13.03.1995

Stasi„Dir hack' ich den Kopf ab“

Es sind die Augen, die ihn verraten. Diese dunklen Augen hinter den halb geschlossenen Lidern. Sie sind immer in Bewegung, blitzschnell von links nach rechts und zurück. In Sekunden checken sie jeden Raum ab, registrieren Freund und Feind.
Wie ein träges Krokodil verharrt der uralte Erich Mielke stundenlang völlig regungslos. Vor Gericht, in der Zelle, beim Arzt. Er sitzt seine Zeit ab, auf einer Backe. Sein Gesicht ist amimisch. Er mümmelt nicht, knirscht nicht mit den Zähnen, bewegt den runden Kopf keinen Millimeter. Nur seine eng stehenden Augen flitzen hin und her, holen die Bilder tief nach innen.
Erich Mielke, 87, ist so wach, wie ein Mann seines Alters es nur sein kann, hellwach. "Über Ort, Zeit und Situation orientiert" heißt das in der Sprache der Psychiater, "Wahrnehmung und Auffassung sind geordnet". Nur zubeißen darf das alte Krokodil nicht mehr. _(* Im Berliner Landgericht, mit seinem ) _(Anwalt Gerhard Graubner (r.). )
"Dir hack'' ich den Kopf ab!" hat Mielke früher den Parteifreunden gedroht, als er deren nächtliche Verhöre noch selber leitete. Seinen Offizieren trieb Stasi-Chef Mielke zuletzt 1982 die Sentimentalitäten aus: "Das ganze Geschwafel, von wegen nicht hinrichten und nicht Todesurteil - alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil."
Der alte Kommunist Erich Mielke, vor sieben Jahrzehnten in die Partei eingetreten, hat ein merkwürdiges Verhältnis zu Leben und Tod, "und zwar, weil ich Humanist bin". Wer sein Feind ist, ein Feind der Partei, eigentlich nur ein Feind der jeweils herrschenden Parteilinie, der hat das Grundrecht auf Leben verwirkt: Ein "Schuft unter uns", der "würde ab morgen schon nicht mehr leben. Kurzen Prozeß. Weil ich ein Humanist bin".
Am 9. August 1931, einem warmen Sommerabend, beteiligt sich Mielke, damals 23 Jahre alt, zum erstenmal an einem kurzen Prozeß. "Feige und hinterhältig", so urteilt ein Berliner Schwurgericht 62 Jahre später, hat Mielke "einen gemeinschaftlichen Mord in zwei Fällen" begangen: Von hinten schießt er auf die Hauptleute Paul Anlauf, den die KPler "Schweinebacke" nannten, und Franz Lenk. Beide sterben.
"Natürlich", sagt Mielke, "wenn ich die Augen schließe, kann ich mich noch an einiges erinnern." Aber: "Wer geschossen hat, kann ich nicht sagen. Ich bin weggerannt, um nicht selbst abgeknallt zu werden."
Am Ende hat die Justiz ihn eingeholt. Von 1993 an saß Mielke als Mörder in Strafhaft, in Berlin-Moabit, in einem großen, häßlichen Gefängnis. Letzte Woche beriet der Bundesgerichtshof in einem Revisionsverfahren über die Frage, ob das Urteil Bestand haben und ob er weiter inhaftiert bleiben sollte.
Über den Häftling Erich Mielke gab es keine Klagen. Den Wärtern galt er als braver Mann, der nie krakeelte, keine Extrawürste verlangte und nachts fest schlief. Mit seinen Knastbrüdern stand er auf gutem Fuß. Tagesspiegel und das Neue Deutschland gehörten zu seiner Lektüre, mehrfach am Tag sah er TV-Nachrichten. Nie verpaßte er eine Sendung über sich oder seine Stasi.
Es ist, als sei Erich Mielke nach ruhelosen Jahrzehnten bei sich selbst eingekehrt. Der Herr über so viele Gefängnisse endlich als Insasse eines Kerkers - der älteste Gefangene in Deutschland.
