27.02.1995

„Laute der Zustimmung“

Ein dämmeriger Septemberabend 1987, Uwe Barschel fuhr von Hamburg nach Kiel. Exakt um 20.07 Uhr sprach er über Autotelefon mit Reiner Pfeiffer, der damals noch sein Referent war.
Angeblich, so Pfeiffers spätere Schilderung, erkundigte sich der Regierungschef, ob ihm der Mann fürs Grobe eine Wanze besorgt habe. Ohrenzeuge war neben Pfeiffer nur Barschels Fahrer Heinrich Scheller. Der erinnerte sich jüngst vor dem Kieler Untersuchungsausschuß, daß Barschel von einem "Ding" gesprochen habe.
Jetzt gibt es den dritten Mann: Dietrich Laaß, 51, Ex-Hauptmann der für Lauschaktionen zuständigen Hauptabteilung III des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Der Spezialist für elektronische Aufklärung will das Gespräch zwischen Pfeiffer und Barschel mitgehört haben. So teilte er es der kriminalpolizeilichen "Soko Genf" in Kiel mit, die im Todesfall Barschel ermittelt.
"Schätzungsweise", so Laaß, habe er "ein Dutzend Gespräche" Barschels mitgehört. Das Telefonat vom 8. September habe er immer noch in Erinnerung. Pfeiffer habe bei Barschel im Auto angeklingelt und über die "Möglichkeit" der Installation einer "Wanze" gesprochen.
Nach Pfeiffers Darstellung sollte tatsächlich eine Wanze ins Diensttelefon des Regierungschefs gepflanzt und später entdeckt werden. Der politische Gegner, die schleswig-holsteinische SPD, sollte in den Verdacht geraten, mit schmutzigen Tricks zu arbeiten.
Nun will Laaß vor siebeneinhalb Jahren die üble Geschichte so ähnlich mitbekommen haben. Jedenfalls sei ihm durch das Gehörte "deutlich" geworden, daß Barschel in eine "Opferrolle" gelangen wollte. Es sollte so aussehen, als ob "Gegner im Wahlkampf" ihn reinlegen wollten.
Bei dem belauschten Gespräch habe zumeist Pfeiffer geredet. "Barschel hörte nur zu und gab ab und zu Laute der Zustimmung von sich wie hm oder ja." Bandaufzeichnungen oder eine Mitschrift gebe es, so Laaß, allerdings nicht. Er habe das Telefonat "nicht in den Protokollen erfaßt".
Die Vernehmung von Laaß dauerte drei Stunden, seine aus der Erinnerung geholte Geschichte weist deutliche Schwächen auf.
Unstrittig ist, daß - anders als Laaß erklärt - Barschel es war, der Pfeiffer in dessen Wohnung angerufen hat. Die Gesprächsdauer war wesentlich kürzer, als der MfS-Hauptmann angibt: keine "ca. acht oder neun Minuten", sondern genau 94 Sekunden. Und seine Einlassung, das Gespräch hätte zweifelsohne die MfS-Oberen interessiert, er habe aber wegen der "Zweifel" an dem "Machtapparat des DDR-Systems" die Aufnahmen gelöscht, klingt wenig überzeugend.
Die Ermittler von der "Soko Genf" sind nicht zu beneiden - keine heiße Spur im Labyrinth. Derzeit graben sie sich durch die für elektronische Aufklärung zuständige Hauptabteilung III, die mit ihren 4200 Mitarbeitern rund 100 000 Telefonanschlüsse gezielt abgehört hat.
Lediglich Fetzen eines Gesamtbildes sind bislang sichtbar. Ob der früher bei Schwerin postierte Zeuge Laaß oder die jüngst als Zeugin aufgetauchte frühere Stasi-Auswerterin Marion Herrmann, die bei den Ermittlern über angebliche Engholm-Gespräche plauderte: Die Angaben aus der Retorte können stimmen oder auch nicht. Eine Überprüfung ist fast unmöglich. Sensationell war bisher keine.
Abschriften von Barschel-Telefonaten sind, ebenso wie die anderen Lausch-Protokolle, nach der Wende beim bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz gelandet. Auf Beschluß der Innenministerkonferenz soll das gesamte Material aus Datenschutzgründen vernichtet worden sein.
Was bleibt, ist Stammtischgerede. Er glaube nicht an einen Selbstmord von Barschel, gab Laaß den Ermittlern zu Protokoll. Er habe den früheren Ministerpräsidenten zwar nie in seinem Leben gesehen, beim Lauschen aber doch einen Eindruck bekommen. Ein Suizid "paßt nicht in das Bild, welches ich mir von ihm machte". _(* Bei seiner "Ehrenwort-Pressekonferenz" ) _(am 18. September 1987. )
Ministerpräsident Barschel*: "Opferrolle" gewollt
DPA
* Bei seiner "Ehrenwort-Pressekonferenz" am 18. September 1987.

DER SPIEGEL 9/1995
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