16.01.1995

„Keiner wird verschont“

Vor fünf Jahren, am Montag, dem 15. Januar 1990, gegen 17 Uhr, schlug das Volk der DDR mit harter Hand an die Stahltore der Macht. Das Volk hatte Steine dabei. Der Lärm war groß und weit zu hören.
Dreitausend, fünftausend, womöglich zehntausend, nach Polizeischätzung sogar hunderttausend begehrten Einlaß in das Herz des Staates DDR, in die Zentrale seines allmächtigen Geheimdienstes, eine Zwingburg gigantischen Ausmaßes.
Das verschachtelte Konglomerat der Hochhäuser, Innenhöfe, Keller, Stahltüren, der Datenspeicher, Videokameras und Aktenlager im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg umfaßte mehrere Straßenzüge. An diesem einen Platz waren rund 25 000 hauptberufliche Mitarbeiter der Staatssicherheit konzentriert. Zwei große Tore, angsteinflößende Stahlkonstruktionen, sicherten den Zugang, Bollwerke der Arbeiter-und-Bauern-Macht.
Doch der Macht ging es schlecht. Staatssicherheitsminister Erich Mielke, 82, saß schon im Knast. Sein Chef Erich Honecker, damals 77, war gerade wegen Krebs in der Charite operiert worden, Ehefrau Margot hielt die Krankenwache, eine Strafverschärfung. Die SED hieß schon SED-PDS, das Staatsschiff DDR war leckgeschlagen, sein Volk hatte plötzlich Oberwasser.
"Wir wollen hier rein!" Bumm, bumm, bumm . . . Stein gegen Stahl. "Wir sind das Volk." Dem Feind die Faust - Arbeiter-Macht!
Den Volkspolizisten, 40 jungen Männern aus der Provinz, wurde angst und bange. Wie die Tore dicht halten, ohne zu schießen? Auf einigen Plakaten der ungebetenen Gäste stand zwar "Keine Gewalt". Aber die erste Garde der Besucher sah das nicht so eng. "Ich will meine Akte!" schrien sie. Und: "Stasi in den Tagebau!"
Aus einem Lastwagen wurden dem verhaßten Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Bauschutt und Steine vor das Tor gekippt. Ein Stückchen weiter weg, so erinnert sich der ehemalige MfS-Generalleutnant Günter Möller, seien aus einem anderen Lastwagen (mit West-Berliner Kennzeichen) Stahlstangen ausgeladen worden. Möller war eingekesselt, stand im Dunkeln, nur noch mit einem Fernglas bewaffnet. "Das war nicht das Volk", sagt er heute, "das Volk zerschlägt doch nichts, das waren Randalierer."
Jedenfalls waren sie jung, gut drauf und ziemlich angstfrei, die Randalierer aus dem Volk. Gehärtet als Fußball-Fans, seit drei Monaten auch demoerprobt. Manchem flatterte eine Fahne voran, komponiert aus Nordhäuser Korn und Radeberger Pils. Angst ist in Alkohol löslich. Auch die Zweizeiler klingen dann kraftvoller: "Stasi auf den Mond, keiner wird verschont!"
Diese vitale Jugend war in Honeckers letzten Regierungsjahren herangewachsen - und nun wild entschlossen, sich nie wieder von irgendwelchen alten Säcken und ihrer Staatssicherheit gängeln zu lassen, sondern statt dessen die günstige Stunde zu nutzen und endlich das Herz des Riesenkraken Stasi zu zerstören. Damit die "Rolling Stones" für immer über die "Puhdys" siegen, Levi''s Jeans über Uniformhosen, das harte Westgeld über die weichen DDR-Aluchips, die Reisefreiheit über das Pionierlager und überhaupt: "Es hat sich ausgespitzelt! Macht das Tor auf!"
Wie von Geisterhand geöffnet, ging das Tor auf, als die ersten Demonstranten sich anschickten, im Huckepack-Verfahren die Stahlbarriere zu entern. Das war gegen 17.15 Uhr, die Geisterhand gehörte dem Bürgerbewegten Martin Montag aus Suhl, und das gab der DDR den Rest. "Es war der Todesstoß", sagt DDR-Ministerpräsident Hans Modrow rückblickend, "das war das Ende."
