02.01.1995

Aufgeregter Samariter

Eine Expertise des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger, die nahelegt, daß ein Unbekannter Uwe Barschel das tödliche Gift verabreicht haben soll, spricht nicht zwangsläufig für Mord. Wenn wirklich jemand bei Barschel war, als er starb, muß das nicht unbedingt ein Killer gewesen sein.
Es könnte sich auch um einen Sterbehelfer gehandelt haben, der dem schleswig-holsteinischen Christdemokraten in dessen letzten Stunden beigestanden hat. Die Geschichte eines aufgeregten Samariters würde ebenso das Durcheinander in Barschels Hotelzimmer erklären wie auch das flüchtige und unprofessionelle Beseitigen von Spuren.
Die Lübecker Staatsanwälte wollen sich deshalb schon in der nächsten Zeit sämtliche verfügbaren Akten über die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) in Augsburg besorgen. Präsident der DGHS war 1987 Hans Henning Atrott, der das Recht auf den eigenen Tod zum Vereinszweck gemacht hatte. Atrott wurde 1994 wegen Handels mit Zyankali und Steuerhinterziehung verurteilt.
Unter den zeitweise 57 000 Mitgliedern des Sterbevereins zirkulierte eine Broschüre, die - als "kombinierte Methode 1: Schlafmittel und Wasser (im Bad)" - die Anleitung gab, nach der Barschel gestorben ist.
Atrott, dessen Verein in schätzungsweise 6000 Fällen ermöglichte, daß "jemand seinen Willen verwirklichen konnte" (Atrott), hat allerdings jede Hilfe im Fall Barschel heftig bestritten.
Fest steht: Im Auftrag Atrotts waren damals sogenannte Todesengel mit Pillen und Rezepturen unterwegs - Spezialisten im Töten aus Mitleid. Aber in keiner der sichergestellten Todeskladden taucht der Name Barschel auf. Für Hinweise auf eine Art Eliteeinheit von ausgewählten Sterbehelfern aus dem süddeutschen Raum, die prominenten Selbstmördern beigestanden haben soll, gibt es keine Belege.

DER SPIEGEL 1/1995
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