27.02.1995

EhrungenSubversive Aktion

Bewohner des brandenburgischen Luckenwalde wehren sich gegen die postume Auszeichnung ihres berühmten Sohnes Rudi Dutschke.
Weimar hat es gut getroffen. Die Stadt kann sich schmücken mit dem Ruhm ehemaliger Einwohner, mit Goethe, Schiller und Liszt. Wittenberg immerhin nennt sich Lutherstadt; Halle hat Händel, Genscher gab es nach der Wende dazu.
Luckenwalde aber ging leer aus. Die kleine Industriestadt, 40 Kilometer südlich von Berlin gelegen, hat noch keinen offiziellen Patron.
In den fünfziger Jahren rühmte man sich dort des Filzhutes von Nikita Chruschtschow, der stammte angeblich aus einer Luckenwalder Fabrik. Als Leonid Breschnew 1964 die Macht in Moskau übernahm, war das ein alter Hut.
Den berühmtesten Sohn Luckenwaldes möchten die Einwohner auch 15 Jahre nach seinem Tod am liebsten vergessen. 12 Jahre ging Rudi Dutschke hier zur Schule, der spätere Bürgerschreck. Im Sommer 1960 entschwand er nach West-Berlin, um Revolution zu machen. Soll man ihn etwa ehren?
"Das sind wir ihm schuldig", sagt Helmut Dutschke, Bruder des Sozialisten, der 1979 an den Spätfolgen eines Attentats starb, bei dem ihn, im April 1968, ein Rechtsradikaler mit einem Kopfschuß schwer verletzt hatte. Seit anderthalb Jahren setzt sich Dutschke, der mit seinen Eltern und den anderen drei Brüdern von der DDR aus den Aufstieg des Jüngsten im Westfernsehen verfolgte, für ein Zeichen öffentlicher Anerkennung ein.
Vorvergangene Woche jedoch lehnte der Bildungsausschuß _(* Oben: 1967; unten: mit Schulklasse ) _(1957 in Luckenwalde (2. v. r.). ) des Teltow-Fläming-Kreises es ab, im Luckenwalder Gymnasium eine Gedenktafel für den Studentenführer aufzuhängen. "Die 68er-Bewegung gehört zu Westdeutschland", glaubt Rektor Michael Kohl, "was haben wir damit zu tun?"
Mehr, als er ahnt. Rudi Dutschke durfte in der DDR nicht studieren, weil er im Jahr 1957 als Pennäler vor 150 Schülern und Lehrern in der Aula des Ost-Gymnasiums eine tapfere Rede gehalten hatte. Der Oberschüler, damals 17, plädierte für die Wiedervereinigung und gegen den Dienst in der Nationalen Volksarmee. Über 15 Minuten lang sprach er ruhig und konzentriert, dann gab es, zum Ärger des damaligen Direktors, großen Applaus.
An jenen ersten politischen Auftritt vor Publikum soll nun, so wollen es Bruder Helmut und alte Dutschke-Genossen, die Gedenktafel in der Aula erinnern. Doch Schulleiter Kohl glaubt, der Revoluzzer sei ein schlechtes Vorbild für die Schüler. "Als der Ho Tschi-minh auf dem Ku''damm gerufen hat, sind die Russen in Prag einmarschiert", empört Kohl sich.
Dutschke hatte den Überfall der Sowjets auf Dubceks sanften Sozialismus jedoch hart gegeißelt. Immer wieder setzte er auch später die deutsche Frage auf die Tagesordnung der Bewegung. Seine erste subversive Aktion richtete sich, am 14. August 1961, gegen die Mauer. Zusammen mit anderen Studenten hatte er per Enterhaken versucht, ein Stückchen Beton aus dem sogenannten Schutzwall zu brechen. Das Seil riß, die Mauer stand noch 28 Jahre.
Solch deutsch-deutsche Details kümmern Schuldirektor Kohl wenig: "Sollen wir in Luckenwalde dafür büßen, daß man im Westen auf Dutschke geschossen hat?"
Den Antrag von Bruder Helmut hat der Beamte Kohl nach bester Bürokratenmanier verwässert: Anstelle der Gedenktafel, schlug er vor, solle eine Ehrengalerie "für alle wichtigen Ex-Schüler" im Gymnasium aufgehängt werden.
Eifriges Forschen setzte ein, um einen ebenbürtigen Ehrenkandidaten zu finden, denn Dutschke soll keinesfalls allein an der Wand hängen. Nun ist Direktor Kohl auf einen jüdischen Mathematikprofessor namens Hans Freudenthal gestoßen, der ebenfalls ein Schüler des Gymnasiums war. "Der hat es doch auch zu was gebracht", sagt Kohl.
Die CDU-Politikerin Susanne Michler, gleichfalls im Bildungsausschuß des Kreises, möchte die Luckenwalder Ahnentafel am liebsten noch um ein paar tausend Figuren erweitern. "Vielleicht müßte man ja auch mal die ehren, die in der DDR geblieben sind", meint sie.
Unterstützung bekommt die Familie Dutschke derweil vom Bürgermeister der Nachbargemeinde Nuthe-Urstromtal. Der Sozialdemokrat Wienand Jansen, ein gebürtiger Westdeutscher, ist auch für den Flecken Schönefeld zuständig: In diesem Nachbardorf von Luckenwalde wurde Rudi Dutschke 1940 geboren.
Die Jugendgruppe des Ortes, berichtet Jansen stolz, betreibe schon seit längerem Dutschke-Forschung. Dabei soll es nicht bleiben: "Rudi-Dutschke-Straße klingt doch besser als Feldstraße", sagt der Bürgermeister begeistert. Y
* Oben: 1967; unten: mit Schulklasse 1957 in Luckenwalde (2. v. r.).

DER SPIEGEL 9/1995
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