23.12.1996

Gott ist tot, Satan nicht

Er kommt aus der Tiefe der Geschichte und den Abgründen der Seele, und der Mensch kann offenbar ohne ihn nicht sein: der Teufel alias Satan, die Verkörperung des Bösen. Am Ende dieses Jahrhunderts, dem „gewalttätigsten der menschlichen Geschichte“, wird er wieder gerufen: „Wir brauchen einen Namen für das Böse“ - um es zu bannen.
Sein Samen war, was viele Frauen erstaunte, "äußerst kalt"; konnte man beim Fürsten der Hölle nicht zumindest Zimmertemperatur erwarten?
Eine Spurensicherung des Teufels muß beim Intimsten beginnen. Denn der Herr der vielen Namen und Gestalten, als Satan, Luzifer, Beelzebub in mancherlei Monster-Maskeraden unterwegs, ist als Ganzer schwer zu fassen. Der Teufel steckt, bekanntlich, im Detail.
Zum Kälteschock also. In alten Gutachten aus geweihten Kreisen (Thomas von Aquin et al.) wird dargelegt, daß der Teufel, irgendwie logisch, keinen eigenen Samen produzieren kann. Er muß sich ihn holen, um ihn weiterzugeben; für ihn als Dämon ist das kein Problem.
Er nimmt die Gestalt eines "Succubus" an, eines Untenliegenden, und läßt sich so von einem Herrn besamen. Als "Incubus", Obenliegender, gibt er den Stoff dann an ein williges Weib weiter. Der Teufel ist also, früh schon, ein abkühlendes Zwischenlager.
Das Gerät, mit dem er den Samen umtopfte, wird von den Partnerinnen in sehr divergierenden Formen beschrieben. Den einen erschien es als "eisig und weich", anderen wie aus "Schuppen gebildet"; gelegentlich war es "groß wie das Glied eines Pferdes" oder knüppelig wie ein "Ofengabel-Stiel".
Nur folgerichtig, daß die Resonanzen, die das teuflische Instrument auslöste, weithin variierten. Sie reichten von der "Erduldung eines außerordentlichen Schmerzes" bis zu "viel größerer Lust und Befriedigung", als sie ein Gang zur Messe hätte bieten können. Also sprachen, im Mittelalter, die Hexen.
Sie taten es, alle Welt weiß es, nicht immer freiwillig. Foltern aller Art erpreßten ihnen derlei Geständnisse, glühende Eisen und niederträchtige Tricks. Historiker schätzen die Zahl der Scheiterhaufen, auf denen die Leiber brannten, damit ihre Seelen gerettet wurden, auf fast eine Million.
Doch kurioserweise näherte sich der Teufel in jenen Zeiten des Wahns nicht nur Hexenweibern. Auch in Kreisen, die dem liquidierenden Zentralkomitee, der Heiligen Kirche, innig verbunden waren, hob Satan sein gräßliches Haupt und zeigte sich leibhaftig.
So einem Mönchlein namens Radulf Glaber: "Er war", schreibt er, "von mittlerem Wuchs, hatte einen langen dürren Hals, ein abgezehrtes Gesicht, pechschwarze Augen, geblähte Nüstern, vorstehende Wulstlippen, ein fliehendes Kinn, einen Bocksbart, behaarte spitze Ohren, Hundszähne, einen spitz zulaufenden Schädel" und einen "bebenden Hintern". Dr. Spock persönlich.
Die gutkatholische Mystikerin Hildegard von Bingen, deren Gesänge und Kräutermedizinen gerade ein mächtiges Revival erleben, nahm im Jahrhundert darauf, im 12., den Teufel im Traume wahr, immerhin: "Ein Tier mit scheußlichem Haupt, kohlschwarz, mit glühenden Augen, Eselsohren und weitaufgesperrtem Rachen voller Eisenfänge."
Eine Berufsgenossin, Magdalena vom Kreuz, die Äbtissin von Córdoba, machte sich den Traum wahr. 30 Jahre lang hatte sie als Heilige gegolten, in der Beichte jedoch gestand sie: Seit ihrem zwölften Lebensjahre habe sie sich mit Inkubi gepaart, sogar mit einem von grauenvoller Unzüchtigkeit, der ihr "mit Bocksbeinen, Menschentorso und dem Gesicht eines Fauns" erschien.
