27.02.1995

PleitenIm Nirwana

Der Finanzjongleur Karsten von Wersebe wurde gefaßt, viele Millionen bleiben verschwunden.
Auf den ersten Blick machte der Landedelmann den besten Eindruck. Karsten Bodo von Wersebe wirkte, so der Hamburger Wirtschaftsanwalt Otto Gellert, "intelligent und unglaublich fleißig, dezent und bescheiden". Ein kanadischer Geschäftspartner sah in ihm zunächst den "perfect gentleman".
Der Geschäftsmann mit deutschem und kanadischem Paß zeigte zudem große Gelassenheit. Unbeeindruckt von dem internationalen Haftbefehl, den die Hamburger Justiz im September 1993 gegen ihn erlassen hatte, tourte Wersebe, 53, durch die Welt: Ob in Zürich oder auf den Niederländischen Antillen - der Mann aus Toronto war rastlos auf der Suche nach einem "Geschäft, das Spaß bringt".
Mit dem Spaß und dem Nachmittagstee im Baur au Lac, Zürichs feinstem Hotel, ist es einstweilen vorbei. Vergangene Woche wurde Wersebe in der Schweiz verhaftet, die Hamburger Staatsanwälte beantragen die Auslieferung.
Den Schaden, den der Sohn eines niedersächsischen Gutsbesitzers weltweit angerichtet hat, ist schwer zu schätzen. Denn Wersebe errichtete sein kompliziert verschachteltes Firmenimperium mit dem Geld privater Investoren. Sein Geschäftsprinzip, erkannte schon vor Jahren ein kanadischer Partner, sei "die Methode OPM" - Other People's Money, das Geld anderer Leute.
Seit Jahren hinterläßt der Deutschkanadier mit dem beeindruckenden Auftreten eine breite Spur von Pleiten, und er setzte dabei immer das Geld anderer Leute in den Sand. Wo die vielen Millionen, die von einer Wersebe-Firma in die andere wanderten, letztlich geblieben sind, weiß niemand außer ihm.
In Kanada krachte Wersebes Immobilienfirma Castor mit Verlusten von über einer Milliarde Mark zusammen, nachdem der Edelmann gut 250 Millionen Mark abgezogen hatte. Im amerikanischen Raleigh (Bundesstaat North Carolina) erwiesen sich Wersebes Bürotürme als grandiose Fehlinvestition; auf den Bahamas blieb von den Hotel-Transaktionen des Niedersachsen nur ein finanzieller Trümmerhaufen.
In Hamburg hat Wersebe nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mindestens 180 Millionen Mark aus dem traditionsreichen Handelshaus Coutinho Caro & Co. (CCC) abgesaugt und die Firma (1000 Beschäftigte) damit in die Pleite getrieben. Der CCC-Konkursverwalter Gerd Weiland kommt auf einen Betrag von 200 bis 300 Millionen Mark, den Wersebe abgeräumt hat. Der größte Teil des Geldes, so Weiland, "ist im Nirwana verschwunden".
Wersebe war 1967 nach Kanada ausgewandert und lernte in Toronto das Immobiliengeschäft. Zunächst kümmerte er sich um die Grundstücke, die sich wohlhabende Deutsche zugelegt hatten. Dann baute der vielseitige Geschäftsmann mit dem Geld anderer Leute sein eigenes Firmengeflecht auf. Das hat ihm neben vielen Millionen auch zahlreiche Klagen von Anlegern eingebracht.
Seit Anfang der achtziger Jahre pendelte er dauernd zwischen Kanada, der Schweiz und der Bundesrepublik. In München machte er seine Immobiliengesellschaft Raulino auf und pumpte sich von schweizerischen und französischen Banken 500 Millionen Mark, um die Mehrheit an der Dortmunder Harpener AG zu übernehmen.
Als der neue Großaktionär gleich 130 Millionen Mark aus der Harpener abziehen wollte, blockte der Aufsichtsratsvorsitzende Gellert. Wersebe, immer in Geldnöten, mußte nach einem halben Jahr seine Aktien verkaufen. Die 51-Prozent-Beteiligung ging dann an den schweizerischen Firmenplünderer Werner K. Rey.
Zwei Jahre später klappte es besser: Wersebe erwarb Ende 1988 die abgewirtschaftete, aber immer noch angesehene Coutinho Caro & Co. Wiederum gelang der Einstieg mit fremdem Geld.
Die Zürcher Rothschild-Bank lieh ihm 95 Millionen Mark. Wersebe dankte dem Rothschild-Generalbevollmächtigten Jürg Heer mit einer Provision von gut 8 Millionen Mark; Heer war wegen seiner aufwendigen Hobbys - unter anderem eine Sammlung von Ferraris im Versicherungswert von über 30 Millionen Mark - immer klamm. Der Zürcher Wersebe-Freund ist seit Herbst 1992 verschwunden.
Für Wersebe waren der Rothschild-Kredit und die kleine Aufmerksamkeit für Heer eine glänzende Investition. Nach einem Jahr hatte er den CCC-Vorstand mit willfährigen Helfern besetzt, und dann flossen die Millionen ab. Mal mußte das Hamburger Unternehmen für 18 Millionen Mark Wersebe-Firmen kaufen, mal 50 Millionen in Wersebes mißratenes Objekt in Raleigh pumpen.
Als der Deutschkanadier im Sommer 1992 auf Druck der Banken sein Chefbüro bei CCC verlassen mußte, war die Firma ausgeblutet, das Geld versickert - in einem "System von Schattenfirmen", sagt Konkursverwalter Weiland.
Der verfolgt seit über zwei Jahren die Spur des Geldes. Die Millionen, soviel hat Weiland inzwischen rekonstruiert, flossen zunächst von Deutschland in die Schweiz. Dort wurden sie - von der Rothschild-Bank in Zürich, daneben auch von einer Wersebe-Firma in Luzern - zu Offshore-Gesellschaften auf den Niederländischen Antillen transferiert und dann zurück in die Schweiz oder nach Liechtenstein gebracht.
Auf welchen Konten die Gelder liegen, verrät Wersebe nicht. Doch der Konkursverwalter glaubt, daß der verwöhnte Multimillionär im Knast mürbe wird: "Nach sechs Monaten redet der." Y

DER SPIEGEL 9/1995
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