Der älteste, der bekannteste. Der mächtigste in früheren Zeiten. Einst ganz unten, dann ganz oben. Herr über einen "Staat im Staate", wie Erich Honecker 1990, ein bißchen zu spät, erkannte. "Armeegeneral" war er, und das ist nicht einmal geprahlt: Mielke kommandierte 91 000 hauptberufliche und mindestens doppelt so viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM). In seinem Schattenreich, einem Parallel-Universum, gebot er über Flakgeschütze, Bunker, eine Sparkasse, über jede Sorte Akademiker, Soldaten, Sportler und Spione. Millionen haßten den kleinen (1,63 Meter), festen Mann. Hunderttausende dienten ihm ohne Widerwort.
Im lichtlosen Hinterhof einer Mietskaserne als ganz armer Leute Kind zu Kaisers Zeiten 1907 geboren, trug es den Berliner hoch hinaus - Mielke hielt sich länger im Zentrum der Macht als Kaiser Wilhelm, Hindenburg, Hitler oder Adenauer. 1987, als sein neuntes Lebensjahrzehnt begann, herrschte er unangefochten wie ein Feudalfürst - ausstaffiert mit Schloß, Hofnarren und Dienerschaft. _(* Oben: mit DDR-Politikern Honecker, ) _(Ulbricht, Stoph 1970; unten: am 4. ) _(November 1989. )
Der alte Mann, der nun wieder aus dem Blechnapf aß, war 31 Jahre lang Abgeordneter und 32 Jahre lang Minister. Jeder private Wunsch ging, kaum gedacht, schon in Erfüllung. Geld spielte keine Rolle mehr. Es fehlte ja an nichts. Wenn Mielke nach Jagen zumute war, fuhr man ihn und seine Flinte in Stellung. Manchmal schoß er an einem Tag ein Dutzend Tiere tot. Horrido! Halali!
Er hat das ganze Brimborium sehr genossen. Die Orden, Uniformen, Ehrenbezeugungen, das Blaulicht und den roten Teppich. Wie ein Triptychon wurden Erich Mielke die drei Titel "Genosse Minister Armeegeneral" vorangetragen. Selbst der kleinste Laufzettel seines Ministeriums für Staatssicherheit war damit bedruckt.
Doch was den Mann aus Berlin-Gesundbrunnen - dort ist Berlin am berlinischsten - wirklich interessiert, einst wie jetzt, ist nicht das Brimborium, es ist "die Macht". Seit siebzig Jahren ist die Macht Mielkes überwertige Idee, das Herz seiner Existenz. Die Macht! Von ihr sprach er jeden Tag, manche seiner Generäle sagen: jede Stunde.
Die Macht, hat der Sozialphilosoph Max Weber gelehrt, sei "die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht". Am besten geht es mit Gewalt. Der kleine Erich hat das ganz früh gelernt, im Hinterhof.
Führen und folgen, befehlen und gehorchen, Schnauze halten und Schnauze vollhauen, das war seine Welt.
Mielkes Geburtshaus, Stettiner Straße 25, steht noch. Die Bomben haben nur das Vorderhaus weggesprengt. Heute wohnen dort ausländische Mitbürger, Berliner Türken. Bei denen geht es ziviler zu als damals in der deutschen Kaiserzeit, die den Knaben Erich M. geformt hat. Seine Mutter starb früh, nach der Geburt seines Bruders. Der Vater stammte aus Westpreußen, ein gelernter Stellmacher. Schmalhans war Küchenmeister. Als Erich seinen zehnten Geburtstag beging, ernährte der Deutsche Kaiser sein einfaches Volk im vierten Kriegswinter nur noch mit Kohlrüben.
So lernte der hungrige Steppke, was das ist, Klassenkampf, und zugleich, wie man ihn, jedenfalls theoretisch, aufhebt: "Gleicher Lohn und gleiches Essen, und der Krieg wär'' längst vergessen."
