27.02.1995

BarschelMärchenhaft schlüssig

Es war einmal ein Journalist, der hatte keine berufliche Perspektive, aber eine blühende Phantasie. Er träumte davon, einen großen Skandal zu enthüllen, auf daß alle Welt ihn bewundern würde.
Also faßte er den Vorsatz, hinter die Kulissen einer Staatskanzlei zu schauen. Er war davon überzeugt, daß er dort Leichen im Keller finden würde oder wenigstens Leute mit Dreck am Stecken. Und dann, stellte er sich vor, würde er die Bombe hochgehen lassen.
Doch der Weg in die Staatskanzlei schien dem Journalisten, der weder ordentliche Zeugnisse noch überzeugende Arbeitsproben vorweisen konnte, verschlossen. Daher beriet er sich mit einem Freund, der schon unter Beweis gestellt hatte, wie man mit Hauptschulabschluß Arzt werden kann.
Der Freund rief bei dem künftigen Arbeitgeber an, natürlich nicht unter seinem richtigen Namen, sondern er gab sich als einflußreicher Strippenzieher aus dem Kanzleramt aus und pries die Qualifikation des Stellensuchers. Der Trick klappte.
Bei Hofe wirkte der Journalist, wie er sich das ausgemalt hatte. Er stellte schlimme Sachen an, von denen sein Dienstherr nichts ahnte, die er ihm aber im nachhinein in die Schuhe schieben wollte. Damit ihm das geglaubt würde, legte er Spuren und schaffte zufällig gefundene Schriftstücke für künftige Beweiszwecke beiseite.
Der Journalist beichtete die kriminellen Kapriolen einem Hamburger Nachrichtenmagazin, bezichtigte aber seinen Chef als Auftraggeber. Die einfältigen Magazin-Macher druckten sein Märchen, als sei es die reine Wahrheit. Und während der arme Landesvater unter rätselhaften Umständen gestorben ist, leben die wahren Schurken noch heute.
Ein hübsch ausgeschmücktes Prosawerk, das die Frankfurter Allgemeine kürzlich auf zwei ganzen Zeitungsseiten druckte: FAZ-Autor Volker Zastrow revidiert die Skandalchronik aus dem Jahr 1987 in romanhafter Form, will jedoch glauben machen, es handle sich um ein Stück aus dem richtigen Leben.
Die Zeitung für kluge Köpfe versucht, die Affäre um den ehemaligen schleswigholsteinischen CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel andersherum zu erzählen, als sie bisher in politischen Sachbüchern und parlamentarischen Protokollen dokumentiert ist. Die Bonner CDU-Zentrale verbreitet einen Nachdruck des ihr genehmen Artikels.
Die FAZ will belegen, daß der christdemokratische Regierungschef mit all den Schweinereien, die sein Medienreferent Reiner Pfeiffer anstellte, nicht das geringste zu schaffen hatte. Engagiert verfolgt Zastrow seit Jahren das Ziel, Barschel als unschuldiges Opfer Pfeifferscher Umtriebe zu rehabilitieren.
Auf eigene Faust habe Pfeiffer den SPD-Oppositionsführer Björn Engholm als Steuerhinterzieher denunziert, ihm Detektive auf den Hals gehetzt, die ihn wegen seines vermuteten flotten sexuellen Lebenswandels bespitzeln sollten, und ihn mit dem Verdacht einer Aids-Infektion geschockt. Als habe er einen festen Beobachtungsposten in Barschels Seele, stellt der FAZ-Autor fest: "Barschel ahnte von alledem nichts."
Der gelinkte Ministerpräsident sei vielmehr nach der Enthüllung Pfeiffers im SPIEGEL in Panik geraten und habe sich nicht anders zu wehren gewußt, als zu seiner Entlastung selbst ein Lügengebäude zu konstruieren und enge Mitarbeiter in _(* 1987, vor einem Barschel-Plakat. ) falsche eidesstattliche Versicherungen zu treiben.
Pfeiffer, jetzt 56, so enthüllt Zastrow, habe jedoch nicht allein gehandelt, sondern von Anfang an einen Helfer gehabt, der sich sogar als "Inspirator" versteht: Gert Postel, heute 36, ein gelernter Postbote, der einst als falscher Amtsarzt Dr. Dr. Bartholdy Furore machte.
