16.01.1995

UmweltGras drüber

In Halle dünsten die unterirdischen Reste einer Giftgasfabrik aus Nazi-Tagen noch immer gefährliche Dämpfe aus.
In dem Industrievorort Ammendorf im Süden von Halle ballt sich ein bunter Gewerbemix von der Deutschen Waggonbau über das Energieunternehmen Mibrag bis hin zum Lebensmittelhersteller Speisemeister. Und wo vor kurzem noch die Ammendorfer Plastewerke mit ihren Chemiedünsten die Luft verpesteten, formt jetzt eine Firma mit Namen "Halle-Plastic" nahezu geruchlos Kunststoffteile - ein Platz mit Zukunft.
Nur wenige Spatenstiche tief ist jedoch die finsterste Vergangenheit präsent: Im Untergrund von Ammendorf verrotten Überreste einer Kampfstoff-Fabrik aus der Nazi-Zeit.
Aus den alten Tanks und Rohrleitungen dampfen noch immer Gase, wie Feuerwerker Lothar Mania bezeugt. Mania leitet die örtliche Niederlassung der Neusser Firma für Kampfmittelbeseitigung Lenz GmbH, die mit der Sicherung des Areals betraut wurde. Bei diesigem Wetter wird es ihm öfter mulmig auf dem Gelände, im Mund spürt er einen pelzigen Geschmack. Mania: "Nach einer halben Stunde fühlt sich dann die Zunge wie ein Putzlappen an."
Der Grund des Übels ist für den Feuerwerker klar. In einem Gutachten für den Bezirk Halle hatte die Firma Lenz nach umfänglichen Bodenanalysen schon 1991 wegen "starker Kontamination mit Kriegsaltlasten" eine "Gefährdung für Menschen und Umwelt" diagnostiziert. Die Firma wie auch der sächsische TÜV empfahlen eine Totalsanierung des Geländes, eine Fläche von zehn Hektar solle völlig ausgebaggert werden. Doch die Stadt sperrte sich gegen Räumarbeiten und ließ die Lenz-Expertise liegen. Still ruht seither das Gift.
Bis 1942 hatte in Ammendorf eine Gesellschaft mit Namen "Orgacid" den Kampfstoff S-Lost ("Senfgas") produziert, neben einem Werk in der Lüneburger Heide war Ammendorf der größte Giftgashersteller in Deutschland. Nach Kriegsende vernichtete die Rote Armee, was sich aus den Giftbehältern der Orgacid GmbH noch absaugen ließ. Ein Versuch, die Anlage mit den acht ins Erdreich vergrabenen Zisternen zu sprengen, scheiterte jedoch.
So pumpten DDR-Techniker auch später immer wieder Rückstände hoch, 1953 und 1954 beispielsweise 66,5 Tonnen reinen Kampfstoffs, einer Verbindung aus Chlor, Schwefel und dem Kunststoffvorprodukt Ethylen, sowie 900 Kubikmeter lostverseuchtes Grundwasser. Und selbst 1990 wurden noch an die 30 Tonnen Giftreste hochgespült. Längst hatte sich das Zeug mit im Untergrund zirkulierenden Wasservorräten vermischt.
Wieviel Gift insgesamt versickert ist, blieb unerforscht. Auch die Anzahl sowie die Lage der Senfgasspeicher im Boden ist bis heute unbekannt; Baupläne des Orgacid-Werks sind verschollen. Sicher ist nur, daß die Lostproduktion (insgesamt etwa 26 000 Tonnen) einst durch unterirdische Rohre in eine nahegelegene Abfüllstation mit Gleisanschluß gepumpt und dort auf Granaten und Bomben gezogen wurde.
Beim Bau der Rohrnetze und Speichertanks in den dreißiger Jahren muß das Areal so nachhaltig unterhöhlt worden sein, daß sich sogar die Bahngleise senkten. Im Juni 1940 forderten daher NS-Behörden die Firma Orgacid auf, die Mängel zu beseitigen, "um schwerere Beschädigungen und Unfälle unserer Lokomotiven zu vermeiden".
Nach Kriegsende erkrankten in Ammendorf Arbeiter, Passanten klagten oft über beißende Abluft aus der verkrauteten Trümmerhalde. Daraufhin riegelten DDR-Stellen das Areal hermetisch ab: Rund um die Uhr scheuchte die Volkspolizei neugierige Anwohner davon. Das Orgacid-Terrain, verfügten DDR-Obere 1957, solle "auf 50 Jahre als Baugelände gesperrt" bleiben.
Heute jedoch braucht die Stadt jeden Quadratmeter für die Gewerbeansiedlung. Zwar haben außer der Firma Lenz auch andere Alarm geschlagen: Von der Kommune beauftragte Prüfer der "Harress Pickel Consult" befanden 1993, das "punktuelle Vorhandensein noch aktiver Lostreste" sei nicht auszuschließen.
Doch halten die Stadtoberen sich lieber an ein drittes Papier; eine "Consultinggesellschaft für Umwelt und Infrastruktur" hatte als einzige keine Spuren des Giftgases und seiner Abbauprodukte gefunden und kam zu dem Resultat: Am Ort darf gebaut werden, wenn Gründungsteile nicht tiefer als zwei Meter ins Erdreich greifen; die Zisternen könnten mit Erde aufgefüllt und begrünt werden. Kostenpunkt: 180 000 Mark. Eine gründliche Sanierung, so schätzen Experten, würde hingegen etwa 90 Millionen Mark kosten.
Die Kommune entschied sich für die Billiglösung: Die alten Lostbecken sollen lediglich mit Betonplatten und einer dünnen Erdschicht zugedeckt werden. Darüber kann dann Gras wachsen.
Lediglich in die Zisterne 6 kommt ein Stutzen, der die "gefahrlose Entnahme von Luftproben gewährleistet". Man kann ja nie wissen. Y
[Grafiktext]
Gewerbegebiet Ammendorf
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DER SPIEGEL 3/1995
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