Nach der Novemberrevolution 1918 - "Brüder! Nicht schießen!" - sammelte sich die ganze Familie Mielke unter den roten Fahnen der Kommunistischen Partei Deutschlands. Die war, an ihrer Basis im Gesundbrunnen, Gegenmacht. Gegenmacht ist auch Macht.
Daß ein so erbärmliches Stadtviertel wie Mielkes Heimatquartier "Gesundbrunnen" hieß, klang zynisch. Bei Mielkes wohnten sechs Menschen in zwei kleinen Zimmern. Das Klo war auf der halben Treppe, im Hinterhaus lebten 16 Parteien, etwa hundert Menschen dicht an dicht. Die nannten Gesundbrunnen "Plumpe". Im kleinen Erich keimte Wut.
Weil er ein - vergleichsweise - begabtes Kind war, bot die Sozialdemokratie, die in der Weimarer Zeit Preußen regierte, dem robusten Jungen eine Aufstiegschance: Erich M. durfte, ohne Schulgeld zahlen zu müssen, das Köllnische Gymnasium besuchen. Das war eine Startrampe für den zweiten Bildungsweg, der damals noch schmal und beschwerlich war. Aber mit 16 Jahren verließ der Schüler "auf eigenen Wunsch" die Untersekunda, wo man ihn mit Latein et cetera gequält hatte. Der sportliche Draufgänger habe, schrieb der Oberstudiendirektor, "nicht in allen Fächern den hohen Anforderungen der Schule genügt". Jedoch sei "sein Betragen sehr gut" gewesen. Erich trete "ins praktische Leben". Er lernte "Expedient", Transportkaufmann.
Das hat er geschafft. Verständlicherweise langweilte Expedieren den ehrgeizigen, vitalen Erich Mielke. Die Weltwirtschaftskrise beendete seine bescheidene Angestelltenexistenz, Mielke wurde arbeitslos. Das drückende Gefühl der eigenen Unterlegenheit, die Erinnerung an das Scheitern in der Schule und im Beruf, die materielle Not im engen, dunklen Hinterhaus, das alles kompensierte _(* Handballmannschaft des ) _(Arbeitersportvereins "Fichte", um 1929. ) Mielke durch den Haß auf die Feinde und die nun ganztägige Bindung an die KPD. Die würde der herrschenden Klasse die Macht entreißen. Dann wird alles gut.
Zur herrschenden Klasse gehören aus KP-Sicht die große Bourgeoisie, der Adel und die Schlotbarone, ferner deren sozialdemokratische Vasallen in Polizei, Reichswehr und Justiz, gestützt von den uneinsichtigen Kleinbürgern. Kurzum: Feind war, wer kein Kommunist sein konnte und wollte. Seit jenen frühen Jünglingsjahren zerfällt die Welt für Mielke in Gute und Böse, in Die-daoben, Wir-hier-unten. Aus der Weimarer Zeit hat er auch das Rezept für den Klassenkampf: Willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag'' ich dir den Schädel ein.
Seinerzeit hat der stämmige Erich sich im Arbeitersportverein "Fichte" fit gehalten. Erst marschierte er in den Jugendkolonnen des Roten Frontkämpferbundes, Ende der zwanziger Jahre wurde Mielke Mitglied des konspirativen "Parteiselbstschutzes", der PSS. Wo Rabatz war, war der Rabauke dabei. Schießen lernte er in den Kiefernwäldern Brandenburgs. Alle Macht kommt aus dem Lauf der Gewehre, lehrte Mao später.
Mielke ist einer der letzten Überlebenden aus jenen unruhigen Berliner Jahren, der handgreiflich um die Macht gekämpft hat. Sie schien so nah . . . Jeder dritte Berliner wählte KPD, jeder sechste NSDAP. Der Sieg der Arbeiterklasse, die Mielke in der KPD vereint sah, das war aus der Sicht der revolutionären Straßenkämpfer nur eine Frage der Zeit. Das Proletariat an die Macht! Logischerweise hieß das: Auch Erich Mielke an die Macht.
