27.02.1995

FilmeMondlicht und Nebel

„Nell“. Spielfilm von Michael Apted. USA 1994.
Warum machen brillante Leute gelegentlich kläglich schlechte Filme? Warum übersehen sie, daß ihre Geschichte an geistiger Schlichtheit krankt? Warum versagen auf einmal all ihre Instinkte und all ihr Filmverstand?
Im Kino gewesen. "Nell" gesehen. Gerätselt.
"Nell" liegt der hochintelligenten Jodie Foster, die ihn als Produzentin und Hauptdarstellerin zu verantworten hat, am Herzen wie kein anderer Film. Mehrere Jahre hat sie mit seiner Planung verbracht. Sie selbst hat denjenigen gewählt, der an ihrer Stelle hinter der Kamera stehen durfte, den erfahrenen Filmemacher Michael Apted ("Nashville Lady", "Gorillas im Nebel").
Warum ist "Nell" dann nicht besser? Hat irgendein Hollywood-Tycoon im nachhinein noch daran herumgepfuscht? Nein, "Nell" sieht ganz genauso aus, wie Foster, 32, ihn gewollt hat.
Doch der vielschichtige Film, den sie im Kopf hatte, besitzt nur geringe Ähnlichkeit mit dem trivialen Waldnymphen-Idyll auf der Leinwand. "Nell" ist mit derart vielen hochfliegenden _(* Mit Liam Neeson, Natasha Richardson. ) Gedanken beladen, daß keiner von ihnen wirklich die Zuschauer erreicht. Der Star hat seinen Traumfilm ganz einfach zu Tode getüftelt und zu Tode geliebt.
Die Grundidee von "Nell" ist nicht neu, aber vielversprechend. Eine junge Frau wird von ihrer Mutter ohne Kontakt zur Außenwelt in den Wäldern North Carolinas aufgezogen. Nach dem Tod der Mutter wird Nell entdeckt, eine rätselhafte Waldfrau, die aggressiv auf Fremde reagiert, sich gelegentlich autistisch abkapselt und in einer unverständlichen Privatsprache brabbelt.
Ist sie krank? Geistesgestört? Das vermutet die Psychologin Paula (Natasha Richardson), die mit einer Fallstudie a la Kaspar Hauser ihre Karriere voranzutreiben hofft. Oder ist sie eine edle Wilde? Das will der Landarzt Lovell (Liam Neeson) glauben, der Nells einsames Blockhaus-am-See-Leben zum Idealzustand stilisiert.
Zwischen den beiden entbrennt ein Kampf um die Zukunft der jungen Frau. Ein Vierteljahr lang quartieren sich Lovell und Paula in Nells Umgebung ein. Sie erforschen Nells Alltag, versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre Geschichte aufzuklären. Am Ende soll entschieden werden, ob Nell bleiben darf oder in eine Anstalt gesteckt wird.
Der Kapitalfehler des Films: Er verklärt seine Hauptfigur ebenso, wie der Arzt Lovell es tut. Spätestens, wenn die nackte Nell am nachtblauen See tanzt, hat der Film alle Symbole einer altbackenen Naturlyrik abgerufen: Gegenlicht. Dunkler Wald und glitzerndes Wasser. Mondschein. Wallende Nebel.
Angestrengt weisen die Bilder immerzu auf ihre eigene Bedeutung hin: Nell ist Unschuld, ist die unverdorbene, erdverbundene, weise Urfrau der Wälder. Sie ist eine Idee, keine wirkliche Figur.
Dadurch verläppert der Film bald in Kalenderweisheiten von der inneren Kälte der Zivilisation und der reinigenden Kraft der Wildnis. "Ihr kennt große Dinge", predigt Nell am Ende einer gespannt schweigenden Menschenmenge, "aber ihr seht einander nicht in die Augen. Ihr sehnt euch nach Stille."
So fremd, so wild-sensibel ist Jodie Foster den Zuschauern nie zuvor entgegengetreten, nicht im Kannibalen-Thriller "Das Schweigen der Lämmer", nicht einmal in der Westernfarce "Maverick". Als Nell düpiert sie alle Erwartungen. Gerade die Kluft zwischen ihr und ihrer Rolle aber schadet dem Film, denn Fosters genau definiertes Star-Image - kühl, souverän, unabhängig - kommt der Figur immer wieder in die Quere.
Doch Jodie Foster wollte Nell unbedingt selbst darstellen, schon deswegen, weil die Figur einen extremen Gegenpart zu ihr selbst verkörpert: die Natur zu ihrer Kultur, die Unbedarftheit zu ihrem Wissen, den Körper zu ihrem Geist, die Zügellosigkeit zu ihrer Beherrschung. Durch Nell wollte sie erforschen, was sie an sich selbst vermißt.
Der Film war eine Therapie. Wenn Foster heute behauptet, sie habe während der Dreharbeiten gelernt, "sich gehenzulassen", klingt das wie ein Erfolgsbericht von der Arztcouch.
Aber läßt sie sich wirklich gehen? Jodie Foster hat zu Recht den Ruf eines "Schauspielapparats". Auch Nells Selbstvergessenheit spielt sie mit einem solchen Maß an Bewußtheit, daß sie noch Monate nach den Dreharbeiten ganz präzis bestimmte Gesten abzurufen vermag.
Foster ist eine Feinmechanikerin der Gesten und der Worte, äußerst punktgenau, aber auch immer ein wenig kalt. Sie läßt sich nie in eine Rolle fallen. Selbst wenn sie - wie allzuoft in "Nell" - eine tranceartige Haltung einnimmt, den Kopf zurückgelegt, die Augen geschlossen, wirkt das berechnet.
Darum kann "Nell" nie den Verdacht entkräften, daß die Zuschauer eigentlich nur Fosters fabelhafte Verwandlung bewundern sollen und der Star allein an den nächsten Oscar denkt. Foster will beeindrucken - und das gelingt ihr.
Warum machen brillante Leute gelegentlich schlechte Filme? Auch deshalb, weil sie gegen ihre eigene Eitelkeit nicht gefeit sind. Nicht einmal Jodie Foster.
Susanne Weingarten
* Mit Liam Neeson, Natasha Richardson.

DER SPIEGEL 9/1995
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