25.03.2013

RELIGIONENScheintod am Kreuz

Er zaubert, erweckt Tote und entkommt trickreich dem Marterholz auf Golgatha: Auch im Koran ist Jesus ein Held. Nun liegt eine Untersuchung über den islamischen „Issa“ vor - ein Buch über die gemeinsamen Wurzeln zweier Weltreligionen.
An einen "weit entfernten Ort" hat sich die hochschwangere "Marjam" geflüchtet. "Wehe mir!", ruft sie halb verdurstet im Schatten einer Palme, als die Geburtswehen einsetzen. Plötzlich tut sich ein Bach unter ihr auf, Wasser sprudelt.
Das Wunder im Sandmeer aus Sure 19 schildert die Geburt eines Mannes, der - christlicher Überlieferung zufolge - zwischen Heu und Stroh zur Welt kam, unter Qualen starb und am dritten Tage wieder auferstand.
Nichts davon im Koran: weder Ochs, Esel noch Krippe. Auch Stiefvater Josef, der Zimmermann, wird nicht erwähnt. Dafür kann das Baby Jesus sofort sprechen (und seine Mutter vom Vorwurf der Hurerei entlasten). In Sure 5 lässt der wundertätige Mann einen Tisch mit Speisen vom Himmel schweben. Zudem formt er Vögel aus Ton und erweckt sie zum Leben.
Das Neue Testament kennt diese Geschichten nicht.
Woher stammen sie? Was wusste Mohammed von der Bibel? Wie verliefen die geistigen Pfade von Jerusalem nach Mekka?
Das sind die Fragen, die den Berliner Religionsforscher und Theologen Martin Bauschke seit 20 Jahren beschäftigen. Nun hat er ein erstaunliches Buch zum "koranischen Jesus" vorgelegt(*).
Daran, dass der Prediger aus Nazaret auch im alten Arabien verehrt wurde, besteht kein Zweifel. Mohammed habe sich "fast durchgängig und in immer neuen Anläufen" mit seinem Vorgänger aus Galiläa beschäftigt, schreibt Bauschke.
Und er liefert Beweise: 25-mal taucht Jesus als "Issa" im Koran auf. Er tritt als "Gesandter Gottes" auf, sogar als Messias und "kalima min Allah" (Wort von Allah). Das Evangelium wird zwölfmal erwähnt und als "Licht und Rechtleitung" gelobt. Sure 19 dreht sich vor allem um Maria und ihren Sohn.
Wie ein rotes Band ziehen sich neutestamentliche Spuren durchs Offenbarungs-
buch der Muslime. Auch dort gibt es einen Engel Gabriel und das Jüngste Gericht.
Sogar die Geburt Christi soll Mohammed (um 570 bis 632 nach Christus) gefeiert haben. So jedenfalls lässt sich eine alte Überlieferung deuten, die auf seine Lieblingsfrau Aischa zurückgeht. Sie berichtete, dass der Gatte die Weihnachtsnacht mit langen Gebeten und Koranrezitationen durchwachte.
Und doch klingt in dem heiligen Buch aus dem Morgenland alles anders und wie verwandelt. Es ist, als wäre das Christentum als Treibgut im Sandmeer angekommen, um dort von einem Magier zu einer neuen, erhabenen Gotteslehre umgedeutet zu werden.
Arabiens Prophet habe sich massiv in die tobende Glaubensdebatte der Spätantike eingemischt und dabei ein "inspiriertes, schöpferische Originalität aufweisendes Werk" hinterlassen, meint Bauschke. Der islamische Issa erscheine ihm "vertraut" und gleichzeitig seltsam "fremd".
200 Seiten lang führt der Forscher, der das Berliner Büro der Stiftung Weltethos leitet, den Leser an die verborgenen Wurzeln der beiden Weltreligionen heran. Die Gestalt Jesus sei "ein Schlüssel für den christlich-islamischen Dialog", erklärt er. Leider habe im Westen kaum jemand Ahnung vom Thema.
Aber auch jenen jungen Muslimen, die an den - mittlerweile vier - deutschen Universitäten islamische Religionspädagogik studieren, empfiehlt er sein Buch als Lektüre.
Nur, woher wusste der Verkünder Allahs überhaupt von seinem Vorgänger aus Nazaret, von Maria und der Kreuzigung? Seine Heimat lag 3000 Kilometer vom Zentrum des christlichen Weltreichs Byzanz entfernt.
Kamelhirten und Karawanenhändler hätten damals in Arabien gelebt, heißt es oft - angeblich allesamt rückständige Leute, die in Lehmhütten oder Zelten wohnten und heidnischen Riten und Götzenkulten anhingen.