In Verzückung oder unter der Folter: Frauen vor allem wußten, was des Teufels ist. Das alles ist nun lange her, aber längst nicht vorbei.
Für eine kleine, klerikale Minderheit geht der Teufel nach wie vor leibhaftig um - als Verführer zum Bösen, als der Böse schlechthin, als das Böse an sich. Noch vor zehn Jahren verlängerte Papst Johannes Paul II. Satans Aufenthaltsgenehmigung.
Aber: "Satans geschickter Plan in der Welt besteht darin", schrieb der Heilige Vater, "die Menschen zu veranlassen, seine Existenz zu leugnen im Namen der Rationalität oder auch jedes anderen Denksystems." Wie sich, zuweilen, die Bilder gleichen: "Die schönste List des Teufels ist es, uns zu überzeugen, daß es ihn nicht gibt" - so schrieb einer, der "Die Blumen des Bösen" feierte, der Poet Charles Baudelaire, vor hundert Jahren.
Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. "Daß Gott das Tun des Teufels zuläßt", gesteht die jüngste Dienstanweisung, "ist ein großes Geheimnis." Im "Katechismus der Katholischen Kirche" von 1993 wird der Schleier ein wenig gelüftet.
Hinter der "Entscheidung unserer Stammeltern (Adam und Eva) zum Ungehorsam", heißt es, stehe eine "verführerische, widergöttliche Stimme, die sie aus Neid in den Tod fallen läßt". Schrift und Überlieferung der Kirche erblickten in diesem Wesen "einen gefallenen Engel, der Satan oder Teufel genannt wird".
Satan sei auf der Welt "aus Haß gegen Gott" und tätig "gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich"; sein Tun bringe "schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft". Trost, wieder nach Thomas von Aquin: "Gott läßt ja das Böse nur zu, um etwas Besseres daraus entspringen zu lassen."
"Überall ist Mittelalter" heißt ein schönes Buch des Regensburger Historikers Horst Fuhrmann. Nicht nur die "himmelstürmenden Dome" und die "Ruhe ausstrahlenden Klosterbauten" prägten die Gegenwart; vor allem die katholische Kirche und das Papsttum "stellen uns weitgehend mittelalterliche Formen und Rituale vor Augen". Und im Kollektivbewußtsein rumoren die mittelalterlichen Teufelshochzeiten.
Im Safe des Geistes, in der Sprache, ist nach wie vor der Teufel los. Da hat einer den Teufel im Leib oder malt ihn an die Wand, ein anderer packt ihn an den Hörnern oder am Schwanz; den dritten soll der Teufel holen, oder er soll sich zu ihm scheren, er kommt in Teufels Küche, da hat der Teufel die Hand im Spiel, und in der Not frißt der Teufel Fliegen. "Gott ist widerlegt", schrieb Friedrich Nietzsche, "der Teufel nicht."
Er wird, nach wie vor, gebraucht. Denn ohne Teufel gibt es keine Verteufelung, kein Verketzern, kein Satanisieren des anderen, Fremden, Abweichenden. Die katholische Inquisition, der stalinistische Terror, der nazistische Holocaust - jedes war, auf besonders perverse Art, eine Teufelsaustreibung.
Es war auch einmal ein amerikanischer Präsident, der sprach gern vom "Reich des Bösen". Das lag irgendwo weit über dem Meer, war von ganz normalen Leuten wie du und du bewohnt, also von gar nicht besonders bösen. Aber das Land, die Sowjetunion, war für den Präsidenten, Mr. Reagan, der Feind und mithin ein Hort des Satans.
