13.03.1995

GeschichteAngemessen großartig

Schauerstück zum Erinnerungsjahr: Hamburger Theaterleute bringen die Geschichte der NS-Schreckensgestalt Ilse Koch auf die Bühne.
Von heute aus beurteilt, sah Ilse Koch nicht besonders erotisch aus. Das Gesicht zu derb, die Figur zu plump, die Kleidung zu provinziell. Aber damals, vor 50, 60 Jahren, waren Männer wild nach ihr. Und sie war süchtig nach potenten Kerlen, gierig auf Luxus und Lust.
Soweit stimmen alle Zeugen überein, die Ilse Koch beschreiben. Unklar ist dagegen, wie viele Menschen die Ehefrau des KZ-Kommandanten von Buchenwald auf dem Gewissen hat.
Ilse Koch ging als "Hexe von Buchenwald" (The Times) in die Nachkriegsgeschichte ein: als junge Frau, die wehrlose Leute im Vorübergehen blutig peitschte; als Familienmutter, die zum eigenen Vergnügen KZ-Häftlinge totschikanierte; als attraktive Rothaarige, die angeblich Männern die Haut abziehen und Lampenschirme daraus fertigen ließ. Dreimal wurde Ilse Koch der Prozeß gemacht. 1967 hat sie sich im Gefängnis erhängt. Nun ist sie wieder da.
Auferstanden aus Gerichtsprotokollen, Augenzeugenberichten, Selbstzeugnissen, steht "Die Kommandeuse", wie sie im Konzentrationslager Buchenwald angstvoll genannt wurde, vom kommenden Freitag an auf der Bühne - als Kunstfigur im Zentrum eines Einpersonenstücks. Das Projekt der Schauspielerin Gilla Cremer und des Regisseurs Johannes Kaetzler gehört zu einer Aufführungsreihe der Hamburger Kampnagelfabrik, die unter dem Titel "Memory" an Krieg und Faschismus erinnert.
Anderthalb Stunden zitiert Gilla Cremer, 38, aus Briefen an und von Ilse Koch, rezitiert schwülstige Reime der Hobbydichterin, die sich mit Goethe verglich. Und in der Rolle der reuelosen Angeklagten beteuert sie stereotyp ihre Unschuld: "Ich habe ein reines Gewissen. Ich habe immer versucht, meinem Mann und meinen Kindern eine gute Familienmutter zu sein."
Nazi-Greuel haben bereits andere auf der Bühne dargestellt, von Peter Weiss ("Die Ermittlung") über Heinar Kipphardt ("Bruder Eichmann") bis Joshua Sobol (im Musical "Ghetto"). Als Gilla Cremer im vergangenen Jahr von Ilse Koch erfuhr, schämte sie sich, weil ihr der Name nichts sagte. Eva Braun, Leni Riefenstahl, die angeklagten Aufseherinnen im Majdanek-Prozeß - nur wenige Frauen fielen in der uniformen Führungsriege der NS-Männerbünde auf.
Noch weniger bekannt sind Namen und Gesichter von Sympathisantinnen, Denunziantinnen, all jenen Kalfaktorinnen des Faschismus, die das NS-Regime durch Stillhalten stützten.
Furchterregend an Ilse Koch erscheint heute vor allem ihre Durchschnittlichkeit. Sie hatte im Dritten Reich weder einen Auftrag noch eine offizielle Funktion. Aus Neigung und Gelegenheit wuchs die Stenotypistin zu einer der Schreckensgestalten des Nationalsozialismus - fast beiläufig, so wie sie vier Kinder bekam. Der von Hannah Arendt geprägte Begriff der "Banalität des Bösen" findet in Ilse Koch eine weibliche Symbolfigur.
Es waren nicht ihre Gewalttaten allein, die Entsetzen auslösten. Die Persönlichkeit der "meistgehaßten Frau der Welt" (Newsweek) und die Tatsache, daß sie eine Frau war, steigerten den Ruf nach Vergeltung ins Irrationale. Das Volksempfinden forderte Rache, als sei mit einer Hexenverbrennung das Böse aus der Welt zu schaffen.