Der größte und stärkste Geheimdienst, den es jemals in Deutschland gegeben hat, "Schild und Schwert der Partei", hörte in diesen Minuten auf, zu sein. In den Wochen davor war er angeschlagen, abgespeckt und umgetauft worden, erst in "Nasi", Amt für Nationale Sicherheit, dann in "Verfassungsschutz der DDR". Er hatte sich rechtfertigen und seine komfortablen Ferienheime für behinderte Kinder öffnen müssen. Das "bewaffnete Organ" war sogar seine Waffen an Polizei und Armee losgeworden. Aber der Geheimdienst lebte noch, arbeitete noch, sah Chancen, zu überwintern.
Die Spitzelnetze der Inoffiziellen Mitarbeiter funktionierten weiter. Tausende von "konspirativen Objekten" waren noch unentdeckt. Es wurde weiter abgehört _(* Am 15. Januar 1990. ) und abgeschöpft, der Spionageapparat HVA trieb unbehelligt Business as usual.
Nur im "Sozialgebäude" des Staatssicherheitsministeriums war "zur weiteren Erhöhung der Effektivität und entsprechend den gegenwärtigen volkswirtschaftlichen Erfordernissen" das "Speiseangebot" von fünf auf drei Gerichte reduziert worden. Die "Leiterspeisesäle" waren gleich ganz geschlossen worden. Am 15. Januar gab es für alle Räucheraal und Krabben, zum letztenmal.
Die Spiegelglasscheiben des Sozialtraktes, Haus 18, knapp 100 Meter links vom gestürmten Tor in der Ruschestraße entfernt, glitzerten verführerisch, als die ersten Demonstranten das Gebäude im Laufschritt eroberten.
Alle andern Häuser lagen im tiefen Dunkel. Nur der Sozialtrakt brachte Licht in diese Finsternis. Ein schicker Neubau mitten im düsteren MfS-Zentrum, errichtet mit westlichen Baumaterialien. Er stützte die feste Überzeugung der Besucher, die Stasi predige Wasser und saufe Wein. An diesem historischen Abend war Schluß damit. Nach fünf Minuten war der Weinkeller gefunden. Redlich hat sich das Volk bemüht, ihn auszusaufen.
Weil alle Türen abgeschlossen waren, mußte man sie eintreten, logisch. In den oberen Stockwerken des Sozialtrakts gingen reichlich Fensterscheiben zu Bruch, damit die Kameraden hören, wo die Action ist. So wurde Raum für Raum erobert, der MfS-Frisiersalon, das MfS-Reisebüro, die MfS-Theaterkasse, der MfS-Buchladen. Hinter den Speiseräumen fand man die Vorratslager - und siehe da: alles vom Feinsten (DDR-Maßstab).
Der große Geheimdienst der kleinen Republik war offenbar ein luxuriöses Parallel-Universum: Westwagen für die Generalität, Importweine für die Dunkelmänner. Eigene Ferienheime, Schulen, Hochschulen. Dort gab es gratis den Doktor juris. Dazu hauseigene Handwerker, eine MfS-Sparkasse und "Versorgungseinrichtungen" für die Raritäten des Sektors Nahrungsmittel.
Obwohl alle Schreibtische im Haus 18 aufgebrochen, revidiert und zuletzt auf den Kopf gestellt wurden, fand niemand seine Akte. Das MfS war zwar ein Reich aus Papier, doch das Papier war gut versteckt, verborgen hinter Eisentüren, die der Volkswut standhielten.
Wut und Wein nährten die naheliegende Idee zu plündern. "Det is hier allet Volkseigentum!" schrie eine robuste Dreißigerin in der weit offenen Kleiderkammer. "Braucht jemand noch ''n Hemde?" Sie selbst hatte eine Zimmerpalme reprivatisiert, denn: "Hier nimmt jeda, wat er brauchen kann."
Machtlos standen die besonnenen Vertreter der Bürgerbewegung "Neues Forum" vis-a-vis. Sie hatten sich eine Demonstration "mit Phantasie" gewünscht. Wo und wie jetzt der Phantasie die Grenzen ziehen?