Die Denkweise des Mannes kam einem zwar ziemlich kindisch vor, doch sie ist vollkommen christlich. In den Evangelien des Neuen Testaments, so schreibt die Princeton-Professorin Elaine Pagels im jüngsten Buch ("Satans Ursprung") der wieder anschwellenden Teufels-Literatur, sei diese "Moralisierung des Universums", dieser Schwarzweißfilm, festgelegt worden; mit starken Folgen:
Christenmenschen hätten die Legitimation bekommen, sich selbst als Gotteskinder mit Erlösungsgarantie zu sehen - und alle Andersdenkenden (Juden, Heiden, Ketzer) als Satanssöhne zu dämonisieren, Lizenz zum Töten inklusive. Für Elaine Pagels ist es die Geschichte einer Verblendung: wie aus der Paranoia einer Sekte, der Urchristen, eine selbstgerechte Moral wurde, die überall den Teufelsfuß, die satanische Ferse, wittert.
Weit kommt er her, der Teufel, aus der Tiefe der Geschichte und aus den Abgründen der Seele. "Die Umwandlung irdischer Feinde in Dämonen", schreibt der Kulturphilosoph Mircea Eliade, sei ein "sehr häufiges Phänomen". Sigmund Freud entschlüsselte Dämonen als "böse, verworfene Wünsche" und als "Abkömmlinge abgewiesener, verdrängter Triebregungen".
Kreatürliche, unbestimmte Angst formte sich konkrete Furcht-Objekte. Und der sogenannte innere Schweinehund des Menschen bekam eine auswärtige Adresse, einen Alias als Alibi; die Geschichte des Teufels ist auch die Geschichte der menschlichen Niedertracht.
Der Beelzebub half dabei, Horden in Herden zu verwandeln - weide meine Lämmer. Und er stachelte Herden zu blutgierigen Horden auf - Tod dem Sündenbock. Der Teufel ist, wie Hamlet und das Rumpelstilzchen, eine Kopfgeburt, aber als solche eine finstere Blamage.
Religionen sind Welterklärungsmodelle; für sogenannte Dualisten oder Gnostiker war die Welt nur im Zweierpack zu haben: hie Geist, da Fleisch, hie Gut, da Böse, hie Licht, da Finsternis, hie Gott, da Teufel. Der iranische Mazdaismus und Manichäismus machten sich damit einen Namen, die Christen schlugen sich damit herum: Welche Macht hat Satan?
Jahwe, der Gott des Alten Testaments, hielt sich den Satan noch als bloßen Funktionär, als eine Art 007 im Dienste des Himmlischen Hofes. Das konnte Gott leicht tun, weil er selbst noch Züge trug, die ins Sarkastische, Satanische changierten. Klassisches Beispiel ist seine Taktik gegenüber Abraham, dem Patriarchen und Stammvater Israels.
Abraham ist 99 Jahre alt, als der HERR ihm zum fünftenmal die leere Versprechung gibt, er werde ihn fruchtbar und zum "Vater vieler Völker" machen. Beim sechsten Versprechen muß Abrahams Gattin, die kinderlose Sarah, "bei sich selbst lachen", und sie fragt: "Nun ich alt bin, soll ich noch der Liebe pflegen?"
Erst nach der siebten Verheißung kommt Sarah nieder, mit Isaak, dem Erstgeborenen. Aber nach ein paar Jahren will Jahwe ihn wiederhaben. Denn er spricht zu Abraham: "Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Moriga, und opfere ihn dort zum Brandopfer."
In den Evangelien des Neuen Testamentes ist der Teufel endlich in seinem Element. Er wird zum "Mörder von Anfang an", zum Vater der Sünde, und verführt Judas Ischarioth, damit er Jesus verrate. Als Dämon fährt er auch in minder Bekannte ein, vor allem Frauen, um sie besessen zu machen. Die fallen zu Boden und fletschen die Zähne, bis der Heiland die bösen Geister austreibt und sie in Schweine fahren läßt.
Heidnisch-antike Bizarrerien, etwa der geile Faun und der gehörnte Pan, hatten dem christlichen Teufel auf den Bockshuf geholfen. So martialisch bewahrt, mauserte er sich vom 007 zum Widersacher Gottes, zum Antichrist. Und nun drohte der Dualismus, die Welt als Zweierpack, auch in die Domäne des alleinigen Gottes einzubrechen: Gab es neben dem Prinzip des Guten ein Prinzip des Bösen? War der Teufel ein Autonomer?
