18.03.2013

Der Nahbare

Franziskus ist der erste nichteuropäische Papst seit 1272 Jahren, der erste Jesuit, der erste seit langem, der den Prunk verweigert. Aber kann der Lateinamerikaner, der so konservativ denkt wie sein Vorgänger, die Kirche aus der Krise führen?
Es liegt vor ihm auf dem Tisch, ein schmales, verblichenes Büchlein, "De consideratione" lautet der Titel, es beschreibt, was ein Papst in seinem Amt erwägen muss. Eilig hatte er es aus seiner Privatbibliothek in Mainz gezogen, als einziges von seinen - nach eigener Angabe - 120 000 Büchern, und in den Koffer für Rom gesteckt. Er hat viel darin geblättert während des Konklaves, abends im streng bewachten Gästehaus Santa Marta, wo die 115 wahlberechtigten Kardinäle wohnten, abgeschirmt von der Welt, kein Fernsehen, kein Handy.
Im Zimmer 121 saß er am Schreibtisch, gerader Rücken, Stift in der Hand, er wollte seinen Blick schärfen für die Kür eines geeigneten Nachfolgers auf dem Stuhl Petri. Wieder und wieder blätterte er in dem Buch, das für Papst Eugen III. geschrieben worden war, um das Jahr 1150. "Gültig", sagt der Wahlmann aus Deutschland, "bis heute."
Kardinal Karl Lehmann, Mainzer Bischof, mit 76 "ein halbes Jahr älter als der neue Papst", ist ein Büchernarr wie der emeritierte Vorgänger. Seit ein paar Stunden ist er zurück in der Welt, er wirkt wie verjüngt durch die Wahl. Soeben ist er ins Haus "Mater Dei" der Deutschen Bischofskonferenz am Gianicolo-Hügel umgezogen, unten auf dem Petersplatz sind noch immer Tausende Menschen versammelt, im Speisezimmer mit den Klöppeldeckchen riecht es nach Bratwurst.
Lehmann nimmt das Buch, liest laut vor: vom "Zerfall der Kirche und den schlimmsten Missbräuchen, die den Papstthron umgeben: Ehrsucht, Geldgier, Wahrheitsfälschung". Von der Verführungskraft, die diesem Amte innewohnt, von "Schmeichlern, Bittstellern, Speichelleckern, von Überheblichen und Widerspenstigen". Er ist erstaunt über die zeitgemäße Brisanz dieses Texts, zitiert den Ratschlag, der Papst solle "die Sorge um seinen Haushalt einem bewährten Mann übergeben, nicht solchen, die sich erst noch bewähren müssen".
Er schmunzelt, ruft: "Wie wahr." Und schlägt eine letzte bemerkenswerte Stelle nach, sie liest sich wie eine Prophezeiung: "Der Papst muss der bleiben, der er war: ein demütiger Mönch, der aber jetzt für alle da ist." Auf keinen passe das besser als auf den Neuen, auf Franziskus, den Überraschungspapst aus Übersee.
Lehmann klappt das Buch nun zu, lacht, freut sich über seinen Fund. Der Kardinal ist keiner von denen, die jetzt behaupten, sie hätten es gewusst. Aber gehofft auf etwas grundlegend Neues hatte er schon. Der Mainzer ist von Haltung und Temperament das Gegenteil Joseph Ratzingers, er kann seine Erleichterung über den Wechsel nicht verhehlen. "Ratzingers hohe Begabung", sagt Lehmann, "hat durch die Schwierigkeiten in der Vermittlung auch in der Kurie arg gelitten."
Danach war offensichtlich, dass er seine Behörde nicht mehr in den Griff gekriegt hat. Nicht nur Lehmann sieht in Benedikts Rücktritt ein Opfer - und eine unverhoffte Chance, die alte, zerstrittene, korrumpierte Vatikan-Verwaltung durch eine fähige zu ersetzen.
Er spricht von Neubeginn, von Aufbruch und Reformen. Wird er seinem neuen Chef das kleine Büchlein überreichen, in dem er so viel Aktuelles entdeckt hat? Der Kardinal winkt ab. Das neue Kirchenoberhaupt brauche nicht schon wieder Ratschläge von einem Deutschen.
