23.01.1995

UnternehmenMensch, Höfti

Betriebsräte haben es bei Europas größtem Brillenhändler schwer. Günther Fielmann duldet keinen Widerspruch.
Zwei Sorten von Menschen kann Günther Fielmann nicht leiden: Kunden, die partout die billigste Brille haben wollen, und Gewerkschafter.
Fielmann-Angestellte müssen, so interne Anweisungen, ihre ganze Überzeugungskraft aufbieten, um Kunden aufwendigere Gestelle und Gläser anzudienen. Verkaufen sie zu viele Brillen zum Nulltarif, droht ihnen der Rauswurf.
Mit einer Kündigung müssen Fielmann-Mitarbeiter auch dann rechnen, wenn sie Sympathien für Gewerkschaften erkennen lassen. Das merkten vergangene Woche Eva Rombach und Manfred Schleking, als sie in der Freiburger Fielmann-Filiale einen Betriebsrat einrichten wollten.
Sechs Tage nachdem sie zu einer Betriebsversammlung aufgerufen hatten, erhielten sie die Kündigung. "Offensichtlich", kommentiert der Freiburger Arbeitsrechtler Johannes Gröger, solle damit "die geplante Wahl eines Betriebsrats verhindert werden".
Widerspruch kann Günther Fielmann nicht ertragen, Betriebsräte erregen seinen Argwohn. Als seine Angestellten in der Filiale Kiel die Wahl einer Arbeitnehmervertretung vorbereiteten, schickte der Chef den Hamburger Detektiv Joachim Sippel los.
Vor einem Notar gab Sippel später zu Protokoll, er habe den Auftrag erhalten, die Reden der aufsässigen Angestellten heimlich abzuhören.
Schon die Struktur des Brillenimperiums macht es den knapp 5000 Beschäftigten nahezu unmöglich, eine starke Arbeitnehmervertretung aufzubauen. Die 296 Fielmann-Filialen sind allesamt rechtlich selbständige Firmen. Nicht einmal ein Dutzend von ihnen hat einen Betriebsrat.
In der Hamburger Konzernzentrale hat die Handelsgewerkschaft HBV einen schweren Stand. Von den sechs Arbeitnehmern im Aufsichtsrat sind nur zwei organisiert - und die sind auch in der etwas zahmeren Deutschen Angestellten-Gewerkschaft.
Durch Renitenz sind die Hamburger Betriebsräte noch nicht aufgefallen. Wenn die Vorsitzende Karin Höft einen Einwand äußert, kann der Chef beträchtlichen Charme entfalten: "Mensch, Höfti", kumpelt Fielmann dann.
Meist aber regiert Fielmann mit eiserner Hand. Gefürchtet sind die Wutanfälle des Cholerikers, unvergessen in der Hamburger Zentrale blieb ein besonders temperamentvoller Ausbruch: Fielmann schleuderte dabei eine Schreibmaschine gegen das Fenster.
Im Büro des Leiters Materialwirtschaft schlug Fielmann einmal so heftig mit der Faust gegen die Wand, daß seine Hand anschwoll. Der Schmerz trieb ihn auf den Flur, und dort trat Fielmann mit dem Fuß gegen die Wand. Auch manches Diktiergerät ging in Zeiten des Zorns zu Boden und wurde unter den Schuhen des Chefs unbrauchbar.
Kein Angestellter wagt, gegen den autoritären Firmenpatriarchen aufzumucken - es sei denn, der Leidensdruck wird zu groß. Es herrsche eine "katastrophale Stimmung", berichtet die gekündigte Eva Rombach - das gilt nicht nur für die Freiburger Filiale mit ihren rund 30 Beschäftigten.
Der Brillenkönig, wie er sich gern nennen läßt, dirigiert sein Imperium durch vertrauliche Rundschreiben an die Filialleiter. Mit seinen internen Anweisungen, die bis ins Detail zu befolgen sind, macht er Druck auf seine Geschäftsführer, und die geben den Druck an das Fußvolk weiter.
Typisch für viele Fielmann-Filialen ist die Stimmungslage in Freiburg. Dort verbreitete Geschäftsführer Alexander Nitschke in der Belegschaft Angst und Schrecken. Einige Beschäftigte kündigten, der Krankenstand schnellte in die Höhe.
Als im vergangenen Jahr bei der Inventur ein Fehlbestand zutage kam, verdächtigte der Filialleiter seine Mitarbeiter des Diebstahls und durchsuchte nach Ladenschluß die Spinde. Beweise hat er dabei nicht gefunden, aber drei Angestellte so scharf verhört, daß eine Frau weinend aus seinem Zimmer lief.
Einen Betriebsrat zu gründen wagten die Freiburger damals noch nicht. Sie gingen erst einmal zu dem Anwalt Johannes Gröger, der sich in einem vertraulichen Brief an Fielmann als Vermittler anbot.
Eindringlich schilderte der Anwalt in seinem Drei-Seiten-Brief das "unerträgliche Betriebsklima", die "Atmosphäre von Mißtrauen und Intrigenschaft". Der Vermittlungsversuch schlug fehl.
Der Konzernchef wurde erst aktiv, als die Kunde von der geplanten Betriebsratsgründung nach Hamburg drang. Zwei Führungskräfte wurden aus Hamburg nach Freiburg beordert, aus Stuttgart mußte der Regionalleiter anreisen, um die Kündigungen vorzubereiten.
Für Gröger zeugen die Entlassungen von "vorkapitalistischen Auffassungen", für Fielmann sind sie business as usual: Er hat, wie er sagt, "immer ein paar Prozeßchen laufen". Y
"Ein unerträgliches Betriebsklima, voller Mißtrauen"

DER SPIEGEL 4/1995
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