Nach FAZ-Lesart wurde Barschel Opfer einer bösartigen Intrige, zu der sich der windige Journalist Pfeiffer und der Legenden-Erzähler Postel verbündet hatten. Am Anfang der Kieler Affäre, so die Dolchstoß-Legende von der Waterkant, stehe "nicht viel mehr als eine grandiose Hochstapelei".
Und dann kommt es ganz dicke: "Die staatspolitische Deutung der Angelegenheit" werde "von einer anderen, einer neuen Geschichte gewissermaßen unterwandert".
Schon im Sommer 1986, ein gutes halbes Jahr vor Beginn der Barschel/Pfeiffer-Affäre, soll Postel die Unterwanderstiefel angezogen haben. Das Telefon, seit jeher Postels Geheimwaffe, diente dem vorbereitenden Strippenziehen.
Postel nennt es "die Methode Pfeiffer, die ich dann verfeinert habe". Sie bestehe darin, "über Telefon unter Angabe anderer Institutionen sich selbst zu empfehlen".
Konkret soll das dann so abgelaufen sein: Postel ruft beim Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer Verlag AG, Peter Tamm, und dessen Stellvertreter Günter Prinz an. Er stellt sich als "Dr. Schüring" aus dem Bundeskanzleramt vor, Mitarbeiter des Kohl-Vertrauten Eduard Ackermann. Auf dessen Rat, sagt "Dr. Schüring", wolle er auf einen alten Studienkollegen aufmerksam machen, der in Bremen prima Arbeit leiste, auch mal CDU-Sprecher gewesen sei, aber in der roten Hochburg keine Entwicklungsmöglichkeit habe - vielleicht wisse Springer für einen solchen Journalisten Verwendung? "Dr. Schüring" hinterläßt die Adresse Pfeiffers, macht noch ein bißchen Small talk über die linke Kampfpresse in Hamburg und verabschiedet sich mit dem Hinweis, daß er in den nächsten Wochen viel unterwegs, aber über Funktelefon für Rückfragen stets erreichbar sei.
"So etwa macht man das", lautet etwas vage das FAZ-Resümee der detailliert beschriebenen Telefon-Operation. Offen bleibt, ob sie tatsächlich stattgefunden hat.
Jedenfalls ist die imaginäre Aktion erfolgreich: Pfeiffer bekommt vom Springer-Verlag einen Vertrag als Redakteur im Politik-Ressort einer geplanten neuen Tageszeitung in Hamburg (Arbeitstitel: Der Tag). Doch zwei Wochen später wird das Projekt abgeblasen.
Also muß Postel angeblich noch mal ran. Er ruft bei Barschel an, diesmal unter dem Namen "Dr. Baerenbourg". Kohl und Ackermann, läßt er den Ministerpräsidenten wissen, hätten sich unlängst über einen fähigen Journalisten unterhalten, der ein neues Betätigungsfeld suche - ob nicht vielleicht in Kiel zufällig gerade etwas frei sei? Ob fingierter Anruf bei Barschel oder nicht: Im Dezember 1986 ist Pfeiffer in der Pressestelle der Staatskanzlei.
Die konzertierte Aktion klingt zu schön, um wahr zu sein. Denn als Beleg gibt es nur die Schilderung des ausgewiesenen Schwindlers Gert Postel - vom Barschel-Experten Zastrow kongenial aller Widersprüche beraubt.
Dabei ist das Verhältnis des notorischen Lügners Postel zur Wahrheit wie das einer Prostituierten zur unbefleckten Empfängnis.
Lügen pflastern seinen Weg. Postel hat erfahrene Richter und Staatsanwälte ausgetrickst, umsichtige Professoren getäuscht, lebenskluge Frauen ausgebeutet, gewitzte Freunde geprellt.
Einen bürgerlichen Beruf hat Postel nur sehr befristet ausgeübt. Nach seiner Ausbildung zum einfachen Postdienst wirkte er anderthalb Jahre als Postschaffner, fünf Monate arbeitete er bei einer Sparkasse, dann jobbte er noch zwei Monate in einem Architekturbüro.
Doch Postel strebte immer nach Höherem. Auf die akademische Laufbahn kam er freilich nicht durch ein ordentliches Studium, sondern durch gefälschte Papiere.
Sechseinhalb Monate lang, von September 1982 bis Ende März 1983, praktizierte Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy als falscher Amtsarzt in Flensburg, vorwiegend im Psychiatrischen Dienst.