Damals hat der Mann seinen "bolschewistischen Instinkt" entwickelt: Nicht zimperlich sein; Skrupel den anderen überlassen; schnell und hart handeln; nie wieder unbewaffnet. Und das alles für die Arbeiterklasse. "Bist du einer von uns?" fragte Minister Mielke noch 1989 die Fußballspieler seines BFC Dynamo. Ein Arbeiter? Oder wenigstens ein Arbeiterkind?
Einer von uns: Im Stasi-Ministerium kam flott voran, wer in Aussehen, Sprache und Lebensgefühl Mielkes Vorstellung vom Proletariat am nächsten war. Das "Kollegium" seiner Generäle entstammte nahezu ausnahmslos der Arbeiterklasse. Als Mielke 1986 den schrägen jüdischen Arztsohn Markus ("Mischa") Wolf, Chef der DDR-Auslandsspionage, endlich los war, berief er als Nachfolger den angelernten Maurer Werner Großmann.
Dabei sieht Mielkes eigene Herkunft nach den Kriterien der alten KP eher dubios aus. Darunter hat er gelitten. "Meine nahezu kleinbürgerliche Abstammung" macht er bei einer Selbstkritik 1933 für sein "hochmütiges Verhalten" verantwortlich. Vaters Beruf "Stellmacher" - das ist in der reinen Lehre ein Handwerker, kein Proletarier - verdreht er seit 1945 offiziell in "Holzarbeiter". Seine kurze Angestelltenzeit im Arbeitsamt Berlin-Kreuzberg (Sommer 1931) hat Erich Mielke später überhaupt nicht mehr erwähnt.
Mit den Schüssen am Bülowplatz macht sich der 23jährige Jungkommunist den Weg frei zu höheren Weihen. Seither ist Mielke hauptberuflich Funktionär. Er lebt und arbeitet immer dort, wo die Klassenfeinde "bekämpft", "liquidiert" oder "zersetzt" werden. Wo festgenommen und verhört wird, eingesperrt und erschossen.
Erich Honecker, seit 1945 mit Mielke "sozusagen befreundet, dachte ich wenigstens", hat den Lebenslauf seines Genossen Sicherheitsministers auf schöne, etwas kryptische Weise in einem Satz komprimiert: "Mielke hat aktiv mitgearbeitet unter Anleitung von denen, die erschossen wurden, und denen, die noch leben." Denn Mielke war "Tschekist", Geheimpolizist der Partei, aus vollem Herzen, sein ganzes Leben lang.
Die sowjetische Tscheka und ihre Nachfolger GPU und NKWD sicherten Lenins und Stalins Macht. Sie schüchterten ein, siedelten um und gaben denen, die vom Parteifreund zum Parteifeind gesäubert wurden, den Genickschuß. Auch die Tscheka war ein Staat im Staate, ihr Archipel Gulag so riesig wie ein eigenes Reich. Als Mielke im Sommer 1931 vom Bülowplatz nach Moskau emigrierte, wurde er alsbald in das Heer der Tschekisten eingegliedert, Deckname: Paul Bach. Das ist seine Welt, noch immer.
Man mußte ihm in Moskau nicht allzuviel beibringen. Alles, was einen brauchbaren Tschekisten ausmacht, brachte er mit: Gemütsarmut, Muskelkraft, Härte gegen sich und andere. Leicht antiautoritäre Tendenzen, die sich auch gegen Vorgesetzte hätten richten können, wurden ihm abgewöhnt. Die Geheimpolizei machte Mielke zu einem Feldwebel - und das, sagt sein Politbürogenosse Günter Schabowski, blieb er auch, als er längst DDR-General war.
