13.03.1995

IdoleDER BESSERE DEUTSCHE

Nach der Wende schien für den deutschen Sport ein goldenes Zeitalter anzubrechen. Doch viele DDR-Athleten verloren im offenen westlichen System Lust und Leistungswillen. Inzwischen ist einigen ostdeutschen Stars die Synthese von Drill und Marketing gelungen; sie gelten den einst so überheblichen West-Kollegen gar als Leitfigur.
In der letzten Stunde vor einem Länderspiel, wenn die Nervenanspannung die Kollegen wie paralysiert erscheinen läßt, schlendert Stefan Kretzschmar gern noch mal durchs Städtchen. Dann schaut er schnell im örtlichen Tattoo-Shop vorbei und versorgt sich im Tabakladen mit Zigaretten.
Wenn er wenig später neben all den adretten Nationalspielern der deutschen Hymne lauscht, wirkt der Typ mit den ausrasierten Schläfen und dem langen Haupthaar, der Tätowierung auf dem Arm und dem Ring im Ohr, als habe er sich verlaufen. Doch Kretzschmar, 22, geboren in Leipzig und reingewachsen in die Berliner Szene, ist gerade zum "Handballer des Jahres" gewählt worden. Und Bundestrainer Arno Ehret sagt: "Wir brauchen Typen, die Vorbildfunktion übernehmen."
Auf der Suche nach charakterstarken Persönlichkeiten der Fußball-Bundesliga gibt es für Winfried Schäfer, den Trainer des Karlsruher SC, nur einen Namen: "Matthias Sammer hat seine Dortmunder so im Griff, wie ich das nicht mal von Günter Netzer bei Mönchengladbach erlebt habe."
Der Dresdner Sammer, 22 Jahre lang erzogen im Staat der Gleichmacher - ausgerechnet so einer gilt jetzt als Nachfolger des größten aller fußballerischen Nonkonformisten in Deutschland?
Nach der Wende hatten viele Experten an eine goldene Zukunft für den deutschen Sport geglaubt. Franz Beckenbauer, schon damals eine Art Evangelist des Strafraums, erklärte die deutsche Nationalelf gleich auf Jahre für unschlagbar. Doch das Klischee vom Dauersieger aus dem Medaillen-Musterland wurde schon bald durch ein neues ersetzt, wonach Sportler der ehemaligen DDR knatschige, verhätschelte Muskelprotze sind, die dem alten Gängelband nachgreinen wie das Muttersöhnchen dem Rockzipfel.
Aber jetzt gibt es Kretzschmar und Sammer - und sie sind nicht allein. Im Kampf um Pfründe und Popularität beharken sich zwar die meisten Athleten aus Ost und West auch gut fünf Jahre nach dem Mauerfall noch, als befänden sie sich im Klassenkampf.
Einige Stars jedoch haben die ideologischen Vorbehalte abgeschüttelt und wagen die Synthese zweier unterschiedlicher Sportsysteme. "Ich hatte doch eine einmalige historische Chance", sagt Susanne Lahme, 26, in Italien tätige Volleyball-Nationalspielerin aus Ost-Berlin, "ich profitiere doch vom Osten wie vom Westen."
Es scheint, als werde dem Kanzler, wenn schon nicht bei den "blühenden Landschaften", so doch in einer kleinen Nische des vereinten Deutschlands ein Herzenswunsch erfüllt. Helmut Kohl, der Ehrenkapitän des Deutschland-Achters, hatte sich von den Sportlern gewünscht, sie möchten "die Einheit Deutschlands als etwas Selbstverständliches leben". Am Montag abend vergangener Woche hatte der Kanzler dann einen Athleten zu Besuch, dessen Popularität reicht, das lästige Milliardengrab Ost für eine Weile beim Small talk zur deutschen Einheit vergessen zu machen: Boxweltmeister Henry Maske, 31. "Ich fühle mich", sagt der Kohl-Gast aus Frankfurt/Oder, "nicht mehr als Ostdeutscher. Ich bin gesamtdeutscher Bürger."
Der Ossi als der bessere Deutsche, so weit mochte der Kanzler nicht gehen. Doch daß die so lange verspotteten Ossis inzwischen die besseren deutschen Sportler sind, dafür gibt es etliche Beispiele.
Susanne Lahme wird als einzige deutsche Volleyballerin von internationalem Format gefeiert, von Kretzschmar erwartet Bundestrainer Ehret die Wiederbelebung des maroden deutschen Handballs, und Sammer, 27, hat Mannschaftskapitän Lothar Matthäus die Führungsposition in der Nationalelf längst abgenommen.
Was vielen Menschen nach der Wende zum Nachteil geriet, ihr Leben und Lernen jenseits der Mauer, konnten Sportler auf der Haben-Seite verbuchen. Profunder als in den Kinder- und Jugendsportschulen (KJS), den Ganztagesstätten der Körperkultur, hätte die sportliche Ausbildung nicht sein können. "Meine gesamten technischen und kämpferischen Fähigkeiten habe ich in der DDR gelernt", sagt Kretzschmar.