Schweres Theologen-Tüfteln erfüllte die folgenden Jahrhunderte. Kirchenvater Augustinus (354 bis 430) etwa kam zu dem Beschluß, das Böse sei nur "die Abwesenheit des Guten" und das Fleisch beschwere die Seele nur, wenn es "verdorben" ist. Beim vierten Laterankonzil (1215) hingegen erfuhr der Teufel, Gott habe auch ihn "erschaffen", und zwar "gut"; durch sich selbst erst sei er "böse" geworden und damit zum "Verführer von Menschen".
Mittlerweile hatte der Vatikan selbst seine eigene kleine Welt zum Zweierpack geschnürt. Geist und Fleisch gingen lüstern Hand in Hand, Licht und Finsternis wohnten prosperierend unter einer Kuppel, und der Papst übernahm auch die Rolle des Teufels; zumindest in den Augen Martin Luthers, der den Stellvertreter Christi zum "Antichrist" ausrief, im übrigen Teufel allerorten sah: "Preußen ist voll davon."
Ketzern und Häretikern, denen die reine Lehre, Armut und Spiritualität, noch am Herzen lag, loderte der Scheiterhaufen entgegen. Die Fesseln des Zölibats, die Langeweile des Klosterlebens befeuerten dagegen die sexuellen Phantasien der kleinen Angestellten: Der Teufel war los und trieb es mit den Weibern.
Der "Hexenhammer" hieß folgerichtig ein Standardwerk der Inquisition, das zwei krumme Brüder, die Dominikaner Institoris und Sprenger, im Jahr 1487 in die Welt setzten; der eine hatte zuvor die Ablaß-Kasse mitgehen lassen, der andere eine Unterschrift gefälscht. 34 Auflagen erlebte der "Hexenhammer" bis zum Jahre 1669, ein Bestseller mit bestialischer Wirkung.
Für die beiden Kutten bestand kein Zweifel, daß die Frau der geborene Satansbraten war. Als "unersättlich" erkannten sie die "fleischliche Begierde" des Weibes; es sei "schlecht von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt", nur "ein unvollkommenes Tier", das "immer täuscht" und weitaus "fleischlicher gesinnt als der Mann". Der werde nur dann bei seiner eigenen Frau ein "besonders glühender Liebhaber", wenn er "Ehebrecher ist".
Verband der Mann sich mit dem Teufel, dann nicht aus fleischlicher Begierde, sondern aus faustischem Drang - nach Wissen und Macht und vielleicht doch ein paar Mädels. Sigmund Freud, der sich analysierend über einen dokumentierten Mann-Teufel-Pakt aus dem Jahre 1677 gebeugt hatte, stieß auf ein weiteres Motiv: "Melancholische Depression mit Arbeitshemmung":
Einem bayerischen Maler namens Haitzmann war der Vater weggestorben, als ihn der Teufel antrat; zunächst als bärtiger Bürgersmann mit schwarzem Hund, später als Mischwesen mit Fledermausflügeln, Adlerklauen, einer Menge weiblicher Brüste und einem "großen, in eine Schlange auslaufenden Penis".
In zwei Verträgen, einmal mit Blut, einmal mit Tinte geschrieben, verpflichtete sich Haitzmann, neun Jahre lang Satans "leibeigener Sohn zu sein". Dann solle ihn der Teufel holen, "mit Leib und Seel". Kurz vor dem Reisetermin verfiel der in schreckliche Krämpfe, aber brave Mönche geleiteten ihn zurück ins Heil.
Der offenbar schmerzliche Verlust des Vaters, argumentiert Freud, hatte den Maler Haitzmann in eine Schaffenskrise gestürzt. Per Teufelspakt, einer "neurotischen Phantasie", suchte er Ersatz, einen neuen Übervater - im Satan? "Es braucht nicht viel analytischen Scharfsinns, um zu erraten", schreibt Freud, "daß Gott und Teufel ursprünglich identisch waren", eine einzige Gestalt, "die später in zwei mit entgegengesetzten Eigenschaften zerlegt wurde".
Das 18. Jahrhundert kam, das Licht der Aufklärung entflammte über Europa. "Écrasez l'infâme!" forderte Voltaire, zerschmettert den Aberglauben. Aber schon wieder war Teuflisches aus der Grube gestiegen und lurchte durch die Welt.