Nach seiner Enttarnung wurde Postel wegen fortgesetzter Urkundenfälschung, mißbräuchlichen Führens akademischer Titel, der Fälschung von Gesundheitszeugnissen sowie weiterer Delikte angeklagt und für schuldig befunden - und kam doch glimpflich davon: Das Landgericht Flensburg verurteilte ihn 1984 nur zu einem Jahr Haft auf Bewährung, weil ihm die Betrogenen den Betrug gar zu leicht gemacht hatten.
Pfeiffer, der Postel Ende der siebziger Jahre beim Joggen in Bremen kennengelernt hatte, betrachtete es "mit Amüsement, wie ein Volksschüler hochkarätige Leute derart hinters Licht führen kann". Als Ghostwriter Postels verfaßte Pfeiffer ein Buch über "Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy".
So ist aus der märchenhaft schlüssigen These vom Lügen-Komplott zweier Zocker bisher nur eines bewiesen: Sie ergötzten sich vor der Barschelei gemeinsam an einer modernen Münchhausen-Fabel.
Völlig spekulativ ist aber die These, Postel sei der irre Mastermind hinter Pfeiffers Kieler Abenteuern. Wenn ein Schwindler sich nachträglich der Schwindelei bezichtigt, verflüchtigt sich die Tatsachenebene in schwindelerregende Höhen: Alle Kreter lügen, sagt der Kreter und führt sich damit selbst ad absurdum.
Vorsichtshalber hat der kluge Kopf hinter der FAZ-Geschichte sein logisches Gedankengebäude nicht auf die faktischen Fundamente hin abgeklopft. Sonst hätte er erfahren, daß die angeblichen Telefonate Postels bei Tamm und Prinz nicht einmal ansatzweise Spuren in deren Gedächtnis hinterlassen haben.
Von einem Anruf aus dem Kanzleramt in Sachen Pfeiffer, versichert Tamm, wisse er nichts. "Alles reiner Quatsch", quittiert auch Prinz die FAZ-Darstellung. Der damalige Vize kategorisch: "Es hat einen solchen Anruf nicht gegeben."
Tamm weist den Gedanken weit von sich, er habe sich irgendwie in die Bestallung von Redakteuren oder Ressortleitern eingemischt. Das, sagt er, habe sich abgespielt "auf Ebenen, die nicht an mich herankamen".
Als einzigen konkreten Baustein für seine gewagte Konstruktion Postelscher Affären-Architektur zitiert Zastrow eine Aussage Pfeiffers: "Ich brauchte nicht viel zu erzählen, weil ich war eigentlich, ich weiß nicht, durch wen auch immer, empfohlen worden."
Das paßt ins Bild der Postel-Aktion. Doch in ein anderes, ungleich plausibleres, paßt es noch besser: Friedhelm Voss, damals einflußreicher Leiter der Bild-Zentralorganisation, bestätigte 1987 vor dem Untersuchungsausschuß, er kenne Pfeiffer "seit etwa 25 bis 30 Jahren, wir waren damals beide bei Zeitungen in Recklinghausen beschäftigt". Prinz-Büroleiter Gerd Rattmann wiederum erinnerte sich vor dem Gremium, er sei "in der Vergangenheit verschiedentlich" durch Voss "auf Pfeiffer angesprochen" worden.
Für "völlig verrückt" hält Prinz die fixe FAZ-Idee, Pfeiffer sei gezielt an Barschel herangespielt worden, um die Waterkantgate-Affäre erst zu inszenieren und dann zu enthüllen.
Prinz erinnert sich genau, wie Barschel "bei Tamm auf dem Sofa saß, als ich hinzugebeten wurde". Er fühle sich "von Engholm bedroht", zitiert der ehemalige Springer-Manager den CDU-Politiker.
Die Barschel-Worte offenbaren das naheliegende Motiv für die Suche nach einem Mann fürs Grobe: Der Ministerpräsident sah seine Position durch den sozialdemokratischen Herausforderer ernsthaft gefährdet; er wollte seine Macht mit Hilfe einer journalistischen Allzweckwaffe verteidigen.