Über die antrainierte körperliche Fitneß hinaus wurden DDR-Athleten von klein auf zu einer ernsthaften Einstellung zum Sport gedrillt. Was talentierte Kinder im Westen als Freizeitbeschäftigung betrieben, wurde im medaillengierigen Osten zur Hauptsache: Sport, so lernten die für den Staatsauftrag ausgewählten Jugendlichen, ist das Wesentliche. Schule, Lehre und Beruf hatten sich den Erfordernissen des Trainingsbetriebs unterzuordnen.
Ohne die daraus resultierende hohe Arbeitsmoral wäre es etwa der Eiskunstläuferin Katarina Witt kaum gelungen, nach ihrer fünfjährigen Wettkampfpause bei den Winterspielen in Lillehammer ein glanzvolles olympisches Comeback inmitten der meist zehn Jahre jüngeren Sprungakrobatinnen zu feiern. "Der alte Ehrgeiz war wieder da", erklärte die Chemnitzerin ihre Energieleistung.
Die Beharrlichkeit ehemaliger DDR-Sportler bringt manche Trainer der alten BRD ins Staunen. Als Franziska van Almsick, 16, beim Trainingslager in Florida über Erschöpfung klagte, zeigte ihr westlicher Aushilfstrainer Michael Lohberg Verständnis und erließ der Schwimm-Weltmeisterin den Rest des Tagespensums. Van Almsick lehnte erbost ab: "Ich muß doch machen, was auf dem Trainingsplan steht."
Selbst Matthias Sammer, der als Star von Borussia Dortmund nach den Branchengesetzen einen Sonderstatus beanspruchen könnte, überrascht seine Chefs mit selten erlebter Vereins-Identifikation. Obwohl krank geschrieben und in Stuttgart kurend, meldete er sich in der Winterpause mehrfach telefonisch bei seinem Arbeitgeber. "Ich glaube schon", sagt Handballer Kretzschmar, "daß wir Ostler eine professionellere Einstellung haben als die meisten West-Athleten."
Anders als ihre unsportlichen Genossen, waren die DDR-Athleten auf den sportiven Darwinismus westlicher Prägung bestens vorbereitet. Er habe vieles anders gemacht und sei doch ans Ziel gekommen, meint Sammer, "das formt das Durchsetzungsvermögen". "Die Ellenbogengesellschaft", sagt Maske, "existierte im Sport auch im Sozialismus." Beim Schritt in die neue Welt, merkte der Boxer schnell, "blieb doch das grundsätzliche Prinzip gleich: Es gibt Lohn für Leistung".
Im Gegensatz zu Politik oder Wirtschaft, die die muffige Enge der sozialistischen Familie nie sprengen konnten, war der ostdeutsche Sport dem internationalen Vergleich ausgesetzt - und weil er konkurrenzfähig war, erkannten die Sieger ihren Wert. "Uns anzubiedern oder gar zu kuschen", sagt Kretzschmar, "hatten wir nicht nötig."
Die hervorstechendste Eigenschaft seines Sohnes, sagt Vater Klaus Sammer, sei stets gewesen, daß "er sich selbst wehren konnte". Davon mochte der Kicker, der sich jetzt immer häufiger dabei ertappt, seine Heimat als "sogenanntes Ostdeutschland" zu bezeichnen, auch als Profi nicht lassen. In Stuttgart kämpfte er um seine Reputation, in Mailand gegen ignorante Trainer und Funktionäre, in der Nationalelf gegen einen unsensiblen Bundestrainer Berti Vogts und in Dortmund schließlich um die Anerkennung, 8,5 Millionen Mark Ablösesumme wert zu sein.
Endgültig gewonnen hatte der Dortmunder Libero, als er sich im Spiel in Mönchengladbach die bei einem Zusammenprall aufgeplatzte Augenbraue an der Außenlinie mit einem Tacker zusammenheften ließ - und weiterrackerte. Blut, Schweiß und Tränen, Sammer hat''s schon immer gewußt, sind allemal lohnender als jene Lebensreihe, der er schon in der DDR entkommen wollte und die er so beschreibt: "Spieler - Trainer - Rente - Sterben."
Auch Handballer Kretzschmar macht die eher untypische DDR-Vita für seine heutigen Erfolge verantwortlich. Gerade in "einer Hierarchie, die alles Denken und Handeln vorschreibt", habe er improvisieren müssen, um seine Eigenständigkeit zu bewahren. Ansonsten, so Kretzschmar, der mit 16 eine eigene Wohnung bezog und als flippiger Szene-Gänger den Zorn seiner Trainer erregte, "wäre ich auch vom Alltagssog in die Bequemlichkeit gerissen worden".
Die Lust auf Selbstbestimmung und Neuorientierung unterscheidet sie vom Gros ihrer Kollegen. Nicht von ungefähr ist Sammer von rund 70 ostdeutschen Fußballprofis der einzige, der wirklich den Gipfel erreicht hat. Die Neu-Leverkusener Ulf Kirsten oder Andreas Thom, den sie in Berlin den "Meßdiener Mielkes" nannten, haben den großen Sprung, obwohl ebenso talentiert, nie geschafft.
Die Individualisten von einst haben heute weniger Schwierigkeiten, sich anzupassen, als die früheren braven Anpasser. "Den meisten meiner ehemaligen Mitspielerinnen", sagt Volleyballerin Lahme, wegen ihrer Ausbrüche aus dem KJS-Drill als "Susi Sorglos" getadelt, "geht es wie in einer langen Ehe. Sie jammern über die Eintönigkeit, wagen aber keinen Neuanfang." _(* Im Bundeskanzleramt am vorigen Montag. )
Nur wenige, die es sich in der Rundum-Versorgung des DDR-Sports bequem gemacht hatten, bewältigten die neuen Herausforderungen. Heike Drechsler, 30, die als "Kind unserer Republik" im Weitsprung "Kampfaufträge" erfüllte und in der Volkskammer saß, leistete etwa störrisch Widerstand gegen gesicherte Erkenntnisse ihrer Doping-Vergangenheit. Sie fühlte sich so verfolgt, daß sie schon überlegte, "nach Österreich auszuwandern".
Da rutschte ihr nach dem Weltmeistertitel in Stuttgart angesichts des freundlichen Beifalls eher versehentlich heraus, sie habe wohl "auch für Deutschland gewonnen". Angesichts der Zuneigung, die daraufhin über sie hereinbrach, kamen ihr die Tränen - in dem Moment war eine neue gesamtdeutsche Heldin geboren.
Die Eisschnelläuferin Gunda Niemann, 28, sah ihre Erfolge von Sponsoren lange nicht gebührend gewürdigt, bestand andererseits aber auf einer Geheimnummer, um "nicht von irgendwelchen Interessenten belästigt zu werden". Dann strauchelte sie bei Olympia in Lillehammer gleich in der ersten Kurve und galt als Versagerin, die dem Druck nicht standhalten könne. Die bis dahin schlicht-fröhliche Gunda entschloß sich aus eigenem Antrieb zur Radikalkur, wechselte ihre Trainer und kehrte als Seriensiegerin auf die Eisbahn zurück. Mit knapp einer halben Million Mark Jahreseinkommen ist sie inzwischen die bestbezahlte Eisschnellläuferin der Welt.
Die Sieger des Umschwungs heben sich aber längst nicht nur von ihren ehemaligen Kollegen ab. Er habe im Westen, sagt Maske, Weltoffenheit, gesunden Egoismus und Lockerheit hinzugelernt. Mit der Schnittmenge aus den positiven Lehrinhalten des Ostens und des Westens sind sie gegenüber ihren westdeutschen Konkurrenten eindeutig im Vorteil. Mit den Tennisspielern Steffi Graf, Boris Becker, Michael Stich und dem Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher haben die alten Bundesländer Idole fast nur noch in Sportarten zu bieten, die in der DDR verpönt waren.
Jahrelang gewohnt, als Rad im gesamtgesellschaftlichen Getriebe zu funktionieren, neigt allerdings keiner der neuen Stars dazu, seine Position überzubewerten. Früher, sagt Sammer, habe er wie alle anderen in seiner Mannschaft ein Grundgehalt von 1400 Mark erhalten. "Heute bin ich für meinen Vertrag und meine Leistung selbst verantwortlich, ich bin Individualsportler in einem Team." Daß dies Borussia Dortmund zwei Millionen Mark wert ist, hält er für selbstverständlich.
Aus der Souveränität heraus weiß selbst die noch jugendliche Franziska van Almsick instinktsicher, was von ihr in der Öffentlichkeit erwartet wird. Als sich bei den Europameisterschaften in Sheffield ihre Staffel-Kolleginnen in der Pressekonferenz genervt von den Journalisten auf dem Podium rumlümmelten, beantwortete die Jüngste im Kreis geduldig selbst die dümmsten Fragen: "Ich weiß zwar nicht, ob Ihre Leser das interessiert, aber bitte, der neue Badeanzug kneift nicht."
Erzogen, sich "neue, höhere Ziele zu setzen" (Maske), suchen einige der gesamtdeutschen Idole bereits das Weite. Kretzschmar, der, wenn es denn möglich wäre, "gerne mal mit Josef Stalin essen gehen würde", um zu klären, warum der "soviel am Sozialismus kaputtgemacht hat", wäre Angeboten aus Frankreich oder Spanien zugetan. Susanne Lahme erwägt gar einen Wechsel nach Brasilien.
Nur der frühere Staatsamateur Henry Maske stellt sich einer neuen Herausforderung im eigenen Land und probt den Widerstand gegen die alles nivellierende und jede Ecke abschleifende Medien- und Sponsorengesellschaft. Allen Glorifizierungen zum Trotz möchte er akzeptiert werden, wie er sich selber sieht: als eine "Mixtur aus preußischem Sozialismus und Kleinbürgertum, gespickt mit einem Schlag Kapitalismus". Y
"Auch im Sozialismus existierte im Sport die Ellenbogengesellschaft"
"Sie jammern über Eintönigkeit, wagen aber keinen Neuanfang"
* Im Bundeskanzleramt am vorigen Montag.

DER SPIEGEL 11/1995
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