Doch die Archäologie zeigt ein anderes Bild. Vom heutigen Jemen bis nach Bahrain standen Kirchen in der Wüste. Sanaa besaß im 6. Jahrhundert einen prachtvollen Dom. In der Oasenstadt Nadschran erhoben sich Klöster aus dem Sand.
Auf tausend Wegen drang die Lehre vom einzigen Gott auf dem Erdkreis voran. Die einen nannten ihn Jahwe, andere Herr, Deus, Allah oder - in Persien - Choda.
Die Frommen im Orient waren allerdings zerstritten. Das Frühchristentum glich einem Gärbottich, in dem alles brodelte. Es gab Gnostiker, Nestorianer, Miaphysiten, dazu Wallfahrer, Judasjünger oder verschrobene Einsiedler. Manche saßen in Erdlöchern und aßen nur grünes Kraut. Andere frohlockten den ganzen Tag. Hinzu kamen Sekten, die altarabischen Riten, etwa dem Umkreisen heiliger Steine, frönten.
Über diesem Gewimmel erhob sich die Staatskirche von Byzanz mit ihren prunkvoll gekleideten Patriarchen, die sich mit Bildern von Märtyrern und Heiligen umgaben und das Dogma der Dreifaltigkeit durchsetzen wollten.
Mohammed konnte diese weihrauchschwenkenden Popen offenbar nicht gut leiden. Er selbst trug ein einfaches Gewand, des Schreibens und Lesens war er nicht kundig. In Sure 9 wettert er gegen die "Schriftgelehrten und Mönche", die sich "zu Herren an Gottes alleiniger Statt" setzen würden.
Doch der lange Arm Ostroms reichte weit. Etwa zu der Zeit, als der Prophet zur Welt kam, fädelte der Kaiser von Byzanz gerade eine politische Intrige ein. Er versuchte, einen ihm wohlgesinnten Araber als "König in Mekka" einzusetzen. Auf einem Esel mit goldenem Sattel ließ er den Mann herumreiten. Doch der Plan misslang.
Gleichwohl drang der Kreuzesglaube immer weiter Richtung Süden vor. Der Historiker Asraki erwähnt, dass es sogar in Mekka einen christlichen Friedhof gab. Die Kaaba, die um 605 nach einem Funkenflug abbrannte, sei nach dem Wiederaufbau mit "Bildnissen der Engel und Propheten" geschmückt worden. Darunter hätten sich Darstellungen von Abraham sowie "der Mutter Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß" befunden.
Welche Gotteskulte in dem schwarzen Würfel einst gefeiert wurden, weiß allerdings niemand.
Nach der Eroberung Mekkas im Jahr 630 nach Christus räumte der siegreiche Mohammed den Sakralraum leer. Nur die Madonna mit dem Knaben ließ er unberührt, erzählt Asraki.
Welche religiösen Informationen aber besaß er? Eine arabische Übersetzung der Bibel lag ihm nicht vor. Die entstand erst im 9. Jahrhundert.
Bauschke vermutet deshalb, dass der Araber seine Kenntnisse aus der "Evangelienharmonie" des Tatian bezog. Das Buch war im Orient weitverbreitet. Es fasste die Texte von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu einer Story zusammen und garnierte sie mit Abschnitten aus dem später verfassten "Nazaräerevangelium".
Diese Fibel, so Bauschke, habe der Prophet bei "Schriftlesungen in Gottesdiensten" gehört.
In Medina konnte sich der Religionsstifter dann zunehmend auch mit den Figuren des Alten Testaments vertraut machen. In der Oasenstadt lebten etwa 10 000 Juden, mit denen er in eine lebhafte Debatte trat.
Zudem waren ihm offenbar einige "Apokryphen" geläufig - jene Heilstexte, die die Staatskirche in Byzanz nicht in den Kanon aufnehmen wollte und verbot. Die Geschichte mit den tönernen Vögeln zum Beispiel steht in einem "Kindheitsevangelium", das um 200 nach Christus ein gewisser "Thomas der Israelit" geschrieben hat.
Das offiziell verfemte "Protevangelium des Jakobus" findet im Koran ebenfalls ein starkes Echo. Das Werk ist ein einziger Lobgesang auf das Leben Marias - von einer Mädchenzeit als Tempeldienerin über die keusche Empfängnis bis hin zur entbehrungsreichen Flucht nach Ägypten.
Im Orient war das Preislied ungeheuer beliebt - nicht zuletzt deshalb, weil es jenen Leuten den Mund stopfte, die die Madonna ein Flittchen nannten und Zweifel an der Jungfrauengeburt schürten. Die Christen im Orient schwelgten geradezu in Marienfrömmigkeit. Manche sahen in der Frau sogar eine Göttin.