Auf Barschels Ansinnen mit dem Leihredakteur habe er, sagt Prinz, schroff reagiert: "Unsere Blätter sollen die Politik begleiten und nicht machen." Doch habe er versöhnlich hinzugefügt, er werde, wenn sich die Gelegenheit ergebe, Barschels Wunsch bedenken. Deshalb habe er seinem Assistenten Rattmann hinterher aufgetragen: "Mach dir mal ''ne Notiz, Ratti, wenn uns mal einer über den Weg läuft, guck dir den an."
Gegen ein von langer Hand vorbereitetes Komplott spricht auch der chronologische Ablauf des Geschehens im Sommer und Herbst 1986. Pfeiffer hat sich nachweislich erst am 13. September, nachdem Barschel bei Tamm gewesen war, beim Springer-Verlag für die geplante Tageszeitung beworben.
Erst als aus dem Projekt nichts wurde und die 35 unter Vertrag genommenen Journalisten anderweitig untergebracht werden mußten, entsann sich Rattmann der Barschel-Bitte. Eher durch Zufall erhielt dann ausgerechnet Pfeiffer das Angebot, vorübergehend in die Kieler Staatskanzlei zu wechseln. Das sei, sagt Prinz, "wie ein Lottotreffer gewesen, daß es Pfeiffer wurde".
Barschel kann nicht mehr befragt werden. Sein damaliger Regierungssprecher Gerd Behnke weiß nur, daß er dem Springer-Vorschlag blindlings vertraut habe, ohne den Mann selber zu kennen: Die Empfehlung Pfeiffers durch das Hamburger Verlagshaus, das "viele Redakteure und Talente" habe, so Behnke, sei für ihn "soviel wert wie zehn Referenzen".
So stromlinienförmig die FAZ-Version in eine Komplott-Theorie paßt, so sehr scheint sie dem historischen Wunschdenken des FAZ-Autors zu entsprechen. Sein anonymer Kronzeuge ist bei der Schilderung seiner angeblichen Drahtzieherei nicht ganz so stringent.
Dem SPIEGEL erzählte Postel nacheinander drei verschiedene Versionen, um sie den Vorhalten anzupassen, sie könnten allein schon wegen der zeitlichen Abläufe nicht stimmen.
Die erste: Er habe Tamm, Prinz und Barschel "innerhalb von einer Woche" angerufen. Das müsse "im Sommer ''86" gewesen sein, auf jeden Fall vor dem 25. August, als Barschel bei Tamm um einen Leihredakteur nachsuchte.
Das würde bedeuten: Die von Postel am Telefon gemimten Bonner Pfeiffer-Fürsprecher hätten sich schon für ihn eingesetzt, als es noch gar keine Vakanz in Kiel gegeben hat.
Auf diesen Widerspruch hingewiesen, ließ Postel sich eine zweite Version einfallen: Er habe Barschel "natürlich" erst angerufen, als Pfeiffer nach seiner Anstellung bei Springer von der freien Stelle in Kiel erfahren habe.
Die dritte Version: Er habe, unter zwei verschiedenen Legenden, mit Tamm und Prinz zweimal telefoniert - im "Juni, Juli" und nachdem Pfeiffer seinen Springer-Vertrag in der Tasche hatte.
Daß aus der geglückten Einstellung Pfeiffers in Kiel nicht die angeblich vorangegangenen Telefon-Aktivitäten bewiesen werden können, will Postel nicht wahrhaben. Er stellt die logische Kausalität einfach auf den Kopf: Die Geschichte sei "plausibel", denn sie "hatte ja Erfolg".
Postel gibt sich als Informant in der FAZ wohlweislich nicht zu erkennen. Denn die FAZ-Darstellung steht im Widerspruch zu seinen Angaben, die er am 9. Januar als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Kieler Landtags gemacht hat - mithin müßte Postel mit Strafverfolgung wegen uneidlicher Falschaussage rechnen.
Der Ausschuß-Vorsitzende Heinz-Werner Arens (SPD) hatte Postel unmißverständlich gefragt, ob er wisse, "wie es dazu kam, warum er (Pfeiffer -Red.) aus Bremen wegging und wie er dann in Kiel landete". Postel antwortete ebenso eindeutig, er habe von dem Stellenwechsel "nur ganz grob" erfahren: "Genaues weiß ich dazu nicht."