Seine deutschen Genossen fanden an Bach/Mielke dessen antisemitische Scherze tadelnswert. Damals gab es in den führenden Kadern der Partei noch zahlreiche Juden, alles Intellektuelle. Die waren dem proletarischen Feldwebel nicht geheuer, seinem Idol Stalin auch nicht. Die meisten verschwanden im Orkus der großen Säuberung von 1936 bis 1938.
Da war Mielke, der Sicherheitsmann, schon nach Spanien abkommandiert, als Stabsoffizier zu den Internationalen Brigaden. Mochte der Bürgerkrieg auch verloren gehen, die Tscheka sorgte dafür, daß auf republikanischer Seite Stalins Genossen am Ende übrigblieben - Erich Mielke alias Paul Bach hieß jetzt Richard Hebel, war ab 1939 Emigrant in Frankreich, ein Mann ohne Vergangenheit und ohne Verwundung.
Wo und wie der Tschekist den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, ist immer noch sein Geheimnis. Als Waldarbeiter in Frankreich? Unerkannt als Angehöriger der Organisation Todt? Oder doch, wie die offiziellen Biographien später verbreiten, in der Großen Sowjetunion, siegreich kämpfend gegen die Faschisten?
Im Sommer 1945 fand er nach Berlin zurück und in seine alte Profession: Mielke übernahm die Polizei-Inspektion im Ost-Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Wenig später baute er die "K 5"-Kommissariate auf, die politische Polizei der sowjetisch besetzten Zone. Einen besseren Mann hätten die Russen nicht finden können - Mielkes Fixstern war Marschall Josef Wissarionowitsch Stalin, Hauptstadt der Welt ein für allemal Moskau und die herrschende Klasse das Proletariat, beziehungsweise seine Partei, genaugenommen: deren Politbüro.
Auf seinem Weg ins SED-Politbüro, dem Zentrum der Macht, wurden seine beiden Minister-Vorgänger, die Alt-Kommunisten und Berufsrevolutionäre Wilhelm Zaisser und Ernst Wollweber unsanft beiseite geräumt, blieben aber vom Genickschuß verschont. 1957 war Erich Mielke aus Gesundbrunnen endlich unumschränkter Herr des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
Im Kreml regierte Chruschtschow, in Ost-Berlin Walter Ulbricht, am Rhein Konrad Adenauer, in den USA der General Eisenhower. Es war Kalter Krieg. Männer wie Mielke, entschlossen, die Macht um keinen Preis wieder loszulassen, sicherten die Diktatur des Proletariats. Da blieb kein Auge trocken. Pardon wurde nicht gegeben. Mielkes Geheimpolizei, von der Besatzungsmacht mehr oder minder diskret geführt, war das eigentliche und zu Recht gefürchtete Herrschaftsinstrument der SED, "Schwert und Schild der Partei", mehr Schwert als Schild. _(* Mit Jagdfreund Markus Wolf (3. v. r.). )
Die Schläge trafen vor allem Mielkes alte Feinde. Von 1945 bis 1989 verließen rund fünf Millionen Menschen den kleineren deutschen Staat in Richtung Westen. Erst gingen die Reichen, der Adel und die Nazis, dann die Akademiker, Künstler, Ingenieure, Geschäftsleute und Handwerksmeister.
Als auch die Werktätigen zu Hunderttausenden aufbrachen, baute die Arbeiterpartei in Berlin die Mauer. In den folgenden Jahrzehnten verkaufte die SED den Westdeutschen gegen Bargeld bunte Vögel - Knackis, Verrückte, Kreative, Dissidenten, Dichter, Liedermacher, Homosexuelle, alle Nonkonformisten, derer das MfS habhaft wurde.
Mielkes Firma "Horch und Guck" hielt das Land fest im Griff. "Flächendeckende Überwachung" wurde praktiziert, die Briefe wurden mitgelesen, die Telefonate abgehört. "Wir müssen alles erfahren", befahl der MfS-Armeegeneral 1985, "es darf nichts an uns vorbeigehen."