"Was! In unserem 18. Jahrhundert hat es Vampire gegeben!" mokierte sich Voltaire über die Neuigkeit. Von 1730 bis 1735 sei von nichts anderem die Rede gewesen als von Vampiren: "Man lauerte ihnen auf, man durchbohrte ihnen das Herz, und sie wurden verbrannt." Nur der Philosoph blickte durch. "Die wahren Sauger wohnen nicht auf den Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen."
In Paris und London nämlich bedürfe es keiner Vampire. Da gebe es "Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute, die eine Menge Blut aus dem Volk heraussaugen." Und schon malt er, ein Vor-Marx, die neuen Teufel an die Wand: "Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt." Völker, hört die Signale.
Es mußte kommen: Auf Satans Spuren und in vielen Büchern reifte der Vampir, nach höllischem Vorbild, zum dämonischen Weibs-Teufel; zum süßen Schreck der Dämmerstunde, der sich an wohlig hingestreckten Damenhälsen labte wie einst der Beelzebub an Hexen. Überall ist Mittelalter.
Neuerdings kommen die Incubi und Succubi nicht aus Höllenschlünden und Friedhofsgruften, sondern von weit, weit her. Wenn sie landen, gibt es Kornkreise, ihre Flugmaschinen erinnern an Untertassen; und wer von ihnen mal entführt wurde, weiß - wie zur Hexenzeit - von außerordentlichen Schmerzen oder größter Lust und Befriedigung zu berichten.
Die Außerirdischen sind unter uns, merkwürdige Männchen mit spitzen Ohren und geschlitzten Augen - wenn man höchst geheimen Fotos trauen darf, die überall herumgereicht werden. In den USA gibt es auch schon einen Gutachter namens Dr. John Mack, der Entführten die Couch anbietet und darüber ein Buch verfaßt hat; es heißt, leider, nicht "Der Ufo-Hammer".
"Der Teufel schläft nicht", schrieb Fjodor Dostojewski. "Gewiß ist er ein Favorit deutscher Dichter und Philosophen", schrieb der Romantiker Friedrich Schlegel. Und keß reimte Goethe in seinen "Zahmen Xenien": "Ich kann mich nicht bereden lassen, / Macht mir den Teufel nur nicht klein: / Ein Kerl, den alle Menschen hassen, / Der muß was sein!" Für die Malerei jedenfalls ist er was, fürs Kino und für die Literatur.
Von Lukas Cranach bis Jackson Pollock, von Matthias Grünewald bis Tomi Ungerer fuhren Pinsel luzide und luziferisch über die Leinwand. Im Kino, neue Böse kehren gut, wimmelt es von Kerlen, die den Teufel im Genick haben, im "Schweigen der Lämmer" wie bei den "Hexen von Eastwick". Und die Literatur käme ohne den Teufelsfuß überhaupt nicht in Trab.
Der Kirchen-Teufel war nicht gerade ein Kirchen-Licht, eher ein Tölpel mit einem unstillbaren Hang zu dämlichen Maskeraden. Erst in der Literatur emanzipiert er sich. Er wird, je nach Bedarf, zum Luzifer, zum Lichtbringer für die forschende Vernunft; oder zur ästhetischen Attraktion, zum Schön-Bösen, das fasziniert. Er wird zum neuen Gott, zum Zeit-Geist.
Mitten im despotisch-puritanischen England, um 1665, diktiert der blinde John Milton seiner dritten Frau eine subversive biblische Ilias, "Paradise Lost", das verlorene Paradies. Ein mächtiger Rebell mit "unheilvollen Augen" steht im Mittelpunkt, einer mit "unbeugsamem Stolz und standhaftem Haß" - der Satan.
Er rüttelt an den Schranken der Zeit, er predigt Revolution, er fordert Freiheit des Wissens und polemisiert für den Fortschritt der Erkenntnis; und die Chose geht gut aus. Eva, eher schillernde Schlange denn willige Schlampe, verfällt dem Charme des Revoluzzers. Und Adam, insgeheim längst auf Weiterbildung erpicht, schließt sich dem Erkenntnisdrange seiner Gattin willig an. Satanischer Triumph.
