20.03.1995

KriminalitätGeld und Freunde

Der ehemalige Südmilch-Chef wurde in Paraguay verhaftet. Er hat nicht viel zu fürchten.
Mit der Justiz hat Wolfgang Weber schon reichlich Erfahrungen gemacht. Über mangelnden Respekt der anderen Seite konnte sich der eloquente ehemalige Südmilch-Chef nie beklagen.
1988 wurde Weber zum erstenmal verhaftet, wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung. Gegen acht Millionen Mark Kaution kam er nach wenigen Stunden wieder frei. "So einen wie Sie hätten wir gern noch behalten", verabschiedete der Wärter den Manager ohne jede Ironie.
Vorvergangenes Wochenende wurde Weber wieder verhaftet, dieses Mal in Paraguay. Dorthin hatte er sich im Sommer 1993 abgesetzt. Zuvor mußte Südmilch Vergleich anmelden, und die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen den ehemaligen Molkereichef wegen Betrugs. Der Manager soll Bilanzen manipuliert und die Aktionäre des Unternehmens geschädigt haben. _(* Bei der Verhaftung auf seiner Ranch. )
Nun, über ein Jahr nach dem Haftbefehl, kam die Polizei und brachte Weber von seiner Hazienda nach Asuncion. Dort steht das berüchtigte Gefängnis Tacumbu, ein besonders verrufener Knast. Doch eine Zelle hat Weber nie gesehen. Zunächst wohnte er wie ein Gast im Polizeipräsidium, dann wurde er in die nahe gelegene Privatklinik Rigoberto Caballero verlegt. Ein Arzt hatte ihn haftunfähig geschrieben.
Daß Weber überhaupt verhaftet wurde, werten die deutschen Strafverfolger schon als Erfolg. Ob sie des Managers aber jemals habhaft werden, ist fraglich: Der Schwabe mit dem herrischen Auftreten besitzt angeblich die paraguayische Staatsbürgerschaft.
Schon Webers Vater Karl hatte sein beträchtliches Vermögen in dem lateinamerikanischen Land angelegt. In den sechziger Jahren kaufte er Land im Gran Chaco, 600 Kilometer nördlich von Asuncion.
Sein Sohn Wolfgang übernahm die Familiengeschäfte 1974, von da an blühte das Anwesen in Paraguay auf - zu Lasten des deutschen Staates. Die Ranch im Gran Chaco erwirtschaftete über ein ausgeklügeltes System miteinander verflochtener Firmen gewaltige Scheinverluste, die Weber und seine Freunde zu Hause steuermindernd geltend machten.
Es dauerte lange, bis das Finanzamt dem Manager auf die Schliche kam, und noch viel länger, bis die Justiz aktiv wurde. Am Ende kam Weber mit einer Haftstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf Bewährung, sowie einer Geldstrafe und Buße von 2,3 Millionen Mark äußerst glimpflich davon:
Seinem Ruf als Manager schadete das Verfahren nicht, den Molkereikonzern Südmilch durfte er weiterhin wie ein absoluter Herrscher führen. Erst als er in den Aufsichtsrat wechselte, stellte sich heraus, daß der Milchkonzern jahrelang am Rande des Ruins gewirtschaftet hatte. Die Verluste wurden jedoch durch Bilanzmanipulationen verdeckt.
Im Juli 1993 blieb Südmilch nur der Vergleich, der holländische Campina-Konzern übernahm die schwäbische Milchfirma. Die Tochtergesellschaft Sachsenmilch, die von der Deutschen Bank als erste ostdeutsche Aktiengesellschaft an die Börse gebracht worden war, mußte Konkurs anmelden. Allein der Deutschen Bank entstand ein Schaden von mindestens 32,5 Millionen Mark. Außer Bilanzmanipulationen werden Weber Untreue und Kreditbetrug vorgeworfen.
Seit er sich aus der Heimat abgesetzt hatte, lebte Weber unbehelligt auf seiner Farm Remonia im paraguayischen Chaco. Dort züchtete er Rinder und Rassepferde. Das Anwesen von rund 100 000 Hektar gilt in der Gegend als Modellfarm. Die Ranch hat eine eigene Landepiste für Propellerflugzeuge und fünf klimatisierte Swimmingpools.
Offenbar bewirtete Weber dort auch einflußreiche Freunde. Die Polizei fand Bilder, die ihn mit Armeechef General Lino Cesar Oviedo Silva und dem ehemaligen Präsidenten General Andres RodrIguez zeigen.
Wer solche Freunde hat, muß sich in Paraguay nicht fürchten. Und mit Geld läßt sich in dem lateinamerikanischen Land ohnehin fast alles regeln.
Kaum war Weber von einer Spezialeinheit festgenommen, wurde der Fall einem anderen Richter übergeben. Der prominente Deutsche wurde auf Anordnung des Richters Nelso Mora verhaftet, der für polizeiliche Untersuchungen in Chaco zuständig ist. Der oberste Gerichtshof entwand diesem jedoch den Fall und übergab ihn dem Richter Miguel Angel Monges. Der ist für Auslieferungen verantwortlich.
Monges sagt, das Auslieferungsverfahren sei noch in einem Vorstadium. Er prüfe zur Zeit, ob Weber überhaupt ausgeliefert werden dürfe und ob Webers paraguayische Papiere gefälscht seien. Weber habe auch keinen paraguayischen Paß, sondern eine sogenannte cartera de nacionalizacion. Dieses Dokument belege nur, daß seine Einbürgerung bearbeitet werde, es sei eine Art vorläufiger Personalausweis.
"Wir werden das Auslieferungsverfahren mit formalen Mitteln anfechten", sagt Webers Rechtsvertreter Jose Emilio Gorrostiaga, einer der besten und teuersten Anwälte des Landes. Y
* Bei der Verhaftung auf seiner Ranch.

DER SPIEGEL 12/1995
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