25.03.2013

GESUNDHEITAusweitung der Profitzone

Mit einer eigens gegründeten Pharmafirma wollen Apotheker zusammen mit Ärzten um lukrative Krebspatienten werben und dabei auch konkurrierende Krankenhäuser ausstechen.
Nicht für jeden ist die Diagnose Krebs eine schlechte Nachricht. Für Apotheker beispielsweise, die eine Chemotherapie begleiten, gibt es nichts Gewinnträchtigeres als einen neuen Krebspatienten. Mit der Zubereitung einer einzigen Infusion können Zytostatika-Apotheker 700 Euro verdienen - also mehr als das Hundertfache dessen, was sie für die Abgabe eines gewöhnlichen Rezeptmedikaments erhalten.
Einem Patienten wird das Rezept für seine Infusionslösung in der Regel gar nicht ausgehändigt. Der Arzt leitet es direkt an einen Apotheker seines Vertrauens weiter. Zyto-Apotheker sind deshalb angewiesen auf eine gute Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Onkologen vor Ort, um die wertvollen Rezepte zu bekommen.
Um solche einträglichen Verbindungen auf eine solide Basis zu stellen, hatte der Vorsitzende des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO), der Kölner Krebsarzt Stephan Schmitz, vor anderthalb Jahren eine Idee: Er gründete mit Krebsapothekern, die sich bereits in der Firma Omnicare zusammengeschlossen hatten, eine neue Firma. Das gemeinsame Unternehmen nennt sich GermanOncology (siehe Grafik), geleitet wird es von dem ehemaligen Pharmamanager Rainer Lipp. Die Firma gehört zu jeweils 25 Prozent Schmitz, einem weiteren BNHO-Funktionär, Lipp und eben der Apothekerfirma Omnicare.
Der Zusammenschluss von Krebsärzten und Zyto-Apothekern sei nötig, weil sich "die Welt rasant verändert", sagt Schmitz. Krebsärzte müssten sich "zukunftsfähig" machen und "managementfähig werden". Ansonsten hätten sie keine Chance gegen die mächtige Konkurrenz: Kliniken und Medizinische Versorgungszentren (MVZ), die sich ebenfalls um lukrative Krebspatienten reißen.
Rund hundert Ärzte sollen bei GermanOncology Mitgesellschafter werden, dann decke man, so Schmitz, die Bundesrepublik flächendeckend ab und könne mit Omnicare in Preisverhandlungen mit den Krankenkassen treten. Ziel sei es, gemeinsam die Komplettversorgung von Tumorpatienten zu übernehmen.
Bisher ziehen aber vor allem die Omnicare-Apotheker Vorteile aus der Partnerschaft. Denn die 35 niedergelassenen Krebsärzte, die bisher bei GermanOncology mitmachen, verpflichten sich, ihre Krebsmedikamente ausschließlich bei Omnicare zu bestellen.
Omnicare selbst wurde ebenfalls vor gut einem Jahr gegründet, von Oliver Tamimi, der in Berlin eine Zyto-Apotheke unterhält, sowie 50 weiteren Apothekern. Die Firma sieht ihre Konkurrenz nicht nur in jenen Kliniken, die ebenfalls Chemo-Infusionen herstellen, sondern in industriellen Zubereitern wie der Firma Zyto-Service.
Bei jeder Zytostatika-Therapie muss die Wirkstoffmenge individuell berechnet werden, abhängig von der Körperoberfläche des Patienten. Weil die dafür nötigen Medikamente aber hochgiftig sind, dürfen nur jene Apotheker Chemo-Infusionen zubereiten, die über ein geeignetes Labor verfügen. Das sind in Deutschland gerade mal 300 der insgesamt rund 21 000 Apotheken.
Im Kern handelt es sich bei Omnicare um eine Pharmafirma in Apothekerhand. Die Idee der Apotheker: Wenn sie die Wirkstoffe für Chemotherapien selbst produzieren, können sie wesentlich größere Gewinne erzielen.
Omnicare hat die Republik zunächst in 80 Bezirke aufgeteilt, für jeden Bezirk erhält der beteiligte Apotheker Gebietsschutz. Um in den exklusiven Kreis aufgenommen zu werden, muss jeder Apotheker 200 000 Euro Eintrittsgeld bezahlen und wird damit Mitgesellschafter.
Wie lukrativ es sein kann, selbst Pharmafirma zu spielen, zeigt sich am Wirkstoff Paclitaxel, einem Zytostatikum, das etwa Frauen bei Brustkrebs erhalten. Die Krankenkasse überweist den Apothekern für eine Paclitaxel-Infusion 930 Euro. Apotheker können die Flasche aber bereits für 240 Euro, also ein Viertel des Preises, bei verschiedenen Generika-Herstellern einkaufen.
Für eine Pharmafirma kostet Paclitaxel sogar nur 40 Euro, berichtet ein Industriemanager, der nicht genannt werden will. Tamimi sagt dagegen, er könne diesen Preis "nicht bestätigen, er liegt deutlich höher".
Aber egal, ob es 40 oder 80 Euro sind, die Krankenkassen sollen diese niedrigen Einkaufspreise nicht kennen. Denn wüsste sie Bescheid, wären sie nicht mehr bereit, dem Apotheker für eine Paclitaxel-Infusion fast 1000 Euro zu erstatten.
Es gibt zwar eine Vorschrift im Sozialgesetzbuch, nach der sich Krankenkassen von Apothekern die Einkaufspreise der Krebsmedikamente zeigen lassen dürfen. Das versuchen Pharmazeuten aber gern zu unterlaufen. Deshalb ist es aus ihrer Sicht wichtig, dass auf den Rechnungen die überhöhten Listenpreise stehen.