Als am vergangenen Mittwoch der Papst aus Argentinien auf die Loggia des Petersdoms trat, auf Tausende Regenschirme herabblickte und erst nur zaghaft den Arm hob und schwieg, da wurde schnell klar: Dieser neue Pontifex setzt sich selbst, setzt seine Einfachheit einer bis dahin bildsüchtigen Kirche entgegen. Er hat nur eine Bitte an die Menschen auf dem Petersplatz: Bevor er ihnen seinen Segen erteilt, sollen sie alle für ihn beten.
Viele von denen, die ihn gerade gewählt hatten und die vom Nachbarbalkon aus zuschauten, hatten so etwas noch nicht gehört. Und in der Tat - der neue Papst ist für die Katholiken weltweit etwas Unerhörtes, eine Sensation. Er ist der erste nichteuropäische Papst seit 1272 Jahren. Der erste, dessen Vorgänger nicht in einer Gruft in Rom begraben liegt, sondern der bei ihm im Garten wohnen wird. Der erste Papst, der von den Jesuiten kommt, einem Orden, der als katholische Erneuerungsbewegung gegründet wurde. Der als Schwert der Gegenreformation galt, als Kampftruppe gegen die europäische Aufklärung, später als Elitekader des Katholizismus, dem zuletzt ein Johannes Paul II. nur noch mit äußerstem Misstrauen begegnet war.
Und trotz seiner Herkunft aus der selbstbewussten Societas Jesu ist der Neugewählte der erste Papst, der sich den Namen Franziskus gibt, nach dem Ordensgründer Franz von Assisi, dem Freund der Armen und der Tiere, einem Wanderprediger und unbequemen Querdenker. Franziskaner nennen sich demutsvoll "Minderbrüder", was einem traditionellen Jesuiten nie unterlaufen würde.
Wohl aber dem Neuen: "Ziemlich viele erste Male", staunte der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki am Tag danach.
Und so ging es gleich weiter: Den ersten Machtkampf mit der römischen Kurie gewann Jorge Mario Bergoglio, als er noch keine fünf Minuten lang Papst war. In der "Kammer der Tränen", seit Jahrhunderten der Umkleideraum für die gerade gewählten Päpste, warten die drei Papstgewänder, etliche Hemden, Kragen, Manschetten und die berühmten roten Schuhe aus feinem Kalbsleder in den Größen 40 bis 46 auf den Pontifex. Hier also soll er sein altes Leben hinter sich lassen. Doch der Mann aus der Einwandererstadt Buenos Aires hat eigene Vorstellungen, die anders sind als die der kurialen Zeremonienmeister.
Er verweigert die pelzbesetzte rote Mozzetta vom päpstlichen Hofschneider, Sinnbild einer längst verflossenen weltlichen Macht. Er will auch die roten Schuhe nicht tragen, wenn er gleich vor die Menschen tritt.
Der erste Kampf des Argentiniers mit den römischen Kurialbeamten dauert. Die 114 Kardinäle nebenan werden unruhig, ein Diener klopft mahnend an die schmale Tür der Kammer. Eile ist geboten, die Zehntausenden Römer, die seit Stunden im Regen draußen auf dem Petersplatz warten, wollen endlich wissen, wer ihr neuer Papst ist.
Zweimal, dreimal wird noch geklopft, dann tritt in einer schlichten weißen Soutane der neue Papst Franziskus heraus. Den Streit mit seinem Hofstaat um die Kleiderordnung hat er für sich entschieden, demonstrativ macht er weiter. Er sieht nicht nach links, nicht nach rechts, durchschreitet die Sixtinische Kapelle, bis er zu einem Kardinal tritt, der in einem Rollstuhl am Konklave teilgenommen hat. Ihn umarmt er als Ersten.
Seine Mitbrüder, die Kardinäle, umwirbt er mit betonter Demut. Den für den Papst vorgesehenen Mercedes mit Nummernschild SCV 1 nebst Chauffeur schickt Franziskus fort, dann klettert er zu den Kirchenfürsten in den Bus, zweite Reihe links hinter dem Fahrer, einer der Kardinäle machte ein verwackeltes Handy-Foto. Im Gästehaus Santa Marta lässt er sich beim Abendessen nicht auf den weißen Thronsessel nieder, sondern nimmt die Pasta am Tisch mit den anderen ein. Auch die für ihn vorgesehene Papstsuite bleibt in dieser Nacht verwaist. Franziskus schläft lieber weiter im eher bescheidenen Zimmer 201, das er bei der Verlosung vor dem Einzug ins Konklave bekommen hat. Am nächsten Morgen holt er persönlich die Koffer aus dem Gästehaus ab, in dem er bis zur Papstwahl gewohnt hat, zahlt die Rechnung aus seinem Portemonnaie und geht zu Fuß in den Apostolischen Palast.