Seit die Mauer gefallen war, hatten Graffiti-Künstler plötzlich Zugriff auf die ganze Farbenpracht der West-Berliner Spraydosen. Hier und heute konnte man sich als Sprüher zum erstenmal so richtig ausleben: "Volksverräter" und "Stasi-Leibwächter von Verbrechern", auch: "Stasi-Gestapo-KGB-Securitate-Blutsauger alle" - das galt der Menge als politisch korrekte Analyse. Was aber sollte man von den Galgen denken, die als Lösungsvorschlag an Wände und Türen gesprayt wurden?
Bis zu zu diesem Abend war das fragile Gleichgewicht zwischen unbewaffneten Demonstranten und hochgerüsteter Staatsmacht gewahrt worden. Wo immer die beiden Kontrahenten um die Macht aufeinandertrafen, legte sich der Ruf "Keine Gewalt!" wie Watte auf den Konflikt. An diesem 15. Januar war das zum erstenmal ganz anders: Die vielen tausend Demonstranten im Hauptquartier des Regimes stellten die Machtfrage laut und gewaltsam.
Um 18.50 Uhr unterbrach das DDR-Fernsehen sein Programm zu einer Sondermeldung: " . . . nutzen unverantwortliche Kräfte die anbrechende Dunkelheit, um das Gebäude des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin zu besetzen und zu verwüsten . . . Demokratie in höchster Gefahr . . ."
Ministerpräsident Hans Modrow hatte es kommen sehen. Der brave Mann aus Dresden, seit 63 Tagen im Amt, war wie seine Vorgänger von Sicherheitsexperten des MfS umgeben, Offizieren im besonderen Einsatz (OiBE) und Inoffiziellen Mitarbeitern (IM), dazu Vopo- und Armee-Generälen. Die hatten ihn seit Tagen gewarnt. Doch was sollte er tun? Seine drei "bewaffneten Organe" - Armee, Polizei, Stasi - in Stellung bringen? Und schießen lassen?
"Uns standen", erinnert sich Modrow, "militärische und polizeiliche Kräfte" zur Verfügung, und zwar reichlich. "Man soll heute nicht so tun, als wäre am 15. Januar die DDR ohne militärische Möglichkeiten gewesen."
Aber die "ernsthaften Sicherheitsmaßnahmen", die der Stasi-General Möller und seine Kameraden für den Schutz des MfS-Areals von der Staatsführung forderten, blieben aus. "Wir hatten in dieser Periode eine sogenannte Doppelherrschaft", sagt Möller bedauernd - hie Modrow, da Runder Tisch. Und deshalb schwamm "das Schiff DDR im Prinzip schwerelos dahin". Der General meint: führerlos.
Der 15. Januar 1990 war in Berlin ein milder Wintertag; nachmittags Böen bis 15 Meter pro Sekunde (Beaufort-Stärke 7; steifer Wind). Es regnete leicht. Die Sichtweite lag bei acht Kilometer, um 16.22 Uhr ging die Sonne unter.
Den ganzen Tag über waren Stasi-Generäle zwischen ihrer Burg in der Normannenstraße und den Villen des sowjetischen KGB in Berlin-Karlshorst hin- und hergependelt, aber es nutzte nichts. Den Russen waren ihre deutschen Hilfswilligen keinen Schuß Pulver mehr wert. Gorbatschow hatte brüderliche Waffenhilfe strikt verboten.
Den Generalleutnant Dieter Möller, einen vitalen Rundschädel, ärgert es heute noch, daß die "friedliche Revolution" den Dissidenten zugerechnet wird. "Es gab klare Weisungen der Leitung, von der Schußwaffe keinen Gebrauch zu machen." Also lag das "Verdienst an der friedlichen Revolution im Prinzip an dem disziplinierten Verhalten der Mitarbeiter der Staatssicherheit, denn sie waren bewaffnet und nicht die Bürgerbewegung".