Ebenfalls falsch, aber verjährt wäre - falls die jetzige FAZ-Version stimmt - die Aussage Postels vor einem Lübecker Staatsanwalt am 21. Oktober 1987: _____" Auf Frage gebe ich an, daß er (Pfeiffer -Red.) mir " _____" gegenüber nie von einer Beschattungsaktion gegenüber dem " _____" Oppositionsführer Engholm gesprochen hat. Ich weiß auch " _____" nichts davon, daß er in Bremen eine Detektei mit dieser " _____" Aufgabe betraut hat. Auch der Name Piel sagt mir in " _____" diesem Zusammenhang nichts. "
Nun soll alles ganz anders gewesen sein. Die Einstellung Pfeiffers in der Kieler Staatskanzlei wäre demnach Postels Trickser-Geschick zuzuschreiben. Und zumindest an einer Pfeiffer-Aktion will Postel selbst aktiv mitgewirkt haben: Er habe, erzählt Postel, den damaligen Geschäftsführer der Hamburger Kosmetikfirma Schwarzkopf, Karl Josef Ballhaus, angerufen, um die Finanzierung der gegen Engholm eingesetzten Detektive anzubahnen. Diesmal habe er sich als ein "Klaus Simon" vom Weser-Kurier ausgegeben.
Tatsächlich hatte sich im Januar 1987 bei Ballhaus ein Anrufer gemeldet, der, so Ballhaus, "Informationen über die Hintergründe der ,Monitor''-Sendung" anbot. Das TV-Magazin hatte über gesundheitsgefährdendes Dioxan in Shampoos gerade auch der Firma Schwarzkopf berichtet und dadurch erhebliche Umsatzeinbußen ausgelöst.
Der Anonymus habe, erinnert sich Ballhaus, 50 000 Mark für das Material verlangt - ein Viertel davon, plus Mehrwertsteuer, überwies Ballhaus ein paar Tage später als Anzahlung auf ein Konto der Detektei Harry Piel. Daß der Anrufer sich namentlich als Reporter vorgestellt habe, bestreitet Ballhaus entschieden.
Mit Postel, sagt Pfeiffer, habe er "über Einzelheiten meiner Tätigkeit in Kiel überhaupt nie gesprochen". Auch Postel stellt im Gespräch mit dem SPIEGEL sein Verhältnis zu Pfeiffer während dessen _(* Am 1. Mai 1991; angeblich bei einer ) _(Privataudienz, die dem ) _(Theologiestudenten Postel durch ein ) _(Empfehlungsschreiben des Bischofs von ) _(Münster, Reinhard Lettmann, vermittelt ) _(wurde. ) Kieler Dienstzeit recht distanziert dar: Er habe "gedacht, daß Pfeiffer da Dinge initiiert und inszeniert und sich präpariert und dann irgendwann sich zurückzieht in die Berge und ein Buch schreibt".
Damit springt der angebliche Hintermann Pfeiffers selber aus seiner FAZ-Rolle heraus, die ihm zuschrieb, er und Pfeiffer hätten "in engem Kontakt" gestanden, "was für die ganze Zeit gilt, in der Pfeiffer in der Pressestelle sein Unwesen trieb".
Postel bestreitet sogar nachdrücklich, an irgendwelchen Pfeiffer-Aktionen direkt beteiligt gewesen zu sein - auch wenn sie durchaus in sein schwindlerisches Handlungsraster gepaßt hätten.
Weder mit einer gefälschten Presseerklärung Pfeiffers für die Grünen noch mit dem Versuch Pfeiffers, ein Miniabhörgerät zu beschaffen, will die angeblich so zentrale Figur der Affäre zu tun gehabt haben.
Und Postel zerstreut auch den in der FAZ sorgsam gehegten Verdacht, er sei "Dr. Wagner" gewesen - jener angebliche Arzt, der den Oppositionsführer 1987 telefonisch mit der Vermutung erschreckte, er habe sich womöglich bei einer HIV-infizierten Person angesteckt.
Dabei hätte es bei dieser "miesesten Ferkelei" (Engholm) immerhin einen direkten Bezug zu Postel gegeben: Er hatte sich nämlich Anfang der achtziger Jahre einen Telefonanschluß auf den Namen "Dr. Wagner" legen lassen.
Gleichwohl will Postel mit den Anrufen bei Engholm und dessen Hausarzt nichts zu tun haben, "ich kenne mich in der somatischen Medizin wirklich nicht aus". Andererseits traut er Pfeiffer einen solchen Dialog auch nicht zu: Als falscher Arzt einen echten Kollegen anzurufen, da ist sich Postel sicher, "das bringt Pfeiffer nicht". Aber wer sollte es sonst gewesen sein?
