09.01.1995

ExzentrikerAllzeit gebügelt

Die „Liedertafel Margot Honecker“ und der Klassenkämpfer Kurt Euler arbeiten an der Wiederbelebung des Sozialismus - als Pop.
Die Lautsprecher knarzen, die Bürger glotzen verwirrt: Unweit der Hamburger Kneipe "Pickenpack" werden Zufallspassanten zu Adressaten einer flammenden Rede, die ein Mann mit messerscharf gescheiteltem Haar und Honecker-Brille aus dem Fenster eines Altbaus hält. Gegen das "Natterngezücht der beutegierigen Monokapitalisten" wettert er, auch sei die "Annexion der DDR" das Werk der "Bonner Anschlußverbrecher".
Derlei improvisierte Ansprachen gehören zum Repertoire von Dr. Kurt Euler, 31, dem Vorsitzenden des Zentralkomitees der Kommunistischen Einheitspartei Deutschlands (KED). Seine spontane Fensterrede findet an diesem Tag gemischten Anklang: Während einige Studenten klatschen und launig die Internationale anstimmen, empören sich ältere Passanten über das vermeintlich "rote Gesocks".
Protest dieser Art nimmt Euler souverän zur Kenntnis. Sein Motto für die Agitationsarbeit jeder kommunistischen Kaderpartei lautet: "Ein guter Feind eint."
Aber ist die KED überhaupt ein politischer Verein - oder ein bizarrer Witz? Euler selbst, soviel steht fest, ist längst ein Held der Hamburger und Berliner Subkultur; seine Fans verehren ihn weniger als klassenkämpferischen Visionär denn als monströsen Spaßvogel.
Die Schulungen in "wissenschaftlichem Sozialismus", zu denen Euler meist in Kneipen lädt, werden durch den Gesang der "Liedertafel Margot Honecker" aufgelockert. Vier ehemalige FDJler aus Eisenhüttenstadt, zwischen 23 und 25 Jahre alt, begleiten die öffentlichen Veranstaltungen der KED mit schmissigem Blauhemden-Liedgut.
Sabine Petermann und Ramona Seifert, die immer rotbackigen Mädchen der "singenden Speerspitze der Partei", belegen aufs trefflichste eine kommunistische Devise, wonach es wahre Schönheit nur im Kampf gibt. Zusammen mit Falk Klennert und Gregor Adolf - beide allzeit bereit mit bügelfrischem FDJ-Hemd und akkuratem Seitenscheitel - spielen sie mit Orgel, Gitarre und Rhythmusmaschine zum Lob des Sozialismus auf.
"Vorwärts, Freie Deutsche Jugend" oder "Überall, FDJ" sind Hits, die das Publikum in Kulturzentren und Fachhochschulen bejubelt. Nach dem Auftritt schlägt die Stunde Dr. Kurt Eulers.
Der KED-Chef tritt ans Rednerpult und doziert in einer vom Glauben an den Sieg der weltrevolutionären Sache beschwingten "Kulturrede" über die "hohe Geschwindigkeit des Lebens", in dem der gepeinigte Mensch dem "Unterhaltungsterrorismus des Fernsehens" ausgesetzt sei.
Dem "faschistischen Wesen der Pop-Kultur" erteilt Euler eine scharfe Absage, Techno und Hip Hop trifft als "gleichgeschaltetes Gaukelwerk" ebenso sein Bannstrahl wie das "entmenschte Independent-Gebrülle" der Underground-Szene.
Eulers Parteizentrale ist in einem Plattengeschäft im Hamburger Uni-Viertel untergebracht. An den Wänden hängen DDR-Devotionalien aller Art, NVA-Poster, Wimpel und DDR-Verdienstmedaillen. Im Regal stehen Werke sozialistischer Vorkämpfer wie Kalinin oder Dimitroff. An den Türpfosten prangen farbige Aufkleber, die verstorbene Proletarier-Potentaten wie Kim Il Sung, Nicolae Ceausescu und - mit dem Slogan "never sleep till Pnom Penh" - den Massenmörder Pol Pot preisen.
Mit Satire oder DDR-Nostalgie habe dies alles, versichert der Mann mit dem aus künstlerischen Gründen angemaßten Doktortitel, nichts zu tun. So sind ihm auch die DDR-Verulkungen der Werbewelt mit lustigem Bananenwerfen und ähnlichen Späßen ein Graus: "Nasch- und Gaukelwerk" der "inhumanen Lifestyle-Yuppies".
In seinen auf Platte gepreßten Reden ("Euler spricht!") wettert der Hamburger dann auch in sächsischem Funktionärsdeutsch: "Wir sind schon aus ästhetischen Gründen dafür, den antifaschistischen Schutzwall wieder aufzubauen, aber 30 Zentimeter höher."
Den Fans gelten derlei Forderungen als schrille Lachnummern, die KED-Kämpfer aber hoffen auf Langzeitwirkung. "Uns geht es um Reaktionen, nicht um Reibach", beteuert Vorsänger Klennert, der die "Liedertafel Margot Honecker" mit dem schlichten Vorsatz gegründet hat, "die alten Lieder wieder zu singen".
"Wir wollen es keinem recht machen", schwört der Sangeskünstler, "wir wollen eine positive Wahrnehmung, daß es keine verbindliche Wahrheit gibt." Dabei eine die KED der "Mut zur Peinlichkeit", keinesfalls aber das westliche Jugendleitbild: "Wir haben es satt, immer bloß cool zu sein." Y

DER SPIEGEL 2/1995
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