09.01.1995

HörfunkDIE WORTE VERSCHWINDEN

Vor etwa zehn Jahren fing ich an, Drehbücher für die Fernsehserie "Liebling Kreuzberg" zu schreiben. In der ersten oder zweiten Folge sollte es die folgende Situation geben:
Rechtsanwalt Liebling stellte einen zweiten Anwalt aus der Provinz ein, der alle unangenehme Arbeit für ihn erledigen sollte, einen jungen Mann mit Namen Arnold. Der brauchte für seinen ersten Auftritt vor Gericht eine Robe, also ging Liebling mit ihm in einen Laden, um das für die Rechtspflege unverzichtbare Kleidungsstück zu kaufen.
Plötzlich blieb er stehen und fragte Arnold, ob man sich die Ausgabe nicht _(* Links: Hörspiel-Aufzeichnung (1952); ) _(rechts: Reporter Herbert Zimmermann mit ) _(Max Schmeling (1947). ) sparen könne: Arnolds Vater sei doch auch Jurist gewesen, der müsse doch auch eine Robe besessen haben. Arnold antwortete verlegen, Liebling habe mit seiner Vermutung zwar recht, diese Robe existiere, nur leider sehe man darauf noch die Nadelstiche vom abgetrennten Hakenkreuz.
Ich will nicht soweit gehen zu behaupten, ich hätte diese Passage umwerfend gefunden, aber ich hielt mir doch genug darauf zugute, um zu bemerken, daß sie bei der Sendung fehlte. Wohin war sie verschwunden?
Bald saß ich dem für Verknappungen zuständigen Redakteur gegenüber, einem Herrn namens Finnern, und verlangte zu erfahren, was er an meinem hübschen Text auszusetzen habe. Er fragte freundlich zurück, ob ich mir das nicht selbst denken könne, und als ich den Kopf schüttelte, sagte er, ich hätte in der Eile sicher nicht daran gedacht, daß es sich bei unserer Arbeit um eine Serie handle, deren tiefster Sinn es sei, das Publikum zu unterhalten. Ich sagte, das hätte ich keineswegs vergessen, und ich fände gerade den beanstandeten Satz ziemlich unterhaltsam.
Er sah mich streng an und sagte, an dieser Hakenkreuz-Anspielung sei weiß Gott nichts Vergnügliches; und sollte dies wirklich meine Meinung sein, dann unterläge ich einer monströsen Fehleinschätzung. Man dürfe etwas so Zerbrechliches wie eine Unterhaltungsserie nicht mit so schrecklichen Anspielungen belasten. Es sei mein gutes Recht, alle möglichen Probleme, unter denen ich offenbar litte, in die Welt hinauszuschreien, aber ich sollte damit lieber zum SPIEGEL oder zu "Panorama" gehen und nicht in seine Redaktion.
In der DDR hätte mein Urteil sofort festgestanden: Zensur, arrogante politische Zensur! Hier lagen die Dinge anders, denn welche politische Gruppierung hätte sich schon daran stoßen können, wenn in meiner Fernsehgeschichte erzählt worden wäre, der Vater eines heutigen Rechtsanwalts sei in der Nazi-Zeit ebenfalls Anwalt gewesen?
Ich hatte es vielmehr mit einem Mann zu tun, der der Überzeugung war, daß es zwei getrennte Welten gab: Eine der Unterhaltung und eine der traurigen Wirklichkeiten. Und daß man darauf bedacht sein mußte, es nicht zu Vermischungen kommen zu lassen, sonst würde die Realwelt die Unterhaltungswelt verderben. Er, mein Redakteur, verstand sich als Wachhund an der Pforte zwischen beiden Sphären, er vertrieb die Grenzverletzer zur Not, wie in meinem Fall, auch mit Bissen.
Der Grund, warum ich auf diese beinah verjährte Angelegenheit zu sprechen komme, ist schnell genannt: Ich kam damals zu dem Schluß, daß mein Gegenüber versuchte, mich sprachlos zu machen. Daß ich genötigt werden sollte, Drehbücher zu schreiben, deren dominierende Eigenschaft es war, bedeutungslos zu sein. Wörter, die nichts zu transportieren haben, das ist mein Thema - und vorweg habe ich ein warnendes Beispiel gegeben.