Das Szenario für einen Puppenspieler, an dessen Fäden Reiner Pfeiffer hängt, ist so alt wie die Affäre selbst. So schrieb schon 1987 das Handelsblatt: "Angenommen, Pfeiffer hätte politische Hintermänner außerhalb der Kieler Staatskanzlei oder er hätte - aus welchen Motiven auch immer - auf eigene Faust und ohne das Wissen seiner Vorgesetzten gehandelt, dann müßte er eine Art Top-Agent sein, an dessen Kaltschnäuzigkeit sich noch ein James Bond ein Beispiel nehmen könnte."
Inzwischen gibt es unzählige Versionen, wer Pfeiffer - außer Barschel natürlich - gesteuert haben könnte: die Stasi, die SPD, die CIA, das KGB oder der Mossad. Der schlichte Gedanke, daß sein Arbeitgeber namens Barschel ihn zu den fiesen Tricks animiert haben könnte, ist manchem Enthüller gar zu langweilig.
Dabei ist bei allen Zweifeln an Pfeiffers Erzählungen zumindest die Mitwisserschaft Barschels, sind vor allem die lügenhaften Vertuschungsversuche des Ministerpräsidenten offenkundig. Die Konstruktion geheimnisvoller Hintermänner hat nur eine Funktion: Barschels Verantwortung für Waterkantgate zu minimieren. Doch dazu braucht die Logik keine Hintermänner. Pfeiffer hätte das auch alleine gekonnt.
Diesen überflüssigen Part spielt der anonymisierte FAZ-Zeuge Postel auch eher ungenügend - jedenfalls wenn er ohne die Souffleur-Künste des ausgewiesenen Barschel-Spezialisten Zastrow auskommen muß. Dann reduziert er vorsichtshalber seine Star-Rolle im Waterkantgate-Film auf die des Kleindarstellers.
So deutet alles darauf hin, daß nicht Postel dem FAZ-Autor Zastrow die Versatzstücke für seine Geschichte geliefert hat - sondern eher umgekehrt: Zastrow hat die unzureichenden "Erinnerungen" Postels mit seinem eigenen Wissen hypothetisch aufgefüllt.
Ein schönes Stück Fiction.
Im Film hat man diese Methode just begutachten können: bei Forrest Gump, der mit Hilfe moderner Computertechnik in alte TV-Aufnahmen eingeklinkt wurde. Auch der Komiker Otto Waalkes versetzte sich so in die Handlungsabläufe alter Edgar-Wallace-Filme.
Um in vielerlei Identitäten in, wie er sagt, "verschiedene Wirklichkeiten" einzutauchen, braucht Gert Postel statt moderner Computertechnik nur sein gerichtsnotorisches Geschick, andere Leute hereinzulegen. Ohne Frage ein außerordentliches Talent, das allerdings ein aufnahmebereites Gegenüber erfordert. Das zeigen schon seine früheren Scharlatanerien. Er hat ein Gespür dafür, welches Verhalten sein jeweiliger Gesprächspartner von ihm erwartet. Dem Chef einer norddeutschen Klinik, dem sich Postel als Arzt vorstellte, gefiel die Bescheidenheit des Bewerbers: "Ich komme frisch von der Universität", bekannte der treuherzig, "ich kann gar nichts."
"Man muß", so beschrieb FAZ-Autor Zastrow die Postel-Methode, "sich dem anderen angenehm machen, seine Bedürfnisse erfühlen und erfüllen."
Darauf angesprochen, warum man ihm als professionellem Schwindler irgend etwas glauben soll, antwortet Postel dem SPIEGEL, auch ein Heiratsschwindler könne sich einmal verlieben. Doch das haben die Betrogenen wohl jedesmal gedacht. Y
* 1987, vor einem Barschel-Plakat. * Am 1. Mai 1991; angeblich bei einer Privataudienz, die dem Theologiestudenten Postel durch ein Empfehlungsschreiben des Bischofs von Münster, Reinhard Lettmann, vermittelt wurde.
Von Norbert F. Pötzl

DER SPIEGEL 9/1995
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Barschel:
Märchenhaft schlüssig