23.12.1996

GESTORBENMarcello Mastroianni

72. Er war einer der wenigen Leinwandstars, an die die Zuschauer nicht nur ihr Herz verloren, sondern auch ihre Seele - weil er selbst eine hatte. Oder sie jedenfalls verdammt glaubhaft spielte. Seit "La dolce vita" (1959) war er das Alter ego des großen Filmemachers Fellini, und der hätte ihn nie dazu gemacht, wäre "bello Marcello" nur ein Frauenheld gewesen wie viele andere. Nein, hinter Mastroiannis mediterranem Charme und Sex-Appeal lauerte immer die Tristezza, auch die Angst, wie in "Achteinhalb". In jedem seiner Triumphe war immer auch das Scheitern angelegt. Gerade das hat ihn so unwiderstehlich gemacht. Und daß er nie Angst davor hatte, sich zu verwandeln. Dazu war er viel zu sehr Charakterdarsteller, immer bereit, eine neue Rolle zu wagen - in rund 150 Filmen, viele davon gedreht von Europas bedeutendsten Regisseuren. In Amerika war er bekannt und populär, aber seine Entscheidung, nie nach Hollywood zu gehen, zeigt, daß er sich durch und durch als Europäer verstand. Und das war er: ein italienischer Herr. Je älter Mastroianni wurde, desto weniger mußte er sich und den Zuschauern seine Männlichkeit beweisen. Mit jedem der alterssteifen, wunderbar tapsigen Tanzschritte, die er in "Ginger und Fred" (1986) aufs Parkett legte, verriet er, wie gelassen er mit seinem Latin-Lover-Image abgeschlossen hatte. In seinem Spätwerk, etwa Scolas "Wie spät ist es?" (1989), reifte er zum Melancholiker, der vom Leben enttäuscht und doch weiter auf der Suche ist. Marcello Mastroianni starb vergangenen Donnerstag in Paris an Krebs.

DER SPIEGEL 52/1996
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