Miltons Powerplay regte seine Zeit gewaltig auf - und die Nachwelt nachhaltig an. Als Femme fatale wird Eva in die Haschisch- und Opium-Delirien der Décadence einschweben. Und Satan wird Salonlöwe; ein Flaneur und Dandy, der statt Bockmist schweflige Bonmots verstreut, die Aura eines Spielers pflegt und im Ärmel die Karte hat, die alle Frauen ziehen wollen: den göttlichen Luxus, die sexuelle Lust.
Bei Lord Byron, selbst ein diabolischer Dandy, paradiert Satan mit der Grandezza eines "kastilianischen Edelmannes". In einem 1810 erschienenen Roman von Chateaubriand wächst er zum Inspirator der Französischen Revolution; und für den Gärtner der "Blumen des Bösen", Baudelaire, übernimmt er Vaterpflichten: Er ist die Zuflucht der Verdammten.
In der "schwarzen" deutschen Romantik, in der neben Tränen und Alkohol auch Opium-Tinkturen fließen, geht kaum was ohne die "Elixiere des Teufels" (E. T. A. Hoffmann): Kein Phantasma ist ohne Satanshilfe zu fangen, keine blaue Blume oder bleiche Schöne zu knicken. Ohne den bösen Kerl jedenfalls gäbe es keine guten Bücher, keine "Brüder Karamasow" von Dostojewski, nicht seine "Dämonen".
Es gäbe auch kein deutsches Nationaldrama. Dessen Held ist von jener "melancholischen Depression mit Arbeitshemmung" befallen, die Freud schon am Maler Haitzmann diagnostizierte. "Es möchte kein Hund so länger leben!" grollt er, und: "Drum hab' ich mich der Magie ergeben."
Ein launiger Vorstadt-Voltaire mit Namen Mephistopheles tritt alsbald hervor, ein Mann von gesunder Selbstironie: "Ich möcht' mich gleich dem Teufel übergeben, wenn ich nur selbst kein Teufel wär'!" Er führt den alten Herrn, Faust ist sein Name, von der Depression hinweg und hin zu den Freuden des Lebens. Eine heißt Gretchen, aber sie ist leider so fad und tugendsam, daß Schauspielerinnen ihren Text gern falsch, aber frech betonen: "Wenn ich nur wüßt', wer heut der Herr gewesen ist!"
So legerer Umgang mit dem Teufel wie in Goethes "Faust" scheint passé. Hampelmänner, die sich Satanisten nennen, greifen nun nach dem Höllenfürsten, imitieren Hexensabbate und Schwarze Messen oder meucheln gar, wie der Mickerling Charles Manson, in Teufels Namen. Sie gedenken nicht des Wortes eines Theodor W. Adorno: "Okkultismus ist die Metaphysik der dummen Kerle."
Die Zeiten sind teuflisch, ohne Teufel. Vom "schrecklichsten Jahrhundert in der Geschichte des Westens" spricht der britische Philosoph Isaiah Berlin. Er sehe nur, sagt der französische Ökologe René Dumont, "ein Jahrhundert der Massaker und Kriege". Und für den englischen Nobelpreisträger William Golding ist es das "gewalttätigste Jahrhundert der menschlichen Geschichte".
"Wir haben keine Sprache", klagt der US-Literaturprofessor Andrew Delbanco, "um den Horror mit unserem Inneren zu verbinden." Und weiter: "Wir brauchen einen Namen für das Böse." Zu der drängenden Frage hat er jüngst ein ganzes Buch geschrieben, "The Death of Satan", Satans Tod; Auferstehung wäre treffender, denn für Delbanco mehren sich die Zeichen, "daß Satan sich aufmacht, um zurückzukehren".
Mittelalter, überall. Soll einer, der ein krummes Bein verloren hat, sich den Knochen zurückwünschen, nur weil er Phantomschmerzen hat? Des Teufels Großmutter rät: Hilf dir selbst, sonst hilft dir Gott - oder, Gott bewahre, der Teufel.

DER SPIEGEL 52/1996
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DER SPIEGEL 52/1996
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