Seit meiner Kindheit war mir Radio ein wichtiges Ding. Ich hatte niemanden, der mir Geschichten erzählte, sämtliche Großmütter und Onkel und Tanten waren mir abhanden gekommen, also habe ich mich hingesetzt, das Radio angemacht und solche Sender gesucht, auf denen geredet wurde.
Ich war mit Amundsen im ewigen Eis und mit der Stadtreporterin bei Taubenzüchtervereinen; ich war dabei, als Max Schmeling in der Berliner Waldbühne boxte, zusammen mit einem Reporter, dessen Stimme ich heute noch, nach 47 Jahren, unter Hunderten erkennen würde. Ich erinnere mich an Radiogeschichten von Jules Verne, an den unglaublichen Tonfall von Pelz von Felinau, den ich monatelang zu imitieren versuchte.
Eine Zeitlang war ich süchtig nach Hörspielen. Ich habe mir die Anfangszeiten in Schulhefte geschrieben und bin selbst vom Fußballplatz nach Hause gelaufen, um bloß keinen Anfang zu verpassen.
Als ich elf war, sah es einmal ganz danach aus, als würde ich in der Schule sitzenbleiben. Mein Vater versprach mir ein Geschenk freier Wahl für den unwahrscheinlichen Fall, daß ich doch versetzt würde, ich wurde versetzt, und was wünschte ich mir? Das erste eigene Radio meines Lebens. Ich glaube, das Radiohören hat in meinem Kopf Platz für einen Speicher voller Bilder geschaffen und gleichzeitig das Bewußtsein dafür, daß die Bilder ständig aufgefrischt oder neu erfunden werden müssen.
Kürzlich sagte meine Frau, sie habe den Eindruck, die Radiosender würden mehr und mehr von Fast-food-Ketten bewirtschaftet: Überall ähnlich dürftige Zutaten, überall dieselbe Hast, um nur ja nicht die Geduld des letzten Trottels überzustrapazieren. Ich hatte mich noch nie damit beschäftigt, aber als sie das sagte, wußte ich: Es stimmt, die Institution Radio verwahrlost.
Zum einen scheint in den Funkhäusern der Grundsatz zu gelten, daß Sprechen dem Sender schadet und Musik seine Position stärkt. Dabei lasse ich außer acht, daß bei dieser Vorgehensweise Musik häufig mit Musikmüll verwechselt wird: daß sie oft nicht einfältig genug sein kann und so zu klingen hat, daß jeder mitsummen kann, auch wenn er sie nie vorher gehört hat.
Wenn man einen Rundfunkmenschen fragt, woher eine solche Überzeugung bloß komme, lächelt er überlegen. Und wenn er gut aufgelegt ist, fügt er hinzu: Erfahrung. Es sei Erfahrung, sagt er dann, daß die herkömmliche Art, den Sendebetrieb zu führen, Zuhörer koste und die moderne Art Zuhörer bringe. Und manchmal gibt er zu verstehen, daß ein solches Programm nicht unbedingt seinem Geschmack entspreche, nur sei der Sender eben eine demokratische Einrichtung und keine Spielwiese für den Privatgeschmack der Mitarbeiter.
Zum anderen, und das ist eine nicht weniger bedeutsame Entwicklung, verändert sich der Charakter dessen, was weiterhin gesprochen werden darf. Es muß kurz sein, es darf keine Kenntnisse voraussetzen, es darf keine Anstrengung verursachen. Es muß so beschaffen sein, daß es gut in die kleine Lücke zwischen Howard Carpendale und dem Naabtal Duo paßt. Die Redaktionen sind besessen von der Furcht, ihr Publikum zu überfordern.
Für eine besonders elegante Lösung des Problems werden, vor allem bei ostdeutschen Sendern, Grußsendungen gehalten. Sie bieten Gelegenheit zu demonstrieren, wie harmonisch die Menschen miteinander umgehen, wie liebevoll sie aneinander denken. Mit anderen Worten - es handelt sich um ein getreues Abbild des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft. Helmut, Renate und die Kinder aus Pritzwalk grüßen Oma Ilse in Lankwitz und wünschen, daß ihr die Sonne noch lange scheinen möge. Mir kommt es vor, als wende sich diese Art des Sendezeitvergeudens an die niederen Instinkte der Hörer.