Um Papst zu sein.
Vaticanisti und Zeitungen überschlagen sich: Franziskus ist der Austerity-Papst, ein leuchtendes Vorbild.
"Kleine Dinge, die viel über den Menschen sagen", sagt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. "Details, die große Verheißungen bedeuten können." Der Neue erinnere ihn etwas an Johannes Paul II., etwas an Johannes XXIII. "Er kann strahlende Gesichter bei einfachen Leuten hervorzaubern. Il Papa dei poveri, Papst der Armen." Das sei keine Übertreibung, das sei wirklich so.
Fast wortgleich, nur auf Spanisch, klingt es in seiner Heimat. Im Elendsviertel Villa 31 zeigt Buenos Aires sein Drittwelt-Gesicht. Kinder bolzen zwischen Müllhaufen, Drogendealer lungern an den Straßenecken, nachts kommt es hier oft zu Schießereien. Taxifahrer weigern sich, in den Slum zu fahren. Unter einer Autobahnbrücke, wo das Elendsviertel in ein Niemandsland aus Speditionen und Lagerhallen ausfranst, liegt die Kirche Cristo Obrero. Ein einfaches Holzkreuz ragt über das Wellblechdach, vor dem Eingang haben Anwohner ein Mausoleum aus roten Ziegelsteinen errichtet.
Hier ruhen die sterblichen Überreste von Padre Carlos Mugica, Todesschwadronen hatten den Armenpriester im Jahr 1974 ermordet, er wurde auf einem entfernten Friedhof bestattet. Erst 1999 durfte der tote Kirchenmann in seine Gemeinde zurückkehren: Erzbischof Jorge Mario Bergoglio ließ Mugicas Leichnam exhumieren, in einer feierlichen Prozession wurde er in die Villa 31 überführt, Bergoglio ging hinter dem Sarg her. Seither wird der Hirte wie ein Held verehrt: "Er hat den Armen ihre Würde zurückgegeben", sagt Padre Guillermo Torre, der seit 14 Jahren die Gemeinde leitet.
Fotos des neuen Papsts hängen im Kirchensaal neben Bildern von Mutter Teresa. Oft las er hier die Messe, einmal kam Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zu Besuch, die beiden können einander nicht ausstehen. Zuletzt hat Padre Guillermo vor zwei Monaten mit Bergoglio gesprochen. Der Kardinal half ihm, ein Zentrum zur Behandlung Drogensüchtiger und eine Armenküche aufzubauen. "Er ist ein Mann des Dialogs", sagt Torre. "Dünkel kennt er nicht."
Als im fernen Rom über der Sixtinischen Kapelle der weiße Rauch aufstieg, strömten die Leute von der Villa 31 spontan in die Kirche; Padre Guillermo las eine Messe, die ganze Nacht haben sie gebetet. Der Straßenverkäufer Leo Caballero will Franziskus einen Brief schreiben, er solle seine Armen nicht vergessen. Er hofft, dass der Papst irgendwann zu Besuch kommt.
Mit der Wahl von Bergoglio verschiebt sich das Zentrum der katholischen Kirche hin zu dem Kontinent, auf dem über 500 Millionen der 1,2 Milliarden Katholiken leben. 163 Millionen davon sind Brasilianer, und 99 Millionen sind Mexikaner. In der Heimat des neuen Papstes sind noch 90 Prozent der Bewohner katholisch getauft, aber auch hier hält sich nur gut die Hälfte noch an die Regeln der römischen Kirche. Und die Armen laufen zu den evangelikalen Freikirchen über.
Wer ist also dieser Argentinier, der so viele Hoffnungen weckt, dort wie in Europa, und so rasant sein Amt angenommen hat?
Bergoglio hat eine Biografie, die zu einer Weltkirche passt: ein Vertreter Lateinamerikas, aber mit europäischen Wurzeln. Geboren wurde er 1936 in Buenos Aires, er hat zwei Brüder, zwei Schwestern, die italienische und die argentinische Staatsangehörigkeit, die Eltern waren Einwanderer aus Norditalien. Er wird Chemietechniker, ist in seiner Jugend ein leidenschaftlicher Tangotänzer und hat sich als junger Mann auch mal verliebt. Mit 22 Jahren, nachdem ihm wegen einer schweren Lungenentzündung ein Teil der rechten Lunge entfernt wurde, kam dann die spirituelle Wende.
