18.03.2013

KUNSTGeschlechtertrennung

Ausgerechnet in der Welt der Kunst, die als offen und fortschrittlich gilt, werden Frauen besonders benachteiligt. Und das ist mehr als eine gefühlte Wahrheit.
Katharina Grosse sieht in ihrem weißen Schutzanzug aus wie jemand von der Spurensicherung. Gleich wird sie sich mitten im Museum hinter riesige Plastikplanen verziehen, zu Schutzhelm und Spritzpistole greifen - und ihre eigenen Spuren hinterlassen. Sie sei dann lieber allein, sagt sie, "ich erschrecke, wenn ich arbeite und jemand durch mein Bild läuft".
Später, wenn sie fertig ist, darf das Publikum genau das: durch ihre abstrakten, neonbunten Farbwelten gehen. Grosse versteht sich als Malerin, aber sie erweitert die Idee vom Tafelbild. Sie besprüht Wände, Böden, Decken, ganze Hallen, riesige Erdklumpen, eigens für sie produzierte Riesenbälle und felsartige Brocken aus laminiertem Styropor. In ihrer Kunst stellt sie dar, wie das aussieht, wenn die Kraft der Vorstellung auf die Oberflächen des Alltags trifft. Sie sagt: "Das, was ich mache, ist einzigartig auf der Welt."
Das Museum De Pont im niederländischen Tilburg, das sie eingeladen hat, ist der Kunst der Gegenwart gewidmet. Der weltberühmte Anish Kapoor hatte vor ihr eine Schau hier. Von Gerhard Richter, gefeiert wie kaum ein anderer, hängen Bilder in der Dauerausstellung. Das ist Grosses Liga, jedenfalls im Ausland, von Paris bis Chicago. Ihr Erfolg ist der Grund, weshalb sie ein ganzes Team von Leuten beschäftigt, weshalb sie es sich leisten konnte, ein riesiges Ateliergebäude in Berlin errichten zu lassen.
In Deutschland schätzt man sie, sie hat eine Professur an der Akademie in Düsseldorf. Aber sie erhält nicht die Aufmerksamkeit, die sie bekäme, wenn sie ein männlicher Künstler wäre. Grosse sagt, das deutsche Kunstsystem sei "extrem konservativ".
Hendrik Driessen, der Museumsdirektor in Tilburg, meint: "Diese Energie in Grosses Arbeiten ist kühn und optimistisch zugleich, das lässt mich nicht los." Frauen? Männer? Ob das in der Kunst nicht gleichgültig sei?
In der Welt der Kunst aber gibt es keine Gleichberechtigung. Man kann das zum Beispiel an den Auktionsergebnissen ablesen. Seit Jahren hält sich da international nur eine Frau in der Spitzengruppe. Die Amerikanerin Cindy Sherman.
Ausgerechnet also in einer Szene, die sich als unangepasst, unkonventionell, geradezu radikal und fortschrittlich versteht, in der der Feminismus Teil des Diskurses war, scheint die Zurücksetzung von Frauen ausgeprägt zu sein. Deutschland ist in dieser Hinsicht ein Extremfall, rückständiger als viele andere westliche Länder.
Als der Künstler Georg Baselitz im SPIEGEL vor kurzem die Ansicht äußerte, Frauen malten nicht so gut wie Männer, löste das in amerikanischen Kunst-Blogs eine Debatte aus, ebenso im nahen Österreich, auch die Briten zürnten. In Deutschland nahm man das so hin.
Dass es auch sonst eine klare Benachteiligung gibt, ist mehr als eine gefühlte Wahrheit. Werke von Künstlerinnen werden deutlich seltener gezeigt. Kunst aber braucht Publikum, sie muss sich beweisen.
Beispiel Neue Nationalgalerie in Berlin. In der Hauptstadt ist es das wichtigste staatliche Haus für die Kunst der Gegenwart. In den vergangenen zwei Jahren hat der zuständige Direktor zwölf personenbezogene Schauen organisiert - nur eine war einer Frau gewidmet, einer Amerikanerin. Immerhin gibt es den Preis der Neuen Nationalgalerie für junge Kunst, und bei dessen erster Verleihung im Jahr 2000 war auch Grosse nominiert. Gewonnen hat ein Mann, ein eher traditionell arbeitender Maler.
Oder die Pinakothek der Moderne in München. Eine Institution, mit der Bayern sich als Kulturbundesland profilieren will. 2002 wurde das Museum eröffnet. Die Ausstellungstitel der folgenden zehn Jahre nennen 66 Künstler und 18 Künstlerinnen. 2012 hatte eine Schau dort den Titel "Frauen". Gezeigt wurde die Kunst von drei Männern, die das Weibliche zu ihrem Motiv gemacht haben. Trotzdem glaubt Klaus Schrenk, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, es sei in seinen Häusern besser um die Frauen bestellt als in anderen. Er sagt auch, was viele Männer in Deutschlands Kunstszene sagen: Die Situation habe sich verbessert.
