09.01.1995

Skilanglauf„EWIGER VATER, HILF“

Ein schier unlösbarer Konflikt schwelt zwischen dem Deutschen Skiverband und seinem besten Langläufer. Johann Mühlegg, der in der Loipe himmlischen Kräften vertraut und seine Getränke nur mit geweihtem Wasser zubereitet, fühlt sich bedroht: Er wirft dem Bundestrainer vor, ihn mit spiritistischen Mitteln zu verfluchen.
Johann Mühlegg ist ein gottesfürchtiger Mensch. Im Eßzimmer seines Hauses hängt das Kruzifix gleich neben einem Abbild der Jungfrau Maria. Jeden Morgen und jeden Abend liest er in der Bibel.
Werden dem Skiläufer Mühlegg, 24, in der Loipe aus Erschöpfung die Knie weich, sucht er in seinen Gedanken die Nähe zu Gott. Und vor einer schwierigen Abfahrt bittet er den Himmel lauthals um Beistand: "Ewiger Vater, hilf." Meistens, sagt Mühlegg, "nutzt das auch".
Für den Allgäuer ist die praktische Hilfeleistung durch den Herrgott erklärbar. Der viermalige Deutsche Meister im Langlauf glaubt einen direkten Draht zum Jenseits zu haben. Als Medium fungiert Justina Agostinho, eine derzeit arbeitslose Reinmachefrau aus München. "Der Ewige Vater - die Gnade", wie Mühlegg die 47jährige nennt, sei sein "Retter und Führer in allen Lebenslagen".
Daß Sportler dem Himmel danken, wenn sie einen Sieg erreicht oder einen Sturz glimpflich überstanden haben, ist Alltag. Und selbst Mühleggs extreme Gläubigkeit wäre als Spintisieren eines zu oft allein trainierenden Leistungssportlers längst abgehakt, wenn das Sakro-Doping nicht einen unlösbaren Konflikt in sich trüge: Der beste deutsche Skilangläufer ist überzeugt, daß ausgerechnet der Bundestrainer ihn verflucht habe und nach seinem Leben trachte.
Unversöhnlich stehen sich so Seelenheil und Medaillenjagd gegenüber: Hier Mühlegg, der es als "eine Schweinerei" empfindet, daß "solche Leute einem alles kaputtmachen können". Dort der Deutsche Skiverband, der an Bundestrainer Georg Zipfel festhält, Mühlegg aber braucht, weil dieser als einziger deutscher Läufer bei der Weltmeisterschaft im März eine Medaille verspricht.
Vor gut einem Jahr eröffnete der aus Justina Agostinho sprechende Ewige Vater dem Skiläufer, daß er verflucht sei. Seitdem steht Mühlegg in ständigem Kontakt zur "Gnade", regelmäßig zieht es ihn in ein schlichtes Mehrfamilienhaus in München-Untersendling, wo die Wunderheilerin im fünften Stockwerk wohnt.
Noch am Silvestertag nutzt Mühlegg eine kurze Wettkampfpause zwischen zwei Weltcuprennen zu einer Audienz. Der Ehemann, ein redseliger Portugiese mit Kippa auf dem Kopf, begrüßt Johann herzlich, als sei er ein Mitglied der Familie. Die Heilsbringerin selbst, ein schüchternes Persönchen im weißen Kleid und mit blauem Kopftuch, verdrückt sich alsbald in die Küche.
Im Wohnzimmer der Agostinhos vor dem Altar mit vergoldeter Christusfigur, zwölf Kerzen und einem halben Dutzend blühender Weihnachtssterne erzählt Johann Mühlegg von seiner "Rettung". Im Spätherbst 1993 wurde er von hartnäckigem Durchfall geplagt, Kohletabletten halfen nicht mehr, der Langläufer verlor vier Kilogramm Muskelmasse. Als er in der Not seinen Bruder Martin um Rat bat, schickte der ihn zu jener Frau, "die die Gnade Gottes in sich trägt".