An Mielke ging nichts vorbei. Um das Herrschaftswissen zu mehren und die Macht zu sichern, war ihm jedes Mittel recht, nur konspirativ mußte es sein. Heimlich wurde jedes Westauto, das die DDR passierte, radioaktiv durchleuchtet. Unter falscher Flagge schleuste Mielke 2200 Mann als "Offiziere im besonderen Einsatz" (OibE) in den Staatsapparat und in die Wirtschaft. Die evangelische Kirche, ohnehin von Gott verlassen, war am Ende fast eine Filiale der Stasi.
Mielkes Männer kontrollierten und steuerten die jungen wilden Dichter des Prenzlauer Bergs. Sie hatten die Universitäten im Griff, die Schulen, das Heer. In den letzten fünf Jahren der DDR arbeiteten mehr als 260 000 Inoffizielle Mitarbeiter als Spitzel und Zuträger für das krakenhafte MfS.
Nicht die nackte Repression der Mielke-Behörde, sondern ihre konspirative Heimtücke, die in 40 Jahren fast eine Million Menschen in ihre Spitzelnetze zog, gilt Opfern und Tätern heute gleichermaßen als erbärmlich. Die meisten IM schämen sich. Nur Erich Mielke hat kein Unrechtsbewußtsein.
"Ich diene der Arbeiterklasse und meinem Staat", sagt er, im Präsens. Ihm und seinem Sicherheitsministerium war alles erlaubt: "Wir haben kein Recht gebrochen", erklärt er dem SPIEGEL, "wir hatten ja Rechte."
Die Riesenbehörde, seinen Staat im Staate, kannte Mielke bis in die kleinsten Verästelungen. Drei Jahrzehnte lang war er deren fleißiger, aufmerksamer und höchst mißtrauischer Chef. Greisenmüdigkeit war ihm fremd. "Er arbeitete sehr intensiv", urteilt Generalleutnant Günter Möller, der Kaderleiter (= Personalchef) des MfS, "mehr als andere Mitglieder des Politbüros, auch wenn die wesentlich jünger waren."
In Mielkes Reich herrschte ein rüder Umgangston. Der Chef duzte alle, oft brüllte er im Stakkato. Seine cholerischen Anfälle hielten die Bürokratie auf Trab. "Mich hat er zweimal entlassen", erinnert sich Möller.
Reihum mußten seine Lieblingsgeneräle jeden Morgen telefonisch Antwort geben: "Was gibt''s Neues?" Dazu Generaloberst Werner Großmann, der letzte Chef der DDR-Auslandsspionage HVA: "Mielke war bestrebt, alles zu wissen und auch alles selbst zu beherrschen und zu beeinflussen." Andererseits sei er gegenüber Honecker "voller Ehrfurcht und Dienstbeflissenheit" gewesen, "ein Vollstrecker des Willens".
Nach oben buckeln, nach unten treten. Mächtig bleiben und siegen wollen um jeden Preis: Damit "sein" Fußballklub BFC Dynamo Meister wird, ernannte er einen Schiedsrichter zum OibE. In Bremen - in Bremen! - ließ er die Telefone der gegnerischen Kicker abhören. Es half nichts. Dynamo verlor 1988 im Europacup 0:5.
Über Erich Mielke zog sich der Himmel zu. Rabiate Methoden verloren in den achtziger Jahren an Wirkung. Machtmensch Mielke spürte das. Ratlos fragte er 1987 seinen Sohn, einen Arzt: "Wie lange wird es noch gutgehen?" Als einer seiner Generäle im selben Jahr von einer Kaderschulung des SED-Zentralkomitees zurückkam, wollte Mielke von ihm wissen: "Hat man dir auch gesagt, daß wir pleite sind?" Hat man nicht, war ja Staatsgeheimnis.
Nicht einmal die sowjetischen Freunde konnten ihrem alten Tschekisten mehr helfen. Geld, richtiges Geld, um die wertlosen "Alu-Chips" der DDR"Binnenwährung" hart und konvertibel zu machen, hatten sie selbst nicht. Und guten Rat wollte Mielke nicht mehr hören.