Das stimmt. Die Documenta in Kassel wurde 2012 zum zweiten Mal in ihrer Geschichte von einer Frau verantwortet, und die wählte tatsächlich ähnlich viele Männer wie Frauen aus. Was als Sensation galt. Und an der legendären Düsseldorfer Akademie lehren so viele Frauen wie noch nie, eine von ihnen ist Grosse. Aber trotzdem sind nur 5 von 27 Professuren weiblich besetzt. "Wer glaubt, die Sphäre der Kunst sei per se offen und modern, liegt falsch", sagt Grosse. Sie spricht von einer Welt "der alten Knochen". "Dabei funkelt da ganz viel Neues, es gibt eine ungeheure Vielfalt, ein Potential, das wir uns gar nicht vorstellen können, und es macht auch einfach mehr Spaß, wenn sich alles fifty-fifty mischt."
Nicolaus Schafhausen weiß, dass die Kunstwelt noch nicht so weit ist. Er lei-tet die Wiener Kunsthalle, kommt aus Deutschland und ist einer der bekanntesten Kuratoren seiner Generation. Er sagt: Da, wo die strategischen Entscheidungen gefällt würden, herrschten hauptsächlich Männer. Und für die sei männliche Kunst einfach nur Kunst. "Das Testosteron gilt als normal und nicht erwähnenswert." Kunst von Frauen dagegen sei immer auch etwas anderes, "weiblich" beispielsweise oder "feministisch".
Beide Adjektive gelten im Kunstbetrieb meistens als Ausschlusskriterium.
Als Schafhausen 2007 im Auftrag der Bundesregierung für den Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig zuständig war, wählte er die Künstlerin Isa Genzken aus. Es war ein fast historischer Moment, und man muss nur nachzählen, um zu verstehen, weshalb. Seit 1948 wurde dieses Land in Venedig von 90 Männern und 9 Frauen vertreten. Nicht berücksichtigt sind in dieser Bilanz sogar zwei Ausstellungen über historische und ausschließlich männliche Kunstströmungen. Und wie ging die Kunstwelt um mit Genzkens Werk? "Ich warte noch immer auf den Tag, an dem über Isa Genzken als Künstlerin geschrieben wird und nicht über sie als Ex-Frau von Gerhard Richter", sagt Schafhausen.
Für die Biennale im kommenden Sommer hat die derzeitige Kuratorin Susanne Gaensheimer vier Künstler auserkoren, darunter nur eine Frau. Das ist es, was viele Künstlerinnen sagen: Auch Kuratorinnen setzen in dieser Männerwelt im Zweifel lieber auf männlichen Erfolg.
Eigentlich passt genau das nicht zum Verständnis von Kunst. Niemand sollte es sich leichtmachen wollen. Zumindest entspricht es dem Ruf der modernen Kunst, immer ein paar Schritte weiter zu sein als der Rest der Gesellschaft.
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich das Verständnis und die Wertschätzung von Kunst in ganz anderer Hinsicht geändert. Sie wurde zum Milliardengeschäft - und das soll weiterhin reibungslos laufen. Galeristen, Sammler und Museen bevorzugen die Kunst von Männern, weil man damit finanziell nichts falsch machen kann. Denn Ausstellungshäuser stellen vor allem männliche Künstler aus und machen sie so berühmt und teuer. Ein geschlossenes System.
90 Prozent der Werke, die von deutschen Museen angekauft werden, sind von Männern produziert worden, 10 Prozent von Frauen - so schätzt es Anne-Marie Bonnet, eine in Bonn lehrende Professorin für Kunstgeschichte. Bonnet ist Französin, sie sagt, Deutschlands Kunstszene stecke in der Geschlechterfrage in den fünfziger Jahren. Immer noch seien die meisten Direktorenposten von Männern besetzt. Wenn, sagt sie, wie im vergangenen Jahrzehnt auch Frauen solche Jobs angeboten bekämen - "dann geht gleich ein Aufschrei durch die Szene".
Bonnet gehörte fünf Jahre lang der Kommission an, die für die Bundesregierung zeitgenössische Kunst einkauft. Sie selbst hat eine große Reputation. Doch sie wisse auch, sagt sie, was sich noch heute Studentinnen in Seminaren anhören müssen. "Sexismus ist alltäglich, selbst Professorinnen werden an den Unis oft genug nach dem Motto behandelt: 'Unser Mädel macht das schon'." Sie habe das Gefühl, der Umgang gerade unter den Jüngeren werde kollegialer, es werde besser, doch es sei ein eher milder Optimismus, den sie entwickle.