Bergoglio will jetzt Priester werden. Er tritt in den Jesuitenorden ein, es folgen Studien in Chile, Argentinien und an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, wo er seine Deutschkenntnisse verbessert und wo sich der Pastoraltheologe Michael Sievernich an ihn erinnert.
Das Thema Armut sei schon damals Gesprächsthema zwischen ihnen gewesen, sagt Sievernich. In Frankfurt habe Bergoglio, der Jesuit aus dem armen Süden, den Reichtum des Nordens erlebt. Der Frankfurter Theologe rechnet damit, dass der neue Papst nun den Schwerpunkt der katholischen Kirche ändern werde: "Statt um Glaube und Vernunft, wie bei Joseph Ratzinger, wird es künftig um Glaube und Gerechtigkeit gehen", sagt Sievernich.
In der Bibliothek von Sankt Georgen habe Bergoglio vor allem nach Schriften des Religionsphilosophen Romano Guardini gesucht. Doch aus einer Doktorarbeit über Guardini, die Bergoglio damals offenbar plante und für die er in Deutschland recherchierte, ist nie etwas geworden. In der Heimat wurde er Dozent für Literatur und Psychologie, dann Priester, später kommt auch noch der Lehrstuhl für Theologie hinzu. Eines seiner Bücher heißt "Dialoge zwischen Johannes Paul II. und Fidel Castro".
Mit 37 Jahren übernimmt er das Amt des Jesuitenprovinzials für Argentinien, später arbeitet er als Gemeindepfarrer im Bistum San Miguel, mitten in einem Arbeiterviertel. Der Jesuitenpater Guillermo Ortiz, der heute die spanischsprachige Abteilung von Radio Vatikan leitet, arbeitete damals mit ihm zusammen: "Er stand jeden Tag um vier Uhr morgens auf, um zu beten." Er predigte über die Opfer des Menschenhandels, der Prostitution, des Organhandels. "Er hat gegen die Käuflichkeit und die Korruption gesprochen und die Menschenwürde verteidigt."
1992 wird Bergoglio Weihbischof von Buenos Aires, 1998 Erzbischof. Er lässt sich als Erzbischof nicht mit Exzellenz ansprechen, sondern als "Padre Jorge".
Aber es gibt offenbar auch einen anderen Franziskus: einen kalkulierenden Machtspieler, der mit der linken Regierung von Präsidentin Kirchner heftige Debatten ausficht und dessen Rolle in der Militärdiktatur noch immer nicht restlos geklärt ist. Viele enttäuschte Argentinier werfen ihm vor, damals nicht gegen Folter und Morde protestiert zu haben. Manche beschuldigen ihn gar, eigene Mitarbeiter den Schergen der Diktatur überlassen und vor Gericht gelogen zu haben. Das ist der Franziskus, den Estela de la Cuadra kennengelernt haben will.
De la Cuadra lebt in der Provinzhauptstadt La Plata, etwa 60 Kilometer von Buenos Aires entfernt. In der beschaulichen Universitätsstadt errichteten die Generäle nach ihrem Putsch 1976 einige der brutalsten Folterzentren.
Estelas Schwester Elena wurde mit ihrem Lebensgefährten Héctor Baratti 1977 entführt, sie war damals im fünften Monat schwanger. Das Kind sei in der Gefangenschaft in einer Polizeiwache zur Welt gekommen, berichteten Mithäftlinge. Elena und Héctor wurden gefoltert, später warfen die Schergen Héctor lebend aus einem Flugzeug über dem Meer ab, seine Leiche wurde angespült. Elena wurde nie gefunden. Auch das Baby blieb verschwunden.
Mithäftlinge berichteten, das Kind sei von einem Offiziersehepaar adoptiert worden, das hatten sie von dem deutschstämmigen Polizeikaplan Christian von Wernich erfahren, er nahm den Folteropfern vor der Ermordung die Beichte ab. Elenas Brüder, die im Exil in Italien lebten, wandten sich 1977 an den Chef des Jesuitenordens in Rom, der ersuchte seinen Vertreter in Argentinien um Mithilfe - Bergoglio.