"Der Ewige Vater - die Gnade", sagt Mühlegg, habe schnell die Ursache herausgefunden. Ein Mann aus seinem Trainingsumfeld - den Namen des Bundestrainers mag er aus Angst vor einer Zivilklage nicht aussprechen - wolle ihn vergiften. Zipfel sei eindeutig "als Spiritist" enttarnt worden.
Die Putzfrau Justina Agostinho übernahm sogleich die seelische "Bereinigung". Mühlegg mußte gesegnetes Wasser trinken, bis er sich übergab. Ein anschließendes Bad in geweihtem Wasser sollte ihn vor weiteren Attacken des Trainers schützen.
Sportkameraden, die Mühlegg seit Jahren kennen, verwundert der esoterische Hang des Mannes, der sonst eher praktisch denkt. Weil er Vater wurde, hat er ein eigenes Haus gebaut und sich einen Ford Kombi angeschafft. Dem oberpfälzischen SC Monte Kaolino Hirschau trat er bei, weil der Klub mehr Geld und bessere Trainingsbedingungen bot.
Doch profane materielle Vorteile und der Glaube an übersinnliche Kräfte sind für Johann Mühlegg keine Gegensätze. Nur wenn er seine seelische Ruhe finde, sagt er, könne er Leistung bringen. Mit der gleichen Dickschädeligkeit, mit der er seit Jahren allein trainierte, weil die anderen nach "ein, zwei Stunden schon kaputt sind", hat sich der zweimalige Junioren-Weltmeister deshalb den Segnungen der Gnade verschrieben.
Seine Wettkampfreisen, die ihn oft wochenlang quer durch Europa führen, plant er akribisch. Vor allem achtet der freigestellte Zollbeamte darauf, daß er stets genügend Kanister Leitungswasser mit sich führt, das Justina Agostinho zum Schutz vor dem Spiritisten geweiht hat. Auch wenn ihm "die Koffer oft schwer werden", ist ihm der Verzicht auf das bereinigte Naß schier unmöglich: Er braucht es, um sich Suppe und Tee zu kochen oder um Erfrischungsgetränke zu mixen.
Mit seinen Trinksitten zählt Mühlegg zu den vielen Sportlern, die schon immer empfänglich für sonderbare Heilsbringer waren. Durch jahrelanges Training darauf getrimmt, die Quelle jeglicher Höchstleistung in sich selbst zu entdecken, fürchten sie jede fremde Kraft, die von außen auf sie einwirkt und sie schwächt.
Neben dem gewöhnlichen Aberglauben vieler Sportler, sich am Wettkampftag nicht zu rasieren oder den rechten vor dem linken Schuh zu schnüren, suchen etliche Athleten Beistand in Bibel und Gebet. Unstrittig ist unter Sportpsychologen, daß jene Aktiven ruhiger und damit belastbarer sind - weil sie das Gefühl haben, aufgehoben und vorbestimmt zu sein und sowieso nur einen Teil ihres Daseins beeinflussen zu können.
Wenn Johann Mühlegg in München weilt, hört er sich mit Vorliebe die neuen Wundertaten des "Voatas" an, wie er die Gnade bisweilen fast liebevoll nennt. Dann stützt er sein Kinn mit der rechten Hand ab, und die stahlblauen Augen kleben förmlich an den Lippen von Miguel "Toni" Agostinho, 51.
Der Ehemann der Heilerin beschreibt wortgewaltig den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das, von den Ärzten wegen eines Gehirntumors schon aufgegeben, von seiner Frau gereinigt und gesund gemacht worden sei. Oder er berichtet über die verzweifelte Frau, die kein Kind bekommen konnte: Von Arzt zu Arzt sei sie gelaufen, doch nach der Konsultation in der Untersendlinger Vier-Zimmer-Wohnung sei sie nun im vierten Monat schwanger.
Auch wenn er von den wunderbaren Vorkommnissen gerade erst erfährt, betont Mühlegg gleich: "Das alles ist belegt." Aus dem eigenen Erfahrungsschatz fügt er ein weiteres Beispiel hinzu: Bei einem Weltcuprennen im finnischen Lahti habe er derartige Rückenschmerzen verspürt, daß er kaum noch das Ziel erreichen konnte. Sofort nach dem Rückflug habe er sich einen Termin "beim Voata" geholt, der ihm gesagt habe: "Dir hat wieder einer was aufgebrummt." Die Frau habe ihm dann mit der Faust in den Bauch gedrückt, er mußte ein gesegnetes Bad nehmen, und siehe da: "Weg war der Schmerz."
Die fortgesetzte Verfluchung habe ihn förmlich gezwungen, die Machenschaften seines geistigen Gegenspielers öffentlich aufzudecken. Nur so, "ohne spiritistisch bekämpft zu werden", hätte er als Olympia-Achter eine Weltklasseleistung vollbringen können.
Seine Heimat, das Allgäu, hält Mühlegg für ein Zentrum des Spiritismus. In der Region zwischen München und Bodensee, seit jeher ein Landstrich katholischer Frömmigkeit, begeben sich folglich die einen in die Hände von Wunderheilern - so wie die Familie Mühlegg, die ohne Ausnahme an die Inkarnation des Ewigen Vaters in Justina Agostinho glaubt.
Die anderen aber, die bösen Allgäuer, davon ist Johann Mühlegg überzeugt, würden schon für 50 Mark auf spiritistischem Wege "die übelsten Gerüchte in die Welt setzen", ja sogar versuchen, "andere Menschen auszupendeln".
Aus Angst vor den heimatlichen Mächten wohnt Mühlegg kaum noch zu Hause, obwohl er das neue Eigenheim in Unterthingau gerade erst mit seiner Familie bezogen hat. Wo er sich gerade aufhält, würde er am liebsten ganz geheim halten. "Kerle, du bist weiter in Gefahr", warnt ihn sein Bruder. Johann stimmt zu: "Des isch eh kloar, i muaß vui Wasser trinka."
Für Johann Mühlegg scheint es keine Erlösung zu geben - wie bei vielen Menschen, die sich in die Hände von rund 50 000 Wunderheilern und Hellsehern in Deutschland begeben. Für die Hilfesuchenden mag der Eingriff zunächst psychisch hochwirksam sein, gleichzeitig können sie aber bis zur Abhängigkeit in deren Bann geraten.
Auch Mühlegg ist so sehr auf den fluchbringenden Bundestrainer Zipfel fixiert, daß er hinter allem, was schiefläuft, ein Komplott vermutet. Warum sind die ihm zugesagten Gelder erst nach öffentlichem Protest überwiesen worden? Warum wird sein neuer Heimtrainer nicht wie jeder andere Betreuer anständig eingekleidet? Warum schlampt der Verband bei der Beantragung von Visa?
Und überhaupt, sind nicht die deutschen Skilangläufer in diesem Jahr so schlecht wie nie zuvor? "Und wer ist für die Sportler zuständig?" fragt Mühlegg, ohne eine Antwort zu erwarten. Natürlich der Bundestrainer.
Mit jeder Äußerung wird die Angelegenheit für den Skiverband unappetitlicher. Sportwart Detlef Braun, der seinen besten Läufer für "untragbar" hält, hätte den Ärger am liebsten per Dekret aus der Welt geschafft. Schon vor den Winterspielen in Lillehammer mußte Mühlegg den Vorwurf, wonach ihn ein Betreuer verfluche, zurücknehmen. Daß er andernfalls auf seine Olympia-Teilnahme hätte verzichten müssen, empfindet er als "glatte Erpressung".
Doch solange keiner der Verbandsherren "an mir herumpfuscht", ist er zum Frieden bereit. Da er sich von den Sportkameraden "voll akzeptiert" fühlt, will er die unterschiedlichen Vorstellungen über Spiritismus dulden.
Ohnehin sieht er einen Stimmungswechsel zu seinen Gunsten: Die Zeitungen, meint er und schneidet dabei das tellergroße Schnitzel, das Frau Agostinho für ihn gebraten hat, wüßten die großen Taten "des Voatas" bereits zu schätzen. Mühlegg "mit Weihwasser vorn", zitiert er jüngere Schlagzeilen, die anderen "ohne Weihwasser dahinter". Y
Nach einem gesegneten Bad waren die Schmerzen weg

DER SPIEGEL 2/1995
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