Sexistische Sprüche, das mag sich für viele auch in den Wochen seit Brüderle nach kleinen Beleidigungen, nach Lappalien anhören. Tatsächlich geht es um eine große Ungerechtigkeit, etwa um verhinderte Karrieren.
Die Medien tragen eine Mitschuld. Das sieht Kurator Schafhausen so, das meint auch die Düsseldorfer Künstlerin Katharina Fritsch. Sie wird von Museen wie der Tate Modern in London oder dem MoMA in New York geehrt, ihre Ausstellungen aber werden ihrer Meinung nach in Deutschland zu wenig rezensiert. "Bitte aktualisieren Sie das längst überholte Bild der erfolglosen Künstlerin. Machen Sie uns sichtbar", fordert sie.
Mathilde ter Heijne, eine Niederländerin mit Wohnsitz Berlin, ist ebenfalls Künstlerin und Professorin. Sie sagt: "Nichts ist paletti." Das gelte für ihre Generation und für die ihrer Studenten. "Es ist schwer, sich erfolgreich gegen die Versuche der Marginalisierung zu wehren, wenn die von einem ganzen System ausgehen. Das trifft für das System Gesellschaft zu und natürlich ebenso für das System Kunst."
Worum, fragt sie, gehe es heute in der Kunst? Um Geld, um Macht. Darum werde mit allen Mitteln gekämpft. Dieser Kampf werde aber nicht offen ausgetragen, sondern theatralisch verschleiert, die Kunst als neue Religion beschworen, mancher Kurator inszeniere sich als Hohepriester. Ter Heijne glaubt, die männlichen Künstler hätten Angst vor dem Bedeutungsverlust. "Vieles bleibt auf der Strecke, die Inhalte, letztlich auch eine echte Avantgarde."
Es gibt durchaus Frauen in der Kunst, die sich ernst genommen fühlen, und das sind Galeristinnen. Eine von ihnen ist Monika Sprüth, gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Philomene Magers betreibt sie eine der einflussreichsten Galerien weltweit. Sie vertreten an ihren Standorten in Berlin und London unter anderem Rosemarie Trockel, Cindy Sherman, Andreas Gursky und auch die legendäre Elektro-Band Kraftwerk.
Man könne natürlich nicht von einer Gleichberechtigung sprechen, sagt Sprüth. Die gebe es nirgendwo auf der Welt, auch nicht in der Kunst. Und es seien oft die Männer, für die Kunst immer nur dann erfolgreich sei, wenn die Werke auch Höchstpreise erzielten. Doch wenn es um Macht gehe, darum, einen wirklich guten Künstler oder eine wirklich wichtige Künstlerin zu etablieren, dann "entdecken Sie im Hintergrund oft eine Galeristin". Sprüth fragt, ob die Künstlerinnen nicht besser einen anderen Weg einschlagen sollten. Sie rät, statt Debatten über Benachteiligung zu führen und dabei zu lamentieren, sich auf eigene Stärken zu besinnen und diese Qualitäten in den Vordergrund zu stellen.
Eine letzte Stimme: Die in New York lebende Deutsche Josephine Meckseper hat so etwas wie eine Ästhetik der Coolness erfunden, doch sie übt mit ihren Werken - mit ihren Assemblagen, Fotos und Filmen - im alten Sinne der Moderne Gegenwartskritik. Sie nähert sich der amerikanischen Gesellschaft vor allem über deren Selbstbilder, über deren Selbstfeier in der Werbung, in der Protestkultur, im Kult um die Veteranen.
Theoretisch, sagt sie, stünden beiden Geschlechtern alle Türen offen, aber eben nur theoretisch. In der Praxis setzten alle auf männliche Kunst. Auch in Amerika gebe es diesen Sexismus in der Kunst, subtiler als in Deutschland, deshalb aber schwerer zu bekämpfen. "In Deutschland ist der Sexismus plumper, direkter. Es herrscht dort immer noch eine Kultur des Macho-Verhaltens, was zwar nervig ist, aber fassbarer und damit angreifbarer." Es handle sich um ein "defensiv gewordenes" Verhaltensschema, "das sich nicht mehr lange aufrechterhalten lässt".
Auch Meckseper verwendet dann dieses Wort, das inzwischen fast altmodisch klingt: "Gleichberechtigung". Noch altmodischer ist es, dass es diese Gleichberechtigung bis heute nicht gibt. ◆
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 12/2013
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