Der heutige Papst schrieb einen Brief an einen befreundeten Bischof und bat ihn, sich der Sache anzunehmen, doch die Angelegenheit verlief im Sande. Später behauptete Bergoglio, dass er von den Verschwundenen und ihren verschleppten Kindern nichts gewusst habe. Doch de la Cuadra besitzt eine Kopie seines Briefs. "Bergoglio war ein Komplize der Militärdiktatur", behauptet sie.
"Die katholische Kirche stand bei Putschen immer an der Seite der Streitkräfte", sagt auch der argentinische Kirchenkritiker Horacio Verbitsky. "Die Herrschenden sahen in der Kirche ein Bollwerk gegen revolutionäre Bewegungen." Bergoglio habe damals als Chef der Jesuiten über weitreichenden Einfluss verfügt und sich schon vor dem Putsch 1976 politisch betätigt. Verbitsky: "Er gehörte dem rechten Flügel der Peronisten an."
Bergoglio habe bei der "Guardia de Hierro", der "Eisernen Wache", mitgemacht, glaubt Verbitsky, einer Gruppe fanatischer Perón-Anhänger, die sich als Bewahrer der peronistischen Ideologie verstanden. Nach dem Tod Peróns und dem Putsch von 1976 habe der Jesuitenchef seine Mitarbeiter aus den Elendsvierteln abgezogen. Zwei junge Priester, Franz Jalics und Orlando Yorio, weigerten sich zu gehen, sie wollten die Armen nicht im Stich lassen. "Bergoglio entzog ihnen daraufhin den Schutz der Kirche", behauptet Verbit-
sky. Kurz darauf wurden sie entführt und gefoltert. Nach fünf Monaten setzte ein Hubschrauber sie in der Nähe von Buenos Aires ab, sie standen unter Drogen. Später erstatteten sie Anzeige gegen Bergoglio: Er habe sie der Diktatur ausgeliefert.
Der Jesuitenchef ließ die Vorwürfe zurückweisen, das Verfahren kam zu keinem Ergebnis. Yorio ist inzwischen verstorben, Jalics ging ins Exil nach Deutschland. Mit Bergoglio hat er sich inzwischen ausgesprochen, gemeinsam haben sie eine Messe zelebriert und sich umarmt.
Aber noch in einem Buch von 1995 beschuldigt er den heutigen Papst, ihn an die Machthaber verraten zu haben: "Der Mann versprach nur, er werde die Militärs wissen lassen, dass wir keine Terroristen waren. Doch durch nachträgliche Erklärungen eines Beamten und mit Hilfe von 30 Dokumenten, zu denen ich später Zugang erhielt, konnten wir zweifelsfrei belegen, dass dieser Mann sein Versprechen nicht erfüllt, sondern uns, im Gegenteil, bei den Militärs denunziert hat."
Dieser Mann war Bergoglio.
Wer also ist der wahre Franziskus? Verbirgt sich hinter der Fassade des Armenpapstes tatsächlich ein gewiefter Rechtspopulist, wie Verbitsky vermutet? "Statt eines Erneuerers haben uns die Kardinäle einen doppelzüngigen Jesuiten untergemogelt", behauptet der Schriftsteller.
Solchen Anklagen widerspricht Adolfo Pérez Esquivel, der für seinen friedlichen Kampf gegen die Junta 1980 den Friedensnobelpreis bekommen hat. Er sagt, vielleicht habe Bergoglio "nicht den Mut besessen, den andere Priester gehabt haben. Aber er hat niemals der Diktatur zugearbeitet, er war kein Komplize". Vatikan-Sprecher Federico Lombardi tat alle Vorwürfe als Verleumdung des neuen Papstes ab.
Sechs Jahre lang leitete Erzbischof Bergoglio die argentinische Bischofskonferenz. Er vertrat dort alle konservativen Positionen seiner Kirche, in der Bioethik wie in der Frage der Homo-Ehe. Im italienischen Rimini fand er sich zu den jährlichen Treffen der konservativen innerkirchlichen Bewegung Comunione e Liberazione als Redner ein.
Das ist, und bleibt, seine Ambivalenz: Franziskus ist ein extrem konservativer Moraltheologe, in Fragen der Sozialpolitik aber eher ein Linker. Ein leidenschaftlicher Fußballfan, Anhänger und Mitglied Nummer 88235N-0 des argentinischen Meisterclubs San Lorenzo. Seine demonstrative Bescheidenheit mit einem Leben in einer einfachen Wohnung, seine Fahrten in der U-Bahn, sein Verzicht auf fast alle Statussymbole - all das ist schon beinahe Kult. Es heißt, er liebe Hölderlin, Dostojewski und Beethoven. Ein Feingeist, der sich aber nun gegen seinen eigenen Hofstaat durchsetzen muss.