Zweimal hat sich Leonid Schebarschin, Spionagechef des KGB, im Jahr 1989 mit seinem Kollegen getroffen. Der schimpfte nur noch: "Ihr Russen könnt bei euch machen, was ihr wollt, aber uns und unsere Kinder wird man aufhängen." Schebarschin kühl: "Sogar darin hat er sich getäuscht."
Als die DDR ausgerechnet an ihrem 40. Geburtstag, im Oktober 1989, implodierte, gab sich Mielke ein letztes Mal die Sporen. "Haut sie doch zusammen, die Schweine", befahl er mit Blick auf die "Gorbi! Gorbi!"-Demonstranten vor dem Palast der Republik.
Seine Männer taten wie befohlen. Aber es half nichts mehr. Die Angst war weg. Das MfS verwandelte sich für jedermann sichtbar in einen zahnlosen Papiertiger. Mielkes Generäle weigerten sich am Abend des 7. Oktober, zur DDR-Geburtstagsfeier ihre schmucken Uniformen mit all den glitzernden Paspeln und Biesen anzulegen. Sie kamen unauffällig in Zivil in den Palast der Republik, zum Totentanz. Die sowjetischen Freunde machten sich rar.
"Erich, ich sage dir offen", hatte vor Jahren der gewaltige Leonid Breschnew dem kleinen Honecker gedroht, "vergiß das nie: Die DDR kann ohne uns, ohne die Sowjetunion, ihre Macht und Stärke, nicht existieren. Ohne uns gibt es keine DDR." Nun war es soweit. Die Freunde kündigten die Freundschaft.
Wer wollte da noch kämpfen? Für Mielke, sagt sein Kaderleiter Möller, ist in diesen Tagen "die Welt nicht nur einmal, sondern zweimal zusammengebrochen". Plötzlich sah der Tschekist ganz alt aus, für die eigene Truppe eine Belastung, den Russen keinen Schuß Pulver wert, der Partei ein Hanswurst.
"Ich liebe, ich liebe doch alle", stotterte er am 13. November 1989 bei seiner ersten und letzten Rede vor der Volkskammer. "Ich liebe doch, ich setze mich doch dafür ein." Die Blockflöten haben auf ihn gepfiffen. "Unruhe", notiert das Parlamentsprotokoll und "Lachen". Mielkes Kopf wurde dunkelrot, leicht schwankend ging er zur Regierungsbank. Vier Tage später war er entlassen. Verballhornt zu "Ich liebe euch doch alle", wird sein Wort weiterleben, soviel ist sicher.
Der Armeegeneral durfte seine Dienstpistole Sauer & Sohn, Nr. 14382, Kaliber 6,35, mit sieben Schuß, behalten. Die MfS-Sparkasse zahlte dem alten Mann noch schnell 300 000 Mark in bar aus, Ehefrau Gertrud sah davon keinen Pfennig, "das ist meine Sache".
Sein Generals-"Kollegium" ließ es in der Stunde der Not an Kollegialität fehlen. Es gab kein Lebewohl und nicht das dreifache "Hurra! Hurra! Hurra!", das er so gern gehört hat. Mielkes letzte Frage war: "Wer hat uns das eingebrockt?"
Er vielleicht? Y
Von "der Macht" sprach Mielke jeden Tag, manche sagen: jede Stunde
Er blieb ein Feldwebel, auch als er längst DDR-General war
"Wir müssen alles erfahren, nichts darf an uns vorbeigehen"
* Im Berliner Landgericht, mit seinem Anwalt Gerhard Graubner (r.). * Oben: mit DDR-Politikern Honecker, Ulbricht, Stoph 1970; unten: am 4. November 1989. * Handballmannschaft des Arbeitersportvereins "Fichte", um 1929. * Mit Jagdfreund Markus Wolf (3. v. r.).
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 11/1995
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