25.03.2013

Die bessere Wahrheit

LITERATURKRITIK: In ihrem Roman „Verdis letzte Versuchung“ erzählt Lea Singer eine Dreiecksgeschichte aus einem Musikerhaushalt.
Diese Autorin aus München ist ein Phänomen: Eva Gesine Baur, Pseudonym Lea Singer - Musikwissenschaftlerin, Germanistin und promovierte Kunsthistorikerin. Sie ist Verfasserin von Erzählungen und Romanen, von fundierten Biografien und kunsthistorischen Texten. Ja, sogar von Kochbüchern, was sie in den Augen von Schubladendenkern wahrscheinlich höchst unseriös erscheinen lässt. Überdies hat sie als Köchin gearbeitet und Gesang studiert.
In ihrer Produktivität ist sie eigentlich nur mit der amerikanischen Schriftstellerin Joyce Carol Oates vergleichbar. Auch in ihrer Vielseitigkeit, ihrem Sachverstand, ihrer Fähigkeit, eingängig und packend zu schreiben. Allein seit 2000 hat sie nicht weniger als sieben Romane und fünf Biografien publiziert.
Wie sie das alles ohne Niveauverlust hinbekommt, ist ihr Geheimnis. Im vergangenen Jahr erschien eine von Kennern gelobte umfangreiche Biografie über Mozarts Librettisten Emanuel Schikaneder, zuvor hatte Eva Gesine Baur schon Mozart, Chopin, Sigmund Freud und Schillers Ehefrau Charlotte porträtiert.
Auch die Romane, die die Autorin unter dem Namen Lea Singer schreibt, sind überwiegend biografischer Natur. Pianisten, Regisseure, Schriftsteller sind die Helden oder die Ehefrauen von Komponisten: Constanze Mozart und Mathilde Schönberg.
Und nun Verdi, seine Frau und deren Rivalin: Giuseppina Strepponi und Teresa Stolz. Beide waren sie berühmte Sängerinnen. Teresa Stolz war rund 20 Jahre jünger als der neben Richard Wagner wichtigste Opernkomponist des 19. Jahrhunderts. Sie brillierte international in der Rolle der Aida - für Verdi war sie die Idealbesetzung, bald seine Vertraute, die
ihn anspornte und beglückte. Ob sie auch seine Geliebte wurde, wie seinerzeit in der italienischen Presse kolportiert, ist ungewiss.
Auf jeden Fall: ein Eifersuchtsdrama, eine Dreiecksgeschichte. In Lea Singers Roman "Verdis letzte Versuchung" erhalten sie abwechselnd das Wort: Giuseppina, Teresa und Giuseppe. Und die Autorin schenkt allen drei eigene, kräftige Stimmen.
Als der Roman 1868 einsetzt, sind die Verdis, Giuseppina und Giuseppe, beide Mitte fünfzig und seit gut 20 Jahren ein Paar, seit fast zehn Jahren verheiratet. Sie hat ihre Gesangskarriere hinter sich, er die Erfolgsopern "Nabucco", "Rigoletto", "La Traviata" und "Die Macht des Schicksals" komponiert.
Drei Jahre später besucht die Sängerin Stolz Verdi erstmals auf seinem Landsitz Sant'Agata, um mit ihm gemeinsam die Titelrolle in der neuen Oper "Aida" durchzuarbeiten. Die Ehefrau notiert im Kalender: "Signora Stolz kam heute an. Sie strahlt. Aber vor mir ist nichts als Dunkelheit, Dunkelheit, Dunkelheit."
Ein verbürgtes Zitat, das die Romanautorin nutzt, um Giuseppina gleich danach über Verdis miserables Klavierspiel spotten zu lassen: "Ah, dieser Anschlag! Er muss damit doch keinen erschlagen."
Fünf Jahre später, als Teresa nun schon wie selbstverständlich Gast bei den Verdis ist, wird Giuseppina zu ihrem Mann sagen: "Entweder diese Frau verlässt das Haus, oder ich verlasse es." Verdis Antwort: "Wenn diese Frau geht, dann blase ich mir das Hirn aus meinem Schädel."
Die Ehefrau Verdis gibt sich der jüngeren Rivalin gegenüber keine Blöße und behandelt sie wie eine gute Freundin, rät ihr sogar - vielleicht zu durchsichtig - zu baldiger Heirat. Vergebens. "Ich will keinen anderen Mann", monologisiert Teresa. "Was immer er mir an Ruhe und Reichtümern schenken könnte, er nimmt mir die Nähe zu Verdi."
Der indes fürchtet vor allem die Eifersucht und Niedergeschlagenheit von Giuseppina, die er Peppina nennt. Doch von Teresa lassen will er auch nicht: "Ja, es belebt mich, dass es diese Frau gibt, die mich versteht. Ohne dass sie dauernd schmerzlich dreinschaut und seufzt: Ach ja, ich verstehe!" Und noch ein Unterschied: "Peppina hält mich für einen Gott. Teresina hält mich für einen Mann. Recht hat sie."
Aber er wird seine Frau nicht verlassen. Gerührt liest er, was sie schriftlich festhält, obgleich beide in derselben Suite wohnen: "Wenn ich ein Leben zu dritt führe und keinen Anspruch auf Deine Zärtlichkeit habe, dann wenigstens auf Deine Achtung."
Der Schriftsteller Franz Werfel, dessen Romanbiografie "Verdi" 1924 erschien, hat ein Problem darin gesehen, dass eine historische Erzählung auf zwei Ebenen spielt, "in einer erfabelten Welt und in der Welt erforschbarer Wirklichkeit". Dann aber hat er ein Zitat Verdis folgen lassen: "Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser."
Eva Gesine Baur alias Lea Singer hat die Freiheit des Fabulierens behutsam zu nutzen gewusst. Nebenbei ist ihr musikbeseelter Roman ein erfreulicher Vorbote zur Jubiläumsfeier von Giuseppe Verdis 200. Geburtstag im Oktober dieses Jahres.
Lea Singer: "Verdis letzte Versuchung". Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München; 272 Seiten; 19,99 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 13/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die bessere Wahrheit

  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt