30.01.1995

Palästinenser„Märtyrer sterben nicht“

Kein Mensch fährt nach Schadschaja, wenn er nicht unbedingt muß. Das schlammige Viertel am Stadtrand von Gaza ist noch trostloser als der Rest der zerlumpten Stadt. Doch heute scheint jeder nach Schadschaja zu wollen.
Wo die Menge sich am dichtesten drängt, flattern hoch über den Köpfen Wimpelreihen in den Farben Palästinas: Schwarz-Weiß-Grün-Rot. Aus scheppernden Lautsprechern dröhnt Musik, der Platz hängt voller Transparente. Schadschaja feiert ein Freudenfest - den Tod von Anwar Mohammed Sukkar.
Gestern noch war der 23jährige ein Namenloser, heute ist er ein Märtyrer, beneidet und geliebt. Gestern hat sich Anwar Sprengstoff um den Bauch gebunden und - gemeinsam mit einem Kampfgenossen - an einer Straßenkreuzung bei Netanja 19 Israelis in den Tod gerissen. Heute ziert sein Porträt, auf ein großes weißes Laken gemalt, die Vorderseite des Elternhauses.
Sein Vater Mohammed, 49, weiß immer noch nicht, wie ihm zumute sein soll. Als er die Nachricht vom selbstmörderischen Attentat seines Sohnes erfuhr, fiel er in Ohnmacht. Wenn man ihn allein ließe, würde er auch jetzt lieber weinen. Aber alle wollen ihm die Hände schütteln, sogar der Bürgermeister, und ihm sagen, wie stolz er sein muß, Vater eines Märtyrers zu sein.
"Was Anwar gemacht hat, richtete sich gegen die Feinde, es war Gottes Wille", tröstet ihn ein Nachbar. Auch Scheich Abdallah Schami hat ihn besucht. "Märtyrer sterben nicht", sagte der Scheich, ein Führer des Islamischen Dschihad in Gaza, "sie kommen ohne Umwege ins Paradies, wo sie das schönste Leben haben, das man sich denken kann."
Anwars älteste Schwester fand morgens einen Brief ihres Bruders unter dem Kopfkissen. "Ich werde Vergeltung üben an den Söhnen der Affen und Schweine, den ungläubigen Zionisten, den Feinden der Menschheit", kündigte der Attentäter darin an. "Ich werde meine heiligen Brüder treffen und alle Märtyrer im Paradies. Vergib mir."
Anwar ist ein Kind der Intifada, aufgewachsen mit Steineschleudern gegen die israelischen Besatzer. Einmal, als er 18 war, mußte eine israelische Gewehrkugel aus seinem Bein entfernt werden. Zweimal nahmen die Israelis ihn fest. "Ich habe Angst um ihn gehabt", sagt sein Vater Mohammed, "er war immer vorneweg."
Vor drei Monaten erst erfuhr Mohammed, daß sein Sohn sich besonders radikalen islamistischen Kämpfern angeschlossen hatte - dem Islamischen Dschihad. Arafats Polizei, die jetzt in Gaza für Ruhe und Ordnung sorgen soll, hatte Anwar deswegen festgenommen und warnte den Vater.
Die Kampfzellen des Islamischen Dschihad operieren abgeschottet voneinander; auch die Familie soll kein Wort erfahren. Nach außen führen die Mudschahidin, die Todesmutigen, ein unauffälliges Leben. Anwar arbeitete am Tag vor seiner Bluttat wie immer in der väterlichen Tischlerwerkstatt. Wie alle in der Nachbarschaft haßte er "die Juden ganz, ganz stark", erinnert sich sein Vater - nichts Besonderes in Schadschaja. Ungewöhnlich an dem Jungen sei nur gewesen, "daß er immer und immer in der Moschee gewesen ist".
Vergebens stellte Mohammed seinen Sohn zur Rede. "Warum bist du gegen Verhandlungen?" fragte er. Sei nicht genug geschossen worden? Warum er nicht "wie alle in der Familie für Arafats Fatah" sein könne?
