06.02.1995

„Der macht sich wichtig“

DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski und CSU-Chef Franz Josef Strauß waren in Verwirrung vereint.
In der SED-Führung, berichtete Schalck dem bayerischen Ministerpräsidenten am 2. November 1983 in dessen Münchner Wohnung, gebe es Zweifel, ob Strauß noch der richtige Gesprächspartner für Kreditverhandlungen mit der DDR sei. Aus Bonn habe man Signale empfangen, "daß Ihre Stellung und Ihre Vollmachten beeinträchtigt wurden, was zu gewissen Zweifeln auf unserer Seite führte".
Der CSU-Mann tobte. Dieses Hin und Her in der CDU-geführten Regierung sei "ein Armutszeugnis für das Bundeskanzleramt". Strauß sei, notierte Schalck, "sehr erregt gewesen".
Grund für die Empörung war der Sozialdemokrat Karl Wienand. Der hatte sich hinter Straußens Rücken der DDR als Kreditvermittler angedient. Der angebliche Stasi-Spion Wienand, so die bizarre Aktenlage, hat bei diesem geplanten Deal nicht nur Strauß, sondern die Stasi gegen sich aufgebracht.
Der Vorstoß Wienands war Thema in den obersten Etagen des grauen Molochs in der Ost-Berliner Normannenstraße. Erich Mielke konferierte über die Extratour des Rheinländers mit Markus Wolf, dem Spion der Spione. "Der macht sich nur wichtig", sagte Mielke.
Wienands Plan, der chronisch devisenknappen DDR einen Milliardenkredit zu vermitteln, war schon zu Helmut Schmidts Zeiten entstanden. Gemeinsam mit dem Züricher Banker Holger Bahl und dem DDR-Ökonomen Jürgen Nitz, bis zum Ende der DDR als Berater von Außenhandelsminister Gerhard Beil aktiv, hatte Wienand das sogenannte Züricher Modell entworfen (SPIEGEL 12/1993).
Unbemerkt von der Öffentlichkeit, so der damalige Plan, könnten beide deutsche Staaten in der Schweiz eine gemeinsame Finanzierungsgesellschaft gründen. Über dieses Joint-venture sollte sich das Schuldenland DDR diskret am internationalen Finanzmarkt mit Krediten bis zu fünf Milliarden versorgen - die reiche Bundesrepublik wollte für Bonität bürgen.
Im Gegenzug sollte die SED die Mindestumtauschsätze für westdeutsche DDR-Besucher senken. Das Ausreisealter für Ost-Rentner - 65 Jahre - hofften Wienand & Co. um fünf Jahre zu senken.
Neue Aktenfunde der Gauck-Behörde belegen jetzt, daß Wienand, sehr zum Ärger von Strauß und Stasi, ab 1982 mit der frischen Kohl-Truppe im Kanzleramt kooperierte.
Die Wienand-Offerte lag im Wettstreit mit dem Strauß-Angebot, der DDR durch ein Bankenkonsortium unter Führung der Bayerischen Landesbank einen Milliardenkredit einzuräumen. Über "hochstaplerische Aktivitäten" der Bonner Kredit-Konkurrenz beklagte sich Strauß bei Schalck im Mai 1983.
Die Stasi half bei der Lösung des Problems auf traditionelle Weise. Der Posteingang von Wienand-Freund Nitz wurde kontrolliert, dessen Reisen in die Bundesrepublik wurden überwacht. Die zur Kontrolle des Außenhandels eingeschaltete MfS-Hauptabteilung XVIII machte sich daran, Bahl zu beschatten.
In einem am 8. Mai 1986 als "Streng geheim!" klassifizierten Dossier wurde Wienand-Helfer Bahl als DDR-Gegner eingestuft. Zwar versuche er eine "loyale Einstellung gegenüber der DDR" zu bekunden, in Wahrheit aber verberge sich hinter der "geheuchelten Maske eines Biedermannes" ein Mann, der "mit dem Bundesnachrichtendienst zusammenarbeitet und in dessen Auftrag handelt". Bahl bestreitet beides.
Franz Josef Strauß siegte am Ende. Der Milliardenkredit wurde abgeschlossen. Das Züricher Modell blieb nur eine Idee. Die große Ost-West-Bank, für deren Verwaltungsrat Wienand vorgesehen war, kam nie zustande.
Lange nach der Wende, am 20. April 1994, waren Nitz und Wienand als Zeugen vor dem Münchner Schalck-Ausschuß geladen. Die Unterhändler von einst plauschten friedlich miteinander.
Beim gemeinsamen Abendessen im Hotel Vier Jahreszeiten gingen die beiden vormaligen Emissäre vom Sie aufs Du über. Endlich gestand Genosse Karl dem Ex-Partner Jürgen das Motiv für sein Bemühen: "Mir ging es vor allem um die Wahrnehmung meiner Geschäftsinteressen."
Das hatte schon Wolf geahnt. "Wienand", teilte er Mielke mit, "schaltet sich nur wegen der Provision ein."

DER SPIEGEL 6/1995
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