Schon seine Wahl spiegelt das Spannungsfeld wider, in dem er künftig regieren soll. Im Vorkonklave hatte er durch zwei beachtliche Redebeiträge auf sich aufmerksam gemacht, er sprach über die Notwendigkeit, sich von allem Karrieredenken zu läutern. "Das Beste, was ich an Beiträgen gehört habe", sagt ein prominenter deutscher Kardinal. "Wir informierten uns über ihn. Hörten, dass er politisch unabhängig sei und große pastorale Erfahrung habe. Dass er in langen Perioden denkt, krisenerprobt ist in seinem Land. Und dazu, das sahen wir, dieser Gleichmut und diese Distanz." Gemeint war die erkennbare Skepsis gegenüber der römischen Zentrale.
Die Kurienmitglieder um den mächtigen, aber ungeliebten Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone hatten zunächst auf den Brasilianer Odilo Scherer gesetzt, für ihn hatten die Kardinäle Angelo Sodano und Giovanni Re geworben, entschiedene Gegner des Mailänder Kardinals Angelo Scola, dem viele zugetraut hätten, im Vatikan endlich aufzuräumen. Doch schon von Anfang der Wahlprozedur an hatten sich diese beiden ursprünglichen Favoriten neutralisiert. Bergoglio erhielt von Wahlgang zu Wahlgang mehr Stimmen.
Die Entscheidung fiel am Mittwoch während des Mittagessens bei einem Teller Pasta gegen 13.30 Uhr. Das will jedenfalls die Turiner Zeitung "La Stampa" in Erfahrung gebracht haben. Nach dem dritten Wahlgang, als klar war, dass weder Scola noch Scherer gewinnen konnten und auch ein Kompromisskandidat aus Boston, Kardinal Patrick O'Malley, sich nicht gegen die Stimmen der Afrikaner durchsetzen ließ, etablierte sich Bergoglio als unschlagbarer Favorit. Im fünften, entscheidenden Wahlgang soll er schließlich weit mehr als die erforderlichen 77 Stimmen erhalten haben.
Als zum ersten Mal der Name Franziskus fällt, blicken sich in der Sixtina die gegenübersitzenden Kardinäle Scherer und Schönborn an und brechen in Heiterkeit aus. Die Kirchenfürsten aus São Paulo und Wien, die selbst als "papabile" gegolten hatten, waren einander bei der Anreise zum Konklave zufällig in Assisi über den Weg gelaufen. Dort hätten sie sich gefragt, erzählt Scherer, "warum sich eigentlich niemals zuvor ein Papst nach dem heiligen Franz benannt hat".
Etwas weiter entfernt sitzt der Berliner Kardinal Woelki, einer der Jüngsten beim Konklave, der nach eigenem Bekunden "mit weichen Knien und feuchten Händen" in die Sixtinische Kapelle eingezogen war. Er wusste sofort: "Franziskus - der Name ist Programm!"
Auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der selbst ab und an radikale Töne gegen den Turbokapitalismus wagt, weiß nun, dass ein Bruder im Geiste Papst ist. "Eine ganz andere Gestalt, ein ganz anderer Stil. Kein Mann der Kurie. Seine Betonung der Einfachheit wird uns allen guttun." Den ausgeprägten Konservatismus des neuen Papstes in allen theologischen Fragen bemängelten die deutschen Kardinäle naturgemäß nicht.
Dennoch könnte Bergoglios Aufstieg tatsächlich einen Neustart bedeuten. Seine Wahl wird als ein ähnlich revolutionäres Ereignis gewertet wie der Rücktritt Benedikts. "Es hat der frische Wind gewonnen", glaubt der Vatikan-Veteran Marco Politi, es sei der Beweis erbracht worden, dass die römische Kirche erheblich flexibler reagiere als das politische System Italiens.
Nach der Wahl gibt der neue Papst am Abend einen Empfang im Gästehaus Santa Marta. "Möge Gott euch verzeihen", soll er gescherzt haben. So begeistert war der New Yorker Erzbischof Timothy Dolan von diesem Stoßseufzer, dass er ihn später auf seinen Blog stellte. Zuvor jedoch gab es ein langes, herzliches Telefonat mit Benedikt, der in Castel Gandolfo ganz gerührt gewesen sein soll über die Wahl seines ehemaligen Herausforderers.