Dabei wollte die Handwerkertochter, 1906 in Dresden als Ilse Köhler geboren, zunächst einfach raus aus ihren miefigen Verhältnissen. Schon als Kind galt sie als äußerst ehrgeizig und willensstark. Das Familienalbum zeigt sie bei der Gymnastik, beide Beine kerzengerade in den Himmel gereckt, Text: "Ilse bei der Dressur."
Das Rüstzeug für ihren Aufstieg stammt aus dem Arsenal der Zukurzgekommenen: Bauernschläue gepaart mit Geltungssucht. Ihr Selbstwertgefühl gewinnt sie aus der Abwertung anderer - ein Verfahren, sagt Gilla Cremer, "das heute wieder gerne angewendet wird".
Ilse Köhler versteht, sich zu verkaufen. Sie blufft perfekt. Aus ihrem Volksschulabschluß macht sie einen Gymnasialbesuch, aus einer unbezahlten Lehre wird eine "Ausbildung zur Bibliothekarin", ein paar Jobs als Tippse hebt sie zur "Sekretärin in führenden Industriekonzernen". Ilses Motto: "Man muß verstehen, mit seiner Zeit zu gehen." Schon 1932, vor Hitlers Machtergreifung, tritt sie in die NSDAP ein.
Als sie den SS-Mann Karl Koch heiratet, nimmt sie von Reichsführer SS Himmler einen Leuchter entgegen: "Zum Zeichen des neuen gemeinsamen Blutstroms", heißt es in dem Hamburger Stück, "entzünden wir das Licht." Um Mitternacht in einem Eichenhain steht die Braut auf einem Foto im geblümten Abendkleid neben dem Bräutigam in Uniform mit Paradesäbel. Zwischen Runensteinen erhellen Kameraden des Totenkopfverbandes in Schaftstiefeln und Stahlhelmen mit Pechfackeln die Szene. Und Ilse spürt: "Wir sind das Universum."
Ihr Mann ist fast zehn Jahre älter, untersetzt, wenig erfolgreich in diversen Jobs. Er gilt als gefühllos und unberechenbar. Aber in der SS-Hierarchie ist er wer: Obersturmbannführer Koch. Warum die flotte Ilse Köhler diesen verkrachten Typen, den geschiedenen Vater von zwei Kindern, ihren attraktiveren Freunden vorgezogen hat? Die SS-Männer, erinnert sich die Frau auf der Bühne, "sahen einfach umwerfend gut aus in ihren Uniformen, sehr gut geschnitten, dunkel und doch voller Glanz". Aber es war mehr: Die junge Frau suchte Halt und Perspektive. "Ich wollte mich an etwas binden, das groß und wesentlich war."
1938 zeigt das Fotoalbum eine Mutter, die ihren Sohn herzt, Bilder wie aus den Alben vieler unbescholtener Großmütter. Sie nennt ihn "Artwin, mein kleiner Ritter". Die Familie wohnt in einer Villa im KZ Buchenwald. Koch ist dort jetzt Kommandant.
Sechs Zimmer, ein Balkon, ein großes Bad mit Wanne, ein Weinkeller. Sonnenuntergang im Wintergarten, französischer Rotwein, Weidenkätzchen auf dem Glastisch. Wenn Besuch da ist, singt Ilse Koch: "In mir tobt's wie ein Orkan." Laut Häftlingsaussagen trug sie "absichtlich Kleidung, die die Gefangenen erregen sollte" - kurze Röcke, durchsichtige Blusen, keine Unterwäsche. Wenn einer sich nach ihr umsah, machte sie "obszöne Bemerkungen zu den Gefangenen" und drohte Strafe an.
In der Hamburger Aufführung trägt die Kommandeuse einen mondän gealterten Morgenmantel; unter einem hautbeige Kleid blitzt ab und zu ein roter Unterrock. Darstellerin Cremer bewegt sich sparsam, spreizt geziert die Hände zum Text wie zu einer monotonen Musik. Nur nicht zuviel - sie will diese Person weder verharmlosen noch künstlerisch dämonisieren. Die inbrünstigen Worte wirken grotesk genug. "Unser Lebensstil", sagt sie, "muß repräsentativ sein; schlicht, aber großartig - angemessen dem Werk, das wir vollbringen."