Unruhe erfaßt die Trauergemeinde. Zwei vermummte Gestalten gießen Benzin auf eine israelische und eine amerikanische Flagge. Die Menge johlt, als die Flammen lodern. Flugblätter gehen hastig von Hand zu Hand. "Wir werden nicht aufhören, bis ganz Palästina frei ist - vom Meer bis zum Fluß", heißt es darauf.
Die Polizei greift nicht ein. Arafats Autonomiebeamte haben sich davongemacht, nachdem sie von Jugendlichen angeschrien worden waren. "Sukkar ist der Mann der Männer", riefen sie, und: "19 Ungläubige auf einen Streich."
Vom Meer bis zum Fluß, dem Jordan - im Gegensatz zur friedensbereiten PLO, die den Judenstaat anerkannt hat, will der Islamische Dschihad immer noch den "Staat der Zionisten ausradieren". Die Befreiung Palästinas werde der Funke sein für die Einigung der ganzen arabischen und islamischen Welt, hat "der Doktor" geschrieben, wie Fathi Schakaki, der in Damaskus lebende Chef der islamistischen Organisation, respektvoll von seinen Anhängern genannt wird. Der Titel seines Buchs klingt wie ein Kurzprogramm der Untergrundbewegung: "Chomeini - die islamische Alternative und Lösung".
Bei den Jugendlichen, die in den Jahren der Intifada groß geworden sind, zündet derlei besser als Arafats Aufforderung zur Geduld. Für die Kinder aus den Flüchtlingslagern sind Arafat und seine PLO nichts als Büttel der Zionisten. "Marsch, Marsch auf Jerusalem", skandieren die Trauergäste und "Sieg, Sieg bis zum Ziel!" Ein Poster verheißt: "Wir werden Israel erschüttern bis in die Grundfesten."
Mohammed, der Vater des neuen Helden von Schadschaja, ruht sich von all dem Händeschütteln und Umarmen aus. Er hat sich auf einen der weißen Plastikstühle für die Trauergäste gesetzt. Über eine Brache zwischen zwei Häusern haben Nachbarn und Freunde ein Zeltdach gespannt. An den Stützpfählen hängen Kränze aus Palmwedeln, mit Blumen besteckt. Irgend jemand hat ein ungelenkes Bild gemalt, das den Märtyrer mit einer Kalaschnikow zeigen soll.
Beifall braust auf, als zwei Vermummte ein Transparent festzurren: "Wir haben ein Treffen mit dem Blut, rot wie die sinkende Sonne."
Mohammed hört seinem zweiten Sohn zu, der ringsum erzählt, auch er habe anfangs um seinen Bruder weinen müssen. Das habe sich schlagartig geändert, als er im Fernsehen "das vergossene Blut und das zerfetzte Fleisch der Juden" gesehen habe: "Da war ich glücklich. Nun bin ich stolz auf meinen Bruder."
Heißer, bitterer Kaffee wird gereicht, wie üblich bei Trauerfeiern. Einige Jungen bieten süße Datteln aus Pappkartons an. Zu Mittag wird es Lammfleisch und gewürzten safrangelben Reis geben - kostenlos für alle.
"Schöner als eine Hochzeit", strahlt Vater Mohammed, in dem allmählich der Stolz erwacht. Er könnte sich eine solche Feier niemals leisten. "Das alles bezahlt der Islamische Dschihad", erklärt er den Männern, die um ihn herum auf den weißen Plastikstühlen sitzen, rauchen und sich mit ihm freuen.
Einer, der ihn trösten will, macht ihm noch einmal klar, welche Wonne es ist, ein Märtyrer zu sein: "Sofort in den Himmel. Er sitzt direkt bei Allah im Paradies." Y
Von Jürgen Hogrefe

DER SPIEGEL 5/1995
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