04.03.2013

VERBÄNDEAnnäherung an der Rute

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer geschieht Historisches: Die Angler aus Ost und West der Republik streben die Vereinigung an.
Das Symbol der deutsch-deutschen Annäherung ist glatt wie ein Aal, schuppenfrei und bei Fachleuten dafür bekannt, dass es die kreisförmig angeordneten Zähne seines Mauls gern in die Haut von Fischen schlägt, um an deren Blut zu kommen.
Das Neunauge, so der Name des Blutsaugers, war "Fisch des Jahres 2012". Vor allem aber gehört er, neben Forelle und Äsche, zu den ersten gesamtdeutschen Trägern dieses Ehrentitels. Der Wasserbewohner wurde gemeinsam von zwei Verbänden gekürt, die beide für sich in Anspruch nehmen, Deutschlands organisierte Anglerschaft zu vertreten - die einen im Osten, die anderen im Westen.
Was Bob- und Schlittenfahrern, Tischtennisspielern oder auch Schachfreunden nach dem Fall der Mauer im November 1989 ziemlich zügig gelungen war, haben die rund 800 000 organisierten Angler der Republik bis heute nicht geschafft: die Fusion ihrer Interessenverbände aus den Zeiten von DDR und BRD zu einer schlagkräftigen Bundesvereinigung.
Wie schon in den Jahren des Kalten Krieges werden Hobbyangler mit Wohnsitz in der alten Bundesrepublik zumeist vom Verband Deutscher Sportfischer (VDSF) mit Sitz im hessischen Offenbach vertreten. Für Angelfreunde aus den neuen Ländern ist dagegen in der Regel der Deutsche Anglerverband (DAV) zuständig, residierend in Berlin-Lichtenberg, einem ehemaligen Ost-Bezirk der Stadt. Das soll sich nun ändern.
Den Angler-Funktionären schwant schon lange, dass die Zweiteilung ihnen nicht gerade hilft, wenn sie politisch Einfluss nehmen wollen, etwa bei Gesetzesvorhaben zum Gewässerschutz. Wenn es fast ein Vierteljahrhundert nach der Deutschen Einheit nun nicht endlich auch mit der deutschen Angler-Vereinigung klappe, dann drohe die Angelfischerei in Deutschland "in der Bedeutungslosigkeit" zu versinken, mahnte kürzlich der VDSF-Präsident Peter Mohnert.
Doch bislang seien diverse Anläufe zu einer Ost-West-Fusion vor allem an persönlichen Abneigungen der jeweiligen Präsidenten gescheitert, sagt Mohnerts Vize Heinz Günster. Einige West-Angler stellten ostdeutsche Funktionäre beispielsweise ohne nähere Belege unter den Generalverdacht, zu DDR-Zeiten irgendwie mit der Stasi kooperiert zu haben. Und manche Angler im Osten vermuteten, der deutlich größere West-Verband plane eine feindliche Übernahme: Offenbar wolle man den Brüdern und Schwestern im Osten nun auch noch beim Umgang mit der Angelrute zeigen, wo der Haken hängt.
Tatsächlich haben die Anglerfunktionäre in den Jahrzehnten der Trennung auch fischereiphilosophisch unterschiedliche Wege eingeschlagen. So betrachtete sich der Ost-Verband schon zu DDR-Zeiten vor allem als Sportverband: Gefördert werden sollten "Leistungsvergleiche", "Pokalkämpfe und Wettkämpfe" bis zu den DDR-Meisterschaften, hieß es in der DAV-Satzung. Zudem geht es beim Zugang zu Fischgründen im Osten deutlich liberaler zu: Im Westen zum Teil übliche Tierschutzregeln wie ein Nachtangelverbot oder die Ächtung bestimmter Techniken wie der Einsatz von Setzkeschern werden von vielen DAV-Anhängern als "Überregulierung" und "Regelungswut" zurückgewiesen.
Die West-Angler forcierten dagegen weniger den Leistungsgedanken als vielmehr ihre Anerkennung zum ökologisch korrekten Naturschutzverband. Sie kämpften gegen schmutzige Flüsse und kürten ihre "Fische des Jahres", um auf gefährdete Arten aufmerksam zu machen. "Töten kann niemals Sport sein", beharrt VDSF-Vizepräsident Günster. Wettkämpfe, bei denen der tote Fisch als Trophäe betrachtet und am Ende sogar wieder ins Wasser geworfen werde, hält Günster für "schlicht inakzeptabel".
Trotz der Differenzen bemühen sich führende Funktionäre beider Seiten nun seit etwa drei Jahren um eine aktive Entspannungspolitik: In zähen Verhandlungen wurden bereits ein "Verschmelzungsvertrag" und ein Personaltableau für den gemeinsamen Verband ausgearbeitet. Als Zeichen guten Willens beteiligt der VDSF den DAV seit 2011 offiziell an der "Fisch des Jahres"-Wahl.
Künftig, so die Fusionspläne, sollen Ost- und West-Angler geschlossen unter dem Namen "Deutscher Angelfischerverband" (DAFV) auftreten. Erste Präsidentin der Organisation soll die FDP-Bundestagsabgeordnete Christel Happach-Kasan werden; die Biologin aus Schleswig-Holstein ist nach eigener Auskunft "völlig unbelastet von einer Vorgeschichte in einem der beiden Verbände".
Bei einer ersten Abstimmungsrunde im vergangenen November versagten jedoch zunächst die Wessis vom VDSF die erforderliche Dreiviertelmehrheit für den Vorschlag. Erst bei einer zweiten Abstimmung vor zwei Wochen wurde der Plan doch noch gebilligt.
Die Ost-Kollegen vom DAV sollen in ihrer Jahreshauptversammlung am kommenden Wochenende final über die Fusion entscheiden. "Das wird problemlos über die Bühne gehen", prognostiziert die designierte Präsidentin Happach-Kasan. Denn eine Probeabstimmung unter DAV-Funktionären verlief so, dass sich einige Angelfreunde im Westen an Wahlergebnisse zu Zeiten des real existierenden Sozialismus erinnert fühlten: Die Zustimmung zum Einheitsvorschlag betrug 100 Prozent.
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 10/2013
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