Die Sender gebärden sich, als hätten sie es mit einer Nation von Hilfsschülern zu tun, für die Nachdenken nichts als Folter bedeutet. Ein Programm, das ihnen auch nur eine Spur von Konzentration abverlangt, scheint verloren. Weltnachrichten in drei Minuten, das ist mehr als genug. Die Wetterberichte dürfen um so länger sein, die interessieren die Leute. Dazu Verkehrsmeldungen, Stauwarnungen, Pollenflugreporte, das ist Lebenshilfe, das erhöht unauffällig den Wortanteil und verdirbt nichts.
Oft höre ich, wie jemand interviewt wird und wie der Interviewer dem Jemand immer dann das Wort abschneidet, wenn der sich in eine Sache vertiefen will; wie immer dann die Zeit drängt, wenn es aufregend werden könnte; wie der Interviewer eine Frage stellt und dringlich anfügt, er bitte um eine knappe Antwort.
Und warum? Nicht, weil noch andere Erörterungen angestellt werden sollen, weil der Interviewer etwa einen neuen Aspekt ins Gespräch bringen möchte, sondern weil die Zuhörer nach Musik lechzen. Weil Chris de Burgh auf der Lauer liegt, den darf man nicht warten lassen. Wer zu lange spricht, den bestraft das Leben - indem kaum mehr gesprochen wird, gewinnt das Programm an Verständlichkeit. In den "Minima Moralia" von Adorno steht der Satz: "Nur, was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen für verständlich."
Damit es kein Mißverständnis gibt, ich spreche von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, nicht von den Privaten. Ich meine nicht jene Stationen, deren Betreiber schrecklich darunter leiden, daß sie kein Geld drucken dürfen, und die nicht eine Sekunde zögern würden, den Sendebetrieb einzustellen und ihr Kapital in Südfrüchten oder Müllbeseitigung oder Wohnungsbau zu stecken, wenn sich dort eine höhere Rendite erwirtschaften ließe.
Nein, die Rede ist von solchen Sendern, die sich freiwillig verstümmeln. Von Sendern, die auf einmal Intelligenz für einen zu tilgenden Makel halten. Von Sendern, die mit ihrer alles in allem glorreichen Vergangenheit gebrochen haben, da sie noch eine Hauptrolle im Prozeß der Alphabetisierung spielten, und die diese Entwicklung allem Anschein nach nun umkehren wollen.
Zweifellos lassen sich Programmpartikel auffinden, die solchem Eindruck widersprechen, es ließen sich Redakteure nennen, die zu widerstehen versuchen. Sie verdienen Bewunderung. Aber es ist hier von einer Tendenz die Rede, die unübersehbar ist und der Einzelkämpfer unmöglich gewachsen sind.
Ohne Frage ist es ein Wettbewerbsnachteil, nicht Tag und Nacht Werbespots senden zu dürfen, aber es ist nicht einzusehen, daß der ökonomische Schaden sich notwendig in einen intellektuellen verwandeln muß. Die Sender sind bemüht, den Vorteil, den das Fehlen der nervtötenden Werbesprüche bedeuten könnte, durch adäquate Stumpfsinnigkeiten aus der Welt zu schaffen.
Warum müssen die Öffentlich-Rechtlichen werden wie diese Delta-Radios und Hundertkommasechsen? Welch eine Strategie steckt dahinter? Glauben sie, daß die Ununterscheidbarkeit von den Groschensendern - die nicht mehr fern ist - für sie ein Gewinn wäre? Ist es nicht ein verheerender Irrtum anzunehmen, daß ihre Daseinsberechtigung sich vor allem aus Einschaltquoten herleitet?
Warum sollen Leute Rundfunkgebühren bezahlen, wenn sie dasselbe auch umsonst haben können, auf der nächsten Frequenz und auf der übernächsten und auf allen folgenden?
Noch alimentiert die Allgemeinheit, in beinah anachronistisch anmutender Attitüde, ein nicht gerade billiges Rundfunksystem. Wie eine Familie, die Mühe hat, das Geld für den Lebensunterhalt aufzutreiben, und die sich dennoch weigert, den Klavierunterricht der Kinder zu streichen (eine sehr sympathische Haltung übrigens), so hält die Gesellschaft an ihrem vor langer Zeit und unter anderen Umständen gefaßten Entschluß fest. Und die Sender, die davon den Nutzen haben, wissen nichts Besseres zu tun, als das Fundament solcher Noblesse ins Wanken zu bringen.