Kaderleiter Möller - ihm unterstanden 85 000 hauptberufliche DDR-Staatsschützer - hat alle Frauen des MfS und die meisten Männer mittags nach Hause geschickt. Pro Diensteinheit, so erinnert er sich, blieben 15 bis 20 Mann zurück, "handfeste" Kerle, im ganzen Labyrinth der Stasi-Zentrale also einige hundert Offiziere, geführt von mindestens fünf Generälen. Gemeinsam wollte man die "gewaltsame Erstürmung der Dienstobjekte verhindern" - so gut das eben geht, wenn Faustkampf statt Feuer frei angesagt ist.
Gegen 19 Uhr kam von draußen Hilfe, Modrow im Dienstwagen, vorneweg ein Lada der Volkspolizei mit Lautsprecher. Dem Ministerpräsidenten war mulmig. Nichts klappte so wie früher. Der Mini-Konvoi mußte sich durch die Demonstranten kämpfen. "Die Leute machten für den Wagen Platz, aber hauten auch dem Pkw aufs Dach, und es gab auch Rufe wie ,Rote Sau!''"
Als der gestreßte Modrow sich zur improvisierten Rednertribüne durchdrängelte, hängte sich der führende Sozialdemokrat Ibrahim Böhme schützend bei ihm ein, so die Erregung der Massen dämpfend. Was der Regierungschef damals nicht gewußt haben will, weil sein Staatssicherheitschef Wolfgang Schwanitz es vor ihm geheimhielt, war der Fakt, daß der treue Ibrahim seit langen Jahren ein Top-IM der Firma Stasi war.
Modrow, von den Seinen als ehrliche Haut gerühmt, sagt, er habe damals keine Angst vor Prügeln gehabt, sondern davor, im Getümmel unter Gebrüll nicht die richtigen Worte zu finden.
Nach drei Minuten dissonantem Lärm - "SED, halt''s Maul!" - war sein Credo endlich zu verstehen: "Gewaltlosigkeit und Besonnenheit gehören zusammen. Laßt den demokratischen Aufbruch durch niemanden gefährden!" Charmeur Ibrahim Böhme (alias "Paul Bonkarz", alias "August Drempker") legte noch schnell ein gutes Wort für seinen heimlichen Arbeitgeber ein: "Laßt diese Revolution nicht friedlos werden!" mahnte er. "Bleibt gewaltfrei!"
Die junge Garde des Proletariats konnte die Abwiegler nicht hören. Sie war, noch immer im Haus 18, mit Protest und Prosit beschäftigt. Einige kostümierten sich mit Offiziersmützen, andere wandten ihr Interesse der hauseigenen Kunst zu, den schmucken Bildern von Honecker und Breschnew.
Weil die ostdeutschen Studenten durch rigorose Selektion und durch ihr Herkommen aus der staatstragenden Nomenklatura jedwedem Rabatz abhold waren, nahm (wie im Lehrbuch) die arbeitende Klasse das Schicksal in die eigenen Hände.
"Stasi in die Produktion und drei Jahre ohne Lohn", reimte ein Werktätiger. _(* Mit Ibrahim Böhme und Markus Meckel. ) Ein anderer, ein Realist, hinterließ in der Buchhandlung die später von der Bundesregierung akzeptierte Mahnung: "Für Stasi-Leute ohne Arbeit - Mindestrente und nicht mehr".
Unbekannt ist bis heute der Graffiteur, der als erster Ost-Berlin auf Kreuzberger Westniveau hob. Er sprayte an eine blütenweiße Wand die violette Ermunterung "Piss off - Nazi Pigs" und erweiterte so die neue Meinungsfreiheit ins Surreale. Im Speisesaal notierte ein Scherzkeks das Gericht für morgen, den 16. Januar: "Wasser und Brot".
Stimmung und Alkoholspiegel stiegen unaufhaltsam, und damit auch der Expansionsdrang. Aber niemand wußte so recht, wohin man sich auf der Suche nach Akten und Action wenden sollte. Dunkel und abweisend, jede Tür verschlossen, standen die gigantischen Bürotrakte im Nieselregen.