Dieser Glanz färbte in den Koran ab. "Marjam" gilt dort als Ausbund an Tu-
gend. "Gott hat dich erwählt und rein gemacht - er erwählte dich vor allen Frauen der Welt", huldigen ihr die Engel in Sure 3.
Von einer Vergöttlichung der Madonna wollte Mohammed jedoch nichts wissen. Selbst den offiziellen Titel "Gottesgebärerin" lehnte er schroff ab.
Damit aber war automatisch auch der Spross Marias betroffen und gleichsam herabgestuft. Auf dem Konzil von Nicäa 325 nach Christus hatte der Klerus Jesus per Federstrich zum "Sohn Gottes" erklärt, der Vater im Himmel selbst habe ihn "gezeugt".
Dagegen lief der Mann aus Mekka Sturm. In seinen Offenbarungen wird die Dreifaltigkeit als neue Form des Götzentums verdammt. Wie ein Leitmotiv durchzieht den Koran das Motto: "Es gibt nur einen Gott." Diesen Ewigen und allmächtigen Erbarmer mit Jesus auf eine Stufe zu stellen sei Frevel.
In Sure 19 kommt der ganze Groll gegen die Anhänger der Trinitätslehre zum Ausdruck: "Sie sprechen: ,Der Erbarmer hat einen Sohn angenommen!' Da habt ihr etwas Furchtbares getan! Es zerbersten deshalb fast die Himmel."
Für den Koran war Issa nur einer aus der großen Schar der Propheten, zu der auch Abraham und Mose gehörten. Er gilt als Mensch, als Künder der Wahrheit und treuer "Knecht" Allahs. Ein Götze aber ist er nicht.
Im Kern, so Bauschke, werde Jesus damit "zurück auf die Erde, zurück auf seinen Heimatboden" geholt.
Zwar besitzt der christliche Heiland auch im Islam eine Sonderstellung. Schon in der Wiege habe er als einziger männlicher Säugling der Welt nie geweint, berichtet die arabische Tradition. Babyschreien werde vom Teufel bewirkt - und der habe das Kind nie berührt. Im Koran heilt Jesus Blinde und erweckt sogar Tote, jedoch nur mit Gottes ausdrücklicher "Erlaubnis".
Den so umgedeuteten "rechtschaffenen" und "gesegneten" Vorgänger schätzte Mohammed hoch. "Ich bin unter allen Menschen derjenige, der dem Sohn Marias am nächsten steht", soll er einmal gesagt haben.
Und trotzdem: Das Wunder der Auferstehung von den Toten, die große Transfiguration, lehnte er ab. Während die Bibel den Gemarterten mit Dornenkrone und durchbohrten Füßen sterben lässt, heißt es in Sure 4: Den Juden "kam es nur so vor", als hätten sie den Herrn getötet. Anders gesagt: Das Sterben am Kreuz war nur ein Scheintod, eine Art optische Täuschung. Ostern fällt für die Muslime damit aus.
Was genau in Golgatha ablief, wird allerdings nicht verraten. Sure 3 erwähnt nur knapp, dass Gott kurz vorm Ärgsten seinen Gesandten "hinwegnehmen" und zu sich "erhöhen" werde. Bauschke nennt den Vers dunkel.
Entsprechend eifrig mühten sich muslimische Kommentatoren, den Sinn der Worte zu fassen. Einige vermuteten, ein Doppelgänger und Ersatzmann sei gekreuzigt worden. Ibn Abbas (619 bis 688), ein Urvater der Koranauslegung, meinte, Jesus sei mit einem gewissen "Natjanus" verwechselt worden. Andere tippten auf Judas.
Oder besaß der Messias nur einen Scheinleib, der sich in Luft auflöste? Eine weitere Fraktion sah es so: Der Mann war nur ohnmächtig, als man ihn vom Marterholz nahm und ins Grab schleppte. Helfer pflegten ihn gesund und verhalfen ihm zur Flucht nach Kaschmir.
Viele Varianten zu einem Mysterium, das auch zahlreichen Christen Kopfzerbrechen bereitet. Jesu körperliche Auferstehung von den Toten sei "Kern des christlichen Glaubens und gewiss sein radikalster Gedanke", meint die US-Koptologin Elaine Pagels.
Einig sind sich die beiden Bruderreligionen nur darin, dass Jesus in voller Leiblichkeit in den Himmel aufstieg. Sowohl im Koran als auch im Neuen Testament kommt er dort unversehrt an. In der Bibel sitzt Christus am Ende "zur Rechten Gottes" auf dem Thron.
Im Himmel Allahs dagegen bleibt der Rangunterschied gewahrt. Hier darf Jesus nur neben ihm stehen.
(*) Martin Bauschke: "Der Sohn Marias. Jesus im Koran". Verlag Lambert Schneider, Darmstadt; 200 Seiten; 29,90 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 13/2013
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