Auch Omnicare liefert die Krebsmedikamente zu hohen Preisen an die beteiligten Apotheker. Die enormen Gewinne zwischen günstiger Herstellung und teurem Weiterverkauf fallen zunächst bei Omnicare an. Einmal im Jahr jedoch wird dieser Gewinn an die beteiligten Apotheker ausgeschüttet.
Bereits 2012, im ersten Jahr ihres Bestehens, hat sich Omnicare zu einem der größten Spieler in diesem Markt entwickelt und einen Umsatz von 180 Millionen Euro erreicht. Der Rohertrag liege bei etwa 15 Prozent, sagt Omnicare-Geschäftsführer Tamimi. In einem Monat soll es erstmals eine Ausschüttung an die beteiligten Apotheker geben. 180 Millionen Euro Umsatz - das bedeutet, dass jeder Apotheker Krebsmedikamente für über drei Millionen Euro bei Omnicare bestellt hat. Es ist die Crème de la Crème der Pharmazeuten, die hier ihren Profit ausweitet.
Doch was haben die Ärzte davon, die sich bei GermanOncology verpflichtet haben, ihre Rezepte ausschließlich an Omnicare-Apotheker zu geben?
In den vergangenen Jahren gab es eine Fülle von Ermittlungsverfahren, die gezeigt haben, dass die gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Krebsärzten und Zyto-Apothekern häufig über Schmiergeld hergestellt wurde. Mal bringt der Apotheker dem Arzt schlicht Bargeld vorbei, mal gehört das Haus, in dem sich die Arztpraxis befindet, dem Apotheker, der dafür eine lächerlich geringe Miete verlangt. Mal finanziert der Apotheker dem Arzt eine Sprechstundenhilfe, mal bindet eine Pharmafirma Arzt und Apotheker über fingierte Beraterverträge an sich (SPIEGEL 15/2012).
Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt. Die Branche ist erfinderisch.
Mit all diesen Dingen wolle Omnicare nichts zu tun haben, beteuert Tamimi. Seine Firma habe mit GermanOncology einen Weg der Kooperation gefunden, der "rechtlich mehrfach geprüft" sei. Anrüchige Zahlungen von Omnicare an GermanOncology seien ausgeschlossen, versichert auch BNHO-Chef Schmitz. "Das ist alles auf Herz und Nieren geprüft."
Einen finanziellen Vorteil haben Schmitz und die mit ihm verbundenen Krebsärzte aber dennoch. Alle Teilhaber von GermanOncology profitieren von einem Datensammelprojekt, bei dem sie für jeden Patienten 160 Euro bekommen können, wenn sie dazu einige Angaben über den Patienten in eine Datenbank eintragen.
Die bei GermanOncology organisierten Ärzte haben bisher die Daten von 2800 ihrer Patienten eingegeben, wie Geschäftsführer Rainer Lipp auf Anfrage mitteilt. Teilt man diese Summe durch die Zahl der beteiligten Ärzte, wird klar, dass jeder Onkologe mit dem Sammeln von Daten im Schnitt 13 000 Euro verdienen konnte.
In diesem Jahr sollen mindestens 5200 weitere Datensätze gesammelt werden. Selbst wenn die Zahl der beteiligten Ärzte auf 60 ansteigen würde, könnte sich jeder Onkologe noch mal auf ein Zusatzeinkommen von über 14 000 Euro freuen.
Lipp bestätigt diese Zahlen. Er weiß auch, dass Datensammeln in der Branche bisher oft nur ein anderes Wort für Schmiergeld war. Bei GermanOncology sei es aber anders, versichert er.
Die hier erhobenen Daten seien keine Belohnung für die Verordnung bestimmter Präparate; sie würden tatsächlich gebraucht, um einen Überblick über die Versorgung der Krebspatienten zu bekommen. Wenn man zum Beispiel über die Kosten, die bei einer Tumorbehandlung anfallen, genau Bescheid wisse, könne man eine Pauschale für die Behandlung von Krebspatienten kalkulieren.
Genau das sei ja auch das Ziel von GermanOncology und Omnicare, sagen der Apotheker Tamimi und der Ärztefunktionär Schmitz übereinstimmend: Man wolle den Krankenkassen bald schon Angebote machen, für einen bestimmten Geldbetrag die Versorgung eines Krebspatienten pauschal zu übernehmen.
Für die Krankenkassen klingt die Idee einer solchen Kostenpauschale verlockend. Bei der Barmer GEK etwa sind mehr als acht Millionen Menschen versichert, jährlich erhalten davon 40 000 eine intravenöse Chemotherapie. Die Kosten belaufen sich auf 9100 Euro pro Patient, sagt Detlef Böhler, verantwortlich für Arzneimittel bei der Barmer.
Das Teuerste an der Behandlung eines Krebspatienten sind die Arzneimittelkosten, sagt Ärztefunktionär Schmitz. "Sie verursachen bis zu 70 Prozent der Kosten, das ärztliche Honorar macht nur fünf Prozent aus." Der Rest fließe in Labors und Reha. "Darum ist aus Sicht der Krankenkassen ein Pauschalangebot der Onkologen nur in Verbindung mit Apotheken attraktiv."
Die Ärzte wissen genau, wie viel so ein Chemo-Rezept wert ist. Wenn sie sich mit den Apothekern auf ein Pauschalangebot verständigen, dürfte am Ende auch mehr Honorar für die Ärzte übrig bleiben. Und die Omnicare-Apotheker könnten den Wunsch kaum ablehnen. Schließlich sind sie angewiesen auf die Rezepte.
Die gute alte Zusammenarbeit wäre damit auch in eine veränderte Welt gerettet.
Von Markus Grill

DER SPIEGEL 13/2013
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