Da entdeckte das Volk die Fußgängerbrücke, die den geplünderten Sozialtrakt mit dem sogenannten Haus 2 verband. Dort saß die Spionageabwehr der DDR, genaugenommen nur noch vier Offiziere unter dem Kommando des Oberstleutnants Zeller. Man hatte sich in das Lagezentrum zurückgezogen und alle Lichter gelöscht.
Mit sehr gemischten Gefühlen erinnert sich Zeller an den dunklen Abend. Der erste Anruf vom Bundesamt für Verfassungsschutz aus Köln kam um 15.30 Uhr. So was war noch nie passiert. Dem Lageoffizier fiel fast der Hörer aus der Hand. Die Kollegen vom Rhein wollten freundlich wissen, wie es denn so geht und ob schon etwas Besonderes los ist.
Nein, das Besondere ließ auf sich warten. Zeller beobachtete von oben die wogende Menschenmenge im dunklen Hof, das lustvoll-anarchische Treiben im Sozialtrakt, wo getreu der Revolutionsregel des großen russischen Anarchisten Michail Bakunin - "Die Freude an der Zerstörung ist eine schöpferische Freude" - eine Scheibe nach der anderen dran glauben mußte.
Über die Fußgängerbrücke sah Zeller das Besondere auf sich zukommen, in zweierlei Gestalt. Zuerst die prächtig gelaunten "Jugendlichen, die zum Teil angetrunken waren, die sinnlos Türen eintraten, nach irgendwelchen alkoholischen Getränken oder sonstwas suchten, was sie gleich mitnahmen".
Aber dann waren da auch noch einige nüchterne Herren, dem Augenschein nach Freiberufler der Schlapphut-Zunft. Die machten sich systematisch ans Werk. Zeller, der Mann im Dunkeln, hörte, wie "zwei, drei Leute Räumlichkeiten ganz zielgerichtet angingen und aufbrachen". Weil die Zeit drängte, riefen sie sich laut die Zimmernummern zu. Offenbar waren die Zielobjekte auf einem Zettel notiert.
In einem Zimmer wurde der Panzerschrank mit einer Brechstange traktiert, hielt aber stand. Er war, nebenbei gesagt, leer. In anderen Räumen verschwanden Akten und Karteikarten. Vergebens versuchten die Klempner eine Hebeschubanlage auszuräumen. Weil das mißlang, wurde "dieses Zimmer praktisch zerschlagen", erinnert sich Zeller; der resistente Aktenschrank wurde "mit einem Zwölf-Kilogramm-Feuerlöscher zerstört".
Wer hat da wohl zugeschlagen? Und warum ausgerechnet in der nach außen agierenden Spionageabwehr, die den inländischen Bürgerrechtler nicht sonderlich tangiert?
Hatte es mit dem MfS-Obersten Rainer Wiegand zu tun, der nebst einer (verheirateten) Sekretärin im Dezember bei seinem alten Arbeitgeber in Ost-Berlin abgemustert und sich Richtung Westen davongemacht hatte? Nach Pullach bei München, wie alle seine verlassenen Kameraden vermuten, dorthin, wo der Bundesnachrichtendienst (BND) residiert. Zellers Fazit: "Einige Leute, die vom BND beauftragt waren", haben Wiegands Ortsbeschreibung genutzt und im allgemeinen Trubel dafür gesorgt, daß "einige Kenntnisse abgeflossen sind".
Dafür hielt der Lageoffizier dicht. Wenn die besorgten Herren aus Köln anriefen - und das taten sie am 15. Januar immer wieder, alle halbe Stunde -, legte er grußlos auf. Die MfS-Besetzer hingegen genossen die neue Telefonfreiheit. Weil die meisten von ihnen zu Hause keinen Fernsprecher besaßen - das marode Berliner Telefonnetz stammte noch aus dem Olympiajahr 1936, weshalb sich Mielkes MfS ein eigenes Netz geknüpft hatte -, probierten sie lustvoll das Gratisvergnügen.
Der prominente Bürgerrechtler Wolfgang Templin verirrte sich am späten Abend auf der Suche nach einem Telefon bis nahe an das Allerheiligste, Erich Mielkes Stockwerk im Haus 1. Das war, weil alle nur im Dunkeln tappten, den Demonstranten bisher entgangen. Deshalb blieb diese komische Mischung aus Muff - Ruheliege, Privatklo, Kitschbilder, MfS-Devotionalien - und Macht erhalten und dient heute als Museum.