Das Werk, das sie vollbrachten, war genauso mörderisch wie in allen Konzentrationslagern. Gefangene wurden totgeprügelt, vergiftet, und mit herausgebrochenen Goldzähnen trieb Koch einen einträglichen Handel. Doch der Kommandant bereicherte sich selbst derart unverschämt, daß die NS-Oberen ihn 1944 zum Tode verurteilten und kurz vor Kriegsende hinrichteten.
Ilse Koch, da war SS-Richter Karl Morgen sicher, glich ihrem Mann vollkommen an "Gier, Arroganz und Grausamkeit". Nach Gesprächen mit Häftlingen waren die Ermittler überzeugt, daß die Kommandeuse Gefangene mit der Reitpeitsche verprügelt hatte. Andere ließ sie durch Stockschläge bestrafen, was etliche der geschwächten Insassen nicht überlebten.
Die Mißhandlungen waren Ilse Koch jedoch nicht zu beweisen. Nach ein paar Monaten kam sie frei.
Als der Krieg vorbei war, hörten die Amerikaner von der "rothaarigen, grünäugigen Hexe" - laut Ausweis war sie blond und hatte graublaue Augen. Es hieß, sie habe zu allem anderen tätowierte Häftlinge töten lassen, um aus der Haut Lampenschirme, Handschuhe, Buchumschläge fertigen zu lassen - die Gegenstände wurden jedoch nie gefunden.
Sensationsreporter berichteten über sexuelle Ausschweifungen und sadistische Exzesse. 1947 verurteilten die Amerikaner Ilse Koch zu lebenslangem Zuchthaus - der Todesstrafe entging sie vermutlich, weil sie in Untersuchungshaft schwanger geworden war.
Ein amerikanischer General, beauftragt, alle Urteile gegen Kriegsverbrecher zu prüfen, zweifelte an der Fairness des Verfahrens. Zeugen hatten ausgesagt, sie seien von US-Ermittlungsbeamten unter Druck gesetzt worden. Aussagen widersprachen sich und hoben einander auf.
General Lucius D. Clay wandelte das Urteil gegen Ilse Koch in vier Jahre Gefängnis um. In Deutschland und Amerika demonstrierten Tausende gegen die weibliche "Bestie", auf Transparenten ging es immer wieder um die Lampenschirme aus Menschenhaut. So wurde Koch nach der Entlassung aus US-Haft von den Deutschen vor Gericht gestellt. Das Urteil: lebenslänglich.
SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz schrieb, daß der Prozeß "von vornherein juristisch unter einem Unstern" stand. Worum es den Richtern ging, den amtlichen und vor allem den Millionen selbsternannten, faßte ein anderer Berichterstatter zusammen: "um die endgültige Widerlegung der Legende von der deutschen Kollektivschuld".
Das Hamburger Theaterprojekt, dem im nächsten Jahr ein zweiter Teil folgen soll, versucht sich nicht an juristischen Fragen zum Fall Ilse Koch. Vielmehr wollen Gilla Cremer und Regisseur Kaetzler jene Reaktion aus Abwehr und Beklemmung wachrufen, die diese Frau auslöst, weil ihre sadistischen Anteile durchaus nicht so einzigartig sind: "Es bedarf nur gewisser Umstände", sagt Cremer, "ob jemand wie sie seine Zerstörungskraft voll entfalten kann."
Einmal führt Ilse Koch auf der Bühne ein langes Selbstgespräch, zelebriert als müdes Stakkato. Sie redet vom Wind und von ihren Kindern, vom Gestank aus dem KZ, von einem Schaukelpferd und von ihren Liebhabern.
In solchen Momenten wirkt sie selbst wie eine Gefangene. Da gelingt die "Annäherung", die Regisseur Kaetzler will. Die Bestie - eine von uns. Y

DER SPIEGEL 11/1995
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