Die Wörter sind also auf dem Rückzug. Es geschieht, so hört man, aus Rücksicht auf eine Mehrheit der Zuhörer, schuld sei eine Geißel mit Namen Publikumsgeschmack. Das ist wahr und gelogen zugleich. Denn das, was Publikumsgeschmack heißt, ist keine Naturkonstante. Die Vorliebe für die eine Art von Sendungen und die Abneigung gegen eine andere kommt nicht aus den Chromosomen, sie ist anerzogen, und zwar zu 100 Prozent: im Kindergarten, in der Schule, von Eltern, von Kollegen, von den Sendern.
Und das ist der Punkt, der uns hier zu interessieren hat. Nichts fördert die allgemeine geistige Bedürfnislosigkeit so gründlich wie ein Programm, dessen oberster Grundsatz es ist, sich nach den durchschnittlichen geistigen Bedürfnissen zu richten. Indem die Rundfunkanstalten sich damit begnügen, den Publikumsgeschmack zu erkunden und ihm hinterherzulaufen, produzieren sie ihn zugleich, oder anders gesagt: Sie sind in hohem Maße selbst für die Geist- und Geschmacklosigkeiten verantwortlich, die zu senden die Publikumsnähe ihnen angeblich gebietet.
Hinter diesen Worten steht nicht der Wunsch nach einer bestimmten politischen Ausrichtung der Sender, ebensowenig eine Sehnsucht, aus den Sendeanstalten Erziehungsanstalten zu machen. Nur habe ich Sorge, daß die öffentlichrechtlichen Funkanstalten, mit denen ich seit meiner Kindheit befreundet bin und zu denen ich daher ein sentimentales Verhältnis habe, Selbstmord begehen könnten. Sie haben Gift geschluckt, eine bedenkliche Dosis, man müßte ihnen den Magen auspumpen, aber sie sträuben sich. Wie nur kann man sie am Leben erhalten?
Aus Furcht vor möglichen Einwänden habe ich eben gesagt, die Sender sollten keine Erziehungsanstalten sein - davon möchte ich doch ein wenig zurücknehmen. So schrecklich wäre es ja nicht, wenn die untersten Ansprüche nicht als die allgemein gültigen anerkannt und somit propagiert würden; so schrecklich wäre es nicht, wenn man sich der allgemeinen Neigung zu Oberflächlichkeit und Denkunlust entgegenstellte.
Ich habe mich nie mit der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks befaßt, aber ich glaube, daß zu Beginn so etwas wie ein Sendeauftrag gestanden haben muß. Und dabei dürfte es eine Rolle gespielt haben, der Bevölkerung eine gewisse Dienstleistung zu erweisen: sie über wesentliche Vorgänge auf dem laufenden zu halten, sie auf eine Weise zu unterhalten, die nicht unbedingt die billigste sein muß, und womöglich ihren Sinn für Demokratie und Gerechtigkeit zu stärken oder zu wecken. Falls ich mich mit dieser Vermutung nicht täusche, läßt sich sagen, daß die Sender sich der ihnen zugewiesenen Arbeit zunehmend verweigern, ob nun aus Unfähigkeit oder aus Faulheit.
Der Rausschmiß der Wörter aus den Rundfunkprogrammen, man könnte auch sagen - der Rausschmiß der Gedanken, rührt also nicht nur daher, daß die Wünsche des statistischen Durchschnittshörers befolgt werden. Er hat seine Ursache vor allem in der Gedankenlosigkeit der Programmacher. Auch wenn sie in Privatgesprächen gern zu verstehen geben, ihre Sendungen sähen anders aus, wenn es nach ihnen ginge, so folgen sie im wesentlichen doch den eigenen Intentionen.
Der Druck, dem ausgesetzt zu sein sie vorgeben, existiert in Wirklichkeit nicht, und wenn doch, dann ist er nicht annähernd so groß, daß man ihm nicht widerstehen könnte. Nein, die Ansprüche, nach denen die Sender sich richten, sind nichts anderes als die Ansprüche der Leute vom Sender. Ich bezweifle aber, daß es ein demokratisch zu nennender Vorgang ist, wenn der erwähnte statistische Durchschnittshörer mehr und mehr zum Redakteur wird.
Das Hören von Worten, zumal von gescheiten, ist eine unverzichtbare Schule der Imagination (die Taubstummen mögen mir verzeihen, doch sie haben ihre eigenen Methoden). Dem Hörer bleibt nichts anderes übrig, als sich etwas vorzustellen, etwas richtig oder falsch zu finden. Er ist gezwungen, seinen Kopfinhalt einer Bewegung auszusetzen.