Eine Etage höher öffnete der smarte Generalmajor Heinz Engelhardt am späten Abend auf höfliches Klopfen des SPIEGEL-TV-Teams seine abgedunkelte Büro-Suite. Engelhardt, ein Mann von Contenance, bat um einige Sekunden Geduld, weil er seine Krawatte richten wollte. Nach des langen Tages Trubel hatte er sich gerade ein kleines Nickerchen gegönnt. "Ich bin hier sozusagen der Konkursverwalter", stellte er sich vor und offerierte einen Wodka.
Engelhardts Konkursmasse nahm an diesem Abend sichtbar ab. Selbst die Volkspolizisten ließen sich Schaumwein aus geplünderten MfS-Beständen einschenken. Wer ein Gefühl für Waren-Ästhetik hatte, der sackte Kristall ein und die silbernen Löffel. Der harte Kern des Neuen Forums bediente sich im Buchladen, Nostalgiker klauten Orden und Ehrenzeichen.
Die im Sozialtrakt privatisierten Papiere erwiesen sich als Spielmaterial. Damit war in Pullach, Bonn und Köln nichts anzufangen. Was die Klempner in der Spionageabwehr hatten mitgehen lassen, listete die Kripo in den nächsten Tagen auf - alles Peanuts.
Die wahren Schätze des größten deutschen Geheimdienstes mußten erst noch gehoben werden. Wem würde das Erbe zufallen? Die Daten, Karteien und Akten über vier Millionen Ost- und zwei Millionen Westdeutsche? Das kompromittierende Material über Bischöfe, Politiker, Industrielle?
In der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1990 wurde der Stasi der Totenschein ausgestellt. Am Tag darauf begann der Kampf um das Erbe und die Hinterbliebenen, ihr Herrschaftswissen, die Namen der Spione - aber auch das Gerangel um die Villen am See, die Amnestie, um Renten oder, besser noch, neue Arbeitsplätze im alten Gewerbe.
Mit von der Partie waren die dollarstarken Gentlemen von der CIA und die drei überlebenden deutschen Dienste: der elitäre BND in Pullach, die Verfassungsschützer (die nicht immerzu mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen können) und der kleine Militärische Abschirmdienst (MAD). Als der Erbstreit vorbei war, ging den westdeutschen Diensten ein Licht auf: Sie gehörten, seit Jahrzehnten unterwandert, ausgespäht und abgeschöpft, gleichsam als Filialen auch zur Stasi. Am 15. Januar 1990 war ihr Großer Bruder gestorben. *HINWEIS: Im nächsten Heft Die Stasi löst die Stasi auf - Ein Mohr vom BND hat seine Schuldigkeit getan - "Bunker-Ede" erobert die Datei aller MfSler - Warum die Stasi nicht putschte
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Als Staat im Staate *
galt 39 Jahre lang das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) - es war die meistgehaßte Institution der Republik. Der Geheimdienst war bewaffnet bis an die Zähne, leistete sich mindestens 85 000 hauptberufliche Mitarbeiter und hielt sich doppelt so viele Spitzel. Als "Firma Horch und Guck" verspottet und gefürchtet, infiltrierte die Stasi jeden Bereich der DDR-Gesellschaft und unterhielt, verteilt über die Republik, mehr als 9000 "konspirative Objekte", geheime Stützpunkte, vom Bunker bis zum Schloß. Nach der Wende im Oktober 1989 geriet das MfS rasch unter Druck. Bis zum 15. Januar 1990 blieb das Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin jedoch unangetastet. Dann stürmten im Schutz der Dunkelheit Tausende das Riesenareal in der Normannenstraße.
[Grafiktext]
D. ehem. Ministerium f. Staatssicherheit (Modell)
[GrafiktextEnde]
* Am 15. Januar 1990. * Mit Ibrahim Böhme und Markus Meckel. * Am 15. Januar 1990.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 3/1995
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