus dessen Zeit als DEG-Schatzmeister.
Wer allerdings die Gefolgschaft verweigert, den trifft Sorges geballte Wut und Macht. Den Frauen-Eishockey-Klub Eisbären Düsseldorf malträtierte er mit 40 Ordnungsverfahren. Die Damen wehrten sich, 40mal wurden diverse Gerichte mit Entscheidungen über Nichtigkeiten belästigt. Nur einmal konnte sich Sorge durchsetzen, 39mal gewannen die Eisbären - die Verfahrenskosten von 250 000 Mark trug der Landesverband.
Selbst Eistänzer behelligt Sorge mit seinem Streiteifer: Vorige Woche entzog er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Eissport-Verbandes Nordrhein-Westfalen der Eistanztrainerin Christina Henke-Mades die Arbeitsgrundlage. Die Dortmunderin hatte sich in der angeblichen Sex-Affäre um den Ballettmeister Nikita Gsovsky (SPIEGEL 49/1996) auf die Seite des Beschuldigten geschlagen. Jetzt traf sie der Bannstrahl des Verbandes: Sorge strich ihr alle Eiszeiten im Eislauf-Leistungszentrum Dortmund.
Die harsche Gangart, die Sorge und seine DEB-Kollegen bei Disputen vorlegen, führt dazu, daß auch die Gegenseite zu Kompromissen nicht mehr bereit ist - so auch in der Frage der beiden Norwegen-Länderspiele. DEB-Sportdirektor Franz Reindl hatte sie angesetzt, nachdem der DEL-Spielplan durch den DEB bereits abgesegnet war.
Eine Verlegung aller zur selben Zeit anberaumten DEL-Spiele war nicht mehr möglich. "Wir wären dem Deutschen Sport-Fernsehen gegenüber vertragsbrüchig geworden", argumentiert DEL-Anwalt Schäfer. Das DSF hatte zwei Live-Übertragungen fest eingeplant.
Daß die Länderspiele abgesagt wurden, erspart DEB-Sportdirektor Reindl im übrigen eine Arbeit, die offenkundig die Grenzen seiner Belastbarkeit übersteigt: Für jedes Länderspiel erhalten die Klubs pro Spieler eine Entschädigung. Nach dem World Cup 1996 überwies er in sechs Fällen die Abstellgebühr an den falschen Verein. So landeten 6000 Mark, die der Düsseldorfer EG zustehen, auf dem Konto der Kölner Haie. Reindl war entgangen, daß die Profis Leo Stefan und Thomas Brandl seit September 40 Kilometer weiter nördlich stürmen.

DER SPIEGEL 51/1996
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