Den ganzen Tag Musik zu hören, Popmusik, wie es so viele junge Leute tun, oder Operette, wie eine meiner Nachbarinnen es tut, ist wie ein Sich-Sperren gegen Phantasie. Wahrscheinlich aber ist Phantasie eine wesentliche Voraussetzung, um mit seinem Leben fertig zu werden.
Der pausenlose Ausstoß von Musik hätte somit auch etwas Verantwortungsloses: Als wollte man die Hörer ruhigstellen wie die Insassen einer geschlossenen Anstalt für Verwirrte. Als sei es erstrebenswert, sie im Zustand der Denkstille zu halten, in einer Atmosphäre der Dumpfheit.
Und die Begründung, daß man auf diese Weise senden müsse, weil die Leute sonst zur Konkurrenz wechselten, ist geradezu schändlich. Es gibt Geschäfte, die nur ohne Rücksicht auf Verluste gemacht werden können - an denen muß ein vom einzelnen zwangsweise bezahlter Rundfunk sich nicht beteiligen. Man nimmt, indem man das Programm den Debilensendern angleicht, den Hörern jede Alternative.
Oder man macht die Suche nach einer Alternative so mühselig, daß viele sie aufgeben. Man schafft den einzig überzeugenden Grund aus der Welt, sich ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem zu leisten.
Viele Fehlentwicklungen in unserem Land, zumal unter jungen Leuten, sehe ich mit dem Zustand des Rundfunks in Zusammenhang. Woran liegt es wohl, daß Nachdenken in den Ruf gekommen ist, lästig zu sein? Daß die Qualität einer Mitteilung an ihrem Unterhaltungswert gemessen wird? Daß die Bereitschaft, sich auf Erörterungen einzulassen, die länger als fünf Sekunden dauern, so rasant im Schwinden begriffen ist?
Es wird ringsum immer weniger verstanden und immer mehr empfunden - das ist die Methode der Sprachlosen, um den Bedrohungen des sogenannten Alltags zu begegnen. Man wird kaum ergründen können, welchen Anteil der Rundfunk daran hat; daß es diesen Anteil aber gibt und daß er nicht unerheblich ist, das halte ich für sicher.
Damit wird nichts anderes behauptet, als daß das allmähliche Verschwinden der Wörter von den Sendern mitverantwortlich für Rechtsradikalismus und Gewalthinwendung in unserer Gesellschaft ist. Und es stellt kein Gegengewicht dazu dar, wenn von Zeit zu Zeit der Moderator eines Jugendmagazins ins Mikrofon hinein sagt, Ausländerfeindlichkeit sei mega-out. Nicht so sehr das Ausbleiben von Orientierungshilfen ist das Problem, viel schwerer wiegt, daß die Fähigkeit verkümmert, sich selbst um Orientierung zu bemühen.
Der Zusammenstoß verschiedener Standpunkte, diese potentiell größte Attraktivität, die ein Programm nur haben kann, findet so gut wie nicht statt. An seine Stelle sind Unverbindlichkeit und Seichtheit getreten: Woran arbeiten Sie zur Zeit, welches sind Ihre Hobbys, haben Sie einen Musikwunsch?
Es gibt Rundfunkräte, deren Aufgabe es wäre, über den Zustand der Sender zu wachen. Sie sind nur bemüht zu verhindern, daß die Ansichten der anderen Rundfunkräte im Programm auftauchen, anstatt darum zu kämpfen, daß ihre eigenen artikuliert werden. So wie dieser Rundfunk unnütz zu werden droht, so ist es die Mehrzahl seiner Räte schon längst.
Wer lange genug nichts sagt, hat irgendwann nichts mehr zu sagen. Die Hersteller von Rundfunkprogrammen sollten bedenken, daß sie, indem sie ihren Sendungen die Wörter austreiben, sich selbst zur Bedeutungslosigkeit verdammen. Niemand kümmert sich um ihre Erzeugnisse, es wäre vertane Zeit: Sie werden mehr und mehr zum Teil eines anspruchslosen Publikums, in dessen Interesse das ganze Elend angeblich angerichtet wird. Y
* Links: Hörspiel-Aufzeichnung (1952); rechts: Reporter Herbert Zimmermann mit Max Schmeling (1947).
Von Jurek Becker

DER SPIEGEL 2/1995
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