In dem achtjährigen Pontifikat von Benedikt XVI. hatten sich im Innern der Kirche so viele Probleme zugespitzt wie selten zuvor. Unter Papst Johannes Paul II. waren die vielfältigen Krisen so gut es ging entschärft worden, wie etwa die vielen Missbrauchsfälle und das Versagen der katastrophal geführten Kurie. Gewiefte Administratoren aber waren die beiden letzten Päpste nicht, der eine ein eiliger Vater auf Reisen oder todkrank, der andere lieber allein am Schreibtisch. Kaum jemand in Rom glaubt noch an die von Benedikts Sprecher verbreitete Version, der Papst emeritus sei allein wegen seines Alters und seiner Gebrechen zurückgetreten.
Wie aber will Franziskus den "Schmutz in der Kirche" bekämpfen, den Ratzinger beklagt hat, den er aber bis zuletzt nicht beseitigen konnte? Wie umgehen mit Vatileaks, den undichten Stellen in der Kurie, mit der Geldwäsche in der Vatikanbank?
Dass die Kurie einer umfassenden Reform bedarf, darüber waren sich alle angereisten Kirchenfürsten einig, kein anderes Thema hat die Debatten vor der Papstwahl so beherrscht wie dieses. Die täglichen Treffen der Generalkongregation dauerten länger als sonst, noch nie wurde, betonten die Kardinäle, so viel über Probleme der Kirche gesprochen, über Korruption und Intrigen im Staatssekretariat, über machtlose Bischofskirchen, die Rolle der Frauen, die Kirche in China, auch über den Umgang mit dem Kindesmissbrauch und das Verhältnis zu den Piusbrüdern. So offen, so kritisch sei die Diskussion nie gewesen.
Vier Kardinäle, unter ihnen der Deutsche Walter Kasper, forderten schon im Vorkonklave Auskunft über den geheimnisumwobenen Untersuchungsbericht zu Vatileaks. Drei emeritierte Bischöfe, alle über 80 Jahre alt, hatten ihn verfasst, 300 Seiten soll er dick sein, verschlossen im päpstlichen Safe. Er soll die Hintergründe zu der Affäre um die Dokumente vom Papstschreibtisch liefern, die der Kammerdiener, wohl im Auftrag von Hintermännern, gestohlen und an die Medien weitergegeben hatte. Viel wurde in den Zeitungen spekuliert, über Korruption, Günstlingswirtschaft, Schwulennetzwerke, die sich gegenseitig Posten zuschieben, über Intrigen und sogar über die Gefahr einer Kirchenspaltung.
In ihrer letzten Aussprache vor Beginn des Konklaves berieten die Kardinäle auch über die Vatikanbank IOR, der Geldwäsche vorgeworfen wird. Kardinal Bertone gab einen kurzen Bericht über die Tätigkeit des Instituts sowie über die Einführung internationaler Standards für Finanzgeschäfte. Die angereisten Kardinäle wollten eigentlich noch viel mehr erfahren. Vor allem die Amerikaner verlangten mehr Einsicht in den Untersuchungsbericht der Vatileaks-Kommission, in dem es in längeren Passagen auch um das IOR gehen soll. Doch dann reichte die Zeit nicht.
Viele Konten beim "Institut für die religiösen Werke" dienten italienischen Politikern jahrelang zur Verschleierung ihrer Vermögenslage - auch weil die Vatikanbank grundsätzlich keine Bilanzen veröffentlicht. Rechenschaftspflichtig war das Institut bis vor kurzem allein dem Papst. "Vielleicht haben wir ja in einigen Jahren gar keine Vatikanbank mehr", sagt der Sprecher eines deutschen Kardinals nach der Wahl von Franziskus. Ein Kreis von nichtitalienischen Kardinälen um den Wiener Schönborn möchte das Institut jedenfalls komplett auflösen.
Unklar ist noch, wie entschieden Franziskus all diese Aufgaben anpackt. Er muss klug genug sein, sich einen durchsetzungsstarken, unabhängigen Staatssekretär an seine Seite zu nehmen. Doch der neue Staatssekretär sollte die Macht nur teilen, aber nicht an sich reißen, alles und jeden kontrollieren und maßregeln wollen, wie der machtbesessene Bertone.
Ein Manager, der die Kurie mit harter Hand von der korrupten Meute der Zuträger und von hemmungslosen Ehrgeizlingen befreit, muss den Apparat verschlanken, ihn horizontaler organisieren. Der Papst muss wieder erreichbar werden, für alle. Bei Ratzinger erhielten nur Bertone und der Präfekt der Glaubenskongregation, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, sofort Termine, alle anderen mussten monatelang warten. Künftig sollten regelmäßige Kabinettssitzungen einberufen und intensivere Kontakte zu den Bischöfen und päpstlichen Botschaftern in aller Welt gehalten werden, fordern die deutschen Konklave-Teilnehmer.
Die Frage ist, wie absolutistisch der Papst heute regieren kann, nach Benedikts Abdankung, in Zeiten der Krise. So klagt Kardinal Lehmann, dass "das Recht auf Mitbestimmung bei den Bischofsernennungen mit Füßen getreten" worden sei. Eine erneuerte Kirche sollte mehr Verantwortung abgeben, delegieren können. Damit die Ordensschwester im HIV-Krankenhaus in Afrika entscheidet, ob sie Kondome verteilt oder die Pille danach - und nicht der weltfremde Prälat in Rom.
Doch jetzt steht dem neuen Papst die ganze Macht über seine Kirche zur Verfügung, und wie es aussieht, versucht er, das Tempo der Erneuerung während der ersten Tage seiner Amtszeit durchzuhalten. Seine erste Messe in der Sixtinischen Kapelle las er vorigen Donnerstag an einem den Gläubigen zugewandten Altar, den Benedikt, als Entgegenkommen an die Traditionalisten, hatte entfernen lassen. Doch was er zu verkünden hatte, klang nicht viel anders als der Kampf seines Vorgängers gegen die "Diktatur des Relativismus". Auch für Franziskus gilt ein einfaches Entweder-oder: "Wer nicht zum Herrn betet, betet zum Teufel." Es ist das Glaubensbekenntnis eines modernen Reaktionärs.
Der neue Papst muss nun Antworten finden, wie sich die Kirche in der Welt von heute verhält, in der viele Konflikte vornehmlich im Nahen Osten und in Asien religiös aufgeladen sind. Die Sexualmoral der Kirche wird in ihren Kernländern, teils auch in Lateinamerika, längst nicht mehr akzeptiert. Wie stellt sich die Kirche angesichts der globalen Finanzkrisen auf? Und schließlich soll der Papst auch dort Weisungen erteilen, wo es um Volkserhebungen, um das Ende von Gewaltherrschaften in den Krisengebieten dieser Welt geht.
Katholiken in den demokratischen Ländern verlangen mehr Mitspracherechte, die Laien, Männer wie Frauen, wollen und müssen angesichts des Priestermangels mehr Verantwortung in der Kirche übernehmen. Das gilt auch bei dem noch viel größeren Priestermangel in Lateinamerika, wo in "Garagenkirchen" selbsternannte evangelikale Prediger der katholischen Kirche ernsthafte Konkurrenz machen. Als Erzbischof von Buenos Aires hat Franziskus bereits gezeigt, dass er in solchen Fällen flexibel reagieren kann.
Für viele dieser Fragen fällt es einem nichteuropäischen Papst womöglich leichter, Antworten zu finden. Er müsste wie der Vorsitzende eines weltweit operierenden Konzerns mit 1,2 Milliarden Klienten agieren. Weg vom beinah manischen Zwang zur Linientreue, hin zu einer komplexen Kirche, die Vielfalt in den eigenen Reihen praktiziert, und dies auch - wie ein erfolgreiches Weltunternehmen - ohne dauernde Gängelei ihrer Mitarbeiter aushalten kann.
Für die deutschen Bischöfe könnte sich allerdings noch etwas ändern: Nach der Wahl von Rom haben sie alle die päpstliche Vorgabe von Bescheidenheit und Demut gelobt. Schneller, als manchem Bistumskönig hierzulande lieb ist, könnte das nun zur Messlatte für sie selbst werden. Verschwendung von Kirchensteuergeldern, prunkvolle Bischofssitze, dunkle Dienstlimousinen mit Fahrer, gutgefüllte Weinkeller, üppiges Hauspersonal - ab sofort stehen auch der Luxus und die Machtinsignien der deutschen Bischöfe zu Disposition.
Von Matthias Bartsch, Fiona Ehlers, Jens Glüsing, Hans Hoyng, Peter Wensierski und Helene